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Die Kandidaten für den DIW-Chefposten

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Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin sucht einen neuen Chef. Viele Bewerber gibt es nicht. Von Philip Plickert

Von Philip Plickert

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin sucht einen neuen Chef. Die Suche läuft jedoch unter erschwerten Bedingungen und sehr diskret, denn der Kuratoriumsvorsitzende Bert Rürup möchte eine öffentliche Personaldebatte vermeiden. Bislang haben sich vier Bewerber offiziell bei der Berufungskommission gemeldet. Nach Informationen dieser Zeitung sind dies der Makroökonom Ansgar Belke von der Universität Duisburg-Essen, Daniel Gros vom Brüsseler Think Tank CEPS, der Volkswirt Marcel Fratzscher von der Europäischen Zentralbank und der Wirtschaftsprofessor Hans Peter Grüner von der Uni Mannheim.

“Es sind nicht gerade viele Bewerber”, sagt ein hochrangiger DIW-Wissenschaftler dieser Zeitung. Im April steht dem DIW eine wichtige Hürde bevor: die Evaluierung durch die Leibniz-Gemeinschaft. “Davor kauft man die Katze im Sack. Man weiß nicht, wie viel Aufräumarbeiten auf einen künftigen Chef zukommen”, sagt einer aus dem Kuratorium. “Eigentlich ist man schön blöd, sich schon jetzt zu bewerben”, tönt es gar.

Bert Rürup - Foto: Florian ManzHinter vorgehaltener Hand diskutieren DIW-Insider, dass Rürup (Foto: Florian Manz) keinen der vier Bewerber ernstlich wolle. Seine wahren Favoriten seien andere: die jüngst in den Sachverständigenrat berufene Tübinger Ökonomin Claudia Buch oder der Berliner Professor Michael Burda. “Frau Buch würde uns gut stehen, sie ist exzellent als Politikberaterin, aber leider auch extrem scheu”, hieß es aus dem Kuratorium.

Das DIW wurde 2010/2011 von Skandalen um das Finanzgebaren seines damaligen Präsidenten Klaus Zimmermann erschüttert. Der Berliner Landesrechnungshof warf ihm die Verschwendung von Steuergeld vor. Es gibt Rückforderungen, die sich auf eine Million Euro summieren könnten. Nach dem unrühmlichen Abgang von Zimmermann im Januar 2011 hat sein Nachfolger, der Sozialwissenschaftler Gerd Wagner, das Institut in der Mohrenstraße beruhigt. Zugleich hat er einen deutlich linkeren Kurs eingeschlagen und forciert Verteilungsdebatten. Wagners Vertrag läuft Ende dieses Jahres aus. Entsprechend drängt nun die Zeit.

In der Berufungskommission wurden nach Informationen dieser Zeitung die Managerqualitäten von Daniel Gros gelobt, der das einflussreiche Centre for Economic Policy Studies in Brüssel leitet und in EU-Kreisen bestens vernetzt ist. “Das ist sicherlich ein starker Bewerber”, hieß es. Wenig Chancen werden Belke eingeräumt, der als zu Zimmermann-nah gilt. Der EZB-Makroönom Fratzscher wurde für seine Publikationen gelobt, doch sei sein Forschungsfeld “etwas eng” auf monetäre Fragen beschränkt. Hans Peter Grüner komme mangels Führungserfahrung nicht in Frage für das DIW, das mit etwas mehr als 200 Mitarbeitern das größte deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut ist. Allerdings ist es, was Forschungsleistung und Einfluss angeht, hinter das Münchner Ifo-Institut und das Mannheimer ZEW zurückgefallen.

Der frühere Wirtschaftsweise und Rentenexperte Rürup ist Meister im Strippenziehen. Doch die Auswahl eines künftigen DIW-Präsidenten dürfte selbst für ihn eine schwierige Aufgabe werden. Er muss verschiedene Fraktionen überzeugen: die Wissenschaftler und die Leibniz-Gemeinschaft, die einen forschungsstarken Ökonomen erwarten, die Geldgeber vom Wirtschaftsministerium und dem Berliner Senat, die 14 Millionen Euro zum 21-Millionen-Budget beitragen und einen soliden Politikberater wünschen, sowie die Mitarbeiter, die hoffen, dass der zerstrittene Laden befriedet wird.

Zudem spielen auch politische Interessen hinein. Im Kuratorium dringt etwa die frühere Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) auf einen eher linken Kandidaten. Der künftige DIW-Chef, so vermuten einige im Institut, soll wie Wagner aufgeschlossen für keynesianische Ansätze sein. Dann aber wird das Feld möglicher Kandidaten, die wissenschaftlich renommiert sind, sehr eng. Rürups Bemühungen, das DIW wissenschaftlich zu profilieren, erleidet zudem einen Rückschlag: Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Georg Weizsäcker hat intern angekündigt, das Institut zu verlassen und sich an die Humboldt-Universität zurückzuziehen.

 

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1 Lesermeinung

  1. "Zudem spielen auch politische...
    “Zudem spielen auch politische Interessen hinein”.
    Wieso “zudem”?
    “Im Kuratorium dringt etwa die frühere Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) auf einen eher linken Kandidaten.”
    Ja klar, ein und derselbe Gegenstand ist rein wissenschaftlich betrachtet von “links” etwas völlig anderes als von “rechts”. Deswegen muss im Kuratorium auch Partei sein, damit der linke Kandidat später als Chef auch richtig linke Ergebnisse bringt.
    Wissenschaft und Politik ist als wissenschaftliche Politikberatung reSpektive DIW nichts anders als Sichselbstgleichheit.

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