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Quantitative Easing in der Geldpolitik taugt nichts

16.05.2012, 06:29 Uhr  ·  Die speziellen geldpolitische Lockerungen in den Vereinigten Staaten von Amerika haben kurzfristig die Aktienkurse unterstützt und den Dollar geschwächt. Die mittelfristigen Kosten sind aber erheblich. Der Saldo könnte gerade negativ werden. Von Gerald Braunberger

Von

Die speziellen geldpolitische Lockerungen in den Vereinigten Staaten von Amerika haben kurzfristig die Aktienkurse unterstützt und den Dollar geschwächt. Die mittelfristigen Kosten sind aber erheblich. Der Saldo könnte gerade negativ werden.

Von Gerald Braunberger

In Die Federal Reserve in Washington - Foto: Reuters der im Jahre 2007 ausgebrochenen Krise haben viele Notenbanken zu außergewöhnlichen Maßnahmen gegriffen, darunter zu sogenannten “quantitativen Lockerungen” (quantitative easing, kurz QE). Darunter werden sehr unterschiedliche Maßnahmen verstanden, deren gemeinsamer Nenner lautet: Sie verändern gewöhnlich die Bilanzsumme der Notenbanken und sie werden bei Leitzinsen von nahe null Prozent unternommen. Zum Beispiel hat die Fed (Foto: Reuters) mehrere Aufkaufprogramme für festverzinsliche Wertpapiere beschlossen. Die Idee besteht darin, die Renditen von Festverzinslichen zu senken und/oder die Renditestrukturkurve zu verändern, um den Kauf von Aktien und anderen risikobehafteten Assets zu fördern. Über einen positiven Vermögenseffekt könnte dann die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit die reale Wirtschaft angeregt werden.

Der in London ansässige Hedgefondsmanager Stephen L. Jen (SLJ Macro Partners) hat die Vor- und Nachteile speziell des amerikanischen QE in einer kurzen Studie zusammen gefasst:

1. Kurzfristiger Vorteil: Die Aktienkurse nicht nur in den Vereinigten Staaten sind nach den Ankündigungen von QE-Maßnahmen jedes Mal gestiegen. Das zeigt, dass der geldpolitische Stimulus in der Tat die Nachfrage nach risikobehafteteren Assets – zumindest vorübergehend – angeregt hat.

2. Kurzfristiger Vorteil: Eine lockere Geldpolitik der Fed schwächt den Dollar am Devisenmarkt. Das wird von nicht wenigen Beobachtern als vorteilhaft für die Vereinigten Staaten angesehen, auch wenn Jen die Ansicht vertritt, dass die jüngste Geldpolitik der Fed den Zusammenhang zwischen einer Reihe wichtiger Assets und dem Wirtschaftswachstum verzerrt hat.

1. Mittelfristiger Nachteil: QE kann zu höherer Inflation führen, wenn der richtige Zeitpunkt verpasst wird, die Geldpolitik wieder zu straffen. Angesichts sehr unterschiedlicher ökonomischer Analysen von Falken und Tauben in der Fed-Führung hält Jen es für möglich, dass die Fed in den kommenden Jahren schwere geldpolitische Fehler begeht.

2. Mittelfristiger Nachteil: QE in den Vereinigten Staaten exportiert unwillkommene Liquidität in die Schwellenländer, wo die Kreditzyklen mittlerweile so reif geworden sind, dass Schwellenländer – wie in Brasilien geschehen – dazu tendieren könnten, den Kapitalverkehr zu beschränken. (Das Schwellenländer-Thema wird seit Jahren auch von einer Reihe akademischer Ökonomen herausgestellt.)

3. Mittelfristiger Nachteil: QE kann Moral-Hazard-Probleme generieren, wenn Regierungen im Vertrauen auf lockere Geldpolitik und Staatsanleihenkäufe von Notenbanken notwendige Strukturpolitik oder Haushaltskonsolidierung unterlassen. Dieser Befund gilt nach Ansicht Jens auch für die Vereinigten Staaten (in der Eurozone ist das schon länger ein Thema).

4. Mittelfristiger Nachteil: QE kann zu erhöhter Volatilität an den Finanzmärkten führen. Die als Folge von QE gestiegenen Aktienkurse finden keine fundamentale Rechtfertigung in Zeiten schwachen Wirtschaftswachstums. Das führt zur Gefahr deutlicher Kurseinbrüche wie z.B. in Japan in den Jahren 2007/08 zu beobachten war.

 

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Veröffentlicht unter: Geldpolitik, Fed, Quantitative Easing, stephen jen

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (8)
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0 FAZ-gb 20.05.2012, 18:38 Uhr

Hier ein Link zu einer...

Hier ein Link zu einer aktuellen Studie über die Folgen von QE für die Vermögenspreise in den Vereinigten Staaten: http://www.newyorkfed.org/research/staff_reports/sr560.pdf Gruß gb.

0 FAZ-gb 17.05.2012, 14:56 Uhr

@ sirop Von solchen...

@ sirop Von solchen Zuflüssen war auch Südkorea betroffen: http://www.ft.com/intl/cms/s/0/8bfc81e2-1f30-11e0-8c1c-00144feab49a.html#axzz1v8fI1AaF http://www.bis.org/review/r111206c.pdf Gruß gb.

0 FAZ-gb 17.05.2012, 09:50 Uhr

Hier ist ein Link zu einer...

Hier ist ein Link zu einer Konferenz der Federal Reserve Bank of St. Louis über die Effekte von QE aus dem Sommer 2011: http://www.stlouisfed.org/newsroom/displayNews.cfm?article=1071 Und hier ist eine halbwegs akuelle Stellungnahme eines Finanzmanagers, derähnlich argumentiert wie Stephen Jen: http://www.cnbc.com/id/46893252/Farr_The_Real_Effects_of_Quantitative_Easing Gruß gb.

0 sirop 17.05.2012, 08:21 Uhr

dass Schwellenländer -...

dass Schwellenländer - wie in Brasilien geschehen - dazu tendieren könnten, den Kapitalverkehr zu beschränken. Brasilien muss also ausländisches Kapital besteuern, damit die brasilianische Währung nicht zu stark aufwertet. Deren Probleme hätten wir gern!

0 ErnstLudwig 17.05.2012, 06:48 Uhr

" ... die Nachfrage nach...

" ... die Nachfrage nach risikobehafteteren Assets - zumindest vorübergehend - angeregt hat." An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, ab welcher Risikoerhöhung der Erwerb derartiger Assets von einem Vorteil in einen Nachteil umschlägt. Immerhin waren es risikobehaftete Papiere, die von 1999 bis 2007 mit der Immobilienblase und der außerordentlich kreativen Finanzblase zu der Katastrophe geführt haben.

0 FAZ-gb 16.05.2012, 20:15 Uhr

Hier ist eine recht aktuelle...

Hier ist eine recht aktuelle Studie der Bank of England zu den Wirkungen von QE in Großbritannien: http://www.bankofengland.co.uk/publications/Documents/workingpapers/wp443.pdf Das Fazit ist halb positiv, halb ernüchternd: "Our preferred average estimates from the three models suggest that QE may have had a peak effect on the level of real GDP of around 1½% and a peak effect on annual CPI inflation of about 1¼ percentage points. These estimates are shown to vary considerably across the different model specifications, and with the precise assumptions made to generate the counterfactual simulations, and are therefore subject to considerable uncertainty." Gruß gb.

0 FAZ-gb 16.05.2012, 20:06 Uhr

@ tricky Nein,...

@ tricky Nein, Konjunkturbelebung spielt bei Stephen keine besondere Rolle. Ich kann ihn aber mal danach fragen. Es gibt andererseits Ökonomen, die QE1 noch eine konjunkturbelebende Rolle zugebilligt haben, aber nicht mehr QE2. Es ist auch, glaube ich, kein Zufall, dass es bislang kein QE3 gegeben hat (wenn man von der Operation Twist absieht). Gruß gb.

0 tricky1 16.05.2012, 12:33 Uhr

Man sollte nicht unerwähnt...

Man sollte nicht unerwähnt lassen, dass die viel früher beginnende Tiefzinspolitik in Japan Auswirkungen auf den Rest der Welt hatte. Der oben als 3. Nachteil genannte Effekt muss auf private Verschuldung wie in Spanien ausgedehnt werden und welche Regierung ist schon immun gegen tiefzinsige Fremdfinanzierung? Interessanterweise finde ich die Ankurbelung der schwächelnden Konjunktur nicht als Vorteil des QE genannt? Es kann wohl kaum sein dass man schon eingesehen hat dass dies nicht wirklich funktioniert??

Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.