Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (7)
 

Zur Begründung der Staatsverschuldung durch Carl Christian von Weizsäcker: Eine Replik von Malte Faber

07.09.2012, 08:00 Uhr  ·  Carl Christian von Weizsäcker hat in einem Interview in diesem Blog eine kapitaltheoretische Begründung der Staatsverschuldung vorgestellt, die auf außergewöhnlich viel Resonanz gestoßen ist. Malte Faber, wie von Weizsäcker ein jahrzehntelanger Experte der Kapitaltheorie, setzt sich mit dem Beitrag seines Kollegen kritisch auseinander.

Von

Carl Christian von Weizsäcker hat in einem Interview in diesem Blog eine kapitaltheoretische Begründung der Staatsverschuldung vorgestellt, die auf außergewöhnlich viel Resonanz gestoßen ist. Malte Faber, wie von Weizsäcker ein jahrzehntelanger Experte der Kapitaltheorie, setzt sich mit dem Beitrag seines Kollegen kritisch auseinander. Wir wissen, dass die Beschäftigung mit der Kapitaltheorie Fachkenntnisse voraussetzt. Wir veröffentlichen Malte Fabers Beitrag dennoch sehr gerne, weil wir das Thema für bedeutsam halten und eine lebhaftere Auseinandersetzung mit der Kapitaltheorie begrüßen würden. (Gerald Braunberger)

Update: Volker Caspari, Professor an der TU Darmstadt, hat sich in den Kommentaren an der Debatte beteiligt.

  

 Von Malte Faber 

 

Mein Kommentar besteht aus zwei Teilen. Im ersten erläutere ich, warum es bei kapitalt Malte Faber Quelle: Privatheoretischen Debatten so leicht zu kontroversen Auseinandersetzungen kommt, im zweiten gehe ich auf zwei spezifische Bemerkungen von Carl Christian von Weizsäcker (CCvW) ein.

 

 1. Kapitaltheoretische Kontroversen

CCvWs These, dass in der Wissenschaft, Politik und den Medien Staatsschulden zu negativ gesehen werden, ist eine so ungewöhnliche Aussage, dass sie zu Widerspruch reizt und damit letztlich eine kapitaltheoretische Kontroverse ausgelöst hat. Das ist nicht überraschend; denn CCvW verwendet, wie weiter unten detallierter ausgeführt, einen spezifischen kapitaltheoretischen Ansatz, nämlich seine Steady-State Capital Theory. Seit Adam Smith (1776) ist die Kapitaltheorie – heute würde man von intertemporalen Entscheidungen und Allokation sprechen – eine der heftigsten umstrittenen Gebiete der Wirtschaftswissenschaften.[4] Zum Beispiel gab es im 19. Jahrhundert ausgedehnte Debatten über Marxens und von Böhm-Bawerks Kapitaltheorien. Anfang des 20. Jahrhunderts fand die berühmte Diskussion zwischen Schumpeter und Böhm Bawerk statt. In den dreißiger und sechziger Jahren wurden zwei große Kontroversen ausgetragen, die von Kaldor (1937) in Econometrica und von Harcourt (1969) im Journal of Economic Literature übersichtsartig dargestellt wurden. Anfang der siebziger Jahre gab es intensive Diskussionen über die neo-österreichische Kapitaltheorie, die von Burmeister (1974) ebenfalls im Journal of Economic Literature behandelt wurde. Bliss (1975: vii) bemerkt daher in seinem umfassenden Buch Capital Theory and the Distribution of Income (North-Holland, Amsterdam):

„When economists reach agreement on the theory of capital they will shortly reach agreement on everything else. Happily, for those who enjoy a diversity of views and beliefs there is very little danger of this outcome. Indeed there is at present not even agreement to what the subject is about.”

Nach meiner Einschätzung hat sich an dieser Beurteilung bis heute nichts geändert. Ich glaube dass das Problem auf zwei Gründe zurückzuführen ist. Der erste ist, dass Ökonomen studieren, wie Menschen in dieser Welt leben, insbesondere wie sie produzieren und wie sie konsumieren, d.h. wie sie ihr Leben im Laufe der Zeit gestalten. Der zweite ist, dass ökonomische Aktivitäten in der Zeit stattfinden, folglich müssen Ökonomen sich auseinandersetzen mit der komplexen Frage, wie ökonomische Tätigkeiten zu einem Zeitpunkt ihre Handlungen an späteren Zeitpunkten beschränken und beeinflussen.

In der Vergangenheit sind daher ganz unterschiedliche Perspektiven verwendet und unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt worden. So hat Solow (1963: x-xi) in seinem Buch Capital Theory and the Rate of Return (North-Holland, Amsterdam) die Bedeutung unterschiedlicher ideologischer Gesichtspunkte der verschiedenen WissenschaftlerInnen aufgrund des engen Zusammenhanges zwischen Kapital und der Einkommensverteilung hervorgehoben. Kann z.B. gezeigt werden, dass der Grenzertrag einer Einheit Kapital gleich der Zinsrate ist und dass diese größer als Null ist, dann scheint es nahezulegen zu behaupten, dass der Kapitalist einen Anspruch auf ein Zinseinkommen hat. Diese Schlussfolgerung ist jedoch genau so wenig zwingend wie die umgekehrte: Kapitalisten haben keinen Anspruch auf Einkommen aus ihrem Vermögen und folglich sei die Zinsrate Null.

Zusammenfassend kann festgehalten werden: Kapitaltheorie ist sowohl ein (vielleicht sogar der) zentrale Bereich der Wirtschaftswissenschaft und aufgrund der Schwierigkeit, Zeit konzeptionell zu erfassen, und aufgrund des Bezuges zur Einkommens- sowie Vermögensverteilung der umstrittenste und das am wenigsten konsensfähige Feld.

So ist die von CCvW verwendete Steady-State Analyse auch von führenden Neoklassikern kritisiert worden. So schreibt Bliss (1976: 187) in Zarambka, Essays in Modern Capital Theory (Amsterdam, North-Holland):

„Without wishing to suggest that this type of `metastatic´ capital theory is useless and provides no insights, it must be said that it is severely limited in its application. It can treat time only where time is much like space in its effect.”

Andere Kapitaltheorien, wie z. B. die Neo-Österreichische sind aus anderen Gründen (s. z.B. Orosel 1981a, 1981b, Zeitschrift für Nationalökonomie) kritisiert worden.

 

 2. Zwei spezifische Bemerkungen

 (i) Eine Behauptung von CCvW ist:

„Ihre (Bernholzens, M.F.) und Stephans Theorie muss explizit oder implizit voraussetzen, dass es keine Grenze für das Gesetz der Mehrergiebigkeit längerer Produktionsumwege gibt. Das ist eine empirische Annahme, die ich bestreite.” (Email von CCvW an Peter Bernholz 30.07.2012). 

Diese Aussage spezifiziert er in einem anderen Email wie folgt:

Ich sehe heute die grundsätzlichen PHYSIKALISCHEN (sic) Grenzen der sinnvollen Kapitalbindung im Produktionsprozess: die berühmte „Mehrergiebigkeit längerer Produktionsumwege” hat ihre Grenze, die auf dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik beruht.” ( Email von CCvW an Beiratsmitglieder des Wissenschaftlichen Beirates des Wirtschaftsministeriums 30.07.2012).

Diese Aussagen wären zutreffend, wenn die Erde ein in energetischer Hinsicht quasi geschlossenes physikalisches System[1] wäre, was in gewisser Weise zuträfe, wenn wir nur auf nichterneuerbare Ressourcen bei der Energiegewinnung beschränkt wären. Der Übergang zu erneuerbaren Energien erlaubt jedoch Zugriff auf Energien außerhalb des Systems Erde. Die erneuerbaren Energien öffnen somit das System Erde: die Erde ist daher kein in energetischer Hinsicht geschlossenes, sondern ein offenes System.[2] Folglich gibt es aus Gründen des zweiten Hauptsatzes keine Grenze für die Mehrergiebigkeit längerer Produktionswege. In diesem Sinne haben wir 1998 am Ende unserer Ausführungen im Kapitel 5 über „Time in the Natural Sciences: Some Lessons for Economics” [3] zusammenfassend festgestellt:

„…we note that the physical world acts as constraint upon economic activity, while technical progress is the mechanism by which such physical constrains are eased or transformed…In particular the intertemporal physical constraints imposed by considerations of resource depletion and environmental degradation are manifestations of the first Arrow of Time [Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik, M.F.]… while technical progress reflects the generation of novelty [second Arrow of time i.e. self-organization of far-from (thermodynamic-)equilibrium systems, M.F.]“

 

(ii) CCvW verwendet in seinen Beiträgen über Zusammenhang zwischen Staatsschulden, Leistungsbilanzüberschüssen bzw. – Defiziten und optimalen Staatshaushalt einen spezifischen kapitaltheoretischen Ansatz, den er 1971 in seinem Buch Steady State Capital Theory (Springer-Verlag, Heidelberg) entwickelt hat.

CCvW ist sich der Problematik des von ihm verwendeten Steady-State Ansatzes bewusst, d.h. alle Güter bleiben gleich, alle Sektoren, die Bevölkerung und die Produktionsfaktoren verändern sich mit derselben Rate. Er rechtfertigt seine Vorgehensweise mit folgendem Hinweis:

„Insofern ist ein Steady State Modell keine schlechte Annäherung. Hier eine Analogie: Der Fluss des Wassers im Rhein ist voller Turbulenzen. Die Wassermenge, die an einem Punkt pro Sekunde vorbeifließt, schwankt mit den Niederschlägen und mit der Schneeschmelze in den Alpen. Dennoch kann man für viele analytische Zwecke den Begriff der im Jahresdurchschnitt pro Sekunde fließenden Wassermenge gut gebrauchen, weil dies über die Jahre gerechnet ein ziemlich konstanter Wert ist.” (Kommentar von CCvW an Gerald Braunberger im Email vom 25.7.2012.) Hier entspricht die Wassermenge der Gütermenge; es handelt sich jedoch immer um dieselben Güter, da ein Steady-State Modell verwendet wird.

In seinem Vortrag (Deutscher Bundestag Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität, Kommissionsdrucksache 17(26)77, 21. März 2012: 1-2) über „Wirtschaftliches Wachstum und Nachhaltigkeit: eine Begriffsklärung” schränkt CCvW aber die Anwendbarkeit seines Steady Modelles ein:

„Heute wird oft die Frage gestellt und unterschiedlich beantwortet: kann  wirtschaftliches Wachstum weitergehen, wenn wir nachhaltig wirtschaften wollen? Hierzu möchte ich in der kurzen Zeit, die ich hier für meinen Vortrag habe, vor allem Begriffe klären. Das hat dann allerdings auch erhebliche inhaltliche Implikationen.

Nachhaltigkeit ist ein Begriff, der sich auf die langfristigen Auswirkungen unseres Tuns, etwa unseres Wirtschaftens bezieht. Wir fragen danach: was wird in 100 Jahren sein und wie hängt die Antwort auf diese Jahrhundertfrage davon ab, was wir heute tun?

Wirtschaftliches Wachstum kann man sinnvoll nur messen, wenn man sich auf kurze und bestenfalls mittlere Zeiträume bezieht. Es ist sehr sinnvoll, zu fragen, wie stark das 2012 gewachsen ist. Auch das jährliche Wachstum über einen Zeitraum von fünf Jahren ist mit vernünftigen Maßstäben messbar.

Aber es ist letztlich sinnlos, das wirtschaftliche Wachstum über einen Zeitraum von 100 messen   zu wollen. Das ist den meisten Teilnehmern an der aktuellen Diskussion überhaupt nicht bewusst.  

Ich zeige Ihnen, weshalb  die Frage nach der Höhe der jährlichen wirtschaftlichen  Wachstumsrate des 21. Jahrhunderts völlig sinnlos ist. Ich vergleiche das Jahr 2012 – also unsere Gegenwart – mit dem  Jahre 1912, das seit 100  Jahren in der Vergangenheit liegt. Zur vereinfachten Darstellung fasse ich die in diesen beiden Jahren in Deutschland produzierten Güter in zwei Güter – Konglomerate zusammen, die ich Gut 1 und Gut 2 nenne….

Wenn wir nun das reale Wachstum von 1912 bis 2012 ermitteln wollen, müssen wir uns darauf festlegen, mit welchem Warenkorb wird die Inflation in der beschriebenen Weise errechnet. Zwei Kandidaten bieten sich an: 1. der Warenkorb des Jahres 1912, also 990 Einheiten des Gutes 1 und eine Einheit des Gutes 2. …Legen wir zur Berechnung der Inflation den Warenkorb von 2012 zugrunde, also 400 Einheiten des Gutes 1 und 10´000 Einheiten des Gutes 2,…. Wird mit Warenkorb 1 gerechnet ergibt sich ein Wachstum von 0.3464… [Für den ] Warenkorb von 2012 [ist] das reale Wachstum … bei 4,6 % pro Jahr.

Die jährliche Wachstumsrate liegt somit im einen Fall um eine Größenordnung höher als im anderen Fall.”

„Nehmen Sie als Produkte der Güterklasse 1 zum Beispiel Brot, Leistungen von Hausangestellten, etc. und nehmen Sie als Produkte der Güterklasse 2 Telefongespräche, Rechenmaschinen, Flugreisen, elektronische Geräte, Haushaltsgeräte, wie es sie 1912 überwiegend noch gar nicht gegeben hat – und die insofern damals quasi einen Preis von “unendlich” gehabt haben. Auch der Warenkorb ist heute ein ganz anderer als 1912.

Fazit: es ist eigentlich ziemlich sinnlos, für einen Zeitraum von hundert Jahren eine jährliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts zu messen. Eines wissen wir mit Sicherheit: der Warenkorb, den unsere Nachkommen im Jahre 2112 produzieren und verbrauchen werden, ist uns heute weitgehend unbekannt. Viele der darin enthaltenen Waren und Dienstleistungen können wir uns heute noch gar nicht vorstellen. Die Berechnung des Wachstums des Bruttoinlandsprodukts im Verlauf des 21. Jahrhunderts mithilfe des heute bekannten Warenkorbes von 2012 ist damit ein völlig verfehltes Gedankenexperiment.

Der Grund für CCvWs oben genannte Schlussfolgerung, dass es nicht sinnvoll ist über lange Zeiträume Wachstumsraten zu ermitteln, ist, dass die Warenkörbe von 1912 und von 2012 so unterschiedlich sind, dass sie gar nicht vergleichbar sind. Hier stellt CCvW selber seinen Steady-State Ansatz in Frage, denn die Staatsschuldenproblematik mit langfristigen Anleihen wird man nicht auf einen Zeitraum von fünf Jahren beschränken wollen.

 


[1] Die genaue physikalische Terminologie ist allerdings: Ein adiabatisch geschlossenes  (oder isoliertes) System ist eines, bei dem mit der Umwelt des Systems weder Materie noch Energie ausgetauscht wird, bei einem geschlossenen System kann mit der Umwelt Energie und bei einem offenen System Energie und Materie ausgetauscht werden können (Baumgärtner, Faber, Manstetten, Proops , „Entropy: a unifyingconcept in ecological economics”, Faber, Manstetten, Proops, Ecological Economics. Concepts and Methods, Edward Elgar, Cheltenham UK, paperback reprinted, 200: Kapitel 6, Seite 99, meine Übersetzung).

[2] Eine ausführliche Diskussion der Implikationen dieser Aussage geben wir in ibid.: Section 7.2.2.1 The Economy as an Open System.

[3] Faber, Proops, Evolution, Time, Production and the Environment, Springer, Heidelberg etc., 3rd and enlarged edition, 1998: 94. Eine ausführliche Darstellung der im folgenden Zitat verwendeten Begriffe des ersten und zweiten Pfeiles der Zeit ist in Kapitel 5 (Seiten 85-87) gegeben (siehe auch Kapitel 7 in Faber, Manstetten, Proops 2002, op.cit.).

[4] Siehe hierzu Faber, Proops, Speck, Capital and Time in Ecological Economics. Neo-Austrian Modelling, Edward Elgar, Cheltenham, UK, 1999: 18 ff und im Folgenden insbesondere Kapitel 2.

 

 

 

  Weitersagen Kommentieren Empfehlen Drucken
 

Richtlinien für Lesermeinungen

Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Lesermeinungen zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 6000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung der Lesermeinung weisen wir am Beitrag den Klarnamen des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.

Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Lesermeinungen von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.

Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.

Weitere Artikel

Datenschutzerklärung

Allgemeine Nutzungsbedingungen von FAZ.NET und seinen Teilbereichen

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Lesermeinungen automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.

Schließen

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden
Lesermeinungen zu diesem Artikel (7)
Sortieren nach
0 rum 10.09.2012, 08:20 Uhr

Hier geht es also um den...

Hier geht es also um den Extremfall, dass Kartoffeln für 0 Euro angeboten werden und trotzdem nicht alle angenommen werden, also nicht mal die Bedürftigen nehmen sie. Der Staat soll ein Geschäft machen (billig kaufen und Kartoffelbrei verkaufen, oder Lagern und später teurer verkaufen), der jeder machen könnte und nicht macht: sonst wäre doch eine Nachfrage. Wenn der Staat sie kauft, wird es das nächste Jahr wahrscheinlich wieder ein Angebotsüberschuss geben. Hauptsache schafft der Staat Arbeit, damit alle Leute beschäftigt seien und nicht ein Lasterhaftes, für den Staat gefährdendes Leben führen. Freie Zeit auf Grund des technischen Fortschritts gilt, so weit ich weiß, nicht als Wachstum. Die meisten haben nicht die Freiheit, zu bestimmen, wieviel sie arbeiten wollen: mit viel Glück hat man eine halbe Stelle, sonst Vollzeitarbeit oder Arbeitslosigkeit. Wenn nicht alle Arbeiten, dann sind nicht alle Kapazitäten ausgenutzt, die Wirtschaft kann dann noch "wachsen" (und den Geist der Menschen schrumpfen).

0 vcaspari 09.09.2012, 19:33 Uhr

@rum Ich bin zwar nicht der...

@rum Ich bin zwar nicht der Adlatus von Herrn CCvW, aber hier eine Antwort auf Ihre Frage: (1) Wenn für Kartoffeln ein Angebotsüberschuss vorliegt, dann ist ihr Preis = 0. (Bei CCvW ist der Zinssatz 0). Der Staat bekommt die Kartoffeln quasi umsonst und kann sie dann z.B. a) an Bedürftige verteilen, b) Kartoffelbrei produzieren und diesen zu einem positiven Preis verkaufen (hier kann er Gewinn erzielen), c) einlagern (geht natürlich nur zeitlich begrenzt) und dann verkaufen, wenn der Preis für Kartoffeln wieder positiv ist (er macht auch hier einen Gewinn, wenn der Verkaufserlös größer als die Lagerkosten sind). (2) Um Wachstum geht es nicht. Hier muß ein Mißverständnis vorliegen. Ob man schrumpfen oder wachsen will, entscheidet jeder Mensch eigenständig und individuell. Wenn man z.B. die Arbeitnehmer vor die Wahl stellen würde, ob sie den Anstieg der Arbeitsproduktivität pro Jahr (z.B. 4 %) als Lohnerhöhung ausgezahlt haben wollen oder als Arbeitszeitreduktion, dann ist das genau der von Ihnen angesprochene Punkt. Die Mehrheit der Menschheit wählt die Lohnerhöhung obwohl die Arbeitszeitreduktion ebenfalls möglich wäre.

0 rum 09.09.2012, 15:01 Uhr

Ich habe zwei Fragen. (1) Wenn...

Ich habe zwei Fragen. (1) Wenn es mehr Kartoffeln angeboten werden als nachgefragt, soll der Staat Kartoffeln nachfragen, um das Angebot auszugleichen? Was soll der Staat dann mit den Kartoffeln tun, die andere nicht haben wollen? (2) Warum soll Wachstum absolut notwendig sein? Warum nicht mal Schrumpfung, um zum Beispiel ein entspannteres Leben zu haben, anstatt das zu produzieren, was man nicht braucht?

0 vcaspari 09.09.2012, 12:46 Uhr

@germon Um einem...

@germon Um einem Missverständnis vorzubeugen: Mit Hilfe der Kapitaltheorie versucht CCvW zu zeigen, dass ein Angebotsüberschuss für Kapital vorliegt, der langfristigen Ursachen geschuldet ist. Alle weiteren Überlegungen CCvWs über die mögliche Verwendung dieses Angebotsüberschusses durch den Staat hat mit Kapitaltheorie im engeren Sinne nichts zu tun.

0 germon 08.09.2012, 16:55 Uhr

Was will oder kann die...

Was will oder kann die Kapitaltheorie im Sinne ihres Wissenschaftsanspruchs hier eigentlich beweisen? Es mag ja "provokativ" sein, dass laut vWeizsäcker-Interview Staatsverschuldung ein ganz wesentlicher Teil der sozialstaatlichen Daseinsvorsorge sein soll. Diesbezüglich versuchte ich es schon einigermaßen gutgläubig hinzunehmen, dass nach dieser Theorie der Staat mittels Quasi-Verpfändung künftiger Steuereinnahmen größter, sicherster Schuldner und Verhinderer negativer Kapitalrendite sein soll. Aber bei dem Einfall zu arg realen Schwierigkeiten beim Loswerden von Staatsanleihen, dass der Staat den Gläubigern eine "Zusatzprämie" zahlen soll, ohne weiteren Einfall, wie diese bei beispielsweise 2 Billionen Staatsschuld finanziert werden soll (etwa durch weitere Verschuldung?), löst sich für mich die Beweisführung, sofern es denn überhaupt eine sein soll, in beliebige Annahmen auf. Wenn die Kapitaltheorie für Staatsverschuldung es auf die Zukunftssicherheit sozialstaatlicher Leistungen bringen will, fehlt ihr offensichtlich eine entsprechende Risikoanalyse. Die Zeitabhängigkeit von Warenkörben mag laut Faber "Steady-State" fragwürdig machen. Nur dürfte die Annahme konstanter Bedingungen überhaupt ziemlich das Gegenteil eines Verständnisses gegebener Verschuldungsrisiken bzw. (unbeabsichtigter) Verschuldungsfolgen sein.

0 vcaspari 07.09.2012, 21:07 Uhr

Ich teile Herrn Fabers...

Ich teile Herrn Fabers Auffassung, dass die Kapitaltheorie das Herzstück der ökonomischen Theorie ist. Die ursprüngliche Frage der Kapitaltheorie war, wie es möglich sein kann, dass Kapital eine Quelle eines dauerhaften Einkommensstroms sein kann, wo es doch, ganz anders als Boden und Arbeit, reproduzierbar und sogar akkumulierbar ist. Dazu musste ein Kapitalbegriff definiert werden und geklärt werden, in welchen Einheiten Kapital gemessen werden kann oder soll. Ist es Wert (€,$,usw.) oder misst man es in einer physischen Einheit. Die Österreichische Kapitaltheorie wählte aus guten Gründen die Zeit als Maßeinheit, d.h. die durchschnittliche Produktionsperiode. Die anglo-amerikanische Neoklassik wählte 'Wert' als Maßeinheit und verstrickte sich in die kapitaltheoretische Debatte der 60er und 70er Jahre. Sie ist dem Ausgang der Debatte nur durch Ignoranz und Vergessen entkommen und so ist das K und die Produktionsfunktion der 'Fliegende Holländer' oder 'Phönix' der Lehrbücher geworden. Die der Walrasschen Theorie folgenden Ökonomen (Allgemeine Gleichgewichtstheorie) lehnen Kapital als Aggregat ab und kennen nur Kapitalgüter; ähnlich auch die Piero Sraffa folgenden Neoricardianer. Die Frage, die auch Herr Faber andeutet, ist nun, ob in einer Ökonomie, die beständig ihre Kapital(güter) reproduziert (stationär) oder sogar akkumuliert (wächst), ein Gleichgewicht existiert? Ganz analog zu der Frage, ob und unter welchen Bedingungen ein Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt oder dem Markt für Gummibärchen existiert. Wobei existiert „theoretisch denkbar“ und nicht „tatsächlich vorhanden und beobachtbar“ bedeutet. Hier nun der Schwenk zum Beitrag von Herrn von Weizsäcker (CCvW). CCvW folgt dem österreichischen Ansatz. Da wir gegenwärtig von einem realen Marktzinssatz von ± 0% ausgehen können, braucht CCvW die gewichteten und datierten Arbeitsmengen der umwegigen Produktion nur aufzuaddieren und durch die Summe der Gewichte zu dividieren. Er erhält eine Zahl mit der Dimension Zeit. Als Näherungswert für die BRD definiert er das Verhältnis von Kapital/Konsum und sagt, dass dieses seit Jahren 5 betrage. Läge ein Gleichgewicht auf dem Markt für Realkapital vor, dann müsste auf der Angebotsseite auch die Zahl „5 Jahre“ stehen. CCvW kommt aber auf 10-12 Jahre für das Kapitalangebot, je nach dem, ob man den Hang zum Vererben einbezieht oder nicht. Er kommt zu der Schlussfolgerung, dass das Kapitalangebot wesentlich größer als die Kapitalnachfrage ist und somit dieses überschüssige Kapital vom Staat nachgefragt werden kann, der es dann produktiv oder unproduktiv verwenden kann. Nun liegt nach meinen Berechnungen auf Basis der Daten der Vermögensrechnung und der VGR das Verhältnis von Kapital/Konsum in der BRD in dem Zeitraum von 1970 bis 2011 zwischen 8,5 und 9,2 so dass die Kapitalnachfrage ziemlich dicht an das Kapitalangebot heran ragt. Die gewaltige Lücke klafft also nicht. Gleichwohl läge auch bei meinen Berechnungen ein Angebotsüberschuss vor. Eine letzte Bemerkung zum Beitrag von Herrn Faber. Natürlich sind die Warenkörbe von 1912 und 2012 ganz verschieden. Wenn das aber ausschlösse überhaupt von Wachstum sprechen zu können, dann ist sowohl die Wachstumstheorie ihrer empirischen Grundlage beraubt und die Wachstumskritiker ihres Themas. Denn die Forderung, vom Wachstum Abstand zu nehmen, wäre ja sinnlos, wenn wir vermuten dürften, dass es bislang gar keines gab. Ich bin mir aber mit Adam Smith im Gepäck sicher, dass der Warenkorb von 2012 einfach mehr Güter umfasste als der im Jahre 1912 und dass dies hinreichend ist, um von Wachstum zu sprechen. Auch Adam Smiths einfache Messung in kommandierten Arbeitsmengen verdeutlich das. Das Realeinkommen der Menschen ist gestiegen und das bedeutet, sie können heute über größere Gütermengen (und Dienstleistungen) verfügen als früher. Vielen anderen Anmerkungen und Kritikpunkte von Herrn Faber stimme ich zu.

0 rum 07.09.2012, 14:15 Uhr

Man kann nicht leugnen, dass...

Man kann nicht leugnen, dass pro Person 2012 viel mehr produziert wird wie 1912. Das Problem liegt beim Maß und beim Ermitteln. Ich glaube auch nicht, dass Wachstum unbedingt an die genannten strengen physikalischen Grenzen der Energie und Materie gebunden sind: Geist ist auch Bestandteil der Produkte.

Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.