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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Das Faszinierendste aus Wirtschaft und Finanzen. Prägnant beschrieben und kenntnisreich analysiert von Autoren der F.A.Z. und der Sonntagszeitung.

Goethe, das Geld und die aktuelle Krise (1): Eine Übersicht

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"Goethe und das Geld" lautet das Motto der Goethe-Festwoche vom 13. bis zum 23. September 2012 in Frankfurt. Wie allein die Behandlung des Papiergelds im "Faust II" belegt, ist Goethe im Lichte der aktuellen Krise als Dichter wie als (unterschätzter) Wirtschaftsfachmann höchst relevant. Wir wollen daher die Goethe-Festwoche und eine Auswahl der in ihr behandelten Themen in FAZIT dokumentieren. Von Gerald Braunberger

“Goethe und das Geld” lautet das Motto der Goethe-Festwoche vom 13. bis zum 23. September 2012 in Frankfurt. Wie allein die Behandlung des Papiergelds im “Faust II” belegt, ist Goethe im Lichte der aktuellen Krise als Dichter wie als (unterschätzter) Wirtschaftsfachmann höchst relevant. Wir wollen daher die Goethe-Festwoche und eine Auswahl der in ihr behandelten Themen in FAZIT dokumentieren.

 

Von Gerald Braunberger

“Zu wissen sei es jedem ders begehrt. Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.” So stellt der Kanzler die Banknoten vor, die Faust und Mephistopheles erschaffen haben, und über deren Schöpfung sich der Kaiser ebenso wundert wie freut. Der zweite Teil des „Faust” gehört zu den bedeutendsten Dichtungen Johann Wolfgang von Goethes (1749 bis 1832), dessen Behandlung monetärer Zusammenhänge gerade in der Krise unserer Zeit von einer beeindruckenden Aktualität erscheint. Bild zu: Goethe, das Geld und die aktuelle Krise (1): Eine Übersicht

„Goethe und das Geld” heißt das Thema der Goethe-Festwoche, die vom 13 bis zum 23. September 2012 in Frankfurt stattfindet. Das Goethe-Haus, das Institut für Stadtgeschichte und das Geldmuseum der Deutschen Bundesbank zeigen Ausstellungen. Zur Rolle von Geld und Banken in Goethes Zeit sowie zur Bedeutung des Schaffens des Dichters für die Jetztzeit sind mehrere Vorträge und Podiumsdiskussionen vorgesehen. Zudem eröffnet das Frankfurter Schauspiel die Spielzeit mit Faust I und Faust II.

Zeit des Übergangs

Goethe lebte in einer Zeit des Übergangs. Als junger Mann lernte er die eher statische Welt des Münzgeldes, der Landwirtschaft und des Feudalismus kennen. Als alter Mann erfuhr er die Hinwendung zur Industriegesellschaft, zum Papiergeld und zu einer größeren Rolle der Banken. Der technische Fortschritt zeigt sich ihm in Form der Dampfmaschine wie uns in unserer Zeit in Form von Internet, Skype und Cloud als ein Phänomen, das die Welt beschleunigt. Goethe war innerlich hin- und hergerissen von dieser neuen Welt. Einerseits dachte er durchaus traditionalistisch, andererseits schaute er mit der Neugierde des Intellektuellen fasziniert, wenn auch mit intuitiver Zurückhaltung auf das Kommende und seine Auswirkungen auf das tägliche Leben.

So schrieb der Dichter im Jahre 1825: „Für das größte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden lässt, muss ich halten, dass man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeis‘t, den Tag im Tage vertut, und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen.” Ist es in unserer Zeit nicht unter anderem die durch Fortschritte in der Informationstechnologie erschaffene Möglichkeit, in Bruchteilen von Sekunden Milliardenbeträge quer über den Globus in unterschiedliche Finanzmärkte zu jagen, die den Menschen Angst macht vor der Finanzbranche? Der technische Fortschritt hat auch die Gelderzeugung erleichtert. Die Prägung von Münzgeld war noch an das Vorhandensein von Metallen gebunden. Papiergeld ließ sich leichter in größeren Mengen herstellen, während das moderne Buchgeld nur mehr aus Bits und Bytes besteht, für deren Herstellung und Verbreitung kaum noch physische Ressourcen benötigt werden.

Segen und Fluch des Papiergeldes

Goethe hat die mit dem Papiergeld verbundenen Chancen und Risiken sehr gut gesehen. In angemessener Menge geschaffen, kann die Schöpfung von Papiergeld durchaus wirtschaftlichen Nutzen entfalten. Aber was heißt „angemessen”? Die Menge des Geldes muss in Bezug stehen zu wirtschaftlichen Ressourcen. Goethe dichtet: „Der Zettel hier ist tausend Kronen wert. Ihm liegt gesichert als gewisses Pfand, Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland. Nun ist gesorgt damit der reiche Schatz, Sogleich gehoben, diene zum Ersatz.” Es ist bekannt, dass Goethe den Ahnherrn der modernen Wirtschaftslehre, Adam Smith, gelesen hatte. Der Schotte schrieb: „Die Ausgabe von Papiergeld schafft so etwas wie einen Luftfrachtweg, wenn mir eine solche gewagte Metapher erlaubt ist, der es einem Lande ermöglicht, seine Landstraßen weitgehend in gute Weiden und Getreidefelder zu verwandeln, wodurch der Jahresertrag an Boden und Arbeit erheblich zunimmt.”

Freilich, dass ungehemmte Geldschöpfung Fluch und nicht Segen bedeutet, wusste Goethe ebenso wie, dass der Umgang von Regierenden mit Geld leicht unseriös wird und eine Neigung besteht, es mit der Aufnahme von Schulden zu übertreiben. Goethe war mit dieser Praxis aus erster Hand vertraut. Schließlich hatte er es in Weimar, dem Herrschaftssitz des finanziell fragilen Hauses Sachsen-Weimar-Eisenach, nicht nur zum Vertrauten des etwa gleichaltrigen Herzogs Carl August gebracht, sondern vorübergehend auch zu einer Art Finanzminister.

Und nicht nur das: Sein Dichterkollege Johann Gottfried Herder fasste die zahlreichen Tätigkeiten Goethes spöttisch zusammen: “Er ist also jetzt wirklicher Geheimer Rat, Kammerpräsident, Präsident des Kriegscollegii, Aufseher des Bauwesens bis zum Wegbau hinunter, Director des Berckwerks, dabei auch directeur des plaisirs, Hofpoet, Verfaßer von schönen Festivitäten, Hofopern, Ballets, Redoutenaufzügen, Inscriptionen, Kunstwerken etc., Direktor der Zeichenakademie, selbst überall der erste Akteur, Tänzer, kurz das Factotum des Weimarschen.”

Goethe war einerseits fraglos Anhänger eines arbeitsamen Lebens, wie seine zahlreichen Beschäftigungen verraten: “Ihrer sechzig hat die Stunde, Über tausend hat der Tag, Söhnchen, werde dir die Kunde, Was man alles leisten mag!” Andererseits gehörte zu einem arbeitsamen Leben für ihn auch das Feiern: “Tages Arbeit, abends Gäste! Saure Wochen, frohe Feste! Sei Dein künftig Zauberwort.”

Das Münzgutachten

Die Beschäftigung des Dichters mit dem Geld im “Faust” ist natürlich vielen Menschen geläufig. Weniger bekannt ist, dass ihn Herzog Carl August im Jahre 1793 beauftragte, ein Gutachten über die Währungslage in Sachsen-Weimar-Eisenach zu verfassen. Dieses sogenannte “Münzgutachten” ist zwar ein Fragment geblieben, belegt aber, dass sein Verfasser die nicht immer einfache Funktionsweise eines durch Münzen aus edlen und unedlen Metallen bestehenden Geldwesens sehr wohl verstanden hatte. Gerade die Bedeutung des Goldes war Goethe natürlich wohl bekannt. “Nach Golde drängt, Am Golde hängt Doch alles. Ach wir Armen!” sagt das Gretchen in Faust I.

Seinerzeit kursierten im Deutschen Reich zahlreiche deutsche und ausländische Münzen, darunter der aus Frankreich stammende silberne “Laubthaler“. Viele dieser Münzen waren jedoch minderwertig, zum Beispiel durch Beschädigungen oder durch eine nicht immer leicht erkennbare Herabsetzung des in ihnen verarbeiteten Edelmetalls. Getreu dem alten Satz, wonach das schlechte Geld das gute verdrängt (“Gresham’sches Gesetz”), zahlten die Bewohner des Herzogtums ihre Steuern vorwiegend mit schlechten Münzen. Dies verdross Carl August, der dann aber doch beschloss, die bestehenden Zustände weitgehend zu tolerieren. Goethes Gutachten hatte somit keine praktische Bedeutung, aber es bleibt ein schönes Zeugnis für die wirtschaftliche Kompetenz seines Verfassers.

Goethes Auktionsmodell

Goethe verfügte als Dichter nicht nur über Kenntnisse ökonomischer Literatur (die man manchem zeitgenössischen Dichter wünschte) und Kenntnisse wirtschaftspolitischer Praxis (die man manchem zeitgenössischen Ökonomen wünschte). Vor allem aber konnte Goethe wie ein Ökonom denken, und das ist eine Kunst, die sich nicht einfach anlesen lässt. Nachweisbar ist diese Fähigkeit Goethes nicht nur anhand der gelungenen Thematisierung des damals neuartigen Papiergelds, sondern durch seine Erfindung eines Auktionsverfahrens, für das viel später Nobelpreise vergeben wurden.

Goethe fürchtete zeitlebens, von seinen Verlegern wegen deren Wissensvorsprünge über den Buchmarkt übervorteilt zu werden. Im Jahre 1797 kam er auf eine seinerzeit Aufsehen erregende Idee, indem er, durch Vermittlung eines Vertrauten namens Böttiger, seinem Verleger Vieweg folgenden Vorschlag für das rund 2000 Hexameter umfassende Manuskript “Hermann und Dorothea” unterbreitete: „Was das Honorar betrifft, so stelle ich Herrn Oberkonsistorialrat Böttiger ein versiegeltes Billet zu, worin meine Forderung enthalten ist, und erwarte, was Herr Vieweg mir für meine Arbeit anbieten zu können glaubt. Ist sein Anerbieten geringer als meine Forderung, so nehme ich meinen versiegelten Zettel uneröffnet zurück und die Negation zerschlägt sich. Ist es höher, so verlange ich nicht mehr als in dem, alsdann von Herrn Oberkonsistorialrat zu eröffenden Zettel verzeichnet ist.”     

Das heißt: Goethe hinterlässt in einem verschlossenen Umschlag eine Honorarforderung, die nur er kennt. Nehmen wir in damaliger Währung an, sie betrage 1000 Taler. Herr Vieweg muss nun in Unkenntnis dieser Forderung ein Angebot unterbreiten. Bleibt er unter 1000 Talern, unterbleibt das Geschäft. Bietet er 1000 Taler oder höher, kommt das Geschäft zum Festpreis von 1000 Talern (Goethes Forderung) zustande, selbst wenn Vieweg deutlich mehr, zum Beispiel 3000 Taler, geboten hätte.

Welche Logik steht hinter Goethes Vorgehen? Wäre es nicht sinnvoller gewesen, er hätte in direktem Kontakt mit Vieweg den Preis ausgehandelt? Ein direktes Aufeinandertreffen von Angebot und Nachfrage ist dann optimal, wenn beide Parteien über gleich viele Informationen verfügen. Im späten 18. Jahrhundert war der deutsche Buchmarkt jedoch sehr intransparent, und daher ging Goethe von einem Informationsvorsprung des Verlegers Vieweg aus. In einer direkten Verhandlung hätte Vieweg seinen Informationsvorsprung über die Verkaufschancen nutzen können, um sich die Rechte an “Hermann und Dorothea” zu einem niedrigen Preis zu sichern. Das von Goethe gewählte Verfahren zwang Vieweg hingegen, einen Preis zu nennen, den er als in etwa marktgerecht ansah.

Im konkreten Fall forderte Goethe verdeckt 1000 Taler. Vieweg bot 1000 Taler und das Geschäft kam zustande. Allerdings besteht der starke Verdacht, dass der Mittelsmann Böttiger Goethes Forderung kannte und regelwidrig an Vieweg weitergab. Für Vieweg erwies sich der Kauf der Rechte als eine gute Investition. Er gilt als der einzige Verleger, der zu Goethes Lebzeiten mit dem Verkauf von Werken des Dichterfürsten ordentlich Geld verdiente.

Was ist von diesem Vorschlag zu halten? Das von Goethe beschriebene Verfahren lässt sich als eine Auktion verstehen – die einzige Besonderheit mag sein, dass es mit Vieweg nur einen Bieter gibt. Aber das kommt auch in normalen Auktionen immer wieder vor. Goethes eigenartiges Auktionsmodell wurde in der Wissenschaft vor ein paar Jahrzehnten von dem kanadischen Ökonomen William Vickrey in völliger Unkenntnis des deutschen Vorgängers neu entwickelt. Es heißt seitdem Vickrey-Auktion (oder auch Zweitpreis-Auktion), und unter anderem für diese Entwicklung erhielt Vickrey im Jahre 1996 den Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Es besitzt zudem eine beachtliche praktische Bedeutung, da die Versteigerungen bei Ebay nach diesem Verfahren stattfinden.

 

Dieser Beitrag basiert auf den von mir verfassten Zeitungsartikeln “Goethe, das Geld und die Krise” (F.A.Z. vom 10. September 2012) und “Tagsüber arbeiten. Abends feiern” (F.A.S. vom 1. Mai 2011). Meinem Kollegen Rainer Hank und Bertram Schefold (Universität Frankfurt) bin ich zu zu vielerlei Dank verpflichtet. Von Bertram Schefold stammt unter anderem der vortreffliche Beitrag “Goethe und das Wirtschaftsleben”, erschienen in: Liber Amicorum. Katharina Mommsen zum 85. Geburtstag (Göttingen 2010), von dessen Lektüre ich sehr profitiert habe.

Die grandiose Idee, “Goethe und das Geld” zu einem großen Thema zu machen, stammt von meinem früheren F.A.Z.-Kollegen Benedikt Fehr, der seit ein paar Jahren für die Deutsche Bundesbank arbeitet.

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2 Lesermeinungen

  1. Jaah, beschäftigen wir uns...
    Jaah, beschäftigen wir uns doch mit Goethe weil das weniger kontrovers ist als die Aktualität ;)

  2. Neben Goethe fand ich...
    Neben Goethe fand ich besonders die Kenntnisse seines Freunds Schiller beeindruckend, dass Geld nicht in einer symmetrischen Beziehung zur Wertmenge steht, sondern in asymmetrischer, wenn er in seiner “Verschwörung” Fiesco zu Genua sagen lässt:
    “Es ist schimpflich, eine Börse zu leeren – es ist frech, eine Million zu veruntreuen, aber es ist namenlos groß, eine Krone zu stehlen. Die Schande nimmt ab mit der wachsenden Sünde.”

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