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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Goethe, das Geld und die aktuelle Krise (6): Staatsanleihen – eine Frankfurter Spezialität

Das Potential zur Staatsverschuldung wuchs mit der Einbeziehung von Privatanlegern in den Abnehmerkreis der Anleihen. Die dafür notwendigen Handelstechniken - eine frühe Version des Investmentbankings - verbreiteten sich zu Goethes Zeit in Deutschland. Dazu tragen Frankfurter Banken wesentlich bei, vor allem die Bankhäuser Bethmann und Rothschild. Von Gerald Braunberger

Das Potential zur Staatsverschuldung wuchs mit der Einbeziehung von Privatanlegern in den Abnehmerkreis. Die dafür notwendigen Handelstechniken – eine frühe Version des Investmentbankings – verbreiteten sich zu Goethes Zeit in Deutschland. Dazu tragen Frankfurter Banken wesentlich bei, vor allem dank der Bankhäuser Bethmann und Rothschild. *) 

Von Gerald Braunberger

 

„Nur die Handelsleute, besonders die Bankiers wissen, was sie wollen, und werden reich dadurch, wenn auch gleich manche durch falsche Speculationen zu Grunde gehen.“

Johann Wolfgang von Goethe

 

Die Staatsverschuldung ist in der Geschichte einer der großen Treiber des Geschäfts bedeutender Bankhäuser gewesen. Zu Beginn der Neuzeit waren es die Fugger und andere private Häuser, die den damals führenden Mächten – und hier vor allem den spanischen Habsburgern – großzügig Geld liehen. Zum „Dank“ entledigten sich die Herrscherhäuser dieser Schulden gelegentlich durch Konkurse. Die Fugger & Co. hatten im 16. Jahrhundert klassisches Bankgeschäft betrieben: Sie hatten Einlagen hereingenommen von anderen Patrizierfamilien oder auch von weltlichen und kirchlichen Herrschern (der größte Gläubiger der Fugger war lange Zeit der Fürstbischof von Meckau gewesen). Den Einlagen standen auf der Bilanz die Kredite entgegen – nicht zuletzt die Kredite an Herrscherhäuser.

Rund zwei Jahrhunderte später erfanden die Banken zur Förderung der Staatsverschuldung und zur breiteren Streuung von Risiken eine frühe Art des Investmentbankings.

Der Finanzplatz Frankfurt findet seinen historischen Ursprung in der Bedeutung Frankfurts als Messestandort seit dem Mittelalter. Im Rahmen der Messen wurden auch einfache Finanzgeschäfte mit Münzen und Wechseln betrieben. Ein permanentes Finanzgeschäft lässt sich erst ab dem 17. Jahrhundert in Frankfurt nachweisen; anfangs bestand es überwiegend aus dem Handel mit Wechseln. Der Begriff „Börse“ findet sich erstmals in einem Kaiserbrief aus dem Jahre 1605; der früheste überlieferte Kurszettel stammt aus dem Jahre 1625. Viele spätere Bankhäuser fingen im Warenhandel an; mit der Etablierung (für die damaligen Verhältnisse) kapitalstarker Handelshäuser verloren die alteingesessenen Frankfurter Patrizierfamilien Macht in der Stadt.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts – also zur Zeit Goethes – erhielt der Finanzplatz neuen Schwung durch eine weitreichende Finanzinnovation: Die Banken begannen, an Herrscherhäuser vergebene Kredite in kleine und gleiche Teile zu stückeln und an interessierte Anleger zu verkaufen. Man nannte eine solche Konstruktion, die heute als Anleihe geläufig ist, Partialobligation (Teilschuldverschreibung). Die Banken waren somit nicht länger gezwungen, die Kreditrisiken alleine zu tragen, sondern konnten sie breit streuen. Die Partialobligation wurde nicht in Frankfurt erfunden, sondern in Amsterdam. Sie wurde an zahlreichen europäischen Finanzplätzen geläufig, in Deutschland aber vor allem in Frankfurt. Anfangs „streuten“ die Frankfurer Banken vor allem Kredite an Herrscher aus der Umgebung mit überschaubarer Macht und Finanzkraft. Erheblich an Schwung gewann dieses Geschäft, als das Mitte des 18. Jahrhunderts gegründete Frankfurter Bankhaus Bethmann zu einem der wichtigsten Finanzpartner der Habsburger wurde. Auch Goethe stand in einer Geschäftsbeziehung mit Bethmann; überdies war er als Abkömmling einer vermögenden Familie mit anderen Frankfurter Bankiers bekannt. **)

Bild zu: Goethe, das Geld und die aktuelle Krise (6): Staatsanleihen - eine Frankfurter SpezialitätZwischen 1754 und 1778 plazierten die Frankfurter Banken 30 Darlehen an Landesherrschaften über 2,5 Millionen Gulden, darunter für 200.000 Gulden zwei Darlehen an die Habsburger. „Wegen des großen Erfolgs folgte schon 1779 eine dritte Anleihe im Wert von einer Million Gulden“, schreibt Ralf Banken. „Ab 1784 legte das Haus Bethmann dann beinahe jedes Jahr neue Anleihen für die Habsburger auf – bis 1796 insgesamt 25 Millionen Gulden -, wodurch es zum maßgeblichen Finanzier der Habsburgischen Monarchie wurde. Daneben plazierte man aber auch für andere Territorien und Städte Anleihen: Bis 1793 waren es insgesamt 48 mit Zinssätzen von 4 bis 6 Prozent.“ Auch kleinere Frankfurter Häuser stiegen in das Geschäft ein, darunter Metzler, Willemer, Gonthard und Heyder; zu den Darlehensnehmern gehörte unter anderem auch Preußen. Die Bethmanns galt damals zusammen mit der im Tabakhandel tätigen Familie Bolongaro als vermögendste Familie Frankfurts.

Die Geschäfte waren reizvoll, solange die Schuldner zahlungsfähig blieben. Bethmann erhielt für große österreichische Emissionen eine Abschlussprovision von bis zu 5,5 Prozent des Nennwertes. Außerdem fiel eine Provision von bis zu einem Prozent für die Einziehung und Auszahlung von Zinsen und Tilgungen an. Überdies ließen sich mit dem Handel der Anleihen Gewinne vereinnahmen. Das Geschäft florierte, bis die österreichischen Emissionen wegen der politischen Wirren nach der Französischen Revolution an Wert verloren. Viele kleinere Bankhäuser zogen sich aus dem Geschäft zurück.

Nach der Zeit Napoleons blühte der Staatsanleihenhandel in Frankfurt wieder auf – nun auch mit den Rothschilds in einer führenden Rolle, so wie der internationale Aufstieg der Rothschilds im 19. Jahrhundert generell stark mit der Staatsfinanzierung verbunden war. Der Staatsanleihenhandel sorgte dafür, dass Frankfurt bis weit in das 20. Jahrhundert hinein in erster Linie ein durch Anleihengeschäfte geprägter Finanzplatz blieb; hinzu kam das mit der Industriellen Revolution stark wachsende Segment der Industrieanleihen, auf das sich Bethmann allmählich konzentrierte. Der Aufstieg der Aktie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging weitgehend an Frankfurt vorbei – hier etablierte sich die Berliner Börse bis zum Jahre 1945 als führende deutsche Aktienbörse. Das traditionelle Frankfurter Bürgertum investierte konservativ in Anleihen und Hypotheken, hielt aber nicht viel von Aktien.

Noch heute ist der deutsche Anleihemarkt (Staatsanleihen, Bank- und Unternehmensanleihen, Pfandbriefe) deutlich größer als der Aktienmarkt. Aber aus Kostengründen wird nur der geringste Teil des Anleihehandels über die offizielle Börse betrieben, auch wenn die meisten dieser Wertpapiere an der Börse notiert werden. Der größte Teil des Handels findet unmittelbar zwischen Banken und anderen Großanlegern statt. Von den alten Frankfurter Privatbankhäusern sind heute noch Metzler sowie Hauck & Aufhäuser mit ihren Zentralen am Main präsent; Bethmann gehört mittlerweile der niederländischen Großbank ABN Amro. Die Rothschilds, deren Zentralen sich heute in London und Paris befinden, unterhalten Tochtergesellschaften in Frankfurt.

 

*) Dieser Artikel beruht überwiegend auf Ralf Bankens Beitrag („Der Frankfurter Bankplatz in der Goethezeit“) für den Katalog zur Goethe-Ausstellung und auf Gesprächen mit dem Frankfurter Privatbankier Michael Hauck.

**) Zum Thema „Goethe und die Banken“ gehört auch seine Romanze mit der Frankfurter Bankierstochter Lili Schönemann. Die Verlobung wurde allerdings schon nach kurzer Zeit wieder aufgelöst. Ein Grund mag darin bestanden haben, dass die Bank der Familie Schönemann sich in finanziellen Schwierigkeiten befand. Lili Schönemann heiratete später einen französischen Bankier; die Bank ihrer Familie ging allerdings unter.

 

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