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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Abschied von der Weltformel

| 2 Lesermeinungen

Die Verhaltensforschung verändert die Ökonomie stärker als jede andere Disziplin. Doch nun dämpfen führende Experimental-Forscher die Euphorie.

Die Verhaltensforschung verändert die Ökonomie stärker als jede andere Disziplin. Doch nun dämpfen führende Experimental-Forscher die Euphorie.

Von Johannes Pennekamp, Frankfurt

Ihr Aufstieg ist atemberaubend. Vor 20 Jahren waren Ökonomen, die Testpersonen im Labor mit Spielsituationen konfrontierten, belächelte Exoten. Heute kann es sich keine größere Fakultät mehr leisten, auf Experimental- und Verhaltensökonomen zu verzichten. Ihren Siegeszug verdanken diese Forscher, die Brücken zur Psychologie, Biologie und Neurowissenschaft schlagen, ungezählten Studien, durch die ökonomische Modelle näher an die Lebenswirklichkeit heranrücken sollen. Mittlerweile gibt es 18 Labore an deutschen Universitäten, die das Laboratoire d’Economie Expérimentale de Montpellier auflistet. Die Hochschulen wetteifern darum, mehr Experimentalökonomen einzustellen: Allein die Universität Ulm hat drei neue Professuren für die experimentelle Forschung geschaffen.

Im Labor wird gezeigt, dass Menschen sich anders verhalten als der kühl kalkulierende „Homo oeconomicus“, den die Standardtheorie proklamiert: Der Mensch aus Fleisch und Blut verhält sich, wenn er sich zwischen Alternativen entscheiden muss, oftmals fair. Er mag keine Ungleichheit und er hat animalische Züge – Verhaltenökonomen modellieren den Menschen als Herdentier.

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Diese Erkenntnisse haben die Wirtschaftswissenschaft verändert, und spätestens seit zwei der Pioniere, Daniel Kahneman und Vernon Smith, 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis geadelt wurden, kennen die Erwartungen an die Disziplin keine Grenzen. Der Verhaltenökonomie („Behavioural Economics“) wird nicht weniger zugetraut als ein neues ökonomisches Menschenbild zu schaffen, einen allumfassenden Ansatz, der als Fundament taugt für ein besseres Theoriegebäude. Kritische Stimmen konkurrierender Forscher, die vor Überschwang warnten, passten da nicht ins Bild.

Doch jetzt sind es führende experimentelle Forscher selbst, die auf die Euphoriebremse treten. „Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, nach dem großen Ganzen zu suchen“, sagt der Innsbrucker Experimentalökonom Matthias Sutter. Sein Kölner Fachkollege Axel Ockenfels, der für seine Pionierarbeit im Labor mit dem renommierten Leibniz-Preis ausgezeichnet wurde, gesteht ein: „Wir Ökonomen neigen dazu, uns selbst, unseren Studierenden und der Öffentlichkeit weiszumachen, dass unsere Modelle die letzte Antwort sind. Das ist kontraproduktiv. Ein ehrlicherer Umgang würde allen nutzen.“ Der Schweizer Ökonom Bruno Frey sagt gar ein Ende des Labor-Booms voraus: „Das siebenhundertste Laborexperiment, bei dem nur Nuancen verändert werden, bringt uns auch nicht weiter.“

Die Forscher wollen die Erfolge der experimentellen Ökonomie nicht kleinreden. Im Gegenteil: „Wir sind auf dem richtigen Weg und in einzelnen Gebieten auch schon weit gekommen“, betont Sutter. Aber sie warnen vor überzogenen Erwartungen. „Man darf nicht vergessen, dass gerade die ökonomische Verhaltenswissenschaft eine sehr junge Disziplin ist“, sagt Ockenfels.

Das Problem, das Sutter und Ockenfels zu denken gibt: Es existiert eine schier unüberschaubare Menge einzelner, meist spannender Forschungserkenntnisse. Manche weisen in dieselbe Richtung, andere nicht. Je nach Versuchsanordnung gelangen Forscher zu Schlussfolgerungen, die mit dem Modell des rationalen Nutzenmaximierers brechen, andere Ergebnisse dagegen bestärken das Modell des „Homo oeconomicus“. Entstanden ist ein riesiges Sammelsurium – doch der ganz große Wurf, eine Idee, die alle Verhaltens-Anomalien und Besonderheiten miteinander verbindet? Ist bislang nicht in Sicht.

Woran das liegt? Die Quellen des Verhaltens seien viel zu komplex und die Menschen in ihren Zielen, ihrer sozialen und ökonomischen Einbettung und ihren kognitiven Fähigkeiten zu unterschiedlich, sagt Ockenfels, als dass man alles in einem universellen Modell exakt einfangen könnte. Wie der Österreicher Sutter hält er es daher für sinnvoller, Modelle zu entwickeln, die nicht auf jeden Anwendungsbereich übertragbar sind – dafür aber in einzelnen Bereichen gut funktionieren. Ockenfels vergleicht die wissenschaftliche Theorie mit einem Bündel von Landkarten: Um die Bewegung von Planeten zu erklären, brauche man eine andere Karte, als wenn man mit dem Auto von Köln nach Frankfurt fährt. „Welche Landkarte nützlich ist, hängt von der Fragestellung ab.“ Die eine große Landkarte, die alles erklärt, sie ist vom Tisch.

Eine Reihe neuer, hilfreicher Landkarten haben die empirisch-experimentell arbeitenden Ökonomen bereits gezeichnet. Ockenfels entwarf vor mehr als zehn Jahren ein Modell, das unter bestimmten Voraussetzungen sehr gut voraussagt, wie Menschen ihr Streben nach Fairness und Eigennutz unter einen Hut bringen. Der Ansatz bricht mit der Standardtheorie und hat es in die Lehrbücher geschafft. Trotzdem sieht der Forscher den „Homo oeconomicus“ nicht als ein Modell an, das es abzuschaffen gilt. „Es ist sehr einfach und hat sich in vielen Bereichen der Wirtschaftswissenschaft als nützlich erwiesen“, sagt Ockenfels. Verschiedene Landkarten für verschiedene Umgebungen – setzt man diesen Gedanken fort, dann müssen die Lehrbücher dicker werden, wenn sie umfassende Antworten liefern wollen.

Doch längst nicht jede Laboruntersuchung führt zu einer brauchbaren neuen Landkarte. Ockenfels greift die eigene Zunft an, wenn er sagt, dass auch Verhaltensökonomen in ihren eigenen, kleinen Welten leben und gefährdet sind, den Bezug zur realen Welt zu verlieren. Er beobachte „eine Jagd nach statistischer Signifikanz von allen erdenklichen irrationalen Verhalteneffekten“. Zuweilen, sagt Ockenfels, scheine das Prinzip „je abstruser, desto besser“ die Leitlinie zu sein. Der Schweizer Forschers Frey, der selbst vor allem auf Feldstudien setzt, geht noch weiter: An sehr vielen Universitäten würden Laborexperimente „einfach noch durchgenudelt, ohne dass es relevante Fragestellungen gibt“. Frey ist grundsätzlich skeptisch, ob Ergebnisse aus dem Labor, bei denen Institutionen wie der Staat nur schlecht modelliert werden könnten, auf die Wirklichkeit übertragbar sind. Er fordert die Laborforscher deshalb dazu auf, noch näher an das wirkliche Leben heranzurücken und mehr Feld- und natürliche Experimente anzugehen.

Der Bonner Experimentalforscher Armin Falk will solche Grundsatzkritik nicht gelten lassen. Zum Beispiel die „sozialen Präferenzen“ wie Altruismus und Fairness habe man alleine dank der kontrollierten Bedingungen im Labor eindeutig identifizieren können. „Die Laborexperimente haben die Disziplin radikal verändert. Um die Grundlagen menschlichen Verhaltens zu erforschen, brauchen wir sie weiterhin“, kontert Falk. Wegweisende Fortschritte seien aber nur dann zu erreichen, wenn man nicht eine Forschungsmethode als Allzweckwaffe ansehe. Umfragen, Feldexperimente, Laborversuche und Theoriebildung – „all das gehört in einer guten Forschung zusammen“.

Der Kölner Ökonom Ockenfels hat seine eigenen Schlüsse gezogen. Vom reinen Laborforscher ist er zu einem anwendungsorientierten „Ingenieur“ geworden. Als „Marktdesigner“ erforscht er an der Schnittstelle zur Praxis, wie man Internetauktionen oder Emissionsmärkte effizient gestaltet. „Die Ingenieurskunst führt auch in anderen Wissenschaften zu maßgeblichem Erkenntnisfortschritt“, sagt er, „von ihr erhoffe ich mir sehr viel.“

 

Ein ausführliches Interview mit Axel Ockenfels lesen Sie morgen in unserem Blog.

 

Illu: Treschkow

 

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2 Lesermeinungen

  1. >"Um die Bewegung von Planeten...
    >“Um die Bewegung von Planeten zu erklären, brauche man eine andere Karte, als wenn man mit dem Auto von Köln nach Frankfurt fährt.“
    Wer für die Bestimmung von Planetenpositionen eine Karte zur Hand nimmt ist von Anfang an suspekt. Der ganze Hokuspokus der Labor-Experimente in Psychologie und anderen sog. Wissenschaften wird jetzt offenbar auf die Ökonomie übertragen.
    Nunja, schlimmer kann es ja nicht wirklich werden..

  2. Und die Moral aus der...
    Und die Moral aus der Geschicht‘: DEN Menschen, den gibt es nicht.
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    Das sollte doch eigentlich jeder aus eigener Erfahrung kennen, daß sie oder er, eben jeder, sich in vergleichbaren Situationen unterschiedlich verhält. Es kommt eben auf das Zusammenspiel aller Umstände an und die sind nicht auf äußere Einflüsse beschränkt.
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    Allerdings gibt es soviel Menschen, daß die Wahrscheinlichkeit, stellt man sich nicht allzu dumm an, größere Gruppen von ihnen auf einen Nenner zu bringen, durchaus signifikant hoch ist. Diese gezielte Manipulation ist daher ja auch allgegenwärtig und umso erfolgreicher, als sie nicht als solche erkannt wird oder mangels Hintergrundinformationen nicht erkannt werden kann.
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    Wer es versteht, die Urinstinkte des Menschen anzusprechen, kann damit nur Erfolg haben. Denn diesen, im Unterbewußtsein verankerten Instinkten, kann kaum ein Mensch widerstehen – zumindest nicht auf Dauer.

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