Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (2)
 

Schattenbanken: Aus dem Dunkel ins Licht

23.11.2012, 11:47 Uhr  ·  Nachdem in den vergangenen Jahren die Regulierung der Banken im Mittelpunkt stand, rücken nun die Schattenbanken ins Scheinwerferlicht. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Von

Nachdem in den vergangenen Jahren die Regulierung der Banken im Mittelpunkt stand, rücken nun die Schattenbanken ins Scheinwerferlicht. Veröffentlichungen des Finanzstabilitätsrats beleben die Debatte. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Von Gerald Braunberger

 

“The shadow banking system consists of a web of specialized financial institutions that conduct credit, maturity, and liquidity transformation without direct, explicit access to public backstops. The lack of such access to sources of government liquidity and credit backstops makes shadow banks inherently fragile. Much of shadow banking activities is intertwined with the operations of core regulated institutions such as bank holding companies and insurance companies, thus creating a source of systemic risk for the financial system at large.”
Tobias Adrian & Adam B Ashcraft

 

 

1. Was sind Schattenbanken?

Der Begriff ist nicht eindeutig definiert. Die obige Definition von Adrian & Ashcraft beschreibt die wichtigsten Eigenschaften: Schattenbanken sind Finanzinstitutionen, die ähnlich wie Banken Kredite vergeben oder kreditähnliche Geschäfte betreiben und/oder in der Fristen- und Liquiditätstransformation tätig sind – ohne jedoch wie die Banken Zugang zu einer Zentralbank zu besitzen oder Mitglieder von Einlagensicherungsfonds zu sein. Dies ist ein Grund, warum die Überwachung und gegebenenfalls Regulierung von Schattenbanken wichtig erscheint. Zu den Schattenbanken zählt man üblicherweise Geldmarkt-, Investment- und Hedgefonds, Makler- und Handelshäuser und spezialisierte Finanzierungsgesellschaften, nicht aber Versicherungen und Pensionsfonds.

 

2. Wie bedeutend sind Schattenbanken?

Mittlerweile global sehr bedeutend. Ihr globales Geschäftsvolumen ist von 26 Billionen Dollar im Jahre 2002 über 62 Billionen Dollar (2007) auf 67 Billionen Dollar (2011) gestiegen und erreicht damit in etwa die Hälfte des Geschäftsvolumens der Banken. Das Geschäftsvolumen der Schattenbanken entspricht rund 110 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Länder, aus denen Schattenbanken Geschäfte betreiben. Vom Geschäftsvolumen von 67 Billionen Dollar entfallen 23 Billionen Dollar auf die Vereinigten Staaten, 22 Billionen Dollar auf den Euroraum und 9 Billionen Dollar auf Großbritannien

3. Welche Rolle spielen Schattenbanken in Deutschland?

Bislang keine sehr große, wie die Grafik zeigt, weil in Deutschland nach wie vor die Banken die mit Abstand wichtigsten Finanzhäuser sind. Das Gewicht der Schattenbanken hängt ab von der Ausprägung des Finanzsystems, das sehr unterschiedlich sein kann. In den Vereinigten Staaten sind Schattenbanken sehr viel wichtiger als in Deutschland, unter anderem wegen der größeren Bedeutung von Geldmarkt- und Hedgefonds. Außerm gibt es in Amerika viele sogenannte “Broker-Dealer”, die man als Wertpapierhandelshäuser bezeichnen kann, die ebenfalls unter die Schattenbanken eingereiht werden.

Bild zu: Schattenbanken: Aus dem Dunkel ins Licht

 

4. In welchen Ländern sind Schattenbanken besonders wichtig?

Wählt man das Verhältnis des Geschäftsvolumens der Schattenbanken zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der jeweiligen Gastländer zum Maßstab, liegen Hongkong (520 Prozent), die Niederlande (490 Prozent), Großbritannien (370 Prozent), Singapur (260 Prozent) und die Schweiz (210 Prozent) vorne. Nicht zufällig findet man dort internationale Finanzzentren. Die hohe Zahl für die Niederlande erklärt sich auch mit der Existenz sogenannter spezieller Finanzinstitutionen, für deren Existenz auch steuerliche Gründe wichtig sind.

 

5. Was ist der Finanzstabilitätsrat?

Der Finanzstabilitätsrat (“Financial Stability Board”, FSB) ist eine der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich angeschlossene Institution, in der unter Zentralbanker, Finanzaufseher und Regierungsvertreter aus Industrienationen und Schwellenländern sitzen. Er unterbreitet Vorschläge, die zur Stabilität des internationalen Finanzsystems beitragen sollen. Der Finanzstabilitätsrat sieht die Schattenbanken als eine erhebliche Gefahrenquelle, auch wenn er die Existenz dieser Finanzinstitute nicht generell ablehnt, sondern sie – richtig beuafsichtigt und reguliert – aus gesamtwirtschaftlicher Sicht für nutzbringend hält. Allerdings haben die Schattenbanken in den Jahren vor der Krise mit einer sehr starken Geschäftsausweitung zum Aufbau jener Kreditpyramiden beigetragen, deren drohender Zusammenbruch in der anschließenden Krise die Stabilität des Finanzsystems bedrohte.

 

6. Wo befinden sich die größten Risiken im Zusammenhang mit Schattenbanken?

 

- Die Geschäftsbeziehungen zwischen Schattenbanken und normalen Banken sind sehr eng. Probleme bei den Schattenbanken können normale Banken in Schwierigkeit bringen (wie man im Jahre 2007 zum Beispiel anhand der IKB und der Landesbank Sachsen gesehen hat).

- Die jüngste Krise hat in den Vereinigten Staaten die Anfälligkeit besonders von Geldmarktfonds für massive kurzfristige Mittelabflüsse gezeigt. Hier schlägt der Finanzstabilitätsrat unter anderem eine marktbezogene Bewertung der Aktiva vor.

- Der Finanzstabilitätsrat empfiehlt aber auch, andere Schattenbanken auf systemische Risiken zu untersuchen.

- Schattenbanken sind in der Verbriefung und Handelbarmachung von Forderungen tätig, deren Risiken ebenfalls genau beobachtet werden müssen.

- Der prozyklische Charakter mancher Geschäftsarten (z.B. von Repos) muss genau analysiert werden.

Eine Bewertung der Vorschläge des Finanzstabilitätsrats hat für die Deutsche Bundesbank das Vorstandsmitglied Andreas Dombret in der F.A.Z. vorgenommen.

ERGÄNZUNG:

Die Deutsche Bundesbank behandelt in ihrem im November 2012 erschienen Finanzstabilitätsbericht 2012 auch das Schattenbankwesen in Deutschland. Für Interessenten an dem Thema Schattenbanken sehr empfehlenswert!

Ein Bericht der EZB zum Thema Finanzstabilität, der ebenfalls sehr lesenswert ist, erschien Mitte Dezember 2012.

 

 

 

____________________________________________________________________

Das Blog finden Sie unter http://www.faz.net/fazit und auf:
Fazit-Blog auf Twitter  Fazit-Blog auf Facebook
Fazit-Blog auf Google Plus

 
  Weitersagen Kommentieren Empfehlen Drucken
 

Richtlinien für Lesermeinungen

Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Lesermeinungen zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 6000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung der Lesermeinung weisen wir am Beitrag den Klarnamen des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.

Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Lesermeinungen von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.

Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.

Weitere Artikel

Datenschutzerklärung

Allgemeine Nutzungsbedingungen von FAZ.NET und seinen Teilbereichen

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Lesermeinungen automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.

Schließen

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden
Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
Sortieren nach
0 FAZ-gb 04.12.2012, 22:54 Uhr

Ein aktuelles Forschungspapier...

Ein aktuelles Forschungspapier aus dem IWF zum Thema Schattenbanken von Anfang Dezember 2012: http://www.imf.org/external/pubs/ft/sdn/2012/sdn1212.pdf

0 tricky1 27.11.2012, 13:04 Uhr

Ich finde, man sollte das Kind...

Ich finde, man sollte das Kind beim Namen nennen und statt schönfärberischen Schattenbanken den anschaulichen Begriff Finanzkasino verwenden!

Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.