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Bloß keine Transparenz

26.11.2012, 16:58 Uhr  ·  Manager, die zu viel über den Bonus ihrer Kollegen wissen, werden schnell unglücklich. Der Sonntagsökonom.

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Manager, die zu viel über den Bonus ihrer Kollegen wissen, werden schnell unglücklich.

Von Johannes Pennekamp

 

Es gibt Begriffe, die machen Karriere. Geprägt werden sie oft von Minderheiten, und weil sie einen Nerv treffen, sind sie schnell in aller Munde. Sie werden zum Schlagwort und entwickeln ein Eigenleben, das weit über ihre ursprüngliche Bedeutung hinausgeht. Doch irgendwann kann man sie nicht mehr hören, dann mutieren sie zu Unworten. “Nachhaltigkeit” ist so ein Begriff: vom Mantra der Öko-Avantgarde zur PR-Floskel.

Und jetzt also “Transparenz”. Von der Piratenpartei auf die politische Bühne katapultiert, hat der Begriff mittlerweile die höchste Sprosse der Karriereleiter erklommen. Ein sicheres Indiz: Bild zu: Bloß keine TransparenzWer heute Transparenz einfordert, bekommt Applaus. Und wer sie nicht sofort liefert, macht sich verdächtig. Peer Steinbrück weiß, wovon die Rede ist.

Zum Glück gibt es Ökonomen, die skeptisch sind, wenn andere applaudieren. Sie zeigen in einer Reihe von Studien, dass Transparenz, zum Beispiel beim Lohn, erhebliche Nebenwirkungen haben kann. “Transparenz von Anreizen und Boni ist oft ein zweischneidiges Schwert”, sagt der Kölner Forscher Peter Werner.

Der Ökonom stützt seine Aussage auf ein Feldexperiment, das ihm ein internationaler Großkonzern ermöglichte. Er stellte Werner und seinen beiden Kölner Forscherkollegen Dirk Sliwka und Axel Ockenfels Daten über die Bonuszahlungen an knapp 5000 seiner Führungskräfte in Deutschland und Amerika zur Verfügung. In beiden Ländern funktionierten die Bonussysteme gleich – mit einem einzigen Unterschied: Während die amerikanischen Mitarbeiter zu einem Stichtag lediglich ihre leistungsbezogenen Extrazahlungen überwiesen bekamen, erhielten die deutschen Manager zusätzlich zu ihren Boni Informationen, die es ihnen ermöglichten, sich untereinander zu vergleichen: Manager, deren Zahlungen unterhalb eines bestimmten Zielwertes lagen, konnten daraus ableiten, dass Kollegen im Gegenzug einen Aufschlag erhalten haben. Wer dagegen oberhalb des Referenzwertes lag, wusste, dass andere Manager dafür Abstriche von ihrem angestrebten Bonus hinnehmen mussten. Der Gewinn des einen wurde so zum Verlust des anderen.

Die beiden wichtigsten Folgen: Erstens stellten die Forscher fest, dass die Manager in Deutschland trotz des transparenteren Verfahrens im Schnitt deutlich unzufriedener mit ihrem Arbeitsplatz waren als die amerikanischen Kollegen. Zweitens zeigen die Daten, dass sich die deutschen Angestellten künftig weniger anstrengten als ihre amerikanischen Pendants. “Transparenz kann durch ungewünschte Vergleichsprozesse bedeutsame Kosten verursachen”, sagt Werner.

Die Negativdynamik begründet das Forschertrio mit Eigenheiten des Menschen, die Verhaltensforscher regelmäßig beobachten. Die relative Position zu anderen spielt demnach für das eigene Wohlbefinden eine extrem wichtige Rolle, außerdem leidet der Mensch an einer chronischen Verlustaversion: Er bewertet Geldbeträge, die ihm durch die Lappen gehen, höher als gleich große Beträge, die er gewinnt. Im Bezug auf die Boni bedeutet das: Die Unzufriedenheit derjenigen, die weniger als ihren angestrebten Bonus bekommen, wiegt schwerer als das Glück derer, die mehr kassieren als erhofft.

Löhne sind nicht der einzige Bereich, in dem zu große Offenheit Schaden anrichten kann. Gemeinsam mit dem renommierten Marktdesigner Peter Cramton (University of Maryland) erforscht der Kölner Forscher Ockenfels, wie viel Transparenz bei Auktionen herrschen sollte. Im Blickpunkt der Forscher stehen dabei Oligopolmärkte, das sind Märkte, die von wenigen, großen Akteuren beherrscht werden, wie beispielsweise die Telekommunikationsbranche. Dabei zeige sich, so Ockenfels, dass bestimmte Formen der Transparenz implizite Preisabsprachen vereinfachen können. Deshalb wird bei Versteigerungen sehr genau hingeschaut, welche Informationen über das Bietgeschehen an die einzelnen Bieter weitergegeben werden und welche nicht. Ockenfels: “Zuweilen ist das Bietverfahren sogar gerade dann besonders wettbewerblich, wenn bestimmte Informationen zurückgehalten oder sogar durch Zufallsmechanismen verzerrt werden.” Und was können Ökonomen in der Debatte über die Nebeneinkünfte von Politikern beisteuern? Andrea Mattozzi (European University Institute, Florenz) und Antonio Merlo (University of Pennsylvania) haben bereits im Jahr 2007 in einer in der Zeitschrift “American Economic Review” veröffentlichten Studie untersucht, wie es sich auf die Qualität von Berufspolitikern auswirkt, wenn sie ihre Nebenverdienste offenlegen müssen.

Sie gingen in ihrer theoretischen Analyse davon aus, dass ein hoher Zuverdienst eines Politikers ein sicherer Indikator für dessen berufliche Talente ist, die auch die Wirtschaft hellhörig werden lassen. Können Politiker ihre Nebeneinkünfte geheim halten, tun sich Konzerne schwer, besonders begabte Volksvertreter ausfindig zu machen. Muss der Politiker seine Einnahmen dagegen der ganzen Welt mitteilen, steigt die Gefahr, dass die besten Politiker in den Fokus von Unternehmen geraten und sie abgeworben werden.

In diesem – zugegeben etwas holzschnittartigen – Modell kommt das Forscherduo zu dem Schluss, dass mit höherer Transparenz die Qualität der Politiker, die eine Partei an sich binden kann, im Durchschnitt sinkt: “Unsere Resultate legen nah, dass die Erhöhung der Transparenz in der Politik nicht notwendigerweise eine wünschenswerte Sache ist.” Dass hohe Nebeneinkünfte die Prioritäten von Politikern verschieben und ihre Unabhängigkeit gefährden könnten, lassen die beiden Ökonomen in ihr Modell leider nicht einfließen.

 

Der Beitrag ist der Sonntagsökonom aus der F.A.S. vom 18. November 2012. Die Illustration stammt von Alfons Holtgreve

 

 

 

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Jahrgang 1983, Redakteur in der Wirtschaft in der F.A.Z.