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Fairness ist nicht gleich Fairness. Oder: Warum Klimagipfel so leicht scheitern und warum wir mit den Nachbarn streiten

06.12.2012, 09:38 Uhr  ·  Einen Streit zu beenden, ist schwer - selbst wenn jeder fair sein will. Weil jeder die Vorstellung von Fairness hat, die ihm selbst nützt.

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Einen Streit zu beenden, ist schwer – selbst wenn jeder fair sein will. Weil jeder die Vorstellung von Fairness hat, die ihm selbst nützt.

Von Patrick Bernau

Heute beginnt die heiße Phase beim Klimagipfel in Doha. Alle wollen eine drohende Klimakatastrophe verhindern, manche Staaten gehen sogar in Vorleistung und senken ihren CO2-Ausstoß freiwillig – und doch steht der Klimagipfel schon wieder vor dem Scheitern.

Von Foto: AFP anderen Verhandlungen kennen wir das als “Chicken Game“, kurz gesagt: Keiner will die Katastrophe – aber wer zuerst nachgibt, verliert. Ähnlich wie James Dean im Film “Denn sie wissen nicht, was sie tun”, in dem zwei Autos auf eine Klippe zufahren, bis einer bremst. Doch beim Klimagipfel-Rennen sind die Unterhändler schon einmal über die Klippe gefahren, und jetzt werden sie es aller Voraussicht nach wieder tun. Warum? Vielleicht hilft eine andere Erklärung.

Blicken wir auf die Forderungen. Die Industrieländer sagen, grob zusammengefasst: Wir müssen alle unsere CO2-Emissionen senken, Industrie- und Schwellenländer. Die Schwellenländer entgegnen ungefähr: Nein, wir müssen alle auf ein ähnliches – niedriges – Emissionsniveau kommen, die Industrieländer müssen mehr sparen, weil sie heute schon mehr ausstoßen. Die Europäer sagen: Wir haben schon so viel gespart – und die anderen sagen: Da könnt ihr doch noch mehr. Wer hat da Recht?

Man fühlt sich an Amartya Sens Flötenbeispiel erinnert: Drei Kinder streiten sich um eine Flöte. Das erste sagt: “Ich bin arm, ich kann mir keine Flöte kaufen.” Das zweite sagt: “Ich bin der einzige von uns, der darauf spielen kann.” Und das dritte sagt: “Ich habe sie geschnitzt.” Jeder hat ein gutes Argument nach einem anderen Fairness-Maßstab.

Und wer hat Recht? Die Antwort ist leicht zu verstehen, aber schwer zu akzeptieren: immer ich.

Selbst die freundlichsten und fairsten Menschen tendieren dazu, sich immer gerade die Regel auszusuchen, die ihnen selbst den meisten Vorteil bringt. Dazu gibt es zwei sehr klare Experimente, eines davon von Al Roth, der am Montag seinen Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften bekommt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Keith Murnighan verteilte er an Versuchsteilnehmer Lose, mit denen sie Geld gewinnen konnten. Jeweils zwei Teilnehmer mussten 100 Lose unter sich aufteilen. Wenn sie sich nicht einigen konnten, bekamen sie gar nichts. Aber: Einer der beiden bekam im Gewinnfall 20 Dollar, der andere nur fünf. Sollten die Lose jetzt hälftig aufgetilt werden – oder so, dass der erwartete Gewinn für jeden gleich hoch ist? Die meisten bevorzugte die Aufteilung, die für sie besser war. Über diesem Streit konnte sich fast ein Fünftel der Paare gar nicht einigen und ging leer aus.

Inzwischen hat diese Verhaltensweise einen eigenen Namen bekommen: “Self-Serving Bias”. Sie taucht auch unter Nachbarn auf und bei Kollegen: In einem Experiment von David Messick und Keith Sentis sollten die Teilnehmer sich vorstellen, sie hätten sieben Stunden gearbeitet und ihr Kollege zehn. Für sieben Stunden Arbeit sollte es 25 Dollar geben – was wäre dann für zehn Stunden angemessen? 30,29 Dollar, sagten die Leute durchschnittlich und waren damit gar nicht unfair. Doch eine andere Gruppe stellte sich vor, sie hätte die zehn Stunden gearbeitet. Sie fand für diese Arbeitsmenge 35,24 Dollar angemessen.

Manchmal kann halt der Frömmste nicht in Frieden leben, schon wenn er überhaupt einen Nachbarn hat. Und eine Einigung beim Klimagipfel erfordert nicht nur, dass die Regierungen zur Fairness bereit sind – sondern auch, dass sie sich darüber einigen können, was fair ist. Leicht ist das nicht.

Mit einem herzlichen Dank an Alexander Rajko für seine Literaturtipps.

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Veröffentlicht unter: Verhaltensökonomik, Al Roth, Klima

 

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Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.