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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Das Faszinierendste aus Wirtschaft und Finanzen. Prägnant beschrieben und kenntnisreich analysiert von Autoren der F.A.Z. und der Sonntagszeitung.

Schädliche Sparprogramme

| 18 Lesermeinungen

Sparprogramme schaden der Konjunktur viel stärker als gedacht, hat der Internationale Währungsfonds ausgerechnet. Was lernen wir daraus? Hohe Schulden werden leicht zur Falle.

Sparprogramme schaden der Konjunktur viel stärker als gedacht, hat der Internationale Währungsfonds ausgerechnet. Vor einigen Wochen haben Chefökonom Olivier Blanchard und Ökonom Daniel Leigh im Weltwirtschaftsausblick kurz die Ergebnisse einer Rechnung vorgestellt, der zufolge die Wirtschaftsleistung durch die Sparprogramme in der Eurokrise doppelt bis dreimal so stark beeinträchtigt worden ist wie vorhergesagt. Damit hat sich der IWF auch selbst korrigiert. Jeder Euro an Haushaltskonsolidierung hätte nicht – wie meist ungefähr angenommen – 50 Cent vom BIP gekostet, sondern eher 90 Cent bis 1,70 Euro (“Multiplikator” nennen Ökonomen diesen Wert).

Inzwischen haben die beiden im ersten IWF-Manuskript des neuen Jahres ihre Rechnungen ausführlicher vorgestellt und bestätigt. Bei der Financial Times hat der Kollege Alan Beattie den Schluss gezogen, dass der IWF trotz der neuen Rechnungen seine Sparpolitik nicht grundsätzlich ändern wird – er bezeichnet das als “Das Lockern eins fiskalischen Dogmas im Stil des Vatikans [des zweiten Vatikanischen Konzils]”. Aber hätte er denn einen Grund dazu?

Dazu müssen wir uns kurz vergegenwärtigen, was die Rechnungen genau zeigen:

a) Die Erwartung von Sparprogrammen hat kurzfristig negative Auswirkungen auf die Konjunktur, und zwar stärker als angenommen. Wer einen Staatshaushalt plant, muss mit weniger Steuereinnahmen rechnen, als er das 2008 oder 2009 getan hätte. (Die Prognosen für 2011 und 2012 waren schon erheblich besser; die Prognostiker hatten ihre Modelle offenbar schon angepasst.) Es geht übrigens vor allem um die Erwartung, auch wenn Blanchard und Leigh einen kurzen Robustheits-Test auf die tatsächliche Verwirklichung von Sparprogrammen machen.

b) In einer schweren Rezession ist die Staatstätigkeit wichtiger als im Aufschwung, mutmaßlich weil die Wirtschaft von selbst nicht so ausgelastet ist. (Keine Überraschung. Keynes hatte immer zuvorderst  an Zeiten von Krisen und Rezession gedacht.)

c) Wenn Sparprogramme erwartet werden, leidet die Nachfrage. (Keine Überraschung.) Die Nachfrage nach Investitionsgütern wird stärker getroffen als der Konsum, auch weil sie von vornherein stärker schwankt.

Das große Problem ist dann der Basiseffekt. Wenn mit dem Sparpaket die Wirtschaftsleistung zu schnell schrumpft, wächst die Schuldenquote – möglicherweise schneller, als man spart. Zum Beispiel in Griechenland, dem Land mit der größten Herausforderung beim Sparen, weil Defizit und Schuldenstand sehr hoch waren.

Das Primärdefizit Griechenlands sank von 10,4 Prozent des BIP im Jahr 2009 auf 4,6 Prozent im Jahr 2010. Im folgenden Rezessionsjahr vom 1.1.2010 bis zum 31.12.2010 stieg Griechenlands Schuldenquote von 145 Prozent auf 165 Prozent, nur 10,5 Prozentpunkte davon stammten aus dem Gesamthaushaltsdefizit. Daraus lässt sich überschlagen: Zwar hat Griechenland sechs Prozentpunkte an Haushaltsdefizit eingespart, doch die Schuldenquote ist allein wegen des Basiseffekts um zehn Prozentpunkte gewachsen, sechs bis zehn Prozentpunkte des Basiseffekts könnten durch das Sparprogramm entstanden sein – da lohnt sich das Sparen kaum noch.

Es hilft übrigens kaum, langsamer zu sparen. Kurz überschlagen, stellt sich heraus: Wie groß das Sparprogramm ist, ist kaum relevant. Das Problem wird umso größer, je höher der Multiplikator ist (also je tiefer ein Land in der Rezession steckt) – und je höher der Schuldenstand zu Beginn ist. Wäre Griechenland mit einer Schuldenquote von 50 Prozent des BIP in die selbe Krise gekommen, hätte ein Sparpaket gleicher Größe (bei neuem, hohem Multiplikator) den Schuldenstand gesenkt. Aber viel mehr hätte es nicht sein dürfen, schon 60 Prozent wären zu viel gewesen.

Angesichts dessen liegt die Forderung nahe, eben gar nicht zu sparen. Aber das kann keine Lösung sein, zumal in der Eurokrise. Das ist ja keine einfache Konjunkturkrise, sondern sie hat als einen wesentlichen Grund eben die Zweifel an der Bonität von Ländern wegen hoher Schulden. Wie soll ein Land auf Dauer Kredit bekommen, das sagt: “Wir müssen uns Geld leihen, weil wir uns das Sparen nicht mehr leisten können”?

Am Ende bleibt ein Dilemma. Ohne Druck sparen viele Regierungen nicht – siehe Italien -, unter Druck aber funktioniert es vielleicht nicht mehr.

Die Folgerung ist damit vor allem: Hohe Schuldenstände sind noch gefährlicher als gedacht. Staaten müssen sparen, solange sie können.

 

ps: Das heißt aus meiner Sicht nicht, dass man in weniger schweren Rezessionen nicht sparen sollte. Bei kleinerem Multiplikator lohnen sich Sparprogramme auch bei höheren Schuldenquoten. Aber ex-ante weiß man nicht, wie schlimm die nächste Rezession wird.

 

Foto: AP

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18 Lesermeinungen

  1. Berichtigung.
    16.57h Mein...

    Berichtigung.
    16.57h Mein Beitrag
    “auf dem Vormarsch sieht es…..”
    —————————————-

  2. @ErnstLudwig 13.32h

    "Boom and...
    @ErnstLudwig 13.32h
    “Boom and Bust” – so wurde ich die US-Wirtschaftsmodelle beschreiben, doch mit den BRICs / Sudostasien auf dem Aufmarsch sieht es m.M.n. düster aus für die US-Wirtschaft. Maybe the USA will start a “Cyber War” and disrupt the global economy?

  3. Es ist ein Trugschluß zu...
    Es ist ein Trugschluß zu behaupten, die Effektivität von Sparprogrammen wäre umso größer, je geringer die Gesamtverschuldung ist.
    Spanien hat einen geringen Schuldenstand, und auch dort hinterlassen die Sparprogramme vor allem verbrannte Erde.
    Argumentationen im Stile von “Das kann keine Lösung sein, zumal in der Eurokrise” sind nichts weiter als ideologisch und nicht faktenbasiert.
    Auch im Jahr 5 nach der Finanzkrise wird nach wie vor am Dogma des Sparens festgehalten, ganz nach dem moralischen Empfinden einer schwäbischen Hausfrau. Dass das nicht mit den Fakten zusammenpasst, stört weiterhin niemanden.

  4. @ fionn

    Sie dürften mit der...
    @ fionn
    Sie dürften mit der Schlußfolgerung zunächst richtig liegen, werter fionn.
    Das wird dann allerdings zu einer Schuldenblase führen, die danach uns allen wieder um die Ohren fliegt. Same pocedure as every year, James ;-)
    Die weitere Betrachtung führt auf die Frage, wie die Massenkaufkraft ohne erhebliche Kreditierung erzeugt werden kann, soweit eben die Einkommen aus menschlicher Arbeitskraft für den hohen Konsum nicht reichen.
    Auch ohne Karl Marx und ohne Kommunismus bzw. ohne einen überschuldeten Sozialstaat sollte sich ein Weg finden lassen: Hohe und breitgestreute Privatbeteiligung am produktiven Kapital.

  5. Ergo, in den USA / GB muss...
    Ergo, in den USA / GB muss CONSUMPTION über “masslose Kreditaufnahme” finanziert werden. Sonst brechen die Wirtschaften in den USA /GB ein, oder?

  6. If I remember right, over 70%...
    If I remember right, over 70% of the economies of the USA and GB depend on
    CONSUMPTION. And not surpringly massive deficits are the result. Alan Greenspan tried to warn us all with his memorable words “Irrational exuberance”….

  7. Wer ein Wirtschaftsystem über...
    Wer ein Wirtschaftsystem über maßlose Kreditaufnahme = Verschuldung künstlich aufpumpt, darf sich nicht wundern, wenn dem System sehr schnell und sehr heftig wieder die Luft ausgeht, sobald der Nachschub auch nur wenig nachläßt.

  8. Zusatz: Wer Erfolg hatte im...
    Zusatz: Wer Erfolg hatte im Leben, lebt von den Schulden der Anderen. Im Umkehrschluss, wer richtig Pech hat, hatte sich zumeist selbst in die Schulden- sumpf begeben. Da moralische Kategorien wenig nützen, sie sind wie Gummi, sollte man sich auf die genannte Formel einigen. Wenn sich Einer hinstellt und behauptet, ihm mache Geld nichts aus, wird das fast nie durch seinen Verzicht untersetzt. Jeder Geschäftsmann wird darauf achten, dass seine Schulden stets etwas kleiner sind als seine Forderungen. Da Staatsapparate in der Haushalts-disziplin eher schlecht sind, m u s s jeder vernünftige Bürger die wählen, die am Wenigsten schlecht sind. Das ist rein positiver Egoismus. Niemand sollte (bildlich) mit Sandalen in den Schnee gehen, weil sie leicht und bequem sind.

  9. <p>Am Beispiel einer...
    Am Beispiel einer E-Ü-Rechnung (wers komplizierter mag, nehme eine Bilanz) eines Kleinbetriebes mit selbst. Führung kann man alles sehen und begreifen, was dafür nötig ist. Jeder braucht letztens einen Nettogewinn, und wenn dieser nur 2-3 % vom Umsatz beträgt. Wenn eine x-beliebige Struktureinheit Soll und Haben nicht verwaltet, zum Beipiel mangels laufender Kontrolle, muss die Gewinnabsicht regelmäßig scheitern. Es wird zum Termin kommen, an dem einem die Bank sagen muss, wann welcher Kreditvertrag in welcher Höhe aus- läuft. Das ist den Griechen passiert. Sie haben ihre Schulden von 35 Mrd. € pro Jahr seit dem Jahr 2000 nicht irgendwo gemacht, sodern bei 2.100 internat. Banken in der Welt. Ich behaupte, der eingetretene Verlust an Übersicht und Rektionsvermögen war politische Absicht. Die Verantwortlichen haben seit 10 Jahren mit dem Vollzug des” bail out” spekuliert, und sie haben gesiegt. Es ist
    klar geworden, weil sie gedroht hatten die EU in den Abgrund ziehen zu wollen.
    Die Strategie war damit fertig. Letztens, Wohlstand ist immer die direkte Folge von Unternehmertum und menpower. Hier haben die Schwach-Staaten Defizite. Staaten und Sonstige leisten nichts, wenn sie nicht mittelständisch gefüttert werden. In Deutschland nimmt 6/10 der Bevölkerung nicht mehr am Erhalt des Sozialstaates teil. Nicht mal 1/10 zahlen 4/10 aller Steuern. Wir sind näher am Schicksal der DDR und Griechenland als die meisten Leute meinen.

  10. Was meiner Meinung nach...
    Was meiner Meinung nach völlig außer Acht gelassen wird, ist die Wirtschaftsstruktur eines Landes. Wenn ein Land mit einem vergleichsweise hohem Anteil am BIP spart(z. B. Deutschland), kann es entsprechende Nachfrageschocks besser überstehen, im Vergleich zu einem Land mit starker Binnenkonjunktur(z. B. Griechenland). In einem solchen Land wirken sich Kürzungen im Staatshaushalt unmittelbar 1:1 auf die Nachfrage aus, die späteren Folgen erhöhen den Multiplikator garantiert über 1.

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