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Legal, illegal – nicht egal

12.01.2013, 09:04 Uhr  ·  In Ländern, in denen Prostitution erlaubt ist, boomt der Menschenhandel - so wie bei uns

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Wenn sich Ökonomen mit dem Thema Prostitution befassen, können sie sich schnell blamieren. Ein abschreckendes Beispiel: Die beiden Ökonominnen Evelyn Korn und Lena Edlund mit ihrer “Theory of Prostitution”. In der Studie, abgedruckt 2002 im renommierten “Journal of Political Economy”, gehen die Forscherinnen einem ihrer Ansicht nach erstaunlichen Phänomen auf den Grund. Warum verdienen Prostituierte viel Geld mit einer Tätigkeit, für die es keiner besonderen Ausbildung bedarf? Ihre Antwort ist ein “hochformales Modell mit 14 mathematischen Gleichungen, dessen Darstellung 19 Seiten in Anspruch nimmt”, lästert der Schweizer Volkswirt Mathias Binswanger im Blog “Ökonomenstimme”. Der Forscher prangert in dem bisher meistgelesenen Blogbeitrag die Realitätsferne seiner Zunft an. Die Ökonominnen erklären die hohe Bezahlung in ihrem komplexen Modell als Entschädigung für geringere Heiratschancen der Prostituierten. “Die ,Freude am Sex’ mit einer jungen Frau als Hauptmotiv für die Nachfrage kommt im Artikel gar nicht vor.”

Sollten sich Ökonomen also besser erst gar nicht mit dem ältesten Gewerbe der Welt auseinandersetzen? Diese Folgerung ist gleich aus mehreren Gründen falsch. Ökonomen sind gefragt – zum Beispiel wenn es darum geht, ob der Milliardenmarkt, auf dem Frauen und Männer Sex gegen Geld anbieten, legal sein sollte oder nicht. Zum einen, weil sie sich in einer Zeit, in der immer mehr Lebensbereiche von ökonomischen Prinzipien durchdrungen werden, nicht vor ethischen Fragestellungen drücken dürfen, wie der gefeierte Harvard-Philosoph Michael J. Sandel anmerkt. Zum anderen, weil die Frage nach der Legalisierung nicht nur ethische, sondern auch handfeste empirische Fragen aufwirft: Nimmt der Menschenhandel zu oder ab, wenn Prostitution von einer Regierung zu einem ganz gewöhnlichen Beruf gemacht wird

Antworten liefern der Ökonom Axel Dreher von der Universität Heidelberg, die Ökonomin Seo-Young Cho vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin sowie Eric Neumayer, Professor für Umwelt und Entwicklung an der London School of Economics. In einer internationalen Vergleichsstudie kam das Forscher-Trio im vergangenen Jahr zu dem Schluss: Die Liberalisierung fördert den Menschenhandel und steigert damit die Zahl der Menschen, die als Ware in ein Land geschafft werden.

Wie ihre im Netz als weltfremd gescholtenen Vorgängerinnen arbeiten auch Cho, Dreher und Neumayer mit idealisierten Annahmen und einem mathematischen Modell – allerdings ohne dabei in die Elfenbeinturm-Falle zu tappen. Um die Folgen liberaler Prostitutionsgesetze zu erforschen, nehmen die Autoren an, dass auf dem Markt für Prostitution wie auf allen anderen Märkten ein Gleichgewicht aus Angebot und Nachfrage besteht. Ist das Geschäft mit Sex verboten, haben weibliche und männliche Prostituierte Angst, entdeckt und bestraft zu werden. Sie verlangen daher vergleichsweise viel Geld für ihre Leistungen. Erlaubt eine Regierung die Prostitution dagegen, entfällt diese Gefahrenprämie. Nachfrage und Angebot steigen – der Markt wächst.

Aber wächst damit auch automatisch die Zahl der Frauen und Männer, die von kriminellen Schlepperbanden über die Grenzen geschafft werden? Nicht zwingend. “Es gibt einen Substitutionseffekt, weg von illegal gehandelten Prostituierten, hin zu legalen, einheimischen Prostituierten”, schreiben die Autoren. Welcher Effekt überwiegt, die Mengensteigerung oder der steigende Anteil einheimischer Prostituierter: Das sei eine empirische Frage.

Um sie zu beantworten, werteten die Ökonomen umfangreiche Daten über Menschenhandel in 161 Ländern aus, die das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung für die Jahre 1996 bis 2003 gesammelt hat. Die Autoren stießen auf einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Gesetzeslage und Menschenhandel. “Unsere empirischen Erkenntnisse zeigen an, dass der Effekt der Prostitutionsausweitung nach der Legalisierung den Substitutionseffekt übertrifft”, folgern die Autoren. Dass die Ergebnisse andere Gründe haben könnten, etwa die wirtschaftliche Situation der Länder oder den Eifer, mit dem die Polizei Menschenhändler verfolgt, schließen die Forscher durch Kontrollrechnungen aus. Sie gestehen allerdings ein, dass ihre Ergebnisse mit einer gewissen Vorsicht zu genießen sind, da sich auf dem Markt vieles im Dunkeln abspielt und Daten weniger belastbar seien als in anderen Bereichen.

Deshalb untermauern die Autoren ihre statistischen Erkenntnisse mit einer Fallstudie. In Deutschland machte die rot-grüne Bundesregierung Prostitution zu einem regulären Beruf. Sie erlaubte es, Bordelle zu betreiben, und ermöglichte es Huren und Strichern, sich gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit zu versichern sowie in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen. Ein Jahr später, im Jahr 2003, schnellte die Zahl der Opfer von Menschenhandel in Deutschland sprunghaft nach oben: Bis zu 24 700 Prostituierte sollen einer Studie zufolge im diesem Jahr nach Deutschland gekommen sein, 2001 waren es noch höchstens 19 740. In Vergleich zu anderen Ländern scheint Deutschland für Prostituierte ein besonders gutes Pflaster zu sein. Hierzulande gehen einer Erhebung zufolge 150 000 Menschen anschaffen, zum allergrößten Teil Frauen – rund 60-mal mehr als in Schweden, obwohl in Deutschland nicht einmal zehnmal so viele Menschen leben wie in dem skandinavischen Staat.

Trotz ihrer eindeutigen Ergebnisse sprechen sich die Forscher nicht klar gegen die Legalisierung von Prostitution aus. Immerhin sei es möglich, dass die Reform auch positive Auswirkungen hat. “Die Arbeitsbedingungen könnten sich nachhaltig verbessern, zumindest für diejenigen, die regulär beschäftigt sind”, schreiben die Forscher. Das Eingeständnis der Bundesregierung aus dem Jahr 2007, nach dem nur ein Prozent der Prostituierten einen Arbeitsvertrag besitzt und die wenigsten gesetzlich versichert sind, blenden die Forscher dabei aus.

Der Beitrag ist der Sonntagsökonom aus der F.A.S. vom 6. Januar 2013. Die Illustration stammt von Alfons Holtgreve

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter: Ökonomik, Prostitution

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (17)
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0 kpl1949 31.01.2013, 18:25 Uhr

("Die ,Freude am Sex' mit...

("Die ,Freude am Sex' mit einer jungen Frau als Hauptmotiv für die Nachfrage kommt im Artikel gar nicht vor"). Daraus wird auch umgekehrt ein Schuh: Viele (junge) Frauen werden aus Freude am Sex Prostituierte. Zumindest spielt dieser Faktor, wie man aus Befragungen und Studien weiß, bei der Entscheidung häufig eine nicht unerhebliche Rolle.

0 Matt 25.01.2013, 22:14 Uhr

Laut der International Labour...

Laut der International Labour Organization leben 27 Millionen Menschen weltweit als Sklaven verschiedenster Art. Hier ist eine Interessante Website von Leuten, die aktiv dagegen vorgehen. http://enditmovement.com/#Mission

0 Sina 16.01.2013, 14:26 Uhr

Schade, dass der Autor diese...

Schade, dass der Autor diese höchst zweifelhafte "Studie" nicht besser recherchiert hat. Ich empfehle den Artikel auf "Menschenhandel Heute" zu diesem Thema. Jeder, welcher sich die Mühe macht und eine Grundausbildung in Statistik und wissenschaftlichem Arbeiten hat, wird die unwissenschaftlichkeit der Studie durchschauen.

0 Frank 13.01.2013, 13:51 Uhr

Im Artikel steht zu lesen:...

Im Artikel steht zu lesen: "Ein Jahr später, im Jahr 2003, schnellte die Zahl der Opfer von Menschenhandel in Deutschland sprunghaft nach oben: Bis zu 24 700 Prostituierte sollen einer Studie zufolge im diesem Jahr nach Deutschland gekommen sein, 2001 waren es noch höchstens 19 740. "
Es wird also suggeriert, dass alle in Deutschland tätigen ausländischen Prostituierten das Opfer von Menschenhändlern sind. Wo, bitte schön, bleibt der wissenschaftliche Beweis für diese Behauptung? Wäre es nicht besser, man setzt sich mit dem Zustand des Sozialsystems in den Herkunftsländern dieser Frauen auseinander anstatt Geld für Studien mit zweifelhaftem Wert zu verschleudern?
Die Diskussion, ob Prostitution legal oder illegal sein sollte, ist von gestern. In Deutschland war Prostitution nie illegal sondern sittenwidrig. Prostitution ist so alt wie die Menschheit. Sie ausmerzen zu wollen ist illusorisch. Es ist eines zivilisierten Staatswesens würdig, Rahmenbedingungen zu definieren und durchzusetzen, unter denen diese Frauen ihrer Tätigkeit geregelt nachgehen und die Freier sie nachfragen können. Nur so kann der immer noch vorhandene kriminelle Untergrund zurückgedrängt werden. Wir mögen das Anbieten von und Nachfragen nach sexuellen Dienstleistungen als unanständig empfinden. Es steht einem demokratischen Staat jedoch nicht zu, seinen Bürgern vorzuschreiben, was anständig ist, solange sie nicht die Rechte Dritter verletzen. Wieso die freie und selbstbestimmte Ausübung des Berufes Prostituierte die Rechte Dritter verletzen soll, verschließt sich mir.

0 Kurt Letis 13.01.2013, 11:43 Uhr

Auch dieses Thema wird in den...

Auch dieses Thema wird in den öffentlich-rechtlichen Medien und damit gesellschaftlich völlig ausgebendet. Dokumente, Bücher und Filme liegen vor. Man müsste sie nur hervorholen. Filme wie "Lylia forever" oder "Neun Leben" sind bekannt. Statt dessen gibt es Propaganda für teueren Solarstrom und schlecht gemacht Shows. Die Fallhöhe, die Menschen in diesem Land überbrücken, steht in einem eklatanten Widerspruch zu deren medialer Relevanz.

0 Kurt Letis 13.01.2013, 11:33 Uhr

1. Das benannte Ziel der...

1. Das benannte Ziel der damaligen rot/grünen Regierung war die Verbesserung der Bedingungen für die Prostituierten. 2. Das Gesetzt wurde so formuliert, dass es dazu führte, dass sich Prostitution (und die Begleiterscheinungen, wie Menschenhandel, etc) ausbreiteten. 3. Ob die menschliche Sexualität eine bezahlbare Dienstleistung sein sollte, ist eine zu wenig beachtete Frage. Erst daraus ergibt sich die Frage, ob der Staat Prostitution mindern, sicherstellen oder fördern soll. Daraus ergibt sich auch die Grundlage für eine Volkswirtschaftliche Kalkulationen, wie der oberen. Es gibt Länder, wie Schweden oder Israel, die einen anderen Weg gehen. 4. Es zeigt sich, dass vollständige freie Märke Unsinn sind. Wie bei der Deregulierg der Finanzwirtschaft und den Glübirnen, kommt es zu volkswirtschaftlich nutzlosen Effekten. Die Menschen handeln eben nicht immer nach rational Motiven. 5. Bei Gesetzen sollte man das einzelne Schickal von Menschen nicht aus den Augen verlieren. Die Regierungen sind sich offensichtlich nicht im klaren, was in Deutschland und Europa seit einigen Jahren hinter versteckten Türen los ist.

1 Sirisee 13.01.2013, 11:28 Uhr

"Die ,Freude am Sex' mit einer...

"Die ,Freude am Sex' mit einer jungen Frau als Hauptmotiv für die Nachfrage kommt im Artikel gar nicht vor." Da musste ich lachen: Wieder einmal erstaunliche Forschungsergebnisse. Dass ältere Wissenschaftlicherinnen dies nicht schreiben, ist natürlich sehr verwunderlich; die männlichen Forscher wagen es nicht zu schreiben, um nicht als Sexisten zu gelten, und so ist das Thema natürlich ein wirkliches Rätsel gebieiben ... Vorschlag: Forscht doch über das Liebesverhalten von Amöben, vielleicht kommt ihr da weiter...

0 Stoertebecker82 13.01.2013, 10:10 Uhr

@Andreas Rheinhardt: Danke...

@Andreas Rheinhardt: Danke für Ihren Beitrag. Man konnte so etwas bereits vermuten, aber es ist doch immer deutlich besser, wenn es harte Zahlen dazu gibt. Und selbst wenn nach der Ausmerzung aller methodischen Schwächen der zitierten Studie noch ein messbarer Effekt übrig bliebe, gilt, was Marcel Zufferey schrieb: Dann muss man Menschenhandel gezielter bekämpfen. Prostitution zu kriminalisieren, ist sicherlich keine Lösung und vor allem ist's in sich illegitim.

0 Andreas Rheinhardt 13.01.2013, 09:57 Uhr

@Müller (13. Januar 2013,...

@Müller (13. Januar 2013, 10:31 ): Nein. Denn durch eine Legalisierung der Prostitution können ja auch so viel mehr Prostituierte legal arbeiten, dass man keiner/weniger Illegaler mehr bedarf. @H._Sulz: Die Studie von Di Nicola, welche die Autoren der anderen Studie falsch wiedergegeben haben, wurde übrigens vom Ausschuss des EU-Parlaments für Frauenrechte und die Gleichstellung der Geschlechter in Auftrag gegeben (einen Ausschuss für Männerrechte gibt es übrigens nicht). Ich teile ihre Auffassung, wonach in diesem Gebiet (und auf vielen anderen) viel feministische Ideologie im Spiel ist.

1 Müller 13.01.2013, 09:31 Uhr

Was ist denn da...

Was ist denn da realitätsfern? Legale Prostitution bedeutet mehr Prostitution. Wenn insgesamt mehr prostituiert wird ist es doch klar, dass es auch mehr illegale Huren aus dem Ausland gibt - ein Teil davon wird geschmuggelt, Menschenhandel nimmt also zu. Trivial.

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Jahrgang 1983, Redakteur in der Wirtschaft in der F.A.Z.