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Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Das Faszinierendste aus Wirtschaft und Finanzen. Prägnant beschrieben und kenntnisreich analysiert von Autoren der F.A.Z. und der Sonntagszeitung.

Der Allversicherungsstaat

| 17 Lesermeinungen

Der moderne Wohlfahrtsstaat versichert nicht nur Alter, Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Sondern auch makroökonomische Risiken, Branchen ohne Geschäftsmodell und sogar ganze Staaten, schreibt Wolfgang Schäubles Chefökonom Ludger Schuknecht in einem unveröffentlichten Papier.

Die Erfindung der Versicherung ist gewiss ein Fortschritt im Gang der menschlichen Zivilisation: Viele möglicherweise von einem Schaden Betroffene zahlen Prämien, die ausreichen, um wenige, die wirklich betroffen sind, zu entschädigen. Eine Versicherung organisiert Solidarität in einer Gesellschaft auf der Grundlage der Verfolgung rationaler Interessen aller. Weil niemand weiß, in wessen Haus der Blitz einschlägt, aber die Mathematiker die statistische Wahrscheinlichkeit von Gewittern und Blitzeinschlägen errechnen können, können die Versicherer die Prämien einigermaßen präzise kalkulieren.

Nicht selten bek Common Pool (Foto: Reuters)ommt ein komisches Gefühl, wer ständig in eine Versicherung einzahlt, ohne die Chance zu haben, daraus auch einmal Geld zu entnehmen. Zwar ist genau das das Prinzip der Versicherung (man hat dann eben Glück gehabt), aber menschlich verständlich ist es auch, sich einen Teil der Prämien zurückholen zu wollen: Man muss ja nicht gleich an Brandstiftung denken, aber der ein oder andere zusätzliche Arztbesuch legt sich nahe, weil man ja ohnehin in die Krankenversicherung eingezahlt hat. Jede Versicherung kennt das Problem des „Moral Hazard”, das man auch „common pool problem”  (Foto: Reuters) nennt: Aus einem Fonds, von vielen gespeist, wollen alle sich bedienen, weil sie schwer ertragen, dass nur die anderen profitieren.

Die Erfindung der Versicherung für kollektive Risiken (Alter, Arbeitslosigkeit, Armut, Krankheit) ist ebenfalls ein Fortschritt im Gang der menschlichen Zivilisation: Das Datum markiert die Erfindung des Sozialstaats. Unter dem Schleier des Nichtwissens weiß keiner, was das Schicksal mit ihm vorhat, muss jeder damit rechnen, er könnte bei den Verlierern einsortiert werden; er wird aus egoistischen Motiven bereit sein, seinen Solidarbeitrag zu zahlen, wird doch im Schadensfall auch ihm selbst Solidarität zuteil werden.

Ludger Schuknecht, Chefökonom (Leiter der Grundsatzabteilung) im Hause von Wolfgang Schäuble und zuvor lange Jahre in maßgeblicher Position bei der EZB, hat jetzt in einem bemerkenswerten (noch unveröffentlichten) Paper (dessen Thesen nicht zwingend die seines Ministers sein müssen) gezeigt, wie die Staaten das Versicherungsprinzip weit über den seit Bismarck überkommenen Bereich der Sozialversicherungen hinaus gedehnt haben. Dass es inzwischen zu einer exzessiven und gefährlichen Verschuldung der Wohlfahrtsstaaten gekommen ist, liegt an einem Common Pool-Problem, das darauf zurück zu führen ist, dass wir alle Unwägbarkeiten des Lebens als versicherbare Risiken behandeln, und wir bei Eintritt des Schadens vom Staat heraus gepakt werden wollen. Schuknecht fragt: Has insurance gone too far? Und er lässt keinen Zweifel daran, dass man die Frage mit Ja beantworten muss. Wir leben in einer Allversicherungsgesellschaft (einem Vollkaskostaat). Man sieht das am dramatischen Anwachsen der Staatsausgaben und der daraus resultierenden Folge der Staatsverschuldung. Während sich vom späten 19. Jahrhundert bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs die Staaten mit einer „Versicherungsprämie” von zehn Prozent des BIPs begnügten, werden heute Prämien (Staatsausgaben) von bis zu 50 Prozent fällig (das kann man nachlesen bei Vito Tanzi/Ludger Schuknecht: Public Spending in the 20th Century. Cambridge 2000).

Schuknechts Beispiele für die Allgegenwart des Versicherungsprinzips sind eindrucksvoll: Zu den klassischen Sozialversicherungen (inklusive Pflegeversicherung), die horrende Ansprüche einer alternden Gesellschaft generieren, kommt heute die öffentliche Versicherung vieler Branchen (vulgo: Subventionen): das reicht vom Bergbau bis zur Solarindustrie, deren Preise von der Versichertengemeinschaft (vulgo: heutige und künftige Steuerzahler) garantiert werden. In den vergangenen Jahren hat es sogar die Bankenindustrie geschafft, unter den Schirm staatlicher Versicherung zu schlüpfen. Mit der Drohung des Too big to fail ist es dem Finanzsektor gelungen, die Krise als Schadens- also Versicherungsfall darzustellen, der von der Allgemeinheit getragen werden muss. Als Versicherungsfall gedeutet, hat sich der Bankensektor darum gedrückt, die Haftung (vulgo: Kosten) für sein Handeln zu übernehmen.

Mehr noch: Es wird inzwischen auch erwartet, das die gesamtgesellschaftliche Nachfrage staatlich abgesichert wird. Wenn der Konsum der Bürger sich abschwächt, greift die staatliche Fiskalpolitik  als Kompensator ein. Am Ende verlangen Staaten und Regionen Versicherungsleistungen, und zwar selbst dann, wenn sie durch selbst verschuldetes Handeln (was dem Prinzip der Versicherung eigentlich widerspricht, was die Staaten deshalb auch leugnen)  in einer Notlage gelandet sind: ESM oder ESFM heißen diese neu aufgespannten Versicherungsschirme.

Wenn sich die staatliche Versicherungsgesellschaft übernimmt, müssen die Zentralbanken als „insurer of last resort” (Schuknecht: „or lender of last resort as it ist more kindly called”) ran. Diese Art der Rückversicherung ist nicht risikofrei. Man sieht das an den seit der Finanzkrise aufgeblähten Bilanzen der Zentralbanken.

Auch ein Blick auf die Verteilung der Prämienlasten ist lehrreich dafür, dass das Versicherungsprinzip grob ungerecht geworden ist. Längst ist klar, dass nicht die Armen (die vom Schicksal Vernachlässigten) am meisten von der kollektiven Versicherung profitieren. Inzwischen profitieren auch die Mittelschichten, die sich aber (über undurchschaubare Kanäle) ihre Entschädigung selbst finanzieren. Mit Blick auf die Versicherung einzelner Branche gilt: Raus gepaukt werden die Reichen (die Kapitalisten), während die Steuerzahler (in der Regel Arbeitnehmer) dafür die Prämien zahlen. Kein Wunder, dass die Lobbyisten der Industrie (Banken, Energie etc.) derart aktiv unterwegs sind und von der staatlichen Rettungspolitik so begeistert sind.

Schuknecht schließt: Sozialversicherung (in dem hier gebrauchten weiten Sinn) ist der Haupttreiber wachsender Staatsausgaben und anschwellender Staatsdefizite. Was ursprünglich zur Linderung kollektiver Risiken gedacht war, ist inzwischen zu einem immensen Risiko für die entwickelten Wohlfahrtsstaaten geworden.

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17 Lesermeinungen

  1. @ G.B. 11.48h
    O.K., ohne...

    @ G.B. 11.48h
    O.K., ohne “Dr”.
    MfG
    f.h.
    end/

  2. @fionn
    Nein, nicht in diesem...

    @fionn
    Nein, nicht in diesem Jahr, aber die F.A.Z.wird natürlich in Davos vertreten sein.
    Gruß
    Gerald Braunberger (ohne Dr.)

  3. The World Economic Forum 2013...
    The World Economic Forum 2013 January 23-27 in Davos-Klosters.
    Wird Dr Braunberger dabei sein und von dort berichten?

  4. Zur Ergänzung: Eine Kritik an...
    Zur Ergänzung: Eine Kritik an der Geldpolitik als Versicherer gegen gesamtwirtschaftliche Großrisiken hatten auf der letzten Tagung in Jackson Hole Markus Brunnermeier und Yuliy Sannikov vorgestellt. Wir hatten ihre Studie in FAZIT hier behandelt:
    http://faz-community.faz.net/blogs/fazit/archive/2012/09/02/eine-zentralbank-ist-keine-versicherung-neues-aus-jackson-hole-2.aspx

  5. @ravel meeth

    Der Beitrag...
    @ravel meeth
    Der Beitrag wurde von Rainer Hank verfasst und von Patrick Bernau in FAZIT eingestellt.
    Gruß
    gb.

  6. <p>Interessant. Man darf...
    Interessant. Man darf allerdings auf eine Inkonsistenz in dem Beitrag hinweisen. Ich lese in den letzten Absätzen folgendes :
    “Raus gepaukt werden die Reichen (die Kapitalisten), während die Steuerzahler (in der Regel Arbeitnehmer) dafür die Prämien zahlen. “
    und dann :
    “Schuknecht schließt: Sozialversicherung (in dem hier gebrauchten weiten Sinn) ist der Haupttreiber wachsender Staatsausgaben und anschwellender Staatsdefizite.”
    Das ist aber nicht das Gleiche. In dem einen Fall haben wir es mit einer Verteilung von unten nach oben zu tun, in dem anderen Fall mit einer Verteilung von oben nach unten. Dass die derzeitige Finanzkrise nicht wegen der Sozialausgaben ausgebrochen ist, sondern wegen des Kollapses einiger privater too-big-to fail-Finanzplayer (Standard & poors, AIG, usw. usf in den USA, Royal Bank of Scotl. in GB — und natürlich die HRE in Deutschland : 100 Milliarden €….dagegen sind alle Harz-IV Ausgaben peanuts) brauche ich Ihnen als Spezialisten nicht zu sagen.
    Was gewisse Ökonomen nicht mit einrechnen, ist der PREIS DES SOZIALEN FRIEDENS. Wenn die von der allumfassend versicherten Gesellschaft getragenen Kosten steigen, so liegt das z.B. auch an der alternden Gesellschaft, mit steigenden Kosten des Gesundheitssystems und mit Problemen bei der Finanzierung der Renten. Was nun ? Eine Aufkündigung des Generationenvertrags (wenn wir Beschäftigte z.B. uns weigerten, für die medizinischen Kosten der Rentner aufzukommen, usw.) würde dem gesellschaftlichen Konsens widersprechen, der eben den sozialen Frieden und eine gewisse politische Stabilität garantiert.
    Gleiches kann man sagen im Hinblick auf die Bekämpfung von Armut und ungerechter Einkommensverteilung. Letztendlich muss man sich überlegen ob man in einem MITTELEUROPA leben möchte oder in GUATEMALA, wo das Versicherungsprinzip sicher weniger ausgeprägt ist — dort ist jeder für sich allein verantwortlich : ist er aber zu Wohlstand gekommen, muss er sich auch selbst gegen die Gewalt absichern, die in einer solchen Gesellschaft immer präsent ist; die Allerreichsten brauchen dafür eine Privatmiliz.
    Ob dies unserer Idee einer idealen Gesellschaft entspricht, mag jeder selbst entscheiden. Ich persönich bin eher für SCHWEDEN zu haben (ein Land by the way, das besser über die Krise kommt als viele andere, in denen größere Ungleichheit herrscht : Griechenland, Portugal, Grossbritannien…)

  7. <p>Um die Menschen ging es...
    Um die Menschen ging es nie, es geht darum, daß die politische Klasse ihren eigenen Hintern rettet. Deren “Versicherungen” sind ihre höchstpersönlichen Rettungsanker.

  8. In der Kopfzeile ist Rainer...
    In der Kopfzeile ist Rainer Hank als Autor angegeben, in der Fusszeile Patrick Bernau. Was trifft zu?
    Danke für die Aufklärung.

  9. <p>Jau, im Prinzip...
    Jau, im Prinzip Zustimmung!
    Ich sehe aber eine etwas andere Gewichtung der Ursachen für die Staatsverschuldung. Man muss auch dazu sagen, dass seitdem die neoliberale Agenda hoffähig geworden ist man keine Möglichkeit ausgelassen hat, den mächtigen Lobbygruppen Steuergeschenke zu verabreichen.
    Nur einige Beispiele: Sei es in Form von Steuererleichterungen bei Erbschaften, Steuerbefreiung für Veräußerungsgewinne der Konzerne oder Absenken des Spitzensteuersatzes. Zugleich hat man stetig durch politische Entscheidungen dazu beigetragen, die Masseneinkommen relativ aber dauerhaft abzusenken. Man hat uns die gesetzliche Rente madig gemacht, um den Versicherungskonzernen das Ausschöpfen einer neuen “Ölquelle” zu ermöglichen. Die Politik geht den Lobbys auf den Leim und vertritt z.B. massiv Public-Privat-Partnership, die fast immer für die betroffenen Menschen nachteilig sind. Die absurden Rettungsorgien für die Finanzindustrie wurden schon erwähnt.
    Fazit:
    Es ist m.E. nicht DER Sozialstaat der das Problem ist sondern vielmehr die von der Politik unterstützte Lobbykratie, die im Namen der Finanz- und Wirtschaftsoligarchie ihre Interessen durchsetzt und damit einen immer größeren Kuchen des realwirtschaftlichen Produktivitätszuwachses für sich vereinnahmt, während die Arbeitnehmer und Rentner massive Reallohneinbußen hinzunehmen haben.
    Mit gravierenden Folgen für den deutschen Binnenmarkt und für unsere europäischen Nachbarn, wie die Handelsungleichgewichte in der Eurozone eindrucksvoll belegen. Unser schiefes, einseitig auf den Export ausgerichtete Wirtschaftsmodell ist eine Katastrophe für Deutschland UND Europa.
    Die Politikelite setzt m.E. gegen geltendes Recht mit Hilfe eines “Dikates der leeren Kassen” ihre TINA-Politik fort. Das wird ja auch offen gesagt: “Wir können Veränderungen nur in einer Krise durchsetzen”. Die Krise wird m.E. bewußt am Leben erhalten um eben die Interessen einer mächtigen Oligrachie durch zu setzen.
    Die Krise könnte sofort gelöst werden!! Einen glaubhaften Vorschlag hat z.B. Prof. Richard Werner gemacht. Auch andere Ökonomen haben sich dazu geäußert. Beispielsweise wird die Einführung eines Trennbankensystems nach Glass-Steagall in den USA, in GB und Frankreich öffentlich diskutiert, in Deutschland will man davon nichts wissen.
    Die Herren des Geldes, die Geschäftsbanken, müssen entmachtet werden! Wer z.B. den Bericht der WaS zum STEP-Market gelesen hat weiß das! Zudem müssen alle Zentralbanken politisch kontrolliert werden. Die EZB hat ganz entschieden zu viel Macht!
    Das erste was geschehen muss ist, dass internationale Finanz- und Wirtschaftskartell zu zerschlagen. Bevor das nicht gemacht wird, sind alle Gleise in Richtung Abgrund gestellt. Es besteht für mich kein Zweifel daran, dass unsere gesamtes Finanz- und Wirtschaftssystem unter diesen Bedingungen früher oder später zusammenbrechen wird, wir in eine weltweite Depression mit katastrophischen Dimensionen geraten. In der Folge halte ich einen WKIII für wahrscheinlich.
    Ich hoffe sehr, dass sich die Vernünftigen in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien ihrer Verantwortung bewußt sind, diese sehr reale Bedrohung sehen und entsprechend handeln.
    LG Traumschau

  10. <p>geht es bei der ganzen...
    geht es bei der ganzen versicherei nicht darum, dass diejenigen, die als die politische klasse bezeichnet werden und ganz vorn am trog stehen, auch in zukunft dort bleiben?

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