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Ist das Ende wirklich nah?

23.05.2013, 11:52 Uhr  ·  Die Phase hoher Leistungsbilanzdefizite in der europäischen Peripherie nähert sich offenbar ihrem Ende. Damit sinkt auch der externe Kapitalbedarf. Die hohen Bestände an Auslandsschulden bleiben jedoch eine Bürde, die eine langfristige Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit bedingt.

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1. Ein Beitrag der Ökonomen Matthew Higgins und Thomas Klitgaard im Liberty-Blog gibt Gelegenheit, wieder einmal einen Blick auf die Euro-Peripherie zu werfen. Die obige Grafik zeigt für Südeuropa eindrücklich, was wir in unseren FAZIT-Reihen zu Portugal und Spanien für diese beiden Länder ausführlich behandelt haben: den außerordentlich kräftigen Rückgang der Defizite im Außenhandel mit Gütern und Dienstleistungen. Das Ende des Zeitalters hoher Leistungsbilanzdefizite scheint dort nahe zu sein – aber ist es das auch auf Dauer?

2. Higgins/Klitgaard erinneren daran, was eine (annähernd) ausgeglichene Leistungsbilanz bedeutet: Im Inland entsprechen sich Ersparnis und Investitionen (annähernd); das heißt, der Bedarf an neuen Kapitalzuflüssen aus dem Ausland erübrigt sich (weitgehend). Allerdings hat sich (annähernde) Gleichgewicht der Leistungsbilanz bei einem deutlich rückläufigen BIP und hoher Arbeitslosigkeit eingestellt.

3. Gleichwohl kann keine Rede davon sein, dass die Verbesserung der Leistungsbilanz alleine oder ganz überwiegend das Ergebnis rückläufiger Importe wäre. Wie die Tabelle unten zeigt, sind in den vergangenen Jahren die Exporte besonders in Spanien, Portugal und Italien deutlich gestiegen. Die höheren Exporte bedeuten eine teilweise Kompensation der rückläufigen Binnennachfrage. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Weltmarktanteile Spaniens und Portugals in den vergangenen Jahren leicht zugenommen haben. Italien hat seinen Anteil in etwa gehalten, der Anteil Griechenlands ist zurückgegangen.

4. Die Grafik unten zeigt eine Ursache des Exportwachstums: Die traditionell stak auf den europäischen Markt ausgerichteten südeuropäischen Länder haben sich stärker für Exporte in Länder außerhalb des Euroraums geöffnet. Das ist im Grundsatz eine erfreuliche Entwicklung.

 

5. Das waren die guten Nachrichten. Nun kommen die großen Herausforderungen für die südlichen Peripherienationen. Die erste Herausforderung ist, die Leistungsbilanz nachhaltig nicht wieder in hoher Defizite abgleiten zu lassen. Diese Gefahr wird sich dann einstellen, wenn mit einer Belebung der Konjunktur naturgemäß die Importe wieder deutlich zunehmen. Dann werden auch die Exporte nachhaltig wachsen müssen und hierfür bedarf es einer Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit durch Reformen, weil die Peripherie trotz der Exportfortschritte in den vergangenen Jahren immer noch sehr stark von der Binnenwirtschaft abhängt. Ein wichtiges Ziel dieser Reformen besteht darin, exportorientierten Unternehmen leichter Zugang zu Kapital und Arbeitskräften zu verschaffen. Daten zeigen, dass viele Peripherieunternehmen unter einem Mangel an Eigenkapital leiden, der ihre Expansion hemmt, und die bisherigen Arbeitsmarktregeln schrecken von der unbefristeten Einstellung von Arbeitskräften ab.

6. Die binnenwirtschaftliche Anpassung der vergangenen Jahre ging in der Peripherie sehr stark zu Lasten der Investitionen. Dass seit 2008 die Immobilieninvestitionen deutlich zurückgegangen sind, ist angesichts der Immobilienkrise in Spanien verständlich. Aber es sind auch die übrigen Investitionen deutlich zurückgegangen. (Der Beitrag von Higgins/Klitgaard enthält eine anschauliche Grafik.) Ein nachhaltige Erholung der Wirtschaft und damit auch der Exporte ist ohne eine lebhaftere Investitionstätigkeit kaum vorstellbar.

7. Die dritte – und nicht geringste – Herausforderung ist der Umgang mit den als Folge der früheren Leistungsbilanzdefizite entstandenen hohen Beständen an Auslandsschulden. Wir haben in einem früheren Beitrag das Beispiel Portugals beschrieben: “Mitte der neunziger Jahre hatte Portugal kaum Auslandsschulden; aber im Jahre 2007 entsprachen die Auslandsschulden mit 165 Milliarden Euro bereits in etwa dem portugiesischen BIP. Die wichtigste Ursache dieser Kapitalströme war die Finanzierung von Leistungsbilanzsalden gegenüber EU-Partnerländern; die Leistungsbilanz gegenüber Nicht-EU-Ländern war niemals extrem defizitär.” Diese Bestandsprobleme in der Peripherie wurden schon von vielen Ökonomen angesprochen.

8. Solange die ausländischen Kapitalgeber Vertrauen in die Rückzahlungsfähigkeit besitzen, werden sie nicht auf schnellen Rückzahlungen ihrer Forderungen gegenüber der Peripherie bestehen. Im Falle fehlenden Vertrauens kann es hingegen, wie nicht nur in der Peripherie bereits beobachtet, zur plötzlichen Verweigerung ausländischer Kapitalgeber kommen, fällige Auslandsforderungen zu prolongieren. Diese sogenannten “sudden stops” sind grenzüberschreitend für die Konjunktur und die Finanzstabilität außerordentlich gefährlich – in der jüngsten Krise wurden sie über die Target-Salden ausgeglichen, was aber keine dauerhafte Lösung sein kann.

 

 
 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (8)
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0 Gerald Braunberger 11.06.2013, 08:56 Uhr

Eine aktuelle Analyse

Aus dem Bruegel-Institut:

http://www.bruegel.org/nc/blog/detail/article/1104-southern-europe-no-longer-indebting-to-the-rest-of-the-world/

1 Ole Maidag 24.05.2013, 19:07 Uhr

"Sparen und Investieren sind...

"Sparen und Investieren sind realwirtschaftliche Größen" schreiben Sie. Also jetzt bitte nicht vom Thema ablenken, gelle! Auch eine Finanzierung aus Eigenmitteln bleibt eine Finanzierung. Das wesentliche von dem eigentlich die Rede war doch, was unterscheidet den Kredit von allen anderen Finanzierungsformen: Das ist die praktisch unbegrenzte Geldschöpfung, die durch Kredite ermöglicht werden. Das ist ja gerade der Casus knaxus, weshalb eine Rückführung der Staatsverschuldung zumindest zunächst immer zu einer Schrumpfung der Wirtschaft führen muß, denn in dem Maße, in dem Kredite zurückgezahlt werden, schrumpft automatisch die Geldmenge und damit das BIP. Damit liefere ich Ihnen jetzt sozusagen frei Haus den eigentlichen Grund für die von Ihnen selbst in Ihrem Beitrag aufgestellte Behauptung.

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

0 Gerald Braunberger 24.05.2013, 09:14 Uhr

Geld baut keine Fabriken

@ Ole Maidag

Zunächst einmal müssen Investitionen überhaupt nicht extern finanziert werden. Die deutsche Industrie finanziert ihre Investitionen traditionell nicht unwesentlich über einbehaltene Gewinne.

Das ist aber nur ein Seitenaspekt. Eine Sachinvestition, zum Beispiel der Bau einer Fabrik, erledigt sich nicht mit der Finanzierung, sei es über einen Kredit oder den Kapitalmarkt. Geld baut keine Fabriken. Um eine Fabrik zu bauen, wird man auch realwirtschaftliche Ressourcen in Anspruch nehmen müssen. Das erscheint mir nicht allzu fern liegend...

1 Ole Maidag 24.05.2013, 07:04 Uhr

Wer real investieren will.....

muß sich Geld besorgen. Entweder über Kredite oder den übrigen Kapitalmarkt. Banken sind in unserem Sytem zumindest die die einzigen Institutionen, die Geld schöpfen also neu erschaffen können, daß sie den Kreditnehmern zur Verfügung stellen. Jetzt kommt es darauf an, wie dieses Geld verwendet wird. Echtes BIP-relevantes Wachstum entsteht nur, wenn für Investitionen verwendet wird. Fließt es z. B. in den Finanzsektor, so entstehen die berühmten Blasen, weil ja keine Werte neu geschaffen werden. Irgendwann knallt es dann, denn wenn die Kredite zurückgezahlt werden, "verschwindet" das geschaffene Geld automatisch wieder. Insoweit stimmt der letzte Satz Ihres Beitrags nicht so ganz. Es kommt vielmehr darauf an, das per Kredit geschaffene Geld solange z. Verfügung steht, nutzbringend eingesetzt, d. h. investiert und nicht verplempert wird. Das Verlagern von Ressourcen bringt per Saldo gar nichts.

2 Gerald Braunberger 23.05.2013, 19:58 Uhr

Real- und Geldwirtschaft

Nein, Sparen und Investieren sind realwirtschaftliche Größen. Die für eine Sachinvestition notwendigen Ressourcen sind nur verfügbar, wenn nicht alle Ressourcen verbraucht (sprich konsumiert) werden. Ex post entspricht in einer geschlossenen VWL die Ersparnis der Investition.

Die Kreditvergabe ist eine geldwirtschaftliche Größe. Wie Geld-und Realwirtschaft zusammenhängen, ist Thema der Makroökonomik spätestens seit Knut Wicksell.

Generell habe ich den Eindruck aus Blogdiskussionen, dass manche Menschen meinen (ich unterstelle das nicht Ihnen persönlich), aus dem Phänomen der Giralgeldschöpfung folge die ökonomische Beliebigkeit, was Konsum- und Investitionsmöglichkeiten angeht. Wer real investieren will, braucht aber Zugriff auf reale Ressourcen.

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

0 Andreas Huthmann 23.05.2013, 18:05 Uhr

Sehr geehrter Herr Braunberger, meine Frage...

Sehr geehrter Herr Braunberger,

meine Frage an Sie: können Nettoinvestionen nur übers Sparen realisiert werden (bei VWL ohne Ausland zur Vereinfachung). Was ist mit der Geldschöpfung des Bankenwesens, also der Nettokreditaufnahme der Sektoren. Das ist doch die eigentliche Größe und nicht das Sparen?

MfG

Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt in der F.A.Z.