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Wo sind Deutschlands optimale Steuern?

20.09.2013, 13:08 Uhr  ·  Steuern festzulegen, ist immer eine Abwägung: Wirtschaftswachstum steht gegen soziale Gerechtigkeit. Ein Modell zeigt: Nur die Linkspartei fällt mit ihrem Modell sicher aus dem optimalen Bereich.

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© dpaWie viel muss man zahlen?

Einen Steuersatz festzulegen, ist immer eine Abwägung – speziell den Spitzensteuersatz. Ist der Steuersatz zu niedrig, dann vergibt sich der Staat (im Fall des Spitzensteuersatzes begrenzte) Einnahmechancen und hinterlässt ein Gefühl sozialer Kälte. Ist der Spitzensteuersatz hoch, fliehen die Betroffenen im Extremfall aus dem Land. Auf jeden Fall aber werden Spitzenjobs und Überstunden weniger attraktiv, viele Spitzenverdiener arbeiten weniger – und Wirtschaftswachstum wie Steuereinnahmen werden gedämpft.

Am Ende steht die Abwägung: Wirtschaftswachstum gegen soziale Gerechtigkeit. Und wie soll die ausfallen? Der französische, an der Universität Berkeley in Kalifornien lehrende Ökonom Emmanuel Saez, der sich oft mit Ungleichheit und Steuerfragen beschäftigt, hat dafür schon vor Jahren ein mathematisches Modell entwickelt, mit dem sich aus den unterschiedlichen Vorlieben der Bürger und der wirtschaftlichen Lage ein optimaler Steuersatz errechnen lässt.

Das Problem ist daran nur, die Vorlieben der Bürger so zu erfassen, dass sie mathematisch in dieses Modell passen. Deshalb sind solche Rechnungen oft nicht sonderlich scharf. Am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) haben es jetzt zwei Ökonomen probiert: Johannes Hermle und Andreas Peichl. Sie errechnen eine große Bandbreite an möglichen Steuersätzen.

Wenn der Spitzensteuersatz wie derzeit ab rund 52.000 Euro Jahreseinkommen berechnet wird, kommen sie auf optimale Steuersätze zwischen 41 und 50 Prozent inklusive Solidaritätszuschlag – der aktuelle Spitzensteuersatz von insgesamt 44,3 Prozent (42 Prozent plus Solidaritätszuschlag) liegt da locker drin. Auch eine Abschaffung des Solidaritätszuschlags, wie sie die FDP fordert, fällt nicht aus der Bandbreite.

SPD und Grüne fordern höhere Spitzensteuersätze für höhere Einkommen. Die Grünen wollen insgesamt 51,7 Prozent ab 80.000 Euro Einkommen und liegen auch damit in der Bandbreite für diese Einkommensklasse. Die SPD schlägt 51,7 Prozent ab 100.000 Euro vor – für 100.000 Euro ermitteln die IZA-Ökonomen eine Bandbreite von 51 bis 60 Prozent, auch darin liegt die SPD.

Nur die Linkspartei fällt mit einem geforderten Spitzensteuersatz von insgesamt 79,1 Prozent ab einer Million Euro Einkommen völlig aus der Bandbreite, die Hermle und Peichl ermittelt haben – sie kommen für dieses Einkommen nur auf Steuersätze zwischen 58 und 68 Prozent.


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Lesermeinungen zu diesem Artikel (7)
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2 Michael Stöcker 29.09.2013, 12:55 Uhr

Vorschläge für ein leistungsorientiertes Steuersystem

Folgende Überlegungen zur aufkommensneutralen Steuerreform (somit bricht auch die CDU nicht ihr Wahlversprechen):

Signifikante Erhöhung des Grundfreibetrags (z. B. 12.000 EUR) sowie Wiedereinführung der wirklich linearen Steuerprogression (ohne Buckel), die allerdings flacher verlaufen sollte (z. B. 40 % bei 60.000 EUR). Dies ist eine Steuersenkung, die einer breiten (kaufbereiten) Bevölkerungsschicht zugutekommt. Ab dann ein flacherer Verlauf bis auf 90 Prozent (z. B. bei 1.000.000 EUR). Den zehnten kann man durchaus belassen (als homöopathische Dosis für Leistungsträgerargumentationsfetischisten). Das ist nicht zu finanzieren? Na, dann nichts wie ran an die Erbschaftssteuer als korrigierendes Regulativ für leistungslosen Vermögenserwerb. In der Summe sollten sich Senkungen und Erhöhungen ausgleichen.

Dies ist leistungsfeindlich? Ich glaube, dass das monetäre Anreizzystem für echte Innovatoren (damit meine ich echte Unternehmer und nicht parasitäre Finanzinnovationskreationisten, Algotrader und ähnliches unnützes Gesinde) eher eine nachgeordnete Rolle spielt. In unserer durch und durch ökonomisierten Welt dreht sich allerdings bei vielen alles um die monetäre Nutzenmaximierung.

Damit will ich nicht behaupten, dass Geld unwichtig ist. Ganz im Gegenteil. Aber wie sagte schon Paracelsus: Allein die Dosis bestimmt, ob etwas ein Gift ist. Viel hilft eben nicht immer viel und der abnehmende Grenznutzen von Geld ist offensichtlich. Einen echten Unternehmer interessiert nicht an erster Stelle die Rendite, den interessiert die Realisierung seiner Idee. Die Rendite interessiert in erster Linie die Geldkapitalgeber, denen die Idee oftmals völlig egal ist.

Sind die Gewinne sehr hoch, ist dies im manchen Fällen ein Zeichen einer echten Produktinnovation mit Alleinstellungsmerkmal, oftmals jedoch lediglich ein Indikator für mangelnden Wettbewerb auf Grund oligopolistischer und/oder kartellistischer Machtstrukturen. Kann man ihnen auf legalem Wege nicht auf die Schliche kommen, so kann man jedoch sehr wohl durch eine Mehrheitsentscheidung im Deutschen Bundestag eine Änderung in der Steuerprogression durchführen, die solche Monopolrenten wieder abschöpft.

Wer außerordentliches leistet, soll dafür auch außerordentlich vergütet werden. Und bei den ersten 500.000 EUR verbleiben immerhin noch ca. 235.000 EUR. Wahrlich kein Einkommen, bei dem man seine Wünsche asketisch zügeln müsste. Da der Grenznutzen der weiteren 500.000 EUR bis zum Höchststeuersatz von 90 Prozent deutlich abnimmt, sollte der Verlustschmerz durch die Freude überkompensiert werden, dass man der Gesellschaft, von der man so stark profitiert hat, wieder etwas zurückgibt. Ein Perspektivenwechsel kann durchaus hilfreich sein.

Solange aber Steuerhinterziehung ein Kavaliersdelikt ist und Steuervermeidungsstrategien ein Zeichen von Cleverness sind, werden die Menschen weiterhin einen nicht unbeachtlichen Teil ihrer Lebenszeit mit dem Lesen von Konz & Co. verbringen. Der Steuervermeidungstrieb ist bei vielen inzwischen ausgeprägter als der Sexualtrieb. Das wäre doch mal ein interessantes Dissertationsthema: Der Nexus zwischen quantitativer Entwicklung der Steuergesetzgebungsliteratur sowie der Nettoreproduktionsrate absterbender Gesellschaften.

1 H. Trickler 21.09.2013, 17:17 Uhr

So klar und einfach wie hier geschildert ist es leider nicht!

Dass allzu hohe Spitzensteuersätze zur Abwanderung führen, ist eine Binsenwahrheit. Es war in Schweden zu beobachten und die USA wollen es so weit treiben, dass die Geburt im Land eine lebenslange Steuerpflicht bewirkt, selbst wenn jemand den amerikanischen Pass abgibt. Das lässt sich allerdings nur dann durchsetzen, wenn andere Staaten mitmachen, aber wer weiss?

Die Progression ist in Deutschland aber imho nicht optimal realisiert, weil der Spitzensatz zu tief ansetzt und dann auch bei sehr hohen Einkommen nicht mehr ansteigt. Einkommen über 200K könnten bestimmt etwas höher besteuert werden, ohne dass eine signifikante Abwanderung stattfindet.

Dass Leute in der Einkommensregion von 200-500K bei höheren Steuern weniger arbeiten würden, ist eine unbewiesene Annahme. Aber falls es so wäre, leidet darunter das Steueraufkommen nicht wirklich. Falls die Arbeit gemacht werden muss, wird ein weiterer Manager eingestellt und es verbessert sich somit die Beschäftigungslage.

Wo das Steueroptimum für Superreiche ab 1 Mio liegt, liesse sich nur durch vorsichtige Steigerung und laufende Beobachtung feststellen. So lange bei einer Steigerung nur so wenige abwandern, dass eine Mehreinnahme übrig bleibt, ginge die Steuerrechnung noch auf. Man müsste aber sinnvollerweise auch den Wegfall für die Volkswirtschaft geeignet berücksichtigen und nicht nur die Steuereinnahme maximieren.

Offenbar ist aber die Lobbyarbeit dieser Kreise in der BRD so erfolgreich, dass entsprechende Überlegungen nur von der extremen Linken angestellt werden.

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

1 Herbert Spencer 21.09.2013, 09:47 Uhr

Widerspruch

Inzwischen werden viele Steuern als Marktpreise verkappt, etwa die Fernsehsteuer oder die EEG-Steuer. Selbst wenn man diese Quasi-Steuern vernachlässigt und sich nur an den offiziellen Abgabequoten orientiert, wird ein Normalarbeitnehmer mit rund 2/3 belastet und kann 1/3 seiner Wertschöpfung für sich behalten.

Warum sind denn Tankwarte und Myriaden anderer Dienstleister im Laufe der Jahrzehnte verschwunden? Weil die Steuerlast wie ein Zoll wirkt und solche Tätigkeiten verdrängt.

1 Sebastian Dahlhaus 20.09.2013, 15:40 Uhr

IZA

Ach guck an, ein unternehmensfinanziertes Forschungsinstitut findet die Steuerpläne der Linkspartei am schlechtesten. Überraschung!

Antworten (1) auf diese Lesermeinung

0 Wolfgang Hennig 20.09.2013, 13:44 Uhr

OPTIMAL...OPTI-MAL...

ist, das "MAL-PRODUKT" Gesellschaft, "HERZ-OPTISCH" sehen.
Wie kann ein Christ abwägen zwischen Wirtschaftswachstum und soziale Gerechtigkeit?
Soziale Gerechtigkeit ist Herzgerechtigkeit und das bedeutet nach christlichem
"Maß-Stab"...der "Wa(u)nder-Stab" aller chr.gesch. "Hirten"...
Leben leben in "herzlicher GLEICHHEIT"...dann kommt das "Wirtschaftswachstum".
Die "HERZWAAGE" ist die Abwägung.

Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.
Antoine de Saint-Exupery

Wer die Frage der "Abwägung" stellt, für den gilt folgender Satz:

Wem GENUG nicht reicht, dem reicht auch "mehr als genug" nicht.

:-)

Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.