Fazit – das Wirtschaftsblog

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AEA-Meeting (4): Amerikanische Ökonomen fordern ein neues Konjunkturpaket

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Trotz Anzeichen für eine robustere wirtschaftliche Erholung fordern amerikanische Ökonomen ein neues Konjunkturpaket. Der frühere Finanzminister Lawrence Summers erntet für seine These einer dauerhaften Stagnation viel Kritik.

© AFPLarry Summers

Für die Vereinigten Staaten haben Ökonomen eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass Amerika neben Deutschland sich am besten von den Schäden der Finanzkrise erholt hat. Die schlechte Nachricht: Es ist immer noch nicht genug und die Erholung ist zu schwach, um die Arbeitslosigkeit auf ein Normalmaß zurückzuführen. Auf der Jahrestagung der American Economic Association in Philadelphia forderten bekannte Ökonomen deshalb einen neuen schuldenfinanzierten Stimulus, um die Wirtschaft endlich in einen echten Aufschwung zu versetzen.

Die Vereinigten Staaten und Deutschland sind gemäß einer Analyse der Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff die einzigen großen Länder, deren Pro-Kopf-Einkommen rund ein halbes Jahrzehnt nach der Finanzkrise wieder das Niveau von vor der Krise erreicht hat. Reinhart und Rogoff beziehen sich für diesen Vergleich auf zwölf Länder, die von der Finanzkrise besonders stark betroffen waren. Das relativ gute Abschneiden Amerikas heiße aber nicht, „dass alles in Ordnung sei“, sagte Rogoff.

Umstrittene These der „säkularen Stagnation“

Zu den größten Pessimisten gehört dabei Lawrence Summers, der frühere Finanzminister, der Chefberater von Präsident Barack Obama war und in Harvard lehrt. Summers vermutet die Vereinigten Staaten in einer „säkularen Stagnation“, in der seit gut einem Jahrzehnt zu viel gespart werde und es zu wenig Investitionsmöglichkeiten gebe.

Diese fundamentale Verschiebung hätte, wenn sie zuträfe, weitreichende Konsequenzen: Der Realzins, der Sparen und Investitionen zum Ausgleich brächte, läge deutlich unter null Prozent. Die Geldpolitik könne, so Summers, die Wirtschaft kaum und nur um den Preis anschieben, mit der extrem expansiven Ausrichtung Blasen und Instabilitäten an den Finanzmärkten hervorzurufen. Summers folgert daraus, dass die Fiskalpolitik mit großen Infrastrukturinvestitionen gefordert sei, um die Ausgaben anzuregen. Die Vereinigten Staaten könnten sich langfristig zu rund 3 Prozent Zinssatz in einer Währung verschulden, die sie selbst drucken könnten. Die Arbeitslosigkeit in der Bauwirtschaft erreiche zweistellige Raten. Wann, wenn nicht jetzt, sei die Zeit, um den Kennedy Airport in New York zu reparieren, fragte der frühere Finanzminister.

Summers These der säkularen Stagnation ist unter Ökonomen aber sehr umstritten. Der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard, gab sich zuversichtlich, dass es so nicht kommen werde, und schlug abermals vor, dass die Zentralbanken zur Abhilfe höhere Inflationsraten von etwa 4 Prozent anstreben sollten. Stanford-Ökonom John Taylor kritisierte in Philadelphia falsche Fakten. Vor etwa zehn Jahren, als gemäß Summers These der säkulare Bruch eingetreten sein soll, habe Amerikas Wirtschaft einen kräftigen Aufschwung erlebt. Auch seien damals die globalen Sparquoten niedrig, nicht hoch gewesen. Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, betonte in Philadelphia, dass die sehr niedrigen Zinssätze ein natürliches Korrektiv darstellten und Investitionen erleichterten. Japans Erfahrungen mit schuldenfinanzierten umfangreichen Infrastrukturinvestitionen hätten dem Land kein dauerhaftes Wachstum gebracht.

Droht 2015 eine Überhitzung?

Harvard-Ökonom Martin Feldstein hielt sich in der Kontroverse zurück. Er empfahl ähnlich wie Summers, aber mit einem besonderen Dreh, ein Fünfjahresprogramm staatlicher Infrastrukturinvestitionen von mehr als 1 Billion Dollar, um die Konjunktur anzuregen. Solch ein Programm müsse indes mit sofortigen dauerhaften Steuersatzsenkungen und langfristigen Minderausgaben in den Sozialversicherungen verbunden werden, um die künftige Schuldenquote zu senken und um Investoren nicht zu verschrecken. Taylor warnte dagegen, dass der Zickzackkurs der Wirtschaftspolitik die Wirtschaft bremse.

Zumindest auf kurze Sicht sind dabei die Konjunkturaussichten für Amerika positiv. Darauf wies in Philadelphia unter anderem der scheidende Vorsitzende der Zentralbank Federal Reserve, Ben Bernanke, hin. Als wichtigste Gründe werden allgemein ein verlangsamter fiskalischer Sparkurs der Bundesregierung und eine stabilere weltwirtschaftliche Lage genannt. Feldstein sagte voraus, dass man beim Treffen der Ökonomenvereinigung 2015 wohl eine Sitzung abhalten müsse zum Thema: Droht uns eine Überhitzung?

 

Der Artikel erschien am 6. Januar in der F.A.Z.

Weitere Berichte von der Jahrestagung der AEA:
Ben, willst Du heute Nacht nicht die Welt retten?
Amerika und Deutschland erholen sich von der Finanzkrise am besten
Dr. Summers versus Dr. Taylor – wenn Ökonomen aneinander geraten

 

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1 Lesermeinung

  1. Summers, Reinhart und Rogoff (und andere)
    bieten keynes´sche Uraltrezepte feil, die noch nie in der Welt funktionierten.

    Dieses staatsgläubig verquaste Gerede unverständiger „Ökonomie-Sozialisten“ führt zu nichts, was Land und Leuten dienen könnte.

    Bekennt sich bereits die Fed dazu, nicht zu wissen, was sie seit 2008 da in USA so alles anstellt und was dabei herauskommen könnte, fühlt sich nun auch noch die versammelte Parteikonsulatio berufen, ihren Senf dazu zu geben – vergeblich, hilflos und peinlich.

    England führt es gegenwärtig vor: (Viel zu milde, aber immerhin) Austerity mit vertrauensbildenden weiteren Maßnahmen libertärer Provenienz führten das Land nebst Ökonomie und Menschen aus dem Desaster. Nun wird die Schraube weiter angezogen – weil es funktionierte.
    So macht man das – herrjeh!

    Es hat eben doch etliches damit zu tun, welcher Herkunft das ökonomische Denken und Handeln ist.

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