Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Nimmt die IT uns die Arbeit weg?

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… (t)he venture capitalist Marc Andreessen says: „The spread of computers and the Internet will put jobs in two categories: People who tell computers what to do, and people who are told by computers what to do.“ Only one of these two job categories will be well paid.
Erik Brynjolfsson/Andrew McAfee

 

Am Anfang steht eine Grafik. Sie zeigt die Situation in den Vereinigten Staaten, aber die in diesem Beitrag behandelten Zusammenhänge sind auch für Deutschland und Europa von erheblicher Bedeutung.

© Quelle: BernsteinWie Beschäftigung und Produktivität auseinander laufen…

Die Grafik zeichnet für die Vereinigten Staaten die Entwicklung von Produktivität und privater Beschäftigung seit der frühen Nachkriegszeit nach. Beide Größen sind lange parallel gelaufen. Die Produktivität ist fast stets gestiegen, wenn auch nicht immer mit einer identischen Rate. In den siebziger und frühen achtziger Jahren stieg sie unterdurchschnittlich; aber seit der zweiten Hälfte der neunziger Jahre ist ein überdurchschnittlich starkes Wachstum festzustellen.

Auch die private Beschäftigung ist im Trend gestiegen, aber seit dem Jahr 2000 laufen Produktivitätsentwicklung und Beschäftigung auseinander; bildlich gesprochen öffnet sich eine Schere. Das Problem am Arbeitsmarkt ist zweierlei: Die amerikanische Wirtschaft schafft weniger dynamisch Arbeitsplätze als früher (gemessen an Kennzahlen wie dem Verhältnis von Arbeitsplätzen und Bevölkerung) und viele derjenigen, die Arbeit haben, leiden unter einer schwachen Lohnentwicklung. Inflationsbereinigt haben amerikanische Haushalte heute im Durchschnitt ein geringeres Einkommen als im Jahr 1997.

Das hat eine Reihe von Konsequenzen. Der Anteil der Löhne am Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten befindet sich auf einem historischen Tiefststand. Die Einkommensverteilung ist sehr viel ungleicher geworden, wie unter anderem Arbeiten von Thomas Piketty und Emmanuel Saez zeigen (Ein FAZIT-Beitrag hierzu ist hier.)

Aber wie lässt sich diese Entwicklung begründen? Die MIT-Ökonomen Erik Brynjulfsson und Andrew McAfee sagen: Es liegt vor allem an der wachsenden Verbreitung der Informationstechnologie (IT), bei der, vereinfacht ausgedrückt, immer produktivere Güter und Dienstleistungen immer günstiger angeboten werden. (Hier ist ein aktuelles Buch der beiden Autoren, hier ein etwas älteres und hier eine Rezension.) *)

Was das für die Beschäftigung bedeutet, ist klar: Wenn der Produktionsfaktor Kapital immer reichlicher und billiger zur Verfügung steht, hat dies Folgen für den Produktionsfaktor Arbeit. Entweder wird die Arbeit in einer Industrienation wie den Vereinigten Staaten so wenig wettbewerbsfähig gegenüber dem Kapital, dass sie ganz wegfällt (oder in andere Länder verlagert wird). Oder aber Arbeit kann wettbewerbsfähig gestaltet werden, indem sie billiger wird. Die wenig dynamische Schaffung von Arbeitsplätzen sowie die Lohnentwicklung sprechen dafür, dass in den Vereinigten Staaten beide Einflüsse eine Rolle spielen.

In dieser Literatur finden sich Ausdrücke wie „das zweite Maschinenzeitalter“ **) oder „Rennen gegen die Maschine“, aber es wäre völlig falsch, Brynjolfsson/McAfee unter die Zivilisationspessimisten oder die Anhänger der These einer langfristigen wirtschaftlichen Stagnation wie Larry Summers einzureihen. Im Gegenteil: Sie sehen in den erheblichen Produktivitätsgewinnen aus der IT einen hervorragenden Beitrag für ein künftiges Wirtschaftswachstum. ***) Aber Arbeitsplätze müssen nicht zuletzt in anderen Branchen entstehen.

Die Effekte des „zweiten Maschinenzeitalters“ erklären die beiden Autoren sehr schön an einem Vergleich von Kodak und von Instagram. Das Unternehmen Instagram, das eine verbreitete Foto-App herstellt, wurde von Facebook für eine Milliarde Dollar gekauft. Kurz danach ging der traditionelle Fotoapparatehersteller Kodak in Insolvenz. Nach den Berechnungen der beiden Autoren beschäftigte Kodak zu seiner Glanzzeit 145.000 Mitarbeiter; Facebook/Instagram kommen auf rund 4600. Aber Kodak war an der Börse nie auch nur annähernd so hoch bewertet wie Facebook, das 7 Personen zu Milliardären gemacht hat – und jeder von ihnen ist deutlich reicher, als es Kodak-Chef George Eastman jemals war.

Die Botschaft ist eindeutig: Gegenüber dem „ersten Maschinenzeitalter“, für das Kodak steht, zeichnet sich das „zweite Maschinenzeitalter“, für das Facebook/Instagram stehen, durch weitaus weniger Mitarbeiter, aber eine höhere Wertschöpfung zugunsten einer geringeren Zahl von Mitarbeitern/Aktionären aus, die zu einer sehr viel ungleicheren Verteilung führt.

Die Geschichte von Brynjolfsson/McAfee klingt sehr plausibel. Der Zusammenhang zwischen der Ausbreitung der IT und dem Wachstum der Produktivität ist aber möglicherweise nicht ganz eindeutig. So liegt eine aktuelle Arbeit einer Gruppe von Ökonomen (darunter Daron Acemoglu) vor, die empirisch vorgegangen sind. Ihre Arbeit bestätigt – von ihnen zugestanden – einerseits die alte Erkenntnis, dass die Messung gesamtwirtschaftlicher oder sektoraler Produktivitätskennziffern schwierig ist und die Ergebnisse vorsichtig behandelt werden sollten. Zum zweiten haben sie getrennt voneinander untersucht, wie die Produktivitätsentwicklung in der IT-Industrie und im verarbeitenden Gewerbe, dass IT-Produkte verwendet, verlaufen ist. Die Ergebnisse sind differenziert, aber nur eingeschränkt im Einklang mit der These von Brynjolfsson/McAfee. So kommen die Autoren unter anderem zu dem Schluss, dass man positive Effekte von IT auf die Produktivität früher als die beiden MIT-Ökonomen annehmen, hätte sehen müssen – also etwa zu der Zeit, als Robert Solow nach ihnen suchte. ****)

Die These ist nicht gewagt: Das Thema Produktivität in hoch entwickelten Industrienationen bleibt aktuell und wird noch viele Arbeiten generieren.

 

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*) Es gibt auch andere Erklärungen für die ungleicher werdende Verteilung. In der oben erwähnten Arbeiten von Piketty/Saez werden unter anderem die Steuerpolitik seit den achtziger Jahren sowie die Aneignung substantieller Teile des BIP durch mit der Politik verbündete Intreressengruppen („rent seeking“) genannt. Das „rent seeking“ lässt sich auch als ein Symptom für eine nachlassende Qualität von Institutionen interpretieren; ein zum Beispiel aus Arbeiten von Acemoglu/Robinson bekanntes Thema. (Darüber informieren mehrere FAZIT-Beiträge, zum Beispiel hier).

**) Mit dem ersten Maschinenzeitalter wird die Industrielle Revolution verbunden, die sich im 19. Jahrhundert ausbreitete. Johann Wolfgang von Goethe schrieb im Jahre 1829: „Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter; langsam, langsam: aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen.“

***) Damit bieten die Autoren auch eine Lösung für das berühmte „Solow-Paradoxon“. Der amerikanische Nobelpreisträger Robert Solow hatte im Jahre 1987 in einem Zeitschriftenbeitrag die seitdem oft zitierte Beobachtung beschrieben, nachdem man nahezu überall Computer sehen könne – in Büros, in Fabriken, zu Hause -, aber nur in den Produktivitätsstatistiken nicht. Die Antwort von Brynjolfsson/McAfee lautet: Man kann die Produktivitätsgewinne des Computers sehr wohl in den Statistiken sehen, aber erst richtig seit den späten neunziger Jahren.

****) Womit das berühmte „Solow-Paradoxon“ – beschrieben in ***) – vielleicht doch noch nicht geklärt wäre…

 

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14 Lesermeinungen

  1. Ein Interview mit Erik Brynjolfsson
    Gefunden bei den Kollegen der WELT:

    http://www.welt.de/wirtschaft/article124868924/Wir-stehen-erst-am-Beginn-einer-neuen-Aera.html

  2. Die IT
    nimmt vor allem dann Arbeitsplätze weg, wenn man sie wie in Deutschland in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts verteufelt und deshalb freiwillig auf die Entwicklung und Produktion von Hard- und Software verzichtet. Die IT hat in weniger technikfeindlichen Ländern als Deutschland mehr Arbeitsplätze geschaffen als sie welche abgeschafft hat.

  3. die Thesen gehen von unterschiedlichen Basen aus und stimmen nicht
    in der sog. 1.Maschinenzeit gäbe es fein diversifizierte Unternehmenskalssen und Arten sowie Grössen. In der 2. maschienzeit wird es -bereits zu beobachten – nur noch wenig bzw. gering diversifiziere Unternehmungen- Grössen- Arten-Klassen geben: weil die IT alles unter ihre CREDO: Digitalisierung = Maximal-Taylorisierung, bringen. Im Prinzip wird jedes Unternehmen, das sich der Digitalisierung verschreibt, Zwangs-taylorisiert- alle Arbeitsprozess werden in 0-1- zerlegt. Die Arbeitswelt wird maximal standardisiert, um produktivitätsgewinne erzeugen zu können. Das bedeutet, dass immer weniger intelligente, aufwendige, differenzierte Produkte erzeugt werden. das bedeutet, dass immer weniger intelligente Unternehmen benötigt werden, was bedeute, dass immer mehr Monopol-Industrien entstehen und deshalb immer mehr Anleger auf die wenig verbliebenden Unternehmen wetten bzw. anlegen, was zwangsläufig deren Wert (vermeintlichen Wert) steigert.
    Der Clou bei der ganzen 2. Maschinenwelt ist also eine Hyper-Konzentration aller Einlagen, die zu einer Hyper-konzentration der Anlagemöglichkeiten führt. Mit Fortschritt und Vermehrung von Intelligenz hat das wenig bis gar nichts zu tun- im gegenteil. Am Beispiel Textil/Bekleidung sowie Spielzeug kann man diese generelle Entwicklung gut nachvollziehen. Im Prinzip kann man sogar von einer Verfluchung des Geschmacks, der Innovationskraft, der Vielfältigkeit sprechen, denn der Vorteil der IT lässt sich NUR durch noch weitere Vereinfachungen bewerkstelligen.
    Weil die IT immer nur „vergangenes“ produziert = Bestehendes alliiert, taylorisiert, also vereinfacht und damit beschleunigt und damit die Produktivität erhöht. IT kann nicht denken, kann also nicht erfinden, kann nicht Unbekanntes oder noch nicht gedachtes erdenken. IT ist Replikation auf höchstem Niveau.
    Bleibt zu fragen, wann der Moment gekommen ist, wenn alles auf den „Einen Nenner“ runter-taylorisiert ist, das wir nur noch in jeder Branche einen einzigen betrieb haben, der nur noch maximal 5 Produkte erzeugt. Die beiden Entwicklungsstränge, die sich gegenseitig bedingen und gegenläufig bewegen haben bald den optimalen Punkt (dort wo sie sich kreuzen) erreicht und danach geht’s bergab: mit den Industrien, mit den Preisen, mit den Innovationen, mit den Ergebnissen und mit der Akzeptanz- dann ha die IT ALLES erreicht, was zu erreichen war und hat die Produkt- und Produktionswelt zerstört. Und die Kultur und Menschheit ebenso.
    Zu schwarz? nein, nur konsequent. Und das ist die Triebfeder der IT-Macher: ich will noch konsequenter den Vorteil meiner IT ausspielen, koste es was es wolle. Google, facebook, MS, Oracle, Cisco tc sind die besten Beispiele.
    Wer die Entwicklung der IT analysiert, kommt zwangsläufig zu dieser Fortschreibung. Und es ist auszuschliessen, das morgen die KI (künstliche Intelligenz) bessere Ergebnisse als in den letzten 50 Jahren hervorbringen wird: NICHTS! die Ergebnisse der KI sind tatsächlich nur lächerlich und sub-sub-sub-optimal. Die Fähigkeiten, Fertigkeiten und Outputs der KI sind graduell im Vergleich zur menschlichen Genialität noch nichtmal in % zu messen!
    Das was zu tun wäre, wäre eine dramatische Reduktion des IT- Einsatzes auf der ganzen Welt und in allen Systemen, um die UNmenschlichkeit dieser IT einzudämmen.
    Egal, ob psychologisch oder mechanisch oder technisch oder wirtschaftlich: die IT hat noch nichts wirklich vorteilhaftes auf Dauer bewirkt. Aber sie hat Arbeitsplätze im grossen Stil zerstört, hat den grössten cash-drain der Historie in Unternehmen und bei Privat-Personen verursacht, hat kulturelle Errungenschaften von Jahrhunderten zerstört, hat Menschen degradiert und fördert Kriege durch Software-Entwicklungen weltweit. Und: ale massgeblichen Erfindungen der Welt wurden bisher OHNE die IT, sondern nur kraft des Denkens erzielt.
    Die Lügen ( falsche Versprechungen darf man ruhig Lügen nennen) haben leider viele Entscheidungsträger verblendet und nun sitzen sie in der falle und müssen immer neuen Versprechen mit Geld und sinnlosen Investments unterfüttern, weil der Aussteig noch schmerzlicher wird. Der IT-Hype, der den Kriegs-Hype, den Börsen-Hype, den Entertainment-Hype, den Spiele-Hype, den Werbe-Hype und zuguterletzt den Finanz-Hype verursacht, ist nur eine Blase und Schaum, der in spätestens 10 Jahren platzt.

  4. Vom Faustkeil….
    bis IT….ich schenke mir die Tirade von den Beschäftigungseffekten des wie immer gearteten technischen Fortschritts, die klügere Leute als ich bereits vorgetragen haben und in jedem Lehrbuch nachzulesen ist.

    Was mich stört ist die Graphik des Beitrages, die bezüglich „employment“ (also Zahl der Beschäftigten) seit dem Jahr 2000 unter geringen Schwankungen (mehr oder weniger) zu stagnieren scheint.
    Schaut man sich die letzte Veröffentlichung der BLS an (hier als pdf-Datei http://www.bls.gov/web/empsit/cps_charts.pdf , dort Punkt 3 – Civilian Employment, Chart 5. „Chart 5. Nonagricultural wage and salary employment Seasonally adjusted, 1990–2014“) ergibt sich zumindest ab 1990 ein völlig anderer Kurvenverlauf als der im Beitrag dargestellte. Nach BLS hätten die USA bis Anfang 2014 knapp die gleiche Anzahl von Beschäftigten wie vor der Krise.
    Ferner, warum scheint sich der behauptete Effekt in Deutschland nicht in der Zahl der Beschäftigten widerzuspiegeln?
    Ich weiß alle Statistiken, die man nicht selbst gefälscht hat….
    Aber selbst wenn…where ist the beef?

  5. Produktivität und Arbeitsplätze
    Als einer von denen, die Computern sagen, was sie machen sollen, mit Schwerpunkt auf Produktionsoptimierung und Logistik, sehe ich die Angelegenheit von der technischen Seite:
    1.) Produktivitätssteigerungen sind grundsätzlich gut, weil der Kuchen zum Verteilen dadurch größer wird. Wie der Kuchen am Ende verteilt wird, ist ein politisches Problem.
    2.) Die IT hat heute in der Produktion zwei Effekte:
    a) Die Produktivität steigt, es kann also preisgünstiger produziert werden. Nicht indem Roboter die Arbeit von Menschen erledigen, sondern weil wir inzwischen eine globale, just-in-time Logistik beherrschen. Aufgefallen ist das nach Fukushima, als plötzlich in deutschen Auto-Produktionsstandorten Teile in der Montage fehlten.
    b) Es werden nicht nur mehr, sondern vor allem höherwertige Güter hergestellt. Beispiel: Individualisierungsoptionen bei einem Automobil. Diese sind heute so vielfältig, dass es durchaus wahrscheinlich ist, dass während einer Baureihe keine zwei identisch ausgestattete Autos gebaut werden. Bei Ford T hieß es noch: „Sie können den Wagen in jeder Farbe bestellen, solange die Farbe schwarz ist.“
    Nach meiner persönlichen Meinung wird ein Teil der Produktivität wieder aufgefressen durch die Begehrlichkeiten, welche die IT weckt. Stichworte: „Data mining“ und „Big data“. Da werden an mancher Stelle gewaltige Anstrengungen unternommen, um Datenmodelle zu schaffen, deren Relevanz für die Realität ab&zu fragwürdig ist. Stichwort: „Parallelwelten in Konzernen“.

    Beschäftigung ist weniger eine Frage der Produktivität oder des Einsatzes von IT als eine Frage der Politik. In der planbaren Welt der Produktion werden immer weniger Menschen bei immer höherem Produktausstoss benötigt.
    Menschen werden aber immer noch gebraucht in einer „chaotischen“ Umwelt (wozu sich z. Bsp. jedes Zimmer verwandelt, in dem ich wohne ;)…) und im zwischenmenschlichen Bereich (Dienstleistungssektor).
    Vielleicht kann man einen Roboter bauen, der Haare schneiden kann. Die Frage ist: will ich das?

    Meine Idee, um zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen: auch Privatleute sollten Dienstleistungen voll vom Bruttogehalt absetzen können (wie das Firmen das ja auch können).
    Das würde die Schwarzarbeit bekämpfen und zugleich ein breites Arbeitsfeld für angelernte Arbeiten und Teilzeitarbeit eröffnen.
    Weil das aber manche Leute an „Herrschaft und Diener“ erinnert, wird es da wohl erhebliche Widerstände geben.
    Aber wenn ich einen Landschaftsgärtner beauftragen muss, der schon 35 EUR für die An- und Abfahrt berechnet und 45 EUR für die Arbeitsstunde, dann mähe ich meinen Rasen eben lieber selbst.
    In der gleichen Zeit könnte ich mich aber auch um meinen Sohn kümmern, der mich sowieso zu wenig sieht, und statt dessen jemandem 12 oder 13 oder 14 EUR geben, der meinen Rasen mäht. Damit wäre uns beiden geholfen.

    Beschäftigung wird durch politische Rahmenbedingungen gesteuert: ich kann das Kapital nutzen, um die Aufwärtsspirale in einem Land weiter zu treiben: Forschung, Bildung, Infrastruktur.
    Oder ich kann das Kapital verwenden, um einem kleinen Personenkreis eine obszöne Bereicherung zu ermöglichen (Stichwort: Boni dreimal höher als erwirtschafteter Gewinn).

    IT ist ein Werkzeug. Man kann damit den Alltag aller Menschen bereichern durch besseren Service und bessere oder preisgünstigere Produkte. Auf die Beschäftigung hat IT weniger Einfluss als die von der Politik gesteckten Rahmenbedingungen. Die schönsten Produkte nutzen uns nichts, wenn sich ein Großteil der Menschen sie sich nicht mehr leisten kann.
    Es ist immer noch genug Arbeit für alle da, sie muss nur richtig verteilt werden. Die IT kann auch da helfen, indem sie die Informationen in nahezu Echtzeit an die richtigen Stellen bringt. (Erste Ansätze gibt es: Internet-Angebote, die ähnlich ebay, keine Produkte, sondern Dienstleistungen anbieten.) Aber die IT kann das Problem der Beschäftigung nicht lösen, weil dies ein politisches und kein technisches Problem ist.
    Statt zum Nutzen aller Menschen kann ich die IT natürlich auch für eine globale und nahezu lückenlose Überwachung (dank Smartphones und Videokameras) der Bevölkerung einsetzen. Auch das ist eine politische Frage.

    Die IT nimmt per se keine Arbeit weg, sie verändert sie nur und hebt Ansprüche und Möglichkeiten auf ein neues Niveau.
    Insofern muss ich mich dem Satz anchließen:
    “The spread of computers and the Internet will put jobs in two categories: People who tell computers what to do, and people who are told by computers what to do.”

    Die IT entwickelt sich zum neuen Herrschaftsinstrument. Ich kann mich davon überwältigen lassen (so sieht es im Zeitalter nach Snowden derzeit aus) oder ich kann darauf drängen, die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass diese Technik allen zu Gute kommt.
    Es ist eine politische, keine technische Frage.
    Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die IT sich nicht direkt in den Statistiken niederschlägt: der Einfluß der IT auf Produktivität und Beschäftigung hängt extrem davon ab, wie sie genutzt wird.

    Im Übrigen möchte ich noch anmerken, dass die meisten IT-Großprojekte nicht an der Technik scheitern, sondern an der Politik – am Verteilungskampf um (Kapital-)Gewinne. Wie die NSA beweist, können wir technisch schon sehr vieles, wenn wir am gleichen Strang ziehen. Es wäre nur schön, wenn wir das auch bei Projekten tun würden, die zu unser aller Nutzen wären.

    • @ Uwe Kolb
      Zitat Uwe Kolb: „Aber wenn ich einen Landschaftsgärtner beauftragen muss, der schon 35 EUR für die An- und Abfahrt berechnet und 45 EUR für die Arbeitsstunde, dann mähe ich meinen Rasen eben lieber selbst.
      In der gleichen Zeit könnte ich mich aber auch um meinen Sohn kümmern, der mich sowieso zu wenig sieht, und statt dessen jemandem 12 oder 13 oder 14 EUR geben, der meinen Rasen mäht. Damit wäre uns beiden geholfen.“

      Kurze Frage:
      Wieso wäre in Ihrem Beispiel dem Gärtner geholfen, wenn er nur einen Bruchteil für seine Arbeit bekäme…. ganz zu schweigen von seinen Kindern, die ihren Vater bei dem Stundenlohn wohl weitaus seltener zu sehen bekämen?

      Ihre Arbeitsentlastung (das Mähen Ihres eigenen Rasens) möchten Sie gern von Ihrem Bruttolohn absetzen können, also von der Gemeinschaft bezahlen lassen. Schwarzarbeit würde lt. Ihnen dadurch vermieden. Wieso ist das Mähen Ihres eigenen Rasens Schwarzarbeit?

      Da gefällt mir der Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens besser: gute Löhne bringen dem Staat gute Steuereinnahmen. Die ermöglichen ihm die Zahlung des bedingungslosen Grundeinkommens…. und schon hätte auch der Gärtner genügend Zeit, sich um seine Kinder zu kümmern, was wiederum Betreuungsstätten und Kinderpsychologen sparen würde.

      … und Sie mähen Ihren Rasen gemeinsam mit Ihrem Sohn.

      Nur ein Vorschlag :-)

  6. Volltreffer !
    denke auch, dass hier einer der aktuellen Megatrends beschrieben wird. Das Wissen z.B. in den Unternehmen befindet sich – als Kombination von Nullen und Einsen – immer mehr in den weltweit vernetzten Systemen incl. Cloud. Und die Systeme werden immer intelligenter. Wirtschaftswachstum ohne Mehrnachfrage nach Arbeitskräften bei Realohnkuerzungen für die bestehend Jobs könnten so erklärt werden…

  7. Wie produktiv ist ein Auto?
    Nehmen wir mal an die IT sei ein Auto, da kann man sich mehr drunter vorstellen. Die Produktivität von Auto oder IT lässt sich in Betriebsstunden messen. Jetzt wird das Geld knapp, weil man mit Immobilien mehr verdient. Also fällt die Inspektion und der der Ölwechsel aus. Auch die Bremse funktioniert nicht mehr richtig und der Reifendruck stimmt nicht mehr. Kein Problem, einfach schneller fahren. Straßenverkehrsordnung braucht man nicht, weil wir globalisiert sind und uns am Land mit dem geringsten Sicherheitsstandard orientieren. Den Sicherheitsgurt können wir von der Zubehörliste streichen. Wenn die Karre steht, läuft man halt zu Fuß weiter, wenigstens Geld gespart. Kurzfristig mag dieser Ansatz sehr produktiv erscheinen. Langfristig sieht es anders aus. Es kann auch Produktivitätsrückgänge mit Technologie geben.

  8. Wenn die billigen Arbeitskräfte nicht mehr benötigt werden
    Dann wird die „Maschine“ fgenannt Wirtschaft die billigen Arbeitskräfte nicht auf ewig aus Spaß an der Freud grundversorgen, sondern sie wird diese überflüssigen Menschen (sofern sie arm sind) auffressen, etwas kleinkauen und ausspucken in eine Ecke wo sie nicht mehr stören.

    • Das Problem ist nur:
      Mit den Arbeitskräften werden zugleich auch potenzielle Kunden entsorgt, wie bereits in den großen Krisen des 19. und 20. Jahrhunderts. Und zur Entsorgung des überflüssigen Kapitals in Form nicht mehr absetzbarer Produkte, das sich nach Überhitzung der Produktionsmaschinerie akkumliert hat, sowie zur Entsorgung der überflüssigen Arbeitskräfte, diente dann in der Vergangenheit der Krieg. Und in der Zukunft? Ich habe den unheilvollen Eindruck, unser ‚Freiheitspräsident‘ meint just solches, wenn er propagiert, Deutschland müsse in Zukunft „wieder“ (!) „mehr Verantwortung übernehmen.“

      Ironie der Geschichte: Seit dem Zusammenbruchs des Ostblocks tun die aggressiven Vertreter des Neoliberalismus alles, um den Nachweis zu erbringen, dass Karl Marx doch Recht hatte.

  9. Das Zeitalter der Maschinen
    Die kommenden Veränderungen werden in ihrer Brutalität die erste indrustrielle Revolution weit in den Schatten stellen. Es wird keine Kassiererin an der Kasse benötigt, die Produkte über einen Scanner zieht. Es werden keine Zugführer gebraucht, um Strassenbahnen, U-Bahnen, S-Bahnen, LKW oder Autos zu fahren. Es werden keine Dozenten, Lehrer, Anwälte benötigt. Ab dem Zeitpunkt, ab dem Roboter sich im Haushalt bewegen können und Staubsagen, Ein- und Ausräumen können. Ab dem Zeitpunkt braucht der Mensch nicht mehr zu arbeiten. Das ist nicht so sehr Science Fiction. Wir arbeiten daran und sind kurz vor dem Durchbruch diese Visionen zu verwirklichen. Nur die Gesellschaft ist nicht darauf vorbereitet. Alleine deswegen predige ich das bedingungslose Grundeinkommen. Es benötigt eine neue Gesellschaftsform um in einem Leben ohne Arbeit existieren zu können.

  10. wer möchte diese Welt noch missen, mit allen Annehmlichkeiten
    Ich brauch ja die Arbeit nicht mehr Gottseidank. Aber eine Antwort auf Leute die meinen Bevölkerungswachstum würde die Rentenkassen auffüllen ist der Artikel allemal. Ein gutes
    hat die neue Zeit. Volksverblödung durch Primitivpropaganda wie noch in den 50ern und 60ern ist langsam passè. Man hat die Wahl der Information. Jalousien steuern und die Beleuchtung ein und ausknipsen, ist allerdings eine Frage des Geschmacks.

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