Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Warum lassen sich die Deutschen so viele Daten abnehmen?

| 6 Lesermeinungen

© APHier sind die Daten: Ein Rechenzentrum von Google

Warum sammeln Internetfirmen so viele Daten – und warum lassen die Leute das mit sich machen? Nach meinem Kommentar „Sammelt mehr Daten“ hat sich auf Twitter eine kleine Debatte ergeben, die noch mal eine längere Antwort erfordert.

„Das ist kein funktionierender Markt“, findet Marco Herack, der auch nebenan bei den „Wostkindern“ bloggt.

Jetzt versagt noch lange nicht der Markt, nur weil uns das Marktergebnis nicht gefällt. Einen Grund fürs Marktversagen braucht man schon noch.

Hier in Fazit haben wir schon ein paar Mal über die Rolle von Internetfirmen als natürliche Monopole gesprochen: Wie sie’s werden, dass ihre eigene Leistung eine Rolle spielt – und warum Konkurrenz schwer zu organisieren ist. Die Monopolfrage spielt hier aber keine große Rolle. Aus zwei Gründen:

  • Auch auf Monopolmärkten haben Nutzer jederzeit die Freiheit, ein Angebot zu nutzen oder es auch bleiben zu lassen. Sie entscheiden sich für die Nutzung.  Natürlich ist es in manchen Cliquen schwierig, sich als einzelner Facebook zu entziehen. Aber das ändert nichts daran, dass höchstens die Nutzer sich gegenseitig nötigen. Sie könnten sich auch geschlossen gegen die Nutzung entscheiden, wenn ihnen der Preis (in diesem Fall: die Datenunsicherheit) zu hoch wäre.
  • Selbst wenn die Nutzer eine Wahl haben, scheinen sie den Datenschutz vollkommen zu ignorieren. Android-Handys sind beliebter denn je, obwohl inzwischen deutlich mehr Datenschutzklagen über Android kommen als über iOS. StudiVZ hat selbst mit einem fetten Bekenntnis zum deutschen Datenschutz seinen Niedergang nicht aufgehalten.

Wenn also Marktversagen, dann muss das woanders herkommen. Mancher hebt darauf ab, dass die Leute immer noch nicht genug über die Daten-Unsicherheit informiert seien.

„Facebook hätte deutlich weniger Datenlieferanten, wenn alle wüssten, was mit ihren Daten geschieht“, schreibt Jörg Seidel. Und Egghat erinnert: „Es wurden nicht zum Spaß Wirtschaftsnobelpreise für Märkte mit Informationasymmetrien vergeben.“

Da kommen wir voran. Der Blick auf die Informationsassymetrie zeigt deutlich, warum hier der Markt gerade nicht versagt – sondern die Menschen einfach so entscheiden, wie sie es wollen.

Was passiert auf Märkten mit asymmetrischen Informationen? Gucken wir uns doch mal George Akerlofs klassischen „Market for Lemons“ an – Akerlof exerziert das Beispiel mit den Gebrauchtwagen durch.

  1. Die Käufer wissen nicht, wie gut der Gebrauchtwagen ist, den sie kaufen wollen.
  2. Die Verkäufer haben einen Anreiz, auch schlechte Gebrauchtwagen als gute zu verkaufen.
  3. Die Käufer bemerken, dass sie zu wenig über die Qualität ihres künftigen Gebrauchtwagens wissen. Sie werden misstrauisch.
  4. Die Käufer ziehen sich zurück, und der Markt bricht zusammen.

Was aber geschieht auf dem Markt für Suchmaschinen und Social Networks?

  1. Die Nutzer wissen nicht, wie gut der Datenschutz beim Dienstleister ist.
  2. Das Unternehmen hat einen Anreiz, auch mit schlechtem Datenschutz zu arbeiten.
  3. Die Nutzer bemerken, dass sie zu wenig über den Datenschutz wissen. Sie werden misstrauisch. Datenschützer und andere sprechen monatelang über Datenkraken, sogar in den Fünf-Minuten-Radionachrichten wird über den Datenhunger von Whatsapp gesprochen.
  4. Trotz allem ziehen sich die Nutzer nicht zurück, ja sie nennen den Datenschutz nicht mal auf Nachfrage als entscheidendes Problem.

Rhetorik hin oder her: So schlimm können es die Nutzer offenbar nicht finden.

____________________________________________

Das Blog finden Sie unter http://www.faz.net/fazit und auf:
Fazit-Blog auf Twitter Fazit-Blog auf Facebook
Fazit-Blog auf Google Plus

Der Autor auf:

0

6 Lesermeinungen

  1. Nicht nur Deutsche lassen sich so viele Daten abnehmen!
    Das Bewusstsein für Datenschutz ist in der breiten Bevölkerung vieler europäischer Länder viel zu wenig ausgeprägt. Das zeigt sich nicht nur im Internet sondern auch anderswo.

    Z.B. werden bei Einkäufen sog. Kundenkarten vorgewiesen, welche es dem Grossverteiler ermöglichen die einzelnen Barverkäufe bestimmten Kunden zuzuordnen.

    Auch beim Bezahlen mit Kreditkarte hinterlässt man solche Spuren, usw. usf.

    Ich befürchte dass die Konsumenten erst erwachen wenn es zu spät ist! Schade dass die Piraten welche als einzige Partei das Thema angepackt hatten politisch derart ungeschickt agiert haben.

  2. Titel eingeben
    Dem Monopol Argument muss ich widersprechen. Es ist ja nun mal die Eigenschaft eines Monopols das eine „Ware“ verkauft wird die im Grunde auch gewollt wird. Nur kann der Monopolist eben, da er der einzige Anbieter ist, einen überhöhten Preis (hier die Daten) verlangen. In der Tat könnte die Gesamtheit der Nutzer wechseln, aber müsste sich dann koordinieren wann und wohin. Nun kann ist es sehr gut möglich das sogar jeder einzelne gerne wechseln würde, aber ein soziales Netzwerk ohne andere Nutzer eben nichts wert ist und es sich deswegen für das einzelne Individuum alleine nicht lohnt abzuweichen (Nash Gleichgewicht) und das Monopol somit sehr wohl das Problem ist.

  3. Zu stark vereinfacht
    Sie vereinfachen meiner Ansicht nach zu stark.

    Nehmen wir mal Ihr Beispiel mit dem Auto.
    Ein Mensch muss nicht die Technik des Autos verstehen, um zu erahnen welche Nachteile er durch einen schlechten Kauf hätte.
    Das Thema Datenschutz ist aber viel komplexer. Die Menschen verstehen die Zusammenhänge nicht, und
    wenn sie Nachteile erleiden merken sie es nicht unbedingt sofort.
    Eine Aufklärung durch die Presse findet kaum statt, da hierzu lange ausführliche Artikel notwendig wären. Doch zum lesen langer Artikel kann die Presse leider nur einen Bruchteil der Menschen animieren.

    • Ganz genau
      Die Vorstellung das mir in ferner Zukunft durch die jetzt preisgegebenen Daten/Informationen irgendein, nicht näher definierter, Nachteil entstehen kann ist halt etwas abstrakt. Außerdem handeln Menschen nicht rational, jeder Raucher weiß das es ihm schadet, Trotzdem hört kaum jemand auf.
      Die Argumentation im heutigen Artikel ist genauso falsch und naiv wie gestern schon.

    • Wir sind gar nicht so weit auseinander. Es geht nur darum, wie man damit umgeht.

      Es gibt Leute, die sagen: Ich weiß besser als du, was dir guttut – das sind die Leute, die laut zum Boykott aufrufen, das Rauchen am liebsten ganz verbieten würden und immer größere Warnschilder auf Zigarettenpackungen drucken. Und es gibt Leute, die sagen: Du bist selber groß, du kennst die Risiken, wenn du das so willst, dann sollst du das so haben.

  4. Gibt ja noch andere Strategien
    Im Kern liegen Sie vermutlich richtig: Die Leute nehmen es nicht so schwer und der Markt ist auch nicht unbedingt zerstört. Er reagiert auch schon.
    Allerdings gibt es ja noch andere Strafreaktionen, als einfach auf einen Anbieter zu verzichten, z.B. „Wegtauchen“, „Selektieren“, „Verstellen“, „Vernebeln“. Speziell bei Facebook ist daher zu beobachten, dass das Misstrauen zwar sehr hoch ist, die Leute aber nicht durch Weglaufen reagieren, sondern durch andere Strategien die Datenkrake ausbremsen. Bei Jugendlichen beobachte ich z.B. folgende Strategien: Kein Klarname, wenig posten, Kommunikation abziehen Richtung Whatsapp (passiert ganz massiv). Dabei betrifft allerdings zugegebnermaßen die größte Sorge nicht die NSA, sondern das Beobachtetwerden durch das eigene Umfeld. Im Effekt spielt das aber keine Rolle: Das Monster bekommt weit weniger Futter als es gerne hätte. Ich hatte selbst neulich ein Tool genutzt, das vorgab feststellen zu können, was Facebook über mich weiß – lieber Himmel, bei einem Sparnutzer ist das ziemlich wenig und hat mir meinem realen Leben ziemlich wenig zu tun. Das ist das Ergebnis eines „Normal-Gebrauchs“ und dass ich Facebook nicht aufs Smartphone lasse, doch im Prinzip sind solche individuellen Reaktionen der allgemeine Trend im Netz, übrigens auch bei Cloud-Services für Firmen. US-Speicheranbieter? Höchstens für Unwichtiges. Kurzum: Der Marktanbieter, dem breitflächig misstraut wird, kann auch zahlreiche andere Probleme bekommen (Margenverschlechterung, Grenzen für Expansions-Szenarien, Verringerung des Marktwachstums, regionale oder sektorale Konkurrenten).

Kommentare sind deaktiviert.