Fazit – das Wirtschaftsblog

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Böses Spiel mit den Arbeitslosen

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Das Denken der Federal Reserve dreht sich um die Phillips-Kurve. Doch wenn Zentralbanken den Langzeitarbeitslosen helfen wollen, überschätzen sie sich.

In den Vereinigten Staaten ist eine bemerkenswerte Diskussion entbrannt. Im Kern geht es um die Frage, warum Amerika nach der Rezession 2008/2009 nicht in die Deflation oder eine Phase sehr niedriger Inflation rutschte. Und das, obwohl doch die Arbeitslosenquote mit zehn Prozent ungewohnte Höhen erreichte. Ganz offensichtlich folgte die Wirtschaft nicht den keynesianisch inspirierten Modellen, nach denen der schweren Rezession ein entsprechender Preisverfall folgen muss.

© Holtgreve 

Im Kern fußt die Diskussion auf der Idee der Phillips-Kurve. Diese fast mythische Beziehung zwischen Arbeitslosenquote und Inflationsrate wurde in einer Urform 1958 vom neuseeländischen Ökonomen William Phillips am historischen britischen Beispiel festgestellt und trägt seinen Namen. Im Kern glaubten viele Ökonomen in der Folge von Phillips, dass Wirtschafts- und Geldpolitiker wählen können: Arbeitslosigkeit oder Inflation. Populär machte das 1972 in Deutschland der damalige Wirtschafts- und Finanzminister Helmut Schmidt mit der Formel des „Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit“.

Vier Jahr zuvor hatte allerdings Milton Friedman schon aufgezeigt, dass das Auswahlmenü zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation, wenn überhaupt, nur kurzfristig existierte. Nur auf kurze Sicht kann eine lockere Geldpolitik die Arbeitslosigkeit drücken. Auf mittlere Sicht gelingt das nicht. Wenn die Notenbank mehr Geld druckt und Inflation zulässt, sinken mit steigendem Preisniveau die realen, die inflationsbereinigten Löhne. Arbeit wird billiger, die Beschäftigung steigt. Merken die Arbeitnehmer dann, dass sie betrogen wurden, dass sie als Folge der Inflation weniger in der Tasche haben, und setzen sie höhere Löhne durch, sinkt die Beschäftigung wieder.

Auf lange Sicht ist eine aktivistische Geldpolitik so gegen Arbeitslosigkeit machtlos. Durchschauen die Arbeitnehmer und Unternehmer das Spiel der Notenbanken sogar sofort, dann hilft eine expansive Geldpolitik noch nicht mal kurzfristig der Beschäftigung. Entscheidend für eine langfristig gute Entwicklung am Arbeitsmarkt sind danach andere Faktoren wie die Produktivität, der Lohnzuwachs oder die Qualität der Ausbildung.

Friedmans Schluss war, dass expansive geldpolitische Versuche der Notenbanken zu mehr Inflation und mehr Arbeitslosigkeit führten. So kam es in den siebziger Jahren. Doch noch 1977 setzte der amerikanische Kongress der amerikanischen Notenbank Federal Reserve die Aufgabe, Vollbeschäftigung und Preisniveaustabilität zu gewährleisten. Den amerikanischen Geldpolitikern ist das Denken in den Kategorien der Phillips-Kurve gesetzlich vorgegeben, und nur wenige können sich davon lösen.

Die Vorsitzende der Federal Reserve, Janet Yellen, kann das auch nicht. Sie sieht die Möglichkeiten der Geldpolitik noch lange nicht ausgereizt, die Arbeitslosigkeit zu drücken. Die von ihr geführte Fed ist bereit, den Leitzins für einige Zeit unnormal niedrig zu halten, selbst wenn die Inflationsrate schon nahe der Zielgröße von 2 Prozent liegt. Yellen vermutet, dass die Unterauslastung der Kapazitäten durch Inflationsrate oder Arbeitslosenquote zu gering angezeigt wird und deshalb noch kein ernsthafter Preisdruck droht.

Das führt zurück zur Frage, warum es nach der Rezession nicht zum erwarteten Preisverfall kam. Der Internationale Währungsfonds und der frühere Fed-Vorsitzende Ben Bernanke begründen das mit einem Reputationseffekt. Danach haben die Notenbanken in den Jahren vor der Krise den Ruf erworben, die Inflation nicht zu weit fallen und nicht zu sehr steigen zu lassen. Die Stabilität der Preiserwartungen führt in dieser Sicht dazu, dass die Rezession, aber auch die folgende sehr expansive Geldpolitik weniger Einfluss als früher auf die Inflation haben. Das wäre die schöne, die ungefährliche Interpretation der Ereignisse.

Debattiert wird aber auch eine andere Sichtweise. Danach ist die Unterauslastung der Kapazitäten bei weitem nicht so groß und der Preisdruck höher als von der Fed angenommen. Der tiefere Grund dafür liegt im Arbeitsmarkt.

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen, die auch nach 26 Wochen keine Stelle finden, stieg mit der Rezession drastisch. Diese Langzeitarbeitslosen entfremden sich dem Arbeitsmarkt und werden von Unternehmen ungern eingestellt, weil sie – vermutet oder tatsächlich – an Qualifikation verlieren. Damit wäre das Angebot an Arbeit niedriger, als es die Arbeitslosenquote von zuletzt 6,1 Prozent anzeigt. Der implizite Lohn- und Preisdruck wären höher als vermutet. Anders gesagt: Betrachtet man nur die kurzfristigen Arbeitslosen, liegt die Arbeitslosenquote nicht bei 6,1 Prozent, sondern bei 4 Prozent. Das wäre ein klares Signal, dass die Fed schnellstens die Geldpolitik straffen müsste.

Die These der Langzeitarbeitslosen am Rande des Arbeitsmarktes hat der Princeton-Ökonom Alan Krueger gerade zusammen mit zwei Kollegen statistisch unterfüttert. Politisch ist das pikant, weil Krueger von 2011 bis 2013 dem Rat der Wirtschaftsberater von Präsident Barack Obama vorstand. Gerade von Ökonomen der Federal Reserve kommt Widerstand. Michael Kiley etwa findet Hinweise, dass Lang- und Kurzzeitarbeitslose gleich großen Abwärtsdruck auf die Löhne ausüben. Christopher Smith sieht Anzeichen, dass auch Langzeitarbeitslose wieder verstärkt in Arbeit finden, wenn die Kurzzeitarbeitslosigkeit abnimmt. Diese Studien stützen das Denken Yellens, dass die Geldpolitik weiter auf expansivem Kurs bleiben sollte.

Wenn aber Krueger & Co. recht haben, ist die Langzeitarbeitslosigkeit in Amerika im sechsten Jahr nach dem Absturz kein Problem mangelnder Nachfrage mehr, sondern hat sich schon strukturell verfestigt. Den Langzeitarbeitslosen könnten danach nicht mehr Yellen und die Fed helfen, sondern nur noch Ausbildung und Betreuung. Amerika würde so lernen, was Europa in den siebziger und achtziger Jahren kennenlernte. Auch damals brauchte es seine Zeit, bis die nachfragegetriebene Politik erkannte, dass sie die Angebotskräfte stärken musste.

 

Alan B. Krueger, Judd Cramer und David Cho: „Are the Long-Term Unemployed on the Margins of the Labor Market?“ Brookings Panel on Economic Activity, März 2014.
Michael T. Kiley: „An Evaluation of the Inflationary Pressure Associated with Short- and Long-term Unemployment“, Finance and Economics Discussion Series, Federal Reserve Board, März 2014.
Christopher L. Smith: „Using cross-state variation to assess the potential for additional improvement in measures of labor market conditions“, Feds Notes, Juni 2014.

 

Der Beitrag erschien als „Sonntagsökonom” in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 6. Juli. Die Illustration stammt von Alfons Holtgreve.

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1 Lesermeinung

  1. Die Ohnmacht der expansiven Geldpolitik
    Es ist schon erstaunlich, wie hoch die Wirksamkeit einer expansiv angelegten Geldpolitik bezüglich eines Wirtschaftswachstums mit Senkung der Arbeitslosenquote eingeschätzt wird, obgleich die empirischen Befunde häufig das Gegenteil sagen.

    Neu ist das nicht. Bereits um 1970 herum verkündete der damalige Wirtschafts- und Finanzminister und VWL-Professor Karl Schiller, man könne die Pferde zwar zur Tränke führen, aber saufen müßten sie schon allein. Das war das klare Eingeständnis, viel Geld in den Bankensektor mit niedrigen Zinsen zu pumpen, bringt häufig weniger als man hofft.

    Die Wahrheit bleibt. Geldpolitik wirkt asymmetrisch; kontraktiv sind Wirkungen schnell und deutlich, aber expansiv bleibt die Freude meist kurz oder entfällt ganz.

    Zu viele und zu mächtige Faktoren sind es, die das Schicksal des BIP, des Volkseinkommens u. ä. bestimmen. Und noch lockerer und unwägbarer werden die Zusammenhänge zum Arbeitsmarkt hin.

    Aber ideologiebesessene Wirtschaftsexperten werden ja nicht müde zu behaupten, mit Zentralbankgeld aus dem Füllhorn für’n Appel und Ei könne man die Menschen in Lohn und Brot bringen – es kann nicht sein, was nicht sein darf; das würde den Glauben an die Macht des Staates und seiner Zentralbank ja untergraben.

    Am Rande sei noch vermerkt, daß der besagte Karl Schiller 1992 das Memorandum gegen die EG-Währungsunion mit unterschrieb. Es war die Warnung vor dem Vertrag von Maastricht und der späteren Einführung des Euro. Und es war eine Warnung vor hohen Transferzahlungen in der EU und vor drohender Arbeitslosigkeit.

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