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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Bücherkiste (12): Das geheime Erbe Ludwig Erhards

| 15 Lesermeinungen

Es ist wieder chic geworden, sich auf Ludwig Erhard und seine Soziale Marktwirtschaft zu berufen. Das tut sogar Sahra Wagenknecht. Ein neues Buch vertritt jedoch die These: Wer sich heute als Erhard-Fan outet, schmückt sich leicht mit fremden Federn und dies umso mehr, als Erhards wirtschaftspolitische Konzeption in Deutschland niemals richtig verstanden worden ist.

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Diese provozierende These stammt von Horst Friedrich Wünsche, und sie verdient Aufmerksamkeit. Denn Wünsche ist vom Fach: Er war der letzte wissenschaftliche Mitarbeiter Erhards und er ist der wahrscheinlich beste Kenner der Veröffentlichungen und des schriftlichen Nachlasses des „Vaters des Wirtschaftswunders“.

Wünsches Buch ist ambitiös, interessant und aufrührend, aber auch bemüht. Der Autor will Erhards wirtschaftspolitische Konzeption  jenseits aller Vereinnahmungen herleiten und revitalisieren. Zu diesem Zweck wendet er sich nicht nur entschieden gegen seit langem in Deutschland betriebene Wirtschaftspolitik, die er als Kombination aus Marktwirtschaft, makroökonomischer Globalsteuerung und „sozialem Bürokratismus“ mit einer Vielzahl konzeptionsloser undschädlicher Interventionen des Staates beschreibt. Als Symbol der Abkehr vom Geiste Erhards bezeichnet er das 1967 verabschiedete Stabilitäts- und Wachstumsgesetz, mit dem die Tür zur Staatsverschuldung und zu einer kurzatmigen Wirtschaftspolitik geöffnet worden sei. Wünsche beklagt zudem eine gewachsene materielle Ungleichheit, mit der die Vorstellung eines „Wohlstands für alle“ an Strahlkraft verloren habe.

Kritik an der heute und seit langem betriebenen Wirtschaftspolitik darf man von einem Erhard-Anhänger erwarten. Wünsche wendet sich aber auch mit großer Wucht und geradezu verächtlich gegen die Vereinnahmung Erhards durch deutsche Liberale.

 

Erhard und die Historische Schule

Statt dessen stellt der Autor Erhard in die Tradition der Ökonomen der deutschen Historischen Schule – und das ist, jedenfalls aus liberaler Sicht, eine Provokation. Damit dieses kühne Unterfangen gelingt, muss Wünsche zwei Hürden nehmen: Erstens muss er den Nachweis führen, dass die häufig als „Kathedersozialisten“ gescholtenen Vertreter der Historischen Schule in Wirklichkeit Vertreter einer freiheitlichen Wirtschafts- und Sozialordnung waren. Zweitens muss er herleiten, dass Erhard tatsächlich in der Tradition der Historischen Schule stand. Die erste Hürde nimmt Wünsche, aber mit der zweiten hat er schwer zu kämpfen.

Lassen wir zunächst Wünsche sprechen: „Erhard hat jedoch genau das unter Sozialer Marktwirtschaft verstanden: eine freiheitliche und zugleich sozial orientierte Politik; eine marktwirtschaftliche Politik, die das wirtschaftliche Handeln nicht stört, die also die Wirtschaftsfreiheit achtet, und zugleich eine soziale Politik, die dafür sorgt, dass das wirtschaftliche Handeln auch für Dritte – besser gesagt: prinzipiell für alle – nützlich ist.“ Und: „Wenn Erhard seine Politik ’sozialer als jede andere Sozialpolitik‘ genannt hat, meinte er folglich nicht, dass dank seiner Wirtschaftspolitik staatliche Sozialleistungen zügig erhöht werden können. Aus seiner Sicht ging es vielmehr darum, dass die Erfolge der Wirtschaftspolitik es immer mehr Einzelnen ermöglichen, ihre soziale Sicherheit in eigener Initiative zu verbessern.“ Die Idee, dass Wirtschafts- und Sozialpolitik eine Einheit bilden und eine leistungsfähige Wirtschaft die beste Voraussetzung für die Erreichung sozialer Ziele darstellt, findet sich in der Tat in der Historischen Schule: So hatte Werner Sombart im Jahre 1897 in einem Aufsatz Sozialpolitik als „Wirtschaftspolitik erster Klasse“ bezeichnet und geschrieben: „Das Ideal der Sozialpolitik ist das wirtschaftlich Vollkommene; dieses wird dargestellt von dem jeweils höchstentwickelten Wirtschaftssystem, das heißt, dem Wirtschaftssystem höchster Produktivität.“

Die Historische Schule, die lange Zeit auf das Bild der „Kathedersozialisten“ reduziert war, wird seit rund 25 Jahren von einer neuen Generation von Wissenschaftlern untersucht und heute weitaus differenzierter betrachtet. Sie wird heute eher als eine Art historische Institutionenlehre betrachtet. Der Dogmenhistoriker Bertram Schefold meint, „dass die grundsätzliche Intention der Historischen Schule, die Nationalökonomie in eine wirkliche Sozialwissenschaft zu verwandeln, in der historische, kulturelle und institutionelle Aspekte ihren Platz haben, berechtigt ist und eine neue Aufmerksamkeit verdienen.“ Die Forschung hat auch gezeigt, dass die Historische Schule und der deutsche Ordoliberalismus keineswegs nur Antipoden, sondern auch miteinander verbunden sind.

Was suchte Erhard in der Historischen Schule und als Vorläufer in Adam Smiths „Theorie der ethischen Gefühle“? Eine ethisch verpflichtete Sozialwissenschaft, der ökonomische Gewinnmaximierung um jeden Preis fern steht, die aber das Freiheitsrecht des Individuums hoch hält, antwortet Wünsche: „Im Gegensatz zur modernen Nationalökonomie ging es der Historischen Schule vorzugsweise um die sozialen Konsequenzen des Wirtschaftens und in politischer Hinsicht um die Frage, wie sich der soziale Frieden in prosperierenden und sich wandelnden Gesellschaften erreichen und wahren lässt.“ Erhard selbst schrieb einmal: „Nicht die freie Marktwirtschaft des liberalistischen Freibeutertums einer vergangenen Ära, auch nicht das ,freie Spiel der Kräfte‘ und dergleichen Phrasen, mit denen man hausieren geht, sondern die sozial verpflichtete Marktwirtschaft, die das einzelne Individuum wieder zur Geltung kommen lässt, die den Wert der Persönlichkeit obenan stellt und der Leistung den verdienten Ertrag zugute kommen lässt, das ist die Marktwirtschaft moderner Prägung.“

 

Erhard und seine akademischen Lehrer

Den Nachweis, dass sich Erhard über seine akademischen Lehrer der Historischen Schule annäherte, kann Wünsche mangels handfester Quellen bestenfalls indirekt herleiten und an dieser Stelle wirkt das Buch besonders bemüht. Erhard hatte nicht mit Begeisterung Wirtschaft studiert, die Handelshochschule Nürnberg war keine erstrangige wissenschaftliche Adresse und Erhard besaß trotz einer in Frankfurt bei Franz Oppenheimer geschriebenen Dissertation keine ausgeprägten wissenschaftlichen Neigungen. Es existieren auch keine schriftlichen Belege für den konkreten Einfluss der sieben akademischen Lehrer Erhards, die Wünsche ausführlich präsentiert: Wilhelm Rieger, Karl Theodor von Eheberg, Adolf Günther, Franz Oppenheimer, Andreas Voigt, Fritz Schmidt und Wilhelm Vershofen.  Erhards verehrter Doktorvater Oppenheimer, der wohl bekannteste unter ihnen, war Anhänger eines liberalen Sozialismus und der Genossenschaftsbewegung.

Geistige Verbindungen mit der Historischen Schule gab es aber durchaus, wie sich aus dieser Passage Wünsches herleitet: „Es wurde schon gesagt: Erhard war der Ansicht, dass marktwirtschaftliche Ordnungen eine chronische Schwäche im Sozialen haben: Marktwirtschaften sind wirtschaftlich effizienter als jedes andere Wirtschaftssystem. Genau besehen tragen in ihnen aber die wirtschaftlich Stärkeren relativ mehr zur gesamtwirtschaftlichen Leistung bei als die Schwächeren. Die Stärkeren wirtschaften ertragreicher und werden dadurch wirtschaftlich fortlaufend stärker. Die Schwächeren bleiben mehr und mehr zurück. In Marktwirtschaften werden somit unweigerlich soziale Spannungen entstehen und anwachsen. Es wird Verteilungskämpfe geben, die sich zu Klassenkämpfen ausweiten und schließlich die marktwirtschaftliche Ordnung erschüttern.“ Sozialpolitik als Mittel zur innenpolitischen Befriedung war eine Position, die im 19. Jahrhundert ausgehend von Lorenz von Stein bei vielen deutschen Sozialwissenschaften populär war und zu den Fundamenten der Historischen Schule zählte.

 

Erhard und die Liberalen

Ganz gewiss ist sich der Autor, dass Erhard mit den deutschen liberalen Ökonomen nicht viel im Sinn hatte, die im Buch als weltfremde Außenseiter geschildert werden. Sie hätten Anerkennung gesucht, indem sie sich ohne innere Überzeugung, aber dafür aus Geltungssucht an Erhards Popularität anhängten. „Als Wissenschaftler hatte Erhard zu keinem Einzigen dieser Neoliberalen irgendwelche nennenswerten Kontakte“, schreibt Wünsche. Keiner der vermeintlichen neoliberalen Freunde haben sich „jemals in fundierter Weise mit den Grundzügen der Sozialen Marktwirtschaft befasst oder sich wirklich nachhaltig zur Sozialen Marktwirtschaft bekannt.“ Walter Euckens „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ habe Erhard als „scholastische Schrift“ bezeichnet und es völlig aufgeschlossen, dass Erhards Soziale Marktwirtschaft jemals mit Euckens Wettbewerbstheorie verwechselt werden könnte. Generell findet Wünsche, dass Politikempfehlungen von Liberalen häufig abstrakt und im politischen Betrieb unbrauchbar seien.

Wie auch immer: Der verbale Feldzug des Autors gegen die Liberalen wirkt gelegentlich bemüht, vor allem, wenn er sie auf Vertreter der neoklassischen Theorie reduziert. Das waren die Ordoliberalen nun gerade nicht, und natürlich existieren in grundsätzlichen Fragen viele Übereinstimmungen zwischen Erhard und den Ordoliberalen. Wahr ist aber auch, dass sich Erhard nicht als ein puristischer Vertreter des Ordoliberalismus bezeichnen lässt.

Um Erhards Distanz zu den Liberalen zu demonstrieren und den Realitätssinn Erhards zu betonen, erwähnt Wünsche das Leitsätzegesetz von 1948 und das GWB von 1957.

Das Leitsätzegesetz vom Juni 1948 beinhaltete die Freigabe von Preisen für zahlreiche Güter, aber zahlreiche andere Preise wurden (noch) nicht freigegeben. „Viele halten dieses Gesetz für ein Symbol von unerschütterlichem liberalem Urvertrauen“, schreibt Wünsche. „Tatsächlich zeigt es jedoch nur Erhards undogmatische, auf einen reibungslosen Übergang von der behördlichen Produktionssteuerung und Warenverteilung zur Wirtschaftslenkung durch Preise bedachte Haltung. In der von Erhard zusammen mit Leonhard Miksch formulierten Präambel zum Leitsätzegesetz wird ausdrücklich von einer ‚Auflockerung des staatlichen Warenverteilungs- und Preisfestsetzungssystems‘ und nicht von der Einführung einer neuen Wirtschaftsordnung gesprochen.“ Daraus zieht Wünsche den Schluss: „Die Soziale Marktwirtschaft wurde in Deutschland also nicht – wie es oft heißt – mit dem Leitsätzegesetz im Juni 1948 eingeführt. Sie wurde vielmehr im Zuge einer länger anhaltenden beharrlichen Politik schrittweise auf- und ausgebaut, und die Preisfreigaben waren dabei nur eine von vielen Maßnahmen. Erhard selbst neigte dazu, den Aufbau der Marktwirtschaft im Industriebereich mit dem In-Kraft-Treten des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen am 1. Januar 1958 als weitgehend abgeschlossen anzusehen.“

Das 1957 gegen harten Widerstand der Industrie verabschiedete Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) greift in vielerlei Weise gegen die Bildung wirtschaftlicher Macht ein, lässt aber auch zahlreiche Freiräume. Das wurde zwar von Ordoliberalen beklagt, nach Ansicht Wünsches aber nicht von Erhard: „Heute wird vielfach angenommen, dass Erhard mit dem GWB ein strenges Verbot aller Kartellabsprachen durchsetzen wollte, wie es sich aus der Wettbewerbskonzeption der Freiburger Schule ergibt. Die Ausnahmen von einem solchen strikten Kartellverbot, die in den §§ 4 bis 8 des GWB von 1957 enthalten sind, werden deshalb durchweg als ‚Durchlöcherungen‘ angesehen, die Erhard in der Diskussion seiner Vorstellungen mit Interessenverbänden habe hinnehmen müssen. Aus Erhards Sicht ist dieses Urteil nicht haltbar.“

 

Die Soziale Marktwirtschaft: Ein Forschungsprogramm?

Eine Revitalisierung der Sozialen Marktwirtschaft in der Politik und in der Wahrnehmung der Menschen setzt nach dieser Analyse voraus, dass die Fachwelt die Soziale Marktwirtschaft Erhards als ein fruchtbares Forschungsprogramm versteht. Geben wir noch einmal Wünsche das Wort: „Die bisherige Forschung zu Fragen der Sozialen Marktwirtschaft war unergiebig. Eine wichtige Ursache dafür war, dass diese Forschung in zentralen Bereichen tendenziös war… Die Forschung hat Erhards Soziale Marktwirtschaft von einem falschen Standpunkt aus betrachtet. Sie konnte nur zu fragwürdigen, falschen, verzerrten, also nicht akzeptablen Ergebnissen kommen. Falsch war vor allem, dass Erhards Maßnahmen, die nicht mit ordoliberalen Prinzipien übereinstimmten, als politische Kompromisse abgetan und bedauert wurden, denn wo sonst als gerade in diesen Abweichungen könnte sich der eigenständige Charakter von Erhards politischen Überzeugungen und seiner Politik zeigen.“

Was heißt das in der Praxis?  Mit Blick auf die jüngste Finanzkrise vertritt Wünsche die Ansicht, Krisenprävention à la Erhard, der die Bankenkrise von 1931 miterlebt hatte, führe zu einer Befürwortung des Trennbankensystems: „Diese gewiss nicht spektakulären Erkenntnisse hießen für ihn, dass sich eine Geld- und Kreditpolitik, die Bankzusammenbrüche vermeiden will, auf zwei Gefahrenquellen zu konzentrieren hat: Einerseits muss das allgemeine Risikobewusstsein in der Kreditwirtschaft aufrechterhalten bzw. systematisch gestärkt werden. Andererseits müssen die Möglichkeiten für spekulative Bankgeschäfte konsequent auf das Publikum eingeschränkt werden, das hohe Risiken eingehen will und das die mit ihnen möglicherweise verbundenen Verluste nicht zu scheuen braucht. Das heißt: Die reguläre Banktätigkeit muss exakt definiert und von risikobehafteten Geschäften getrennt werden. Auch in einem grundsätzlich marktwirtschaftlich organisierten Banken- und Finanzsektor kann nicht zugelassen werden, dass Banken mit Einlagen, die von ihren Kunden für sicher gehalten werden, riskante Geschäfte betreiben. Bei der Abtrennung der risikoreichen Geschäfte vom regulären Einlagen-, Depot- und Kreditgeschäft sind spezielle Regelungen zum Einlegerschutz überflüssig. Die im spekulativen Geschäft gegebenenfalls anfallenden Verluste werden dort verbucht und tangieren nicht das Einlage- und Kreditgeschäft.“

Lassen sich daraus allgemeine Erkenntnisse gewinnen? Wünsche schreibt: „Für Erhard folgte aus Smithʼ Darstellung der egoistischen und sozialen Doppelnatur von Menschen eine politische Daueraufgabe, die sich schwer lösen lässt: Die Politik muss die Mitte wahren. Sie darf die tatkräftigen egoistischen Motive nicht schwächen, muss aber rücksichtsloses, ausschließlich egoistisch-materialistisches Denken und Handeln begrenzen.“

Angesichts der unbestreitbaren Tatsache, dass sich der deutsche Ordoliberalismus in der jüngeren Vergangenheit wissenschaftlich marginalisiert hat – wir haben über diesen selbst verschuldeten Niedergang in der F.A.Z. wie in FAZIT geschrieben – , wäre es vielleicht einen Versuch wert herauszufinden, ob sich auf der Basis Erhard’scher Erkenntnisse und jenseits aller Hagiographie eine moderne Wirtschafts- und Sozialpolitik für das 21. Jahrhundert generieren lässt.

 

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Die bisherigen Beiträge der Reihe “Bücherkiste”:

Bücherkiste (11): Alles Egoisten!

Bücherkiste (10): Weg mit den Schulden!

Bücherkiste (9): Die Festung der Makroökonomen

Bücherkiste (8): Dollar-Dominanz

Bücherkiste (7): Die Rückkehr der Erben

Bücherkiste (6): Die Rückkehr der Meister (Smith, Marx, Hayek)

Bücherkiste (5): Geld hilft selten aus der Armut

Bücherkiste (4): Die Bankenlobby redet Schwachsinn

Bücherkiste (3): Warum Nationen scheitern

Bücherkiste (2): Ökonomen für jedermann – Eine Reihe im F.A.Z.-Buchverlag nimmt Gestalt an

Bücherkiste (1): Wie uns Ökonomen vom Dunkel ins Licht führen – Anmerkungen zum neuen Buch von Sylvia Nasar

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15 Lesermeinungen

  1. Erhard, Oppenheimer und Historische Schule
    Mehrere Ökonomen haben sich bei mir per Mail gemeldet. Darin werden vor allem zwei Thesen geäußert:

    1. Wenn Erhard wirklich wesentlich von Franz Oppenheimer beeinflusst war, kann Erhard nicht als Abkömmling der Historischen Schule betrachtet werden, der Oppenheimer kritisch gegenüber stand. Ein Einfluss der Historischen Schule auf Erhard wäre am ehesten noch über Alfred Müller-Armack denkbar.

    2. Die Forschung hat gezeigt, dass Erhard in den späten vierziger Jahren in engem Kontakt mit Ordoliberalen stand. Insofern existieren durchaus Beziehungen. Ergänzend kann darauf verwiesen werden, dass sich Erhard anerkennend über die Mitte der vierziger Jahre von Wilhelm Röpke in der Schweiz verfassten Bücher geäußert hat, die damals über die Grenze nach Deutschland geschmuggelt werden mussten.

    Gruß gb

  2. Mir scheint nach allem, was ich über Erhardt gelesen habe, auch dieses Stück wieder
    eines zu bestätigen: Er war gottseidank kein theoretischer Ökonom, sondern einfach nur ein liberal gesinnter Mensch mit gesundem Menschenverstand. Und einigen wenigen Grundüberzeugungen zum Funktionieren von Märkten, zu deren Bedeutung für allgemeinen Wohlstand. Und zu den inhärenten Beschränkungen des Menschen, die volständige Marktfreiheit im Sinne von „anything goes“ nicht wünschenswert macht, damals wie heute.

    Anscheinend reichte das mehr als aus, die Initialzündung für das deutsche Wirtschaftswunder zu geben und danach nur begleitend dafür zu sorgen, dass der Motor nicht wieder ausging. Rückblickend haben die Deutschen einfach Glück gehabt. Wäre Erhardt ein theoretischer Ökonom gewesen …

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • "Rückblickend haben die Deutschen einfach Glück gehabt"
      Ja, der große Wurf von Erhard am Anfang trotz anderen Meinungen war richtig: wozu Kriegszwangswirtschaft in Friedenszeiten? Und die Wirtschaft durch dirigistische Eingriffe nicht zu hindern, ist, zu einer Zeit betrachtet, zu der Politiker ein Hindernis und Störfaktor sind, lobenswert. Erhard war in Lebenszeiten ein Selbstmademan. Später wurde Erhard literarisch weiter aufgebaut. Vocke, der erste Notenbanker der Bundesrepublik, blieb derselbe: vielleicht ist das die größte Ehre für ihn.

    • Es gab viele Wunder
      Ohne den Beitrag Erhards und seiner Mitstreiter in Abrede stellen zu wollen, sei daran erinnert, dass in den fünfziger Jahren auch Länder mit einer etwas anderen Wirtschaftspolitik wie Österreich, Japan und Italien sehr hohe wirtschaftliche Wachstumsraten verzeichnet hatten.

      Für dieses Phänomen gibt es mehrere Erklärungen; zwei erscheinen mir als ergänzende Einflussfaktoren nicht ganz abwegig:

      1. Die Catch-up-These besagt, dass in Westeuropa und in Japan in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg die in der Zwischenkriegszeit in der amerikanischen Massengüterindustrie („Fordismus“) erzielten Produktivitätsgewinne nachvollzogen wurden.

      2. Die Rekonstruktionsthese besagt, dass der durch die Kriegszerstörungen bewirkte Bedarf an Investitionen in Immobilien und Investitionsgüter in Westeuropa und Japan konjunkturfördernd gewirkt habe.
      Gruß
      gb

    • Oder auch ...
      3. Die Armut nach Krieg und Zerstörung zwang, wirtschaftlich zu denken und handeln. Leider endete das mit dem Wohlstand, auch für Erhard:

      „Wir waren in den Jahren nach der Stabilisierung der Währung in
      kräftigem Aufstieg. Es wurde gearbeitet, es wurde verdient, es wurde
      gespart. Erhard war damals für Mehrkonsum, kühnere Ausgaben und
      ‚mehr Einkommen für alle‘.“

      Diese Haltung muss man aber im Zusammenhang des von mir später zitierten Teil: das Ausland verlangte Aufwertung oder Inflation, oder beides.

    • Ab dem Jahr 1956 wurde in der deutschen Öffentlichkeit, befeuert wesentlich durch Otmar Emminger und Wilhelm Röpke, das Phänomen der „importierten Inflation“ diskutiert: Gemeint war die Sorge, dass durch die höheren Inflationsraten im Ausland Deutschland über einen festen Wechselkurs Inflation importieren könnte. Man konnte zwei Dinge tun: Den Wechselkurs unangetastet lassen und sich dieser Gefahr aussetzen – was man lange tat. Oder man konnte aufwerten, um die Gefahr der importierten Inflation zu minimieren, aber dafür die deutschen Exporte verteuern. Die Aufwertung kam nach langen Debatten im Jahre 1961. In dieser Frage war Erhard auf der Seite Röpkes, der die Aufwertung wollte.

    • "Man konnte zwei Dinge tun"
      Man konnte mehr als diese zwei Dinge tun, zum Beispiel: (a) weiter keine freie, schrankenlose Konvertibilität der Währungen, (b) gleitende Wechselkurse wie nach Bretton Woods, (c) mit den Devisen so viel Gold wie möglich holen, um den Untergang von Bretton Woods zu beschleunigen.

      Die Nutzlosigkeit, um untertreibend nicht Schädlichkeit zu sagen, der willkürlichen Auf- und Abwertungen der Währungen, war vielfach durch die Reichsbank behandelt: da hatte Vocke viel mehr zu sagen als Erhard und Röpke.

  3. Titel eingeben
    Sophia Ortis Auszug aus Vockes Memoiren und die Rezension Gerald Braunbergers harmonieren bestens miteinander.

    Vocke wie Braunberger verfügen über anspruchsvolles Hintergrundwissen, in das sie das tatsächliche Handelns Erhards einbetten.

    Beides ist gleich lesenswert. Vielleicht sogar lesenswerter als das von Braunberger rezensierte Werk Wünsches.

    Übrigens wird mir in der Rezension Braunbergers zu selbstverständlich von „Sozialer Marktwirtschaft“ gesprochen, so als ob das Konzept der Marktwirtschaft durch Erhard eine soziale Komponente erhalten habe und dadurch eine soziale Variante der Marktwirtschaft sei.

    Friedrich August von Hayek berichtet in „Die verhängnisvolle Anmassung : die Irrtümer des Sozialismus“ (dt. 1996) darüber, daß er sich darüber mit Ludwig Erhard unterhalten habe und Erhard ihm gegenüber Wert darauf gelegt habe, daß die Marktwirtschaft nicht durch besondere Komponenten sozial gemacht werden müsse, sondern daß das Soziale ein originäres Merkmal echter Marktwirtschaft sei.

    Das berücksichtigend sollte man das Konzept, für das Erhard sich engagiert hat, besser „soziale Marktwirtschaft“ statt „Soziale Marktwirtschaft“ nennen.

  4. Wilhelm Vocke, "Memorien", DVA Stuttgart, 1973
    >>
    LUDWIG ERHARD

    Erhard war ein Selfmademan. Er wandte sich früh wirtschaftspoliti-
    schen Studien zu, wurde Lehrer an der Handelsschule Nürnberg. und
    als diese zur Handelshochschule wurde, Professor an dieser. Sein ge-
    sunder Sinn und sein freiheitlicher Charakter haben ihn von der Hit-
    lerpartei ferngehalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Wirt—
    schaftsminister in Bayern und dann Leiter der Wirtschaftspolitik in
    der gemeinsamen englisch-amerikanischen Besatzungszone. Als sol-
    cher hat er sofort nach der Währungsreform die deutsche Wirtschaft
    von der Kriegszwangswirtschaft befreit. Dies war der große Wurf
    seines Lebens. Die Größe dieser bahnbrechenden Tat wurde keines-
    wegs sogleich anerkannt. Die amerikanische Besatzungsbehörde war
    alles eher als begeistert und ebenso der Zentralbankrat. Dieser hat
    mir meine öffentliche Zustimmung zu Erhards Vorgehen verübelt.
    Man hielt diesen Schritt für verfrüht.

    Nach der Währungsreform wollte Erhard, daß ich in einer Rede das
    Volk ermahnen sollte, wieder zu sparen. Ich lehnte ab. Ich sagte: In
    all den Jahren ist dem deutschen Volk immer wieder von oben gesagt
    worden, was es zu tun habe, Kriegsanleihen zeichnen usw. Das Volk
    habe genug von solchen Predigten und den Verlusten, die es mit die-
    sen Ratschlägen von oben erleiden mußte. Ich dachte mir die richtige
    Propaganda anders. Gelinge es uns, die Preise zu stabilisieren und
    so durch die Tat zu zeigen, daß man der Stabilität des neuen Geldes
    vertrauen könne, so werde der gesunde Sinn des Volkes bald von
    selbst dazu führen, daß wieder gespart würde. So kam es auch.

    Als die Bundesrepublik Deutschland mit Adenauer als Bundeskanz-
    ler ins Leben trat, wurde Erhard ihr erster Wirtschaftsminister. Als
    solcher erntete er das Lob für das deutsche Wirtschaftswunder, und
    das mit Recht, wenn auch sein wesentliches Verdienst darin bestand,
    daß er den Aufbau der Wirtschaft nicht durch dirigistische Eingriffe
    hinderte. Sein in der Praxis geübter Liberalismus hat dem deutschen
    Volk Früchte getragen. wie sie glücklicher nicht erhofft werden
    konnten.

    Erhard war sich bewußt, daß dieser glänzende Aufstieg nur auf
    der Grundlage einer festen, stabilen Währung möglich war. Das
    hat ihn aber nicht abgehalten, meine Abberufung vom Amt des Bun-
    desbankpräsidenten zu betreiben, als ich mich seiner Absicht einer
    Aufwertung der DM widersetzte.

    Wir waren in den Jahren nach der Stabilisierung der Währung in
    kräftigem Aufstieg. Es wurde gearbeitet, es wurde verdient, es wurde
    gespart. Erhard war damals für Mehrkonsum, kühnere Ausgaben und
    „mehr Einkommen für alle“. Aber ohne Mehrarbeit, Mehrleistung
    war und ist eine allgemeine Steigerung der Einkommen doch nichts
    anderes als ein Stück Inflation.

    Später hat Erhard mit Recht zum Maßhalten gemahnt. Aber solche
    Predigten halfen nicht viel.

    Als schließlich Erhard als Nachfolger Adenauers Bundeskanzler
    wurde, war er der Riesenlast dieser Aufgabe auf die Dauer nicht ge-
    wachsen und ging.
    <<

    • Zwar kein komplizierter Aufsatz über Geldpolitik, aber ...
      … trotzdem muss man obigen Zitat aus Vockes Memorien (Seite 153) mehrmals lesen, vielleicht zwischen den Zeilen lesen. Ich bin auf Kommentaren gespannt.

    • Jetzt aus Seite 158
      >>
      Das Ausland fing an, von uns eine Aufwertung der DM zu verlangen.
      Daran hatten wir wirklich kein Interesse. Bei meiner letzten öffent-
      lichen Rede in Hamburg im Jahre 1957 sagte ich, wir würden die
      deutsche Währung nach innen und außen stark erhalten wie all die
      Jahre bisher. Zwei Dingen würden wir auf keinen Fall machen: Infla-
      tion und Aufwertung. Das war mein Schwanengesang. In beiden
      kardinalen Punkten ist es nach meiner von der Regierung verfügten
      Abberufung zu dem gekommen, was ich unter allen Umständen ver-
      hütten wollte: zur Inflation und zur Aufwertung.

      In dem Kampf gegen Erhards Aufwertungsplan stand ich nicht etwa
      allein. Schacht, Blessing, Abs, auch Jacobsson waren auf meiner
      Seite. Eines Tages las ich in der Zeitung, ich sei leidend und amts-
      müde. Ich dementierte diesen Unsinn. Adenauer und Erhard — aus
      verschiedenen Motiven — waren es vielmehr müde, mit mir, dem un-
      bequem Gewordenen, länger zusammenzuarbeiten. Und so erfuhr ich,
      wiederum aus der Zeitung, meine Amtszeit und die meines Kollegen
      Bernhard gehe zu Ende und die Regierung verhandle mit unserem
      Nachfolger.

      Am 31. Dezember 1957 mußte ich ausscheiden. Bundespräsident
      Heuss verlieh mir den höchsten deutschen Orden.
      <<

  5. “Kathedersozialisten”
    Ich habe mal gelesen, dass die Reichsbank die Lehre der Banking Schule durch den Kathedersozialist Adolph Wagner rezipierte. Und bis vor kurzem orientierte sich die deutsche Geldpolitik auf die Banking Schule. Kathedersozialisten scheinen also einen großen Einfluss gehabt zu haben. Erhard hatte keine ausgeprägten wissenschaftlichen Neigungen lesen wir jetzt. Vielleicht war er bei den Ideen lediglich ein Kind seiner Zeit.

  6. Müller-Armack ...
    war ja auch ein Weggefährte Erhards. Kann man seinen Einfluss auf Erhard und die deutsche Nachkriegspolitik völlig vernachlässigen?

    G. Schönbauer

    • Müller-Armack
      Alfred Müller-Armach kommt in Wünsches Buch kaum vor, unter anderem im Zusammenhang mit der Frage, von wem der Begriff „Soziale Marktwirtschaft stammt.
      Wünsche schreibt: „Demgegenüber hat Alfred Müller-Armack behauptet, dass der Begriff von ihm stamme: Er habe ihn 1947 als erster verwendet. Erhard fand die Auseinandersetzung über den Geburtstermin nicht sonderlich interessant. Ihn störte besonders, dass Müller-Armack Soziale Marktwirtschaft in einem Sinn definierte, mit dem er nicht einverstanden sein konnte. Müller-Armack nennt in seiner 1947 veröffentlichten Schrift „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft“ die Soziale Marktwirtschaft „eine bewusst gesteuerte, und zwar sozial gesteuerte Marktwirtschaft“ bzw. ein Instrument zur Erfüllung übergeordneter sozialer Ziele. Er geht dabei sehr weit und behauptet beispielsweise, dass „sich auf dem Wege einer Einkommensumleitung jeder gewünschte soziale Ausgleich durchsetzen (lasse), ohne mit den Spielregeln des Marktes in Widerspruch zu geraten.“
      An anderer Stelle weist Wünsche, meines Erachtens zurecht, darauf hin, dass die Ordoliberalen Müller-Armack niemals als einen der ihren betrachteten-

  7. Wirtschaftswissenschaft und Gesellschaft
    Ihr Essay legt Gewicht zu -heute nicht ohne ernsthafte Bedeutung- das Wirtschaftswissenschaft nicht einfach gleichzustellen sei mit Profitmaximierung oder Kosten- Nützen Analyse.In meiner Studienzeit war es Usance Wirtschaftswissenschaft zu benennen als Soziale oder politische Staatswirtschaft Visavis Betriebswirtschaftslehre .
    Pflicht Literatur war Werner Sombart [ Wirtschaftsgeschichte] ,Schumpeter und Max Webers Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre.
    Daher sind meine Gesellschaftliche/ nationalwirtschaftliche Perceptionen geprägt ,immer wieder mit Kriterien der Öffentliche Nütze .
    Es erfreut mich sehr ein derartiges Essay ,insbesondere die Historische Schule ,ja es begeistert Diskussion in Gang zu setzen!
    Danke vielmals.

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