Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die Kosten des Komasaufens

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Es ist Fastenzeit, und so mancher übt in dieser Zeit Verzicht. Sei es aus religiösen Gründen oder aus sehr weltlichen („Ich will abnehmen!“) – für sieben Wochen lassen sie die Finger von Süßigkeiten, Fleisch oder Alkohol. Das Letzte, der Verzicht auf Alkohol, dürfte vor allem vielen Jugendlichen nicht leichtfallen. Denn der Konsum von Hochprozentigem ist für einen erheblichen Teil der Minderjährigen ein festes Ritual. Studien belegen das: Als eine Forschergruppe vor einigen Jahren mehr als 40000 deutsche Neuntklässer nach ihrem Trinkverhalten fragte, sagte gut jeder Zweite, er habe in den vier zurückliegenden Wochen mindestens einmal exzessiv, also mehr als fünf alkoholhaltige Getränke an einem Abend, getrunken. Ein Klischee bestätigte sich dabei: Auf dem Land wird noch mehr getrunken als in der Stadt.

Zum Erwachsenwerden mag ein gelegentlicher Alkoholabsturz dazugehören. Bedenklich werde es, wenn das Trinken zuerst zum „Komasaufen“ und dann zur Gewohnheit werde, sagen die Mediziner. Es macht den Körper kaputt und verursacht böse Langzeitfolgen. Diese individuellen gesundheitlichen Risiken und Nebenwirkungen sind das eine. Das andere sind die Kosten, die durch das Trinkverhalten der Teenager für die gesamte Gesellschaft entstehen – und die Ökonomen jetzt genauer beziffert haben. Ihre ernüchternde Diagnose: Der Kater ist nicht nur für die Trinkfreudigen erheblich.

Betrunkene Menschen verhalten sich anders als enthaltsame. Sie sind risikofreudiger, begeben sich eher in Gefahr, sie sind reizbar und zum Teil aggressiv. Was daraus folgt, haben Marco Francesconi (University of Essex) und Jonathan James (University of Bath) in einem Land untersucht, in dem Saufgelage nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation überdurchschnittlich häufig stattfinden: in Großbritannien. Exzessives Trinken, vor allem von jüngeren Menschen, „kostet im Durchschnitt 4,9 Milliarden Pfund im Jahr, also rund 80 Pfund (109 Euro) für jeden Einwohner in Großbritannien“, fassen die Wirtschaftswissenschaftler ihre Anfang Februar veröffentlichte Studie zusammen.

Wie sie auf diesen immensen Betrag kommen? Die Forscher addieren verschiedene Summen, die ihrer Meinung nach auf den Alkoholkonsum zurückzuführen sind: Aus Datensätzen von Krankenhäusern und Notaufnahmen ermittelten sie, wie viele Patienten sich behandeln ließen, weil sie sich im Rausch zum Beispiel durch Stürze verletzt haben. Hinzu kommen die Kosten, die durch Autounfälle mit Angetrunkenen entstehen. Obendrauf kommt noch das Geld, das der Staat ausgeben muss, weil Betrunkene ab und zu verhaftet werden und eine Nacht in der Ausnüchterungszelle verbringen müssen und manche Polizisten allein deshalb im Einsatz sind, weil nachts und am Wochenende so viele Besoffene auf den Straßen unterwegs sind. Müssten diejenigen, die diese Kosten verursachen, selbst dafür aufkommen, könnte ihnen die Lust am Trinken vergehen: „Würde man diese Kosten auf die alkoholhaltigen Getränke draufschlagen“, errechnen die Forscher, „müssten sie im Schnitt um 20 Prozent teurer sein als heute.“

Komasaufen ist bei jungen Menschen ein Gruppenphänomen. Kaum jemand setzt sich allein in sein Zimmer und kippt literweise Bier oder mehrere Glas Wodka in sich hinein, belegen Untersuchungen aus den Vereinigten Staaten. Wer sich dort ein Zimmer im Studentenwohnheim mit jemandem teilt, der gerne mal zur Flasche greift, wird das wahrscheinlich auch häufiger tun. Wer sich das Zimmer dagegen mit einem abstinenten Studenten teilt, trinkt auch selbst weniger. Zumindest bei jungen Männern ist das so, bei ihren Kommilitoninnen konnte dieser gruppendynamische Zimmer-Effekt nicht eindeutig nachgewiesen werden.

Andere Untersuchungen legen nah, dass habituelles Trinken im Teenageralter die Wahrscheinlichkeit erhöht, später kriminell zu werden, zu härteren Drogen zu greifen oder an der Uni schlechter abzuschneiden und arbeitslos zu werden. Allerdings sind solche Schlussfolgerungen nicht trivial: Ob Menschen später kriminell werden, weil sie viel trinken oder ob es einfach vermehrt Menschen gibt, in denen beide Neigungen vorhanden sind, ist für Wissenschaftler nur äußerst schwierig zu beantworten.

Vor allem weil das Komasaufen der Gesundheit schadet, wollen besorgte Politiker dagegen vorgehen und der Freiheit der jugendlichen Feiernden Grenzen setzen – zum Teil mit weitreichenden Maßnahmen. Vor genau fünf Jahren griff in Baden-Württemberg ein Verkaufsverbot von Alkohol in Tankstellen, Kiosken und Supermärkten von 22 Uhr an bis 5 Uhr am Morgen. Zum Teil wurde der Vorstoß als nutzlos belächelt, wer Alkohol trinken wolle, lasse sich durch ein solches Verbot nicht aufhalten. Doch eine nun veröffentlichte Studie zeigt, dass das Verbot tatsächlich gewirkt hat. „Wir haben herausgefunden, dass die Maßnahmen der Politik die mit Alkohol verbundenen Krankenhausaufenthalte von Heranwachsenden um 7 Prozent reduziert haben“, schreiben die Wirtschaftswissenschaftler Thomas Siedler (Universität Hamburg) und Jan Marcus (DIW, Berlin). Auch die Krankenhausaufenthalte, die nötig wurden, weil Betrunkene aneinandergeraten sind, gingen demnach zurück. Der Befund gilt für Menschen bis zum 24. Lebensjahr, für ältere Personen erkannten die Forscher in den Krankenhausdaten keinen Effekt. Hinweise darauf, dass durch das Verbot der Missbrauch härterer Drogen ab- oder zunimmt, fanden die Ökonomen nicht. Sie halten es für eine gute Idee, die Alkohol-Sperrstunden auch anderswo einzuführen. Bei dem Verbot handele es sich um einen eher leichten Eingriff, verglichen mit anderen denkbaren Kontrollmaßnahmen und höheren Preisen, auf die die junge Zielgruppe sensibel reagiert.

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1 Lesermeinung

  1. Titel eingeben
    Warum registrieren wir nicht einfach die Kosten des Menschseins, ganzheitlich, erschrecken über die damit verbundenen Kosten und schaffen die Menschheit einfach ab?

    Wie meinen? Ach so. Ja, stimmt. Dann würden uns die Steilvorlagen für moralinsaure Eingriffe in das Leben anderer fehlen. Wobei die Moralgundlage heute im Westen nicht mehr eine „heilige“ Schrift ist, sondern eine Excel-Tabelle mit Kosten-HokusPokus Schätzungen.

    Und jetzt entschuldigen Sie mich, bitte – ich muss dringend an meiner bahnbrechenden Studie weiterarbeiten, was kostenschätzende Moralsoziologen in ihrem Leben die Gemeinschaft kosten. Soviel kann ich schon verraten: Horrende Summen!

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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