Fazit – das Wirtschaftsblog

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Gegen eine Kleinstaaterei in der Volkswirtschaftslehre

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Studierende fordern eine Reform der Volkswirtschaftslehre. Warum sie dabei nicht auf ein Nebeneinander der Denkschulen setzen sollten – sondern auf die Suche nach Konsens. Ein Gastbeitrag von Jonas Bausch und David Kunst

 

Rückblende ins Jahr 2009: Das Platzen der amerikanischen Immobilienpreisblase hat die Welt in eine schwere Rezession gestürzt, das deutsche Bruttoinlandsprodukt schrumpft so stark wie noch nie in der Nachkriegszeit. Dabei hatten namhafte Ökonomen behauptet, Rezepte für die Vermeidung von Wirtschaftskrisen gefunden zu haben. Aus Unzufriedenheit mit der Volkswirtschaftslehre fordern Studierende weltweit einen Neustart des Faches und organisieren Ringvorlesungen, in denen alternative Wirtschaftstheorien vorgestellt werden. Doch sechs Jahre später hat sich am Kern des VWL-Studiums wenig geändert, die Revolution ist ausgeblieben. Und bei aller berechtigten Kritik: das ist auch gut so.

Der zentrale Vorwurf vieler Studierender lautet, dass in ihrem Studium nur die am weitesten verbreiteten Theorien gelehrt werden und alternative Ansätze unter den Tisch fallen. So fordert die „Internationale Studierendeninitiative für Pluralismus in der Volkswirtschaftslehre“, in der sich im vergangenen Jahr 65 Protestgruppen zusammengeschlossen haben, dass in den Lehrplänen Platz für die klassische, marxistische, österreichische, feministische, ökologische und institutionelle Variante der Volkswirtschaftslehre geschaffen wird.

Solange das im Rahmen von Seminaren geschieht, die in die Geschichte des ökonomischen Denkens einführen, ist das auch äußerst sinnvoll. Aus der Geschichte kann man schließlich viel lernen. Doch denkt man die Forderungen vieler Kritiker konsequent zu Ende, droht die Zersplitterung der Volkswirtschaftslehre: Für marxistische Ökonomen ist zum Beispiel der Historische Materialismus Ausgangspunkt ihrer Analysen – aus der Perspektive der anderen Denkschulen kaum anschlussfähig. Die Verständigung scheitert also oft schon, weil Denkschulen die zentralen Ergebnisse ihrer Analysen bereits auf den Lippen tragen.

Doch intellektuelle Kleinstaaterei kann niemand wollen. Gerade eine empirische Wissenschaft wie die Volkswirtschaftslehre benötigt einen ergebnisoffenen Dialog, will sie die Politik kompetent beraten. Dabei sind jedoch Versammlungen um die Lagerfeuer verschiedener Denkschulen nicht förderlich. Statt vorurteilsfreien Austauschs fände man dort unproduktive Abgrenzungsdebatten, statt eines Wettstreits um die besten Ideen bekämen wir akademisches Eigenbrötlertum im Übermaß.

Ein Blick über den Atlantik zeigt, worum es in der Reformdebatte stattdessen gehen sollte: Dort löste Paul Romer, Professor an der New York University, kürzlich mit einem Fachartikel eine kontroverse Debatte aus.1) Der für den Nobelpreis gehandelte Makroökonom kritisiert darin einen zunehmend unsauberen Umgang mit mathematischen Modellen. Sein zentraler Vorwurf ist ein zu loser Zusammenhang zwischen mathematischen Herleitungen, verbalen Behauptungen und empirischen Beobachtungen in den Artikeln namhafter Kollegen. Bei diesem Phänomen, dem Romer das Label „Mathiness“ verleiht, handele es sich nicht um seriöse Forschung, sondern um das Vertreten von politischen Positionen unter dem Deckmantel der Wissenschaft.

Der New Yorker Professor teilt also den Eindruck vieler Studierender, dass Modelle teilweise als trojanisches Pferd benutzt werden, um politischen Meinungen einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Finden die Forderungen der Studierenden nun also Gehör innerhalb der Disziplin? Nein, denn das von den Studierendeninitiativen geforderte dauerhafte Nebeneinander von widersprüchlichen Erklärungsansätzen wäre für Paul Romer gleichbedeutend mit intellektuellem Stillstand. Für ihn ist Wissenschaft „der womöglich einzige soziale Prozess, der zu einem allgemein geteilten Konsens führt“. Und er hat Recht: Wir brauchen eine Volkswirtschaftslehre, die danach strebt, Meinungsverschiedenheiten auszuräumen, um dadurch die Welt Stück für Stück besser zu verstehen.

Zugegeben, die Volkswirtschaftslehre ist leider oft blind für neue Entwicklungen. So befasste sich im Vorfeld der Finanzkrise kaum jemand mit den Risiken des neu entstandenen Schattenbankensystems – mit fatalen Folgen. Das mahnt dazu, auch ungewöhnlichen Ideen Beachtung zu schenken. Doch die etablierte Volkswirtschaftslehre ist durchaus in der Lage, hilfreiche Politikempfehlungen zu geben, was sich gerade in der jüngsten Wirtschaftskrise gezeigt hat.

Wie Nobelpreisträger Paul Krugman regelmäßig in seinem Blog betont, waren die Vorhersagen des einfachen, in jedem Lehrbuch zu findenden Makro-Modells zutreffend: Vergleicht man die Volkswirtschaften in Europa, führten höhere Staatsausgaben in der Krise im Schnitt zu mehr Wachstum und Beschäftigung. Die unkonventionelle – aber enorm einflussreiche – Studie der Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, laut der Staatsverschuldung ab einer bestimmten Schwelle das Wirtschaftswachstum verringert, stellte sich hingegen als fehlerhaft heraus. Dass viele Regierungen ihre Länder durch Sparpolitik noch tiefer in die Rezession schickten lag unterm Strich viel mehr an politischen Vorfestlegungen als am Versagen der etablierten volkswirtschaftlichen Theorien.

Diese Erfahrung lehrt: Die Reform der Volkswirtschaftslehre darf nicht darauf abzielen, die Suche nach einem akademischen Konsens in wichtigen Fragen abzuschaffen. Eine Volkswirtschaftslehre der Denkschulen würde nämlich einen Rückzugsraum für empirisch widerlegte Argumente bieten. Noch stärker als bisher könnten sich Politiker einfach die Empfehlungen heraussuchen, die am besten zur eigenen politischen Agenda passen.

Stattdessen sollten Universitäten methodologische Reflexionen auf den Lehrplan setzen, sodass Professoren diskutieren, warum sie immer wieder mit bestimmten Annahmen arbeiten. Denn nur mit einem Bewusstsein für die Chancen und Risiken beim Hantieren mit mathematischen Modellen lässt sich erkennen, wenn Ökonomen oder Politiker die Wissenschaft vor den Karren ihrer ideologischen Botschaften spannen. Das aber gilt es zu verhindern, will die Volkswirtschaftslehre ihrer gesellschaftlichen Verantwortung in Zukunft besser gerecht werden.

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Jonas Bausch ist VWL-Student im Master am Tinbergen Institut in Amsterdam. Er studierte bisher VWL, Jura und Politik in Erfurt und Cambridge. David Kunst ist derzeit ebenfalls am Tinbergen Institut in Amsterdam. Er studierte davor internationale VWL in Tübingen und Toulouse.

 

1) Wir haben die Kritik Romers und die sich daran anschließende Debatte in FAZIT hier aufgenommen. (gb.)

 

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14 Lesermeinungen

  1. Eine längere Antwort 2 (Fortsetzung)
    Überhaupt scheint mir im Artikel auch ein Wissenschaftsverständnis zu Grunde zu liegen, das vor allem von seiner idealisierten Zuspitzung lebt. Volker Caspari hat ja schon darauf hingewiesen, dass „[d]er simple Falsifikationismus a la Popper“ so nicht funktioniert (21. Juni 2015 um 15:50 Uhr). Aber lassen wir das mal für einen Moment außen vor: selbst dieser Anspruch scheint mir häufig genug ein Lippenbekenntnis zu sein. Außerdem wird von den Autoren außer Acht gelassen, dass Wissenschaft nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern sozial eingebettet ist. Da geht es doch häufig gar nicht um die „Wahrheit“ im wissenschaftlich-redlichen Sinne, sondern darum, Recht zu behalten, seine Investitionen (Zeit, Geld) in ein Modell nicht preiszugeben, Eitelkeiten usw. Insofern spielen auch Netzwerke keine unwichtige Rolle, womit wir wieder bei den „Denkschulen“ und „Konsenskonglomeraten“ gelandet wären …

    Zwei Sachen zum Schluss.

    1) Den Autoren ist es nicht gelungen, auf die Forderungen und Probleme der Studierenden – aber auch plural eingestellter Ökonomen – einzugehen. Das hängt viel mit wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Aspekten zusammen (siehe z. B. die Deduktivismus-Kritik von Tony Lawson), die ausdiskutiert werden müssten. Dafür ist in der Ökonomik kein Platz, allenfalls in der ökonomischen Ideengeschichte, wo dies immer wieder Thema ist, die aber praktisch ein Karrierekiller für jeden Nachwuchswissenschaftler darstellt. Es existiert eine Reihe von Probleme und Phänomen, zu denen die Ökonomen nichts sagen können oder von anderen Disziplinen belächelt werden, weil deren Blick methodisch eingeengt ist (z. B. Phänomene der Ökonomisierung wie „bindungslose Flexibilisierung“ usw.). Es geht um andere Verfahren, die z. B. in anderen Disziplinen angewendet werden. Es geht auch um die Einbettung der Theorie in den sozialen Kontext, der die sozialen und ethischen Aspekte von wirtschaftspolitischen Maßnahmen mit berücksichtigt. Das alles spielt in der Kritik der Autoren keine Rolle. Kann es auch nicht, weil sie dann selbst an der Funktionalität eines Konsenses zweifeln müssten.

    2) Die Positionen der kritischen Studierenden sind kürzlich weniger provokativ von den Kritischen WirtschaftswissenschaftlerInnen/ Berlin noch einmal – aus aktuellem Anlass in einem offenen Brief – auf den Punkt gebracht worden: http://www.kriwis-berlin.org/s/KriWis-offener-Brief-an-Prof-Schob-17062015.pdf .

  2. Eine längere Antwort
    Dem Beitrag ist anzumerken, dass er auf eine wohl kalkulierte Provokation aus ist: Zwei junge Nachwuchswissenschaftler stellen sich gegen die Forderungen von mittlerweile global vernetzten Gruppen, die mehr Vielfalt in der VWL fordern. Das hätte interessant sein können, doch leider fördern die Autoren eher Stereotype und verklären die Diskussion. Ärgerlich sind auch die offensichtlichen Widersprüche.

    Beklagt werden z. B. „Denkschulen die zentralen Ergebnisse ihrer Analysen bereits auf den Lippen tragen“ – immer wieder schimmert zwischen den Zeilen die Vorstellung einer „wertfreien“ oder „neutralen“ Wissenschaft durch. Ein wenig Auseinandersetzung mit Wirtschaftsethik dürfte zumindest die ein oder anderen Zweifel sähen, gehört doch dort – zumindest für einen Teil bzw. bestimmte Strömungen – das Aufdecken verdeckter normativer Aspekte der ökonomischen Theorien zum Kerngeschäft (Stichwort: Rationalität, Brückenprinzipien usw.). Das ist zwar ein Aspekt, der auch von den kritischen Studierenden immer wieder benannt wird. Aber gut, das müssen die Autoren nicht wissen: Geschenkt. Allerdings ist mir für Kritik an der Wertbeladenheit dann aber an einigen Stellen zu oft ein „sollen“ im Spiel, das nicht mal näher begründet wird („…das ist auch gut so.“, „stattdessen sollten …“).

    Die Autoren behaupten zudem einen ergebnisoffenen Dialog als Notwendigkeit der VWL, ohne zu berücksichtigen, dass der geforderte „Konsens“ diesem womöglich im Wege steht. Mehr noch: Schon die Suche nach Konsens bewirkt, was als „group think“ bekannt ist und andere als „Pfadabhängigkeit“ beschreiben (Leonard Dobusch und Jakob Kapeller 2009: Why is Economics not an Evolutionary Science? New Answers to Veblen’s old Question. Journal of Economic Issues, Vol. 43(4):867-898.). „Denkschulen“ werden von den Autoren abgelehnt, während es doch gerade der „Konsens“ ist, in dem sich eine Denkschule oder ein Forschungsprogramm manifestiert. Die Angst vor „Zersplitterung“ führt die Autoren deswegen auch geradewegs in den Dogmatismus bzw. die Orthodoxie, der bzw. die gerade von den Studierenden (am Mainstream) kritisiert wird. Streng genommen haftet dem Konsens und dem Streben danach auch etwas Wissenschaftsfeindliches an, weil somit die Kritik – die ebenso zur Wissenschaft gehört – ins Hintertreffen gerät.

    Insofern illustrieren die Autoren sehr gut, wie notwendig die (Re-)Integration von wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Basics, von Wissenschaftsgeschichte und auch Ideengeschichte in die ökonomische Lehre ist. Genau das gehört auch zum Forderungskatalog u. a. der „International Initiative For Pluralism in Economics“ (ISIPE).

    Ferner bin ich mir nicht sicher, ob die Autoren richtig liegen, wenn sie die VWL als „empirische Wissenschaft“ bezeichnen. Mir scheint die vorherrschende Ökonomik eher eine abstrakte Wissenschaft, für die ihre Vertreterinnen und Vertreter den Anspruch (!) erheben, empirisch zu sein. Wer sich die Lehrbuchmodelle anschaut, kann jedenfalls nicht zweifelsfrei behaupten, es handle sich um eine „empirische Wissenschaft“. (Das hielt in der Vergangenheit z. B. Wirtschaftsweisen – wie im Jahresgutachten 2010/ 2011 – nicht davon ab, den neoklassischen Arbeitsmarkt im Grunde 1:1 und ohne Ausführung der unterstellten Annahmen auf den „realen“ Arbeitsmarkt anzuwenden.)

    Ganz erstaunt war ich über das Bild des „Lagerfeuer[s] verschiedener Denkschulen“. Das Beisammensitzen am Lagerfeuer hätte ich eher mit Harmonie, statt mit „intellektueller Kleinstaaterei“ assoziiert.

    Die „intellektuelle Kleinstaaterei“ wird von den Autoren mit der Forderung nach Vielfalt gleichgesetzt. Aber existiert diese „intellektuelle Kleinstaaterei“ nicht generell? Oder ist es etwas anderes, wenn z. B. über diese oder jene „richtige“ Variable in dieser oder jener Variation eines Modells diskutiert wird? Lässt sich die Diskussion z. B. um Mindestlöhne oder das Target-Problem einfach auf Denkschulen reduzieren? Und unterstellen die Autoren mit der „Kleinstaaterei“ nicht einen ein Automatismus, der mit dem, was sich z. B. die Studierenden unter Pluralität vorstellen, nichts zu tun hat?

    Gleichwohl trifft Letzteres einen ziemlich wunden Punkt in der Debatte: Es wird zwar Pluralität gefordert, wie aber mit dieser Vielfalt umzugehen ist, darüber wird kaum diskutiert. Das wäre aber notwendig, wenn die Forderung nach einer multi-paradigmatischen Sicht ernst gemeint ist. Es macht einen Unterschied, ob ich Vielfalt als Nährfutter für ein Schlachtfeld an Forschungsprogrammen (Lakatos) begreife, wo jedes Konsenskonglomerat durch seine „consensus warriors“ verteidigt wird, oder ob ich Vielfalt – z. B. die widerlegten Theorien – als Geltungsbedingung für die von mir gewählte Theorie benötige.

    Damit zu einem anderen Punkt: Obwohl die Autoren der ökonomischen Ideengeschichte eine Bedeutung einräumen, so scheint mir das Verständnis der Autoren doch eher auf das zuzusteuern, was in Fachkreisen als „Whig-Theory“ bezeichnet wird: Die Theorien und Ansätze, die heute populär sind, haben sich auf natürliche Weise durchgesetzt – eine Beschäftigung mit anderen (alten) Theorien ist daher eigentlich nicht notwendig. Das aktuell Bestehende hat sich doch bewährt.

    Ich teile diese Auffassung nicht. Stattdessen bin ich der Meinung, dass sich jede Generation die alten Ansätze immer wieder neu erschließen muss, weil die jeweilige Auslegung einer Theorie von der Kultur und dem Wissensstand (und damit von der Zeit) abhängig ist. Neue Erkenntnisse sind nicht ausgeschlossen, auch aus der Beschäftigung mit bereits widerlegten Theorien.

  3. Fragen stellen ob man einen anderen Weg hätte gehen können?
    Ich meine dass alles dieser hat sein Logik,aber in wie fern handelt es sich um eine „Ubung in Sozialtechnologie“[Zygmunt Bauman],oder „Social Physics“[Alex
    Pentland],oder bereits sei ,bisschen für bisschen ,das Denken,das wirtschaftswissenschaftlichen Denken hiermit „infiziert „oder infiltriert ohne Gegenstand leisten können dürfen ,oder… .?
    Daher möchte ich ernsthaft empfehlen einige hochkarätige Artikel der FAZ:
    1. Wir ahnungslosen Versuchskaninchen,von Evgeny Morozov[29.Juli 2014].
    2.Rechnen Sie mit dem Schlimmsten von Dietmar Dath[19.August 2014].
    3.und das herausragende Artikel: Zahl und Sinn von Prof.Dr.Andreas Rödder[5.Juli 2010].
    Ja ,die FAZ sei manchmal ein Fundgrube von“ Rosetta – artiges“ Wertvolle
    Denkanstöße!

  4. Re:Re: Zum Kommentar von David Kunst
    „Ich denke deshalb, dass Denkschulen-Volkswirte jeder Couleur Gefahr laufen, in Dogmatismus zu verfallen.“

    Das ist leider oft der Fall und wohl eher eine intellektuelle (und auch menschliche) Schwäche, die mir auch und all zu oft begegnet (ist).

    Aber ist es umgekehrt nicht auch mehr als bedenklich, wenn eine relative große Zahl von akademischen Ökonomen heute nur noch ein Modelltyp kennen, von dessen Herkunft und Hintergrund noch nie etwas gehört haben und sich dafür auch gar nicht interessieren? Stattdessen werden mit einem Modelltypus alle möglichen Szenarien simuliert, um daraus nassforsch wirtschaftspolitische Schlussfolgrungen abzuleiten.

    Schulenbildung ist m.E. in einer Sozialwissenschaft unvermeidlich. Es wird aber übersehen, dass es trotz unterschiedlicher Schulen in VWL auch großen Konsens zwischen diesen gibt. Wichtig ist, dass man Streitfragen offen diskutiert und empirisch-ökonometrische Testverfahren einbringt.

    Nehmen Sie die Marxsche Arbeitswertlehre. Nimmt man das empirische Instrument der Input-Output Analyse, dann schneidet die Arbeitswertlehre bei der ex-post Prognose langfristiger Preisentwicklung nicht gerade schlecht ab. Man lehrt sie nicht, wegen ihrer normativen Implikationen (Ausbeutung usw.). Die Nutzentheorie ist nicht so leicht empirisch überprüfbar (es sei denn man akzeptiert revealed preferences), wird aber gelehrt, weil die normativen Implikationen „angenehmer“ sind. Hier entscheidet in Streitfragen nicht die Empirie, sondern die normativen Implikationen.

    Anderes Beispiel: Die meisten modernen DSGE Modelle (auch die die vom NewKeynesian Typ) weisen relativ kleine Multiplikatorwirkungen der Staatsausgaben aus. IS-LM Modelle, also die „falschen“, nicht mikroökonomisch fundierten Alt-Keynesianischen Modelle weisen etwas größere Multiplikatorwirkungen der Staatsaugaben aus. Der IMF hat im Falle Griechenlands zugegeben, die Multiplikatorwirkung fallender Staatsausgaben unterschätzt zu haben. Kehren wir nun zu den IS-LM Modellen zurück, weil die viel realistischer zu sein scheinen als die DSGE Modelle? Wahrscheinlich nicht! Jedenfalls ist mir diesbezüglich nichts bekannt.

    • Als Ergänzung zum Thema Multiplikator in alten und modernen keynesianischen Modellen hier ein FAZIT-Interview mit Rüdiger Bachmann:

      http://blogs.faz.net/fazit/2014/11/23/xxx-3-4938/#more-4938

      Und hier ein weiterer Beitrag:

      http://blogs.faz.net/fazit/2014/12/02/streit-um-den-multiplikator-5028/

      Gruß gb.

    • Literatur zu IS-LM
      Da Volker Caspari das IS-LM-Modell erwähnt, an das sich viele unserer Leser aus ihrem Studium erinnern dürften, hier für Interessierte zwei Literaturempfehlungen:

      1. Volker Caspari ist Mitherausgeber eines sehr schönen Buches mit wichtigen Aufsätzen zu dem Modell in deutscher Übersetzung, darunter Aufsätzen von John Hicks:

      Barens/Caspari (Hrsg.): Das IS-LM-Modell. Marburg 1994 (Metropolis)

      2. Im Jahre 2003 fand eine Konferenz zu IS-LM in den Vereinigten Staaten statt, deren Beiträge hier nachzulesen sind:

      https://muse.jhu.edu/journals/history_of_political_economy/toc/hpe36.5.html

    • Hier ist ein aktueller Beitrag über Fiskalmultiplikatoren
      http://www.voxeu.org/article/government-spending-multipliers-and-business-cycle

    • Zum Kommentar von Dr. Volker Caspari
      Ich will den Status quo gar nicht gegen Ihre Kritik verteidigen. Leute wie James Tobin haben Makro-Modelle entwickelt, die m.E. sehr viel mehr empirischen Gehalt haben als die im Moment allgegenwärtigen DSGE-Modelle- die aber trotzdem nicht in Graduiertenprogrammen gelehrt werden.
      Und Robert Solow, den man als Urvater der neoklassischen Wachstumstheorie bezeichnen könnte, kritisiert eloquent die Verengung auf „mikrofundierte“ Gleichgewichtsmodelle (besonders pointiert: „The State of Macroeconomics“, Kommentar im Journal of Economic Perspectives 2008).

      Es geht also in der Debatte mehr darum, wie man einen konstruktiven Diskurs organisieren sollte. Ich bin noch nicht überzeugt, dass Denkschulen-Labels dabei hilfreich sind. Wie Sie sagen: Es ist eine menschliche Schwäche, dass wir lieber neue Testmethodologien entwickeln oder andere Ausweichstrategien fahren, als Fehler einzugestehen- selbst wenn die empirische Faktenlage es als ratsam erscheinen lässt. Nach aussen vertretene Denkschulenzugehörigkeiten zementieren solche „Pfadabhängigkeiten“ aber. Wer 20 Jahre lang Karriere unter einem bestimmten Label gemacht hat, für den ist es kostspielig, seine Ansichten zu bestimmten Fragen zu ändern.
      Ist es da nicht besser, ein Selbstverständnis als grundsätzlich in alle Richtungen kritischer Volkswirt zu pflegen?

      Während normative Werturteile naturgemäss immun gegen empirische Kritik sind, sind es methodologische Werturteile meines Erachtens nicht. Meine Schlussfolgerung daraus ist, dass wir den Diskurs so organisieren müssen, dass Gedankenaustausch nicht durch „intellektuelle Pfadabhängigkeiten“ behindert wird.

  5. Pingback: Kleine Presseschau vom 22. Juni 2015 | Die Börsenblogger

  6. Addendum :Wittgenstein
    „Die Welt ist alles was der Fall ist;die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen ,nicht der Dinge.Die Welt zerfällt in Tatsachen.“[ De Wijsbegeerte en het Wetenschappelijk Beroep Op De Feiten,Dr. J.J. Louet Feisser,Assen,MCMLXV]

  7. Das Nebeinander und der Mainstream
    Von einem Nebeneinander verschiedenster Theorien in einer Mikro- oder Makroökonomievorlesung halte ich auch nicht so viel, aber man kann gerade in der „Einführung in die VWL“ einen breiten Bogen spannen und die verschiedenen Ansätze präsentieren. Darüber hinaus böte eine ordentliche Pflichtveranstaltung zur „Theoriegeschichte“ ebenfalls die Möglichkeit, die Entwicklung des Fachs vertiefend zu beleuchten. Die internationale studentische Debatte hat m.E. eher einen anderen Schwerpunkt als „Theorienvielfalt zu präsentieren“. Vielmehr wird doch betont, die einstmals als wichtig angesehen Fächer „Wirtschaftsgeschichte“ und „Geschichte der ökonomischen Lehrmeinungen“ wieder in das Curriculum zurück zu holen. In Großbritannien hat sich ein breiter Konsens unter der Führung von Royal Economic Society, Government Economic Service und der Bank of England dieser Angelegenheit angenommen und in einem Pilotprojekt an einigen ausgewählten Fakultäten geänderte Curricula eingeführt. In Deutschland ist das bislang nicht diskutiert oder in Erwägung gezogen worden. Allerdings wurde an einigen Fakultäten (z.B. Heidelberg und Frankfurt), gerade durch den Einfluss studentischer Gruppen, reguläre Lehrveranstaltungen zu den o. g. Fächern, wieder eingeführt.
    Warnen möchte ich vor einem allzu optimistischen Fortschrittsglauben durch empirische Untersuchungen. Der simple Falsifikationismus a la Popper funktionierte und funktioniert in der Volkswirtschaftslehre nicht so richtig, weil der ökonomische Prozess (d.h. der Daten generierende Prozess) weder homogen noch kontrollierbar ist und zudem die einzelnen Ereignisse nicht stochastisch unabhängig voneinander sind. Gleichwohl darf man unter keinen Umständen auf empirische Analysen verzichten.
    Ein letzter Punkt: Die VWL ist zu einer „Lehrbuchwissenschaft“ geworden. Was den Weg in die Lehrbücher findet, hat oft mehr mit „Konsens“ als mit „Wahrheit“ zu tun. Der „Mainstream“ ist zwar offener als viele glauben, aber ist eben das Resultat einer Netzwerkexternalität. Junge Forscher wählen Themen, die anschlussfähig sind, präsentieren Untersuchungen, die eher „im Trend“ liegen, statt sich mit kontroversen oder randständigen Themen oder Methoden zu widmen.

    • RE: Das Nebeinander und der Mainstream
      Vielen Dank für Ihren Kommentar.
      Einverstanden, Wirtschaftsgeschichte und vor allem Theoriegeschichte sollten reguläre Lehrveranstaltungen sein und man kann lokalen Studierendeninitiativen nur herzlich dafür danken, wenn es ihnen gelungen ist, diese Kurse zurückzuholen. Reflexionen dieser Art kamen in meinem VWL-Studium in Deutschland zu kurz.

      Und ich teile Ihre Befürchtung, dass der Druck in Richtung Konformismus, der auf junge Forscher durch das „publish or perish“-System ausgeübt wird, schädlich ist.
      Ich finde nur, dass Labels den Gedankenaustausch behindern: Ein Ökonom, der sich selbst der „Österreichischen Schule“ zurechnet, wird beispielsweise von vorne herein Forschung, die einen gesellschaftlichen Nutzen von Zentralbanken zum Ergebnis hat, zurückweisen. Alles andere käme einer Infragestellung des eigenen intellektuellen Fundaments gleich- und das wird allein aus psychologischen Gründen sehr selten vorkommen. Ich denke deshalb, dass Denkschulen-Volkswirte jeder Couleur Gefahr laufen, in Dogmatismus zu verfallen.

      In vielen Bereichen der VWL scheint es mir trotz aller Schwierigkeiten möglich zu sein, durch vorurteilsfreie Forschung den Raum, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten zu empirischen Fragen möglich sind, deutlich zu verringern (wenn auch nicht immer linear: früher datierende Gedanken zu einem Thema sind natürlich nicht automatisch überholt).

      Das wird aber meiner Meinung nach nur möglich sein, wenn Relativismus ebenso wenig Raum bekommt wie Dogmatismus- denn in einer VWL, in der Denkschulen mit gegensätzlichen Erkenntnissen fröhlich koexistieren besteht wenig Interesse daran, die mühsame empirische Forschung zur Auflösung von Meinungsverschiedenheiten, die auch Sie einfordern, durchzuführen.

    • Zum Kommentar von David Kunst
      „In vielen Bereichen der VWL scheint es mir trotz aller Schwierigkeiten möglich zu sein, durch vorurteilsfreie Forschung den Raum, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten zu empirischen Fragen möglich sind, deutlich zu verringern (wenn auch nicht immer linear: früher datierende Gedanken zu einem Thema sind natürlich nicht automatisch überholt).“ (David Kunst)

      In diesem Zusammenhang darf ich an unseren Beitrag über die jüngste Kritik Paul Romers hinweisen:

      http://blogs.faz.net/fazit/2015/05/17/ein-oekonom-attackiert-5814/

      Gruß
      gb

  8. Ein ambigue Wirtschaftswissenschaft
    und als empirisch betrachteten
    Beobachtungen übersetzt in Fakten,das heißt Fakten sind immer „hausgemacht „,wie Postulaten.Mathematische Modellen sind nur da zur Vereinfachung und ein effektivere Bewertung und Auswertung von ja immer ideologisch geprägte Data,nie gleichzustellen mit was Wissenschaft sein sollte,außerdem ,mangelt es vielfach an grundlegende Kenntnis der Methodologie.Und was Wissenschaft sein sollte ,dass ändert sich ständig und stetig jeder Epoche ,daher Wissenschaft sei per Definitionem historisch eingebettet,ebenfalls die Aufffassung und Deutung einer Wirtschaftswissenschaft ,dazu
    gehört ein sich vergewissern dass sie sich einst ja nicht gab,das heißt die heutige Wirtschaftswissenschaft ist die Frucht oder Früchte einer langwierigen Entwicklung zu verdanken hochbegabte Denker ,und….. eine nicht ablassende Neugier!
    was mein persönlicher Neugier geprägt hat beim Ausübung meiner wirtschaftlicher Ausbildung im Bereich tropische Gesundheitswesen war und ist die Phenomenologie,die immer wechselnde Perzeption was Realität bedeuten soll und sein könnte.,mit alle defekte eigens meiner Beobachtungskunst und – Kunde,
    .
    Danke für ein derartiges wichtiges Thema der Wirtschaftswissenschaft!

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