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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Übers Ohr gehauen – Die Psychologie des Versicherungsbetrugs

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Etwa vier Milliarden Euro, schätzt die Versicherungswirtschaft, kassieren Versicherungsbetrüger jedes Jahr von ihren Versicherungen – vier Milliarden, die ihnen eigentlich nicht zustehen. Ein kleiner Betrug hier, ein größerer Betrug dort – seine Versicherung abzuzocken ist ein Massenphänomen. Es gibt Umfragen, in denen jeder vierte Deutsche sagt, er hätte seine Versicherung schon einmal hintergangen. Die 5000 Verdächtigen, die im vergangenen Jahr bei der Polizei angezeigt wurden, halten Fachleute für die Spitze des Eisbergs.

Ob Versicherungskonzerne, die es wahlweise mit „Sex-Partys in Budapest“ oder fragwürdigem Datenhandel in die Schlagzeilen schaffen, besonders bemitleidenswerte Opfer sind, sei dahingestellt. Sicher ist: Versicherungsbetrug ist ein ernsthaftes Delikt, das vor allem ehrliche Versicherungsnehmer schädigt und nur sehr schwer aufzuklären ist. Das zumindest schreiben die drei Kölner Wirtschaftsforscher Vanessa Köneke, Detlef Fetchenhauer und Horst Müller-Peters in ihrem jüngst erschienenen Buch „Versicherungsbetrug verstehen und verhindern„. Um das Phänomen zu durchdringen, werteten die Forscher Hunderte Studien, Umfragen, Interviews und Recherchen bei Konzernen aus. Wer Betrügern auf die Spur kommen will, sind die Forscher sicher, muss „den ganzen Menschen verstehen“. Darum kümmern sie sich nicht nur um ökonomische, sondern auch um psychologische und soziologische Erklärungen für den Betrug.

Es gibt spektakuläre Betrugsfälle, die von Boulevardmedien gerne aufgegriffen werden: Ein Mann sägt sich absichtlich mehrere Finger ab, um eine Police zu kassieren. Ein Ehemann meldet den Tod seiner Frau, um die Lebensversicherung einzustreichen. Solche atemberaubenden Fälle erzeugen ein falsches Täterprofil, schreiben die Forscher. Denn der durchschnittliche Versicherungsbetrüger ist kein kühner Verbrecher, sondern ein gelegentlicher Mogler: Er meldet fälschlicherweise, dass sein Fahrrad nicht um 20 Uhr (kein Versicherungsschutz), sondern um 19 Uhr (Versicherungsschutz!) gestohlen wurde. Selbst verursachte Schäden schiebt er einem Komplizen in die Schuhe, damit die Haftpflichtversicherung einspringt. Oder er stellt nach einem Diebstahl den Schaden etwas übertrieben dar. Mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, „den Schadensverlauf etwas anders beschrieben zu haben, als es der Wahrheit entsprochen hat“, bilanzieren die Forscher. Beinahe alle anderen sagten, sie hätten die Betrugssumme übertrieben. Die meisten Personen hätten ihre Versicherung um höchstens 100 Euro geprellt, nur gut jeder Zehnte habe mehr als 500 Euro ungerechtfertigt eingestrichen. Weil die Summen relativ gering sind und fast jeder jemanden kennt, der schon einmal seine Versicherung übers Ohr gehauen hat, halten viele Menschen diesen Betrug für ein Kavaliersdelikt.

Was lässt sich über das typische Täterprofil sagen? Ein Fahndungsplakat zu erstellen ist nicht einfach. Denn zwei Eigenschaften, die bei anderen Verbrechen oft eine Rolle spielen, fallen für die Fahndung aus: das Geschlecht und das Einkommen. Zwar sind die meisten Täter Männer, das liegt nach den Erkenntnissen der Forscher aber schlicht daran, dass Versicherungsangelegenheiten in der Familie noch sehr oft Männersache sind. Auch die Vermutung, dass Armut oder Reichtum anfälliger für Betrügereien macht, schlägt fehl. Reiche betrügen zwar in absoluten Zahlen gemessen häufiger, allerdings verschwindet der Effekt, wenn man berücksichtigt, dass wohlhabende Menschen im Schnitt mehr Versicherungsverträge abgeschlossen haben – ganz nach dem Motto: Gelegenheit macht Diebe. Das Alter dagegen ist wichtig. Fast zwei Drittel der Personen, die jünger als 30 Jahre sind, haben eine hohe Neigung zum Betrug. Bei Menschen jenseits der 60 ist es weniger als ein Drittel. Ob hinter dieser Diskrepanz ein schleichender Kulturwandel steckt oder die Menschen im Alter einfach ehrlicher werden, können die Forscher nicht eindeutig klären. Typische Täter sind zudem eher egoistisch und risikobereit als scheu und altruistisch, schreiben die Wirtschafts- und Sozialpsychologen. Allerdings sind diese Charaktereigenschaften für die Konzerne schwierig zu erkennen.

Dass die Hemmschwelle zum Betrug bei vielen Menschen sehr niedrig ist, haben sich die Versicherungsunternehmen zu einem gewissen Teil offenbar selbst zuzuschreiben. Denn auch wegen selbstverschuldeter Skandale hat die Branche nicht den besten Ruf. „Je schlechter das Bild der Versicherungsbranche aussieht, desto akzeptabler erscheint vielen Kunden Versicherungsbetrug“, schreiben die Forscher. Im Vergleich zu anderen Branchen haben die Versicherer es allerdings auch schwer – schließlich werden die Versicherer zwangsläufig mit Unfällen, Diebstählen und Unglücken assoziiert.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Schaden, der durch den eigenen Betrug entsteht, für den Täter abstrakt ist. Dass wegen des eigenen Betrugs die Kosten für die restlichen Versicherten steigen, erscheint vielen offenbar vernachlässigbar. Und hier kommen die menschlichen Moralvorstellungen ins Spiel: Je geringer der eigene Betrug wahrgenommen wird, desto eher können die Versicherten ihre Tat vor sich selbst rechtfertigen – das Opfer wird verneint, die Tat kaum als ungerecht angesehen. Oder anders gesagt: Wenn viele Leute im sozialen Umfeld betrügen, Versicherungen keinen guten Ruf haben und der Schaden überschaubar erscheint, sinkt die Hemmung zum Betrug. Mit solchen Analysen widerspricht das Kölner Forscher-Trio der Ansicht, dass Betrüger streng rational handeln, also ihren möglichen Gewinn gegen die drohende Strafe abwägen und allein auf dieser Basis ihre Entscheidung treffen.

Aber wie können die Versicherer ihren betrugsanfälligen Kunden auf die Schliche kommen und den Schaden eindämmen? Die Forscher stellen den Konzernen ein miserables Zeugnis aus, was die Betrugsbekämpfung angeht. Sie bemängeln vor allem zwei Schwachstellen. „Erstens konzentrieren sich die Versicherer bisher vor allem auf professionelle Versicherungsbetrüger, und zweitens widmen sie sich vor allem der Aufdeckung von Betrugsversuchen, nicht aber der Prävention.“ Manche auf den ersten Blick sinnvolle Maßnahmen können sogar mehr Schaden anrichten als helfen, sind die Forscher überzeugt. Schärfere Kontrollen etwa erhöhen zwar die Wahrscheinlichkeit, einen Betrug aufzudecken, und schrecken erst einmal ab, aber langfristig können sie die Betrugsbereitschaft eher erhöhen. Der Grund: Kontrollen signalisierten Misstrauen, und wer das Gefühl hat, dass ihm misstraut wird, der räche sich durch Kündigung oder eben Betrug.

Die Forscher raten den Konzernen daher zu einer ganzen Reihe eher weicher Maßnahmen, damit es erst gar nicht so weit kommt. Es könne zum Beispiel schon helfen, Versicherungsfälle möglichst schnell aufzunehmen und dem Kunden damit Bedenkzeit zu nehmen, in der er sich zum Betrug entschließen oder von anderen dazu animiert werden kann. Ein anderer einfacher Trick bestehe darin, Versicherte in kleinen „Mikrokollektiven“ zusammenzuführen. In solchen Gruppen werden alle belohnt, wenn in einer bestimmten Zeit in der gesamten Gruppe kein Schaden auftritt. Studien zeigen, dass dieses Solidarprinzip Betrug unwahrscheinlicher macht. Versicherungsvertreter fallen als Aufklärer übrigens aus. Denn die sitzen oft mit den Betrügern in einem Boot.

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