Fazit – das Wirtschaftsblog

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Der Einfluss der Zentralbanken auf die drei Funktionen des Zinssatzes

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Amerikas Notenbank steht kurz davor, die Zinsen zu erhöhen. Was bringt das? Die Ökonomen Peter Bernholz und Malte Faber erklären die drei Funktionen des Zins.

Das Fed-Gebäude in Washington© APDas Fed-Gebäude in Washington

Der Zinssatz hat Bedeutung:

  1. für die reale Wirtschaft,
  2. für die Geldpolitik und
  3. für die Einkommens- und Vermögensverteilung.

Die reale Wirtschaft

Der Zins ist sowohl für Produktion als auch für Konsumption und damit auch für die gesamte Wirtschaft von fundamentaler Bedeutung; denn durch ihn werden alle gegenwärtigen Preise mit allen künftigen Preisen verbunden.1 Der Zins (und der Zinseszins) stellen den Produzenten und den Konsumenten für ihre zeitlichen Entscheidungen Informationen zur Verfügung, nach denen diese ihre zeitgebundenen Entscheidungen treffen können. Durch den Zins werden zukünftige Entwicklungen antizipiert und in den heutigen Preisen vorweggenommen.

Der Zins hat die Funktion, die Höhe der Ersparnisse und die der Nettoinvestitionen aneinander anzugleichen. Ersparnisse bedeuten, dass Produktionsfaktoren von der Herstellung der Konsumgüter abgezogen werden. Diese aus der Konsumgüterindustrie abgezogenen Produktionsmittel werden dann ihrerseits, soweit das möglich ist, für die Herstellung von neuen oder besseren Produktionsmitteln verwendet. Dieser investive Vorgang bedeutet eine Verlängerung des Produktionsprozesses. Ein solcher Prozess ist deshalb sinnvoll, weil in der Regel die temporale Verlängerung des Produktionsprozesses mehrergiebig ist, das bedeutet, dass die Umwegproduktion die Herstellung entweder einer größeren Menge der bisherigen Konsumgüter oder die Herstellung vollkommen neuer Konsumgüter erlaubt. In der Regel gilt: Je länger der Produktionsumweg ist und je mehr reales Kapital verwendet wird, desto höher ist der physische Ertrag pro Einheit der eingesetzten Produktionsfaktoren.

Eine dauerhaft höhere Mehrergiebigkeit, neue Güter und Produktionsprozesse setzen voraus, dass es auch dauerhaft sowohl zu Erfindungen neuer Produkte und Produktionsverfahren und –mittel (Invention) als auch in der Folge zur Einführung neuer Technologien (Innovation) kommt.2 Denn ohne diese Erfindungen werden die vorhandenen mehrergiebigen Verfahren im Laufe der Zeit durch die Nettoinvestitionen voll genutzt und damit erschöpft.

Bei gleichgewichtigem Wachstum (d.h. in einem Steady State, in dem alle Sektoren der Wirtschaft und die Bevölkerung mit gleicher Rate wachsen), liegt der natürliche Zins (siehe unten) nur dann über der Wachstumsrate, wenn eine Mehrergiebigkeit längerer Produktionswege vorliegt3. Wie erwähnt wird aber die Bedingung der Mehrergiebigkeit im Zeitablauf nur dann bewahrt bleiben können, wenn rechtzeitig durch Erfindungen immer neue mehrergiebige Prozesse und neue Güter ermöglicht werden. Durch Ersparnisse und entsprechende Nettoinvestitionen können die durch die Erfindungen möglichen Innovationen im Zeitablauf finanziert und durchgeführt werden. Finden solche Erfindungen nicht statt, so wird der (natürliche) Zins auf die Wachstumsrate der Bevölkerung fallen. Die Nettovestitionen werden dann nur noch eine Erweiterung des vorhandenen Produktionsapparates im Gleichschritt mit dem Wachstum der Bevölkerung ermöglichen. Das pro Kopf Einkommen bleibt im Gegensatz zum Fall, in dem der (natürliche) Zins über der Wachstumsrate liegt, unverändert.

In einer dezentralisierten Wirtschaft können Ersparnisse und Nettoinvestitionen nur mit Hilfe von Krediten und geeigneten Zinssätzen aufeinander abgestimmt werden. Diese Koordination erfolgt in der Regel mit Hilfe der Banken und der Kapitalmärkte. Gehen jedoch die von den Banken und den Kapitalmärkten angebotenen und von den Produktionsunternehmungen nachgefragten Kredite bei zu niedrigen Marktzinsen über die Summe der angebotenen Ersparnisse hinaus, so ergibt sich eine solche Verlängerung der Produktionswege, die nicht auf Dauer bestehen bleiben kann. Denn in diesem Fall fragen die Produktionsunternehmungen mehr an Produktionsfaktoren nach, als von den Haushalten durch Konsumverzicht (Ersparnisse) freigestellt werden. Es ergibt sich eine Fehlallokation der Produktionsmittel, die nicht aufrechterhalten werden kann und folglich in eine wirtschaftliche Krise führt. So können zum Beispiel begonnene Investitionen wie Fabrikanlagen oder Hausbauten nicht zu Ende geführt werden, weil im Laufe einer Wirtschaftskrise die Finanzierungsbedingungen sich dramatisch verschlechtern und aus diesem Grunde die ursprünglich geplanten und vorhandenen Finanzierungsmittel nicht mehr ausreichen, die Investitionen zum Abschluss zu bringen. Sie bleiben als Investitionsruinen übrig und müssen weit unter Wert verkauft werden, was häufig zum Konkurs der betreffenden Unternehmen führt.

Ähnliches gilt auch im umgekehrten Fall, wenn bei zu hohen Marktzinsen mehr Ersparnisse bereitgestellt werden, als Kredite für Nettoinvestitionen verlangt werden; denn dann werden die in einer Wirtschaft für Investitionen zur Verfügung stehenden Produktionsfaktoren nicht vollständig ausgenutzt. Als erstes wird davon häufig der Bausektor betroffen. Die dort vorhandenen Maschinen und vor allem viele der dort Arbeitenden können aufgrund mangelnder Aufträge nicht mehr beschäftigt werden und müssen entlassen werden, was z.B. zur Arbeitslosigkeit führt. Aufgrund von geringeren Einkommen dieser Arbeitslosen sinkt auch die Nachfrage in anderen Sektoren, was wiederum weitere Entlassungen bewirkt. Diese Zusammenhänge können an der 2007/2008 entstandenen Immobilienkrise in den USA illustriert werden, die durch zu niedrige Zinssätze und staatliche Anreize für den Kauf von Häusern aufgrund extrem günstiger Kreditbedingungen ausgelöst wurde. Nach dem Zusammenbruch des Immobilenmarktes mit Preissenkungen für Häuser, die mit denen der große Krise im Jahre 1929 vergleichbar waren, wurde vor allem der Bausektor in den USA betroffen, der mit fünf Prozent zur Wertschöpfung des amerikanischen Sozialproduktes beträgt. Es kam zu vielen Entlassungen, die wiederum weitere Arbeitslosigkeit in anderen Wirtschaftsbereichen verursachten.

Während der Finanzkrise ließen sich viele Häuser nicht mehr verkaufen.© ReutersWährend der Finanzkrise ließen sich viele Häuser nicht mehr verkaufen.

Worauf ist es zurückzuführen, dass der Zinssatz eine so bedeutende Rolle für die Entwicklung der realen Wirtschaft hat? Der Grund ist, dass die Bedeutung künftiger Preise für gegenwärtige wirtschaftliche Entscheidungen ohne Vorhandensein von Zins und Zinseszinses überhaupt nicht rational abschätzt werden kann; denn der Zins verbindet die zukünftigen mit die gegenwärtigen Preisen, weil er es ermöglicht, die zukünftigen Preise derart abzudiskontieren, dass sie mit den gegenwärtigen Preisen vergleichbar sind. Auf diese Weise können gegenwärtige Kosten und Gewinne mit zukünftigen Kosten und Gewinne verglichen werden. Auf der Grundlage dieser Vergleiche können wirtschaftliche Investitions- und Konsumentscheidungen getroffen werden.

Da in die Bestimmung des Zinssatzes letztlich alle Preise einer Wirtschaft eingehen, ist er eine sehr wichtige, vielleicht die wichtigste wirtschaftspolitische Größe; denn seine Höhe bestimmt wesentlich die Entwicklung einer Wirtschaft im Laufe der Zeit.

In den Wirtschaftswissenschaften wird zwischen dem Marktzins und dem natürlichen Zinssatz unterschieden. Der Marktzins ist der in der Realität beobachtete jeweilige Zinssatz, der natürliche Zinssatz dagegen ist der langfristig herrschende Zinssatz. Seine Größe kann aufgrund der Mehrergiebigkeit, der Risiokogeneigheit und der Zeitpräferenz der Konsumenten ermittelt werden Der jeweilige Marktzinssatz schwankt um den natürlichen Zinssatz.

Die Geldpolitik

Bisher haben wir nur die Bedeutung des Zinssatzes für die Unternehmer und Konsumenten und damit für die reale Wirtschaft erläutert. Hier spricht man von der allokativen Funktion des Zinssatzes. Neben den genannten realen Bestimmungsgründen des Zinssatzes wird die Höhe des Zinssatzes durch geldpolitische Maßnahmen bestimmt, um z.B. die Inflationsrate oder die Erwartungen der wirtschaftlich Handelnden zu beeinflussen. Diese Aufgabe wird von der Zentralbank einer Volkswirtschaft übernommen, im Euroraum von der Europäischen Zentralbank. Dies ist die monetäre Funktion des Zinssatzes. Damit greift allerdings die Zentralbank nicht nur in die geldpolitische Funktion des Zinssatzes ein, sondern auch in seine realwirtschaftliche Funktion und, wie wir später unter 3. erläutern werden, in seine einkommens- und vermögenspolitische Funktion.

Wird nun der Zinssatz von den Zentralbanken gemessen am natürlichen Zinssatz zu niedrig angesetzt, so muss sich, wie oben erläutert wurde, notwendigerweise eine Fehlallokation von Ressourcen und damit schließlich eine Krise ergeben.

Unter diesen Gesichtspunkten muss die allein auf die Zinssteuerung ausgerichtete Geldpolitik der Zentralbanken, angeführt vom amerikanischen Federal System (Fed) in Washington, in den letzten 15 Jahren als eine verfehlte Geldpolitik, also als ein verfehltes wirtschaftspolitisches Handeln angesehen werden, das zu einer dramatischen wirtschaftlichen Fehlentwicklung geführt hat. Nach dem Zusammenbruch der Internetblase 2000/1 senkte das Fed seinen Zinssatz auf ein Prozent, also weit unter den natürlichen Zinssatz von vermutlich zwei bis drei Prozent4. Das war eine wesentliche Ursache dafür, dass Immobilienpreise und Aktienkurse besonders in den USA geradezu explodierten. Damit wollen wir nicht bestreiten, dass auch andere Faktoren, wie mangelndes Haftungsrecht, zu komplexe Finanzierungsinstrumente sowie Unkenntnis bei Bankern über historische Finanzkrisen eine verstärkende Wirkung gehabt haben.

Andere Zentralbanken folgten dem Fed oder mussten ihm folgen. Als dann schließlich der Konsumentenpreisindex in den USA stärker zu steigen begann, erhöhte das Fed, um den inflationären Tendenzen entgegenzuwirken, sukzessive seinen Zinssatz

Angesichts der damit verbundenen Fehlallokationen in der realen Wirtschaft war es nicht erstaunlich, dass die durch diese Politik entstandenen Blasen schließlich 2008 platzten5. Insbesondere fielen, wie oben erwähnt, die Häuserpreise in einem seit der großen Depression 1929 nicht mehr vorgekommenen Ausmaß. Die auf diese Weise entstandene Deflation bekämpfte das Fed wiederum durch eine Senkung des Zinssatzes auf praktisch null Prozent. Daneben erhöhte es die monetäre Basis, also das Zentralbankgeld, durch das sogenannte Quantitative Easing um über 300%, also in einem Ausmaß, das es in anderen Ländern sonst nur in Phasen vor einer Inflation gegeben hat.

Es soll hier nicht bestritten werden, dass in einer Krisenlage den Banken erhebliche Kredithilfen zur Verfügung gestellt werden müssen. Aber dies hätte unserer Meinung entsprechend der Vorschläge von Sir Walther Bagehot (1826-1877) an die Bank von England im 19. Jahrhundert geschehen sollen. Bagehot schlug damals vor, beliebig hohe Kredite an die Banken zu geben, aber zu einem Strafzins bei gleichzeitiger Bewertung der Bankaktiva zum Wert der vorausgegangenen Zeit, als die Krise noch nicht herrschte. Letzteres ist wichtig, um schon vor der Krise insolvente Banken auszuschalten. Auf diese Weise hätte man einerseits das moralische Risiko einer weiteren Verschuldung der Banken verhindern können und gleichzeitig illiquide von insolventen Banken unterscheiden können.

Der augenblickliche Nullzinssatz in verschiedenen Ländern, insbesondere im Euroraum zeigt, dass weitere Fehlentwicklungen in der Allokation der Ressourcen schon weit verbreitet sind. Da inzwischen die Schulden der Staaten ebenfalls angestiegen sind, haben die betreffenden Regierungen allerdings ein großes Interesse, den Zinssatz niedrig zu halten, um entsprechend niedrige Zinszahlungen an ihre Gläubiger leisten zu müssen. Aus diesen Gründen ist schwer zu sehen, wie hier ein vernünftiger Ausweg aus dieser durch eine verfehlte Geld- und Fiskalpolitik geschaffenen Situation gefunden werden kann. – Wir erwähnen, dass von diesen Überlegungen diejenigen Länder auszunehmen sind, in denen schon am vorigen Immobilienboom die Beteiligten sich nach 2008 die Finger verbrannt hatten. Dies gilt insbesondere für die USA, Irland und Spanien. Allerdings hat auch dort die Zentralbankpolitik zu einem übermäßigen Ansteigen der Aktienpreise beigetragen.

Die Einkommens- und Vermögensverteilung

Wir haben in diesem Beitrag vor allem die reale bzw. allokative und die monetäre Funktion des Zinssatzes erläutert. Wie erwähnt hat der Zins für die Einkommens- und Vermögensverteilung erhebliche Bedeutung. Von der Höhe des Zinses hängt ab, welche Gruppen der Bevölkerung welchen Anteil am Sozialprodukt erhalten. Paradoxerweise hat aber gerade die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken durch die Erhöhung der Aktien- und Immobilienpreise eine Verteilung begünstigt, die besonders die ärmeren und unwissenderen Teile der Bevölkerung benachteiligt. Denn letztere sind im Gegensatz zu ersteren nicht willig oder fähig, Investitionen in Aktien oder Immobilien vorzunehmen. Aber wesentlich wichtiger als die Bedeutung des Zinssatzes für die Verteilung ist letzten Endes sein Einfluss auf die effiziente Allokation der Ressourcen.

Peter Bernholz ist emeritierter Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Basel und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates des Bundesministeriums für Wirtschaft.

Malte Faber ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftstheorie, am Alfred-Weber-Institut der Universität Heidelberg; er war Direktor des Interdisziplinären Institutes für Umweltökonomie.

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[1] Die Bedeutung künftiger Preise für gegenwärtige wirtschaftliche Entscheidungen kann man ohne Vorhandensein von Zins und Zinseszinses überhaupt nicht rational abschätzen. Der Zins verbindet die zukünftige Preise mit den gegenwärtigen. Wirtschaftstheoretisch betrachtet gilt, dass jedes Gut i gilt:

jedes Gut i (i=1, 2, ….n) hat einen Eigenzinssatz ri:
ri = [pi (t)/pi (t+1)] – 1,
wobei pi (t+1) der abdiskontierte Preis des Gutes i in der Periode t+1 ist, der auch als Gegenwartspreis bezeichnet wird. Es gibt so viele Zinssätze ri wie es Güter i gibt. (Siehe hierzu z.B. Edwin Burmeister, Capital Theory and Dyanmics, 1980 oder Gunter Stephan, Introduction into Capital Theory. A Neo-Austrian Perspective, 1996.)

Aggregierung der jeweiligen Eigenzinssätze in einer Periode ergibt „den Zinssatz“ einer Wirtschaft. Da in die Bestimmung des Zinssatzes alle Preise eingehen, ist er eine sehr wichtige, vielleicht die wichtigste wirtschaftspolitische Größe; denn seine Höhe bestimmt die Entwicklung einer Wirtschaft im Laufe der Zeit.

[2] Siehe z.B. Malte Faber, John Proops and Stefan Speck with Frank Jöst, Capital and Time in Ecological Economics. Neo-Austrian Modelling, 1999, Abschnitte 3.3 und 3.4 sowie Kapitel 5.

[3] Peter Bernholz und Malte Faber, „Steady State and Superiority of Roundaboutness: A Comparison between the Neoclassical and a Neo-Austrian Approach.” Zeitschrift für die Gesamte Staatswissenschaft, 134, 1978. Eine allgemeinere Darstellung gibt Gunter Stephan 1996, a.a.O.: Kapitel 6.

[4] Der natürlich Zinssatz war während der Goldwährung vor 1914 in entwickelten Ländern drei bis vier Prozent Ökonometrische Studien weisen darauf hin, dass der natürliche Zinssatz in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg im Durchschnitt zwei Prozent war, zwischen den Jahren 1982 bis 2007 jedoch drei Prozent (James D. Hamilton, Ethan S. Harris, Jan Hatzius, Kenneth D. West, The Equilibrium Real Funds Rate: Past, Present and Future, March 1, 2015 ; siehe auch Marco Del Negro, Marc Giannoni, Matthew Cocci, Sara Shahanaghi, and Micah Smith, Why Are Interest Rates So Low? Liberty Street Economics, May 20, 2015). Wir danken Gerald Braunberger für diese Literaturangaben.

[5] Ein weiteres Beispiel für die Fehlallokation durch geldpolitische Veränderungen des Zinssatzes ist die Verringerung der amerikanischen Sparrate in den USA von 9 % Anfang der achtziger Jahre auf bis zu 0,6 % in 2007. Zum Vergleich: Die Sparrate in Deutschland beträgt ca. 11 %.

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24 Lesermeinungen

  1. Sogar die Herren Professoren...
    …suggerieren hier, dass eine Bank fuer einen Kredit Spareinlagen braucht. Dort steht: „…wenn bei zu hohen Marktzinsen mehr Ersparnisse bereitgestellt werden, als Kredite für Nettoinvestitionen verlangt werden…“

    Eine Bank schoepft Geld als Kredite durch Bilanzverlaengerung. Und zwar frisches, neues Geld, welches sich noch nicht in Umlauf befindet. Sie braucht hierfuer erstmal keine Sparer. Wir leben in einem Schuldgeldsystem, in dem saemtliches Geld durch Verschuldung ueberhaupt erst entsteht.
    Dieses System ist der eigentliche Skandal. Wir brauchen eine Vollgeldreform, so wie sie hoffentlich in Island bald vollzogen wird.

    • Es geht hier aber nicht ...
      … um einzelne Kredite, die eine Bank per Geldschöpfung erzeugen kann, sondern um Aggregate (aggregierte Ersparnisse und aggregierte Kredite). Wenn die per Kredit geschöpfte Geldmenge wirklich die Ersparnisse so stark übersteigen und somit die effektive Geldmenge so stark erhöht wird, würden wir eine Beschleunigung der Inflationsrate über das Ziel der von der Notenbank gesetzten 2% Inflation (auf dem Gütermarkt) erleben – denn die Produktionsfaktoren würden durch die zustäzliche Nachfrage knapper und knapper (daher auch teurer und teurer). Jeder Kredit der entsteht, schlägt sich ja schließlich früher oder später in zusätzlicher Nachfrage nieder. Die Notenbank würde reagieren, indem sie die Zinsen erhöht (schließlich hat sie 2% Inflation auf dem Gütermarkt zum Ziel) und letztendlich würde dies dazu führen, dass die Banken weniger Geld schöpfen bzw. ihre Kredite zu schlechteren Konditionen anbieten! Die Menge der nachgefragten Kredite geht dadurch zurück.

    • @ Marian Löhr
      „Wir leben in einem Schuldgeldsystem, in dem saemtliches Geld durch Verschuldung ueberhaupt erst entsteht.“

      Fast korrekt: Es gibt noch einen winzigen Rest aus der Münzgeldseigniorage, der schuldfrei das Licht der Welt erblickt. Zudem kann eine Zentralbank auch Vermögenswerte aufkaufen und stellt somit dem Käufer ZB-Geld zur Verfügung. Der größte Teil entsteht allerdings, wie Sie richtig bemerken, durch einen Kreditvertag mit einer zugelassenen Geschäftsbank. Den Skandal kann ich allerdings hier nicht erkennen und die Forderung nach einer Vollgeldreform basiert doch auch nur auf der unseligen Loanable-Funds-Theorie. Das von den Vollgeldjüngern unterstellte fraktionale Reservesystem ist eine Fiktion und der fehlerhaften Darstellung der multiplen Geldschöpfung durch die Bundesbank bis 2008 geschuldet. Der alte Geldschöpfungsmultiplikator wurde mittlerweile aus dem Glossar der Bundesbank verbannt und die Geldschöpfung wird nun korrekt beschrieben. Hier die Details: http://blogs.faz.net/fazit/2015/04/17/wenn-ungleichheit-zur-wachstumsbremse-wird-5696/#comments

      LG Michael Stöcker

    • @ Tim Pellemeier
      Die Notenbank wird erst dann die Leitzinsen reaktiv erhöhen, wenn eine Überhitzung droht. Davon sind wir insbesondere in Euroland meilenweit entfernt. Und damit der Effekt auch tatsächlich eintritt, muss die Notenbank schon sehr auf die Bremse treten, da bei einem Mindestreservesatz von 1 % und rückläufiger Bargeldaffinität der Bedarf an ZB-Geld nicht all zu hoch ist. An Homöopathie mag glauben wer will: https://zinsfehler.wordpress.com/2013/09/06/allmachtsfantasien-zur-zinssetzungshoheit/

      Auf Deutschland hätte eine Erhöhung der Leitzinsen eine noch geringere symbolische Wirkung, da die Bundesbank als Folge der Finanzkrise zum Nettoschuldner der Geschäftsbanken mutierte.

      LG Michael Stöcker

  2. Klassische/Neoklassische Zinstheorie
    Dieser Beitrag lebt ganz im Geiste der neoklassischen Zinstheorie. Doch nicht nur John Maynard Keynes zog wichtige Aspekte dieser Theorie bereits erheblich in Zweifel. Auch der heute nahezu unbekannte deutsche Nationalökonom Wilhelm Lautenbach war in den 1930er Jahren ebenso anderer Meinung.

    Den Satz „Der Zins hat die Funktion, die Höhe der Ersparnisse und die der Nettoinvestitionen aneinander anzugleichen.“ hätte er bereits rundheraus abgelehnt und den Artikel gar nicht mehr weitergelesen.

    Er schrieb vielmehr dazu: Das «verfügbare Kapital», mit dem [diese Funktion] operiert, ist keine reelle, sondern nur eine virtuelle, fiktive Größe. Es ist nämlich keineswegs vor und vor allem nicht unabhängig von der Investition gegeben oder auch nur bestimmbar.

    Weiter war er der Meinung, dass die Definition des notwendigen Kapitals als „die von der Volkswirtschaft gemachten Ersparnisse“ den Eindruck suggeriere, es handele sich dabei um einen bereit stehenden Sparfonds, aus dem man die für die Investition benötigten Mittel einfach so „schöpfen“ kann.

    Tatsächlich aber sei es gerade so, dass durch die Investitionen an der Versorgung für die Zukunft gearbeitet, also erst dadurch eine tatsächlich reale Kapitalbildung geschaffen werde.

    In seinen Worten:
    Das Realkapital ist der Produktionsbegriff, das Sparkapital der Verteilungsbegriff; es sind zwei Aspekte ein und desselben Phänomens. Niemals kann mehr oder weniger investiert werden als gespart wird, es wird immer so viel gespart wie investiert wird.

    Mit dieser Negierung der Voraussetzung, dass erst gespart werden müsse, damit man investieren könne, fällt allerdings auch die gesamte weitere Argumentation dieses Artikels mehr oder weniger in sich zusammen.

    Wer also eine etwas andere Ansicht zu dieser Thematik lesen möchte, der sei daher auf folgende Seiten verwiesen:

    http://www.joerglipinski.de/blog/alternative-wirtschaftstheorie-der-beschaeftigungspolitisch-optimale-zins-teil-6/

    http://www.joerglipinski.de/blog/alternative-wirtschaftstheorie-teil-8-lautenbachs-kritik-an-der-klassischen-zinstheorie/

    http://www.joerglipinski.de/blog/alternative-wirtschaftstheorie-letzter-teil-die-kollision-der-verschiedenen-aufgaben-des-zinses/

  3. Pingback: Kleine Presseschau vom 7. August 2015 | Die Börsenblogger

  4. Interessanter Artikel, aber
    viel zu umständlich geschrieben und anstrengend zu lesen, wegen langer, verschachtelter Sätze. Schauen Sie mal bei The Economist oder auch in akademischen Veröffentlichungen (AER, Econometrica, etc.), wie man komplizierte Sachverhalte verständlicher ‚rüberbringen kann…

  5. Was nütze es, bekannte Dinge aufzuwärmen?
    Die Funktionen sind seit Jahrzehnten bekannt und reichlich analysiert und in Modellen vielfältigst theoretisiert. Alles bekannt. Sämtliche klassichen Funktionen gelten nach wie vor! Mathematik funktioniert noch wie zu Zeiten von Archimedes.

    Nur die Politik stört es nicht. Sie manipuliert den Zins in ihrem Sinne. Die Verantwortung für Fiskalpolitik und Zinspolitik (Geldpolitik) war aus gutem Grunde voneinander getrenn (Regierung – Bundesbank). Heute benutzen die EZB, Arm in Arm mit der EU-Kommission, diese Funktionen des Zinses bzw. der Geldpolitik, um die Mittelschicht zu enteignen, Staatsschulden zu entwerten um gleichzeitig neue zu machen.

  6. Titel eingeben
    Die Ausführungen zur Verteilungswirkung der Zinshöhe kann ich nur als Verschleierung werten – im Interesse der Anbieter von Finanz- und Sach-Kapital und der Empfänger leistungsloser/risikofreier Kapitaleinkommen, deren Höhe durch die Höhe der BASIS-Zinsen bestimmt wird. Jedes Basiszinsprozent verteilt in der BRD über 40 Mrd. € p.a. von den Leistern, das sind die Arbeitnehmer und die kreditnehmenden, risikotragenden, mittelständischen Unternehmer, die die BASIS- und politisch erzeugten Risiko-Zinskosten mit den Güter- und Kreditpreisen bezahlen müssen, zu den nichtsleistenden Basiszinseinkommens-Beziehern. Es ist deshalb nachvollziehbar, dass die Interessenvertretung der Nicht-Leister alles, aber auch alles in ihrer Macht stehende, tut, um Basiszins- und Inflationsrate, sowie die gesellschaftlichen Risiko- und Krisenentwicklungen einschl. der Ressourcen-Verschwendung – nicht unter einen gewünschten Level sinken zu lassen – via Wachstumszwang-Institutionen.

    Die obige Abhandlung über die Funktion der Zinsen, die ohne die Untergliederung von Basiszinssatz und Risikozinshöhe/-Aufschlägen auskommt, ist für mich eine interessengeleitete, ja, interessengierige Zumutung.

    Hier wird offensichtlich wieder einmal die uralte Geheim-Wissensmauer verteidigt, die gegen das steuerungssystemische Wissen über die post-kapitalistische (Evolutions-)Ordnung einer nachhaltigen Weltwirtschaft, einschl. ihres Steuerungssystems für eine Weltindustriekultur-des-Kreativen, von einem Rumpelstilzchenclan errichtet wurde.

  7. Wer bestimmt denn nun wirklich den Basiszins?
    > „Wird nun der Zinssatz von den Zentralbanken … zu niedrig angesetzt, so muss sich, … schließlich eine Krise ergeben.

    Dieser Satz scheint mir richtig: Der Zinssatz wird von den Zentralbanken angesetzt.

    Allerdings wurde mir hier im Forum kürzlich weisgemacht, dass es umgekehrt sei ô__0. Die Argumentation der in den Links angegebenen Texte hat mich allerdings in keiner Weise überzeugt.

    Ich will nicht bestreiten, dass gewisse Wirtschaftsfaktoren der Anlass sein können, dass sich Zentralbanken bewegen. Dies ist aber kein Kausalzusammenhang, d.h. es wird eine nicht wirklich existierende Kauskalkette herbeigeredet, vermutlich um die Verantwortung andernorts festmachen zu können.

    • Nichts ist so, wie es scheint!
      „Dieser Satz scheint mir richtig: Der Zinssatz wird von den Zentralbanken angesetzt.“

      Ja, dieser Satz ist so richtig; allerdings nur dann, wenn sie hiermit die Leitzinsen meinen und nicht den Zinssatz für marktübliche Kredite. Die Frage ist nur: Passiert dies aktiv oder aber reaktiv?

      Das Wachstum wird in einem Kreditgeldsystem durch die Kreditexpansion determiniert. Steigt die relevante Geldmenge M1/M2/M3 zu stark an, dann kommt es zu konjunktureller Überhitzung und Inflationsgefahr und die ZB wird auf die Bremse treten und die Refinanzierungskosten erhöhen (siehe hierzu auch meine Antwort an Tim Pellemeier weiter oben). Die Expansion der Geldmenge geschieht also über einen Kreditkontrakt in der Wirtschaft (endogene Giralgeldschöpfung) und wird nur sehr indirekt über die ZB beeinflusst. An der Nullzinsgrenze ist sie de facto machtlos. ZBen sind nur in inflationären Zeiten mächtige Akteure (bzw. könnten es sein, wie Paul Volcker bewiesen hatte oder auch Pöhl und Schlesinger). An der Nullzinsgrenze mit Zielverfehlung (http://www.ecb.europa.eu/stats/prices/hicp/html/inflation.en.html) ist die Lohn- und insbesondere die Fiskalpolitik gefordert.

      LG Michael Stöcker

  8. Politische und sozial-ökonomische Strukturen
    eine politische Institution die man gerne äußerst wichtig der heutigen Gesellschaft unterstellt,die Zentralbanken,aber es gar nicht sein könnten ohne die verschiedenste Funktionsbereiche [EU] zusammenzuhalten ,oder vom abstrakten Denken zum konkreten,ich meine die Vorstellung der Bürger der monetäre Politik im alltäglichen Leben vis-a-vis abstrakte Begriffe der Finanzpolitik.So könnte es sein das Amerikaner sich lustig machen über sparen oder wie sie es nennen „Austerity Politics“, und es gar nicht verstehen können ,ein ganz verschiedener Weltanschauung .
    Gerne möchte ich darauf hinweisen das Wicksell ein richtige Pionier war im
    wieder herstellen der enge Verbindung zwischen monetäre Theorie und Zinsen[seit Hume]:Zinssatzfunktion :Sparen equilibristisch vis-a-vis Investitionen :Interest and Prices ; Lectures on Political Economy,vol.ll.

  9. Neuere Schätzungen
    Die beiden in den Anmerkungen erwähnten neueren Studien über die Höhe des natürlichen Zinses in den Vereinigten Staaten hatten wir in FAZIT hier vorgestellt:

    http://blogs.faz.net/fazit/2015/03/14/35-prozent-ist-das-ziel-fuer-den-leitzins-der-fed-5481/

    http://blogs.faz.net/fazit/2015/06/24/die-zinsen-sind-nicht-wegen-der-notenbanken-niedrig-5963/

  10. Einkommens- und
    Vermögensverteilung,da haben sie etwas im „Wildbahn“
    gelassen ,worüber immer gestritten werden darf ,tut es ja auch,da gerade dass immer ein Zwiespalt gäbe politische Parteiprogramme eigens.
    Ein sozial gerechteres Gesellschaft hat viele unterschiedliche Erscheinungsformen und Anliegen,oder verschiedene Ideologien[Pierre Dieterlens Bücher ausgezeichneter Kenntnis ],und wie,was und welche Wirtschaftsteile reallokationsfähig sind ,ich meine variabelste Parameter zur erwünschte Änderungen lässt sich politisch unterschiedlich träumen .
    Wie auch immer die heutige Rechtsstaat Deutslands ,oder die ganze EU Raum ,lässt sich mancher Bürger freuen ,inclusive „Wutburger“.
    Ja,ich möchte sagen nicht nur als Wirtschaftswissenschaftler aber als Mensch mich zufrieden geben darf was erreicht ist im kurzen Zeitspanne !
    Insbesondere eine Freie Presse,ein Kontrollfunktion nicht zu unterschätzen,wie zB.
    Staat und Recht ,wöchentlich in der F.A.Z.,solch ein Wachstum :Fazit zähe Arbeit,Arbeit und immer wieder neu anfangen,jeder Tag!

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