Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wo blieb eigentlich die Deflation?

| 15 Lesermeinungen

Bis heute rätseln Ökonomen in den Vereinigten Staaten, warum es in der Rezession nach Finanzkrise nicht zu einer Deflation gekommen ist. Auf der geldpolitischen Tagung in Jackson Hole wurde nun eine ungewöhnliche Erklärung präsentiert.

Zurück zu den Grundlagen: Preise steigen in einer Wirtschaft, weil sie von Unternehmen erhöht und von den Käufern akzeptiert werden. Und wenn viele Unternehmen in vielen Branchen die Preise erhöhen und viele Käufer dies akzeptieren, dann steigt auch das allgemeine Preisniveau.

Auf diesen scheinbar einfachen Schluss lässt sich eine Arbeit der Ökonomen Simon Gilchrist und Egon Zakrajsek bringen, die in diesen Tagen auf der geldpolitischen Tagung von Jackson Hole präsentiert wurde. Das Ungewöhnliche an ihrer Arbeit ist der Nachweis, dass viele amerikanische Unternehmen ausgerechnet in einer Rezession mit Erfolg ihre Preise erhöht haben. Denn eigentlich geht man davon aus, dass in einer Rezession Unternehmen ihre Preise im Zweifel senken (um im Geschäft zu bleiben), während sie eher in einem Konjunkturaufschwung Spielräume für Preiserhöhungen nutzen.

Seit ein paar Jahren wird unter amerikanischen Ökonomen die Frage diskutiert, warum in der jüngsten Rezession das Preisniveau nicht gesunken ist, wie es nicht nur die Erfahrung der Weltwirtschaftskrise nahe legt, sondern auch die in der Makroökonomik dominierenden neokeynesianischen Modelle. Auffallend ist, dass in dieser Zeit die Produzentenpreise – ohne die schwankungsanfälligen Preise für Nahrungsmittel und Energie – um rund 2 Prozent im Jahr gestiegen sind.

Gilchrist und Zakrajsek argumentieren auf der Basis theoretischer Überlegungen wie empirischer Arbeiten, dass man zwei Arten von Unternehmen unterscheiden muss:

– Es gab Unternehmen, die mit finanziellen Reserven in die Rezession gegangen sind. Diese Unternehmen haben sich wie im Lehrbuch verhalten und ihre Preise gesenkt.

– Es gab jedoch viele Unternehmen, die ohne finanzielle Reserven in die Rezession gegangen sind und seinerzeit nicht in der Lage waren, benötigte Kredite zu erhalten. Denn viele Banken waren damals mit der Kreditvergabe sehr zögerlich, weil sie selbst erst einmal überleben mussten und keine zusätzlichen Risiken eingehen konnten oder wollten. Diesen Unternehmen blieb nichts anderes übrig, als ihre Preise zu erhöhen, um sich die notwendigen Gelder zu beschaffen. Dies gelang auch vielen Unternehmen, allerdings auf Kosten von Marktanteilen. Dieses Verhalten, das durch den fragilen Zustand des Finanzsystems bedingt war, hat zu dem scheinbar paradoxen Ergebnis geführt, dass in einer Rezession das Preisniveau gestiegen ist. Erklären kann man damit auch, warum trotz einer allmählichen Konjunkturerholung das Preisniveau nicht deutlicher steigt: Viele ehemals klamme Unternehmen erhalten dank der Gesundung der Banken wieder Kredite. Dies ermöglicht ihnen die Rücknahme der erhöhten Preise, um Marktanteile zurückzugewinnen.

Interessant ist, dass man auf diese Weise über Deflation und Inflation nachdenken kann, ohne sich mit Zentralbanken und Geldpolitik zu befassen. Die Geldpolitik spielt in diesem Prozess überhaupt keine bedeutende Rolle. Vielmehr bedarf es nachhaltig gesunder Geschäftsbanken, die auch Rezessionen aushalten können, ohne sich über ihre Existenz Gedanken machen zu müssen.


15 Lesermeinungen

  1. Auch in der Euro-Peripherie
    Die These von Gilchrist mag merkwürdig klingen, aber ein solcher Zusammenhang zwischen Unternehmensbilanzen und Inflation lässt sich offenbar auch für die Euro-Peripherie zeigen:

    https://docs.google.com/viewer?a=v&pid=sites&srcid=ZGVmYXVsdGRvbWFpbnxsdWl6YWFudG91bmRlYWxtZWlkYXxneDpmMzQxZGU4ZjkyZTk0MTk

  2. Pingback: Inflation, Deflation, Preisstabilität | Wirtschaftswurm

  3. Es scheint mir nicht mehr zeitgemäß, "die Deflation" an einem Warenkorb festzumachen
    Aber zum Artikel: Die in die Modelle eingegangenen und vor allem nicht berücksichtigten Variablen sind so zahlreich und unterschiedlich, dass sich immer wieder Sonderbeobachtungen wie oben geschildert finden. Das Geschilderte mag stimmen, dürfte aber nicht entscheidend sein.

    Die heutzutage massiven Interventionen der Politik in das Wirtschaftsgeschehen lassen in marktwirtschaftlicher Umgebung gültigen Theorien und Modellen keinen Raum mehr. jeder Staatseingriff Darüber sollten Sie, Herr Braunberger, der Sie sich so intensiv mit Modellen beschäftigen, einmal berichten.

    Interessanter als obigen Artikel fand ich letzige „Bücherkiste“ mit dem Hauptgewicht auf David Adler, der allerdings auch relativ ratlos von Modell zu Modell springt und auch natürlich auch den Leser ratlos läßt. Letztendlich stehen wir vor der Tatsache, dass jeder Eingriff des ‚Elephant in the Room‘ nicht nur die Änderung einer Variablen bedeutet, sondern die Neufassung der Modellkonzeption erforderich macht. Damit sind wir wieder auf unbekanntem Terrain.

    • 1) Die Broschüre von David Adler ist ein Zwischenbericht über Arbeiten, die noch lange nicht abgeschlossen sind. Daher hält er sich meines Erachtens aus gutem Grund mit voreiligen Bewertungen zurück. Ich schreibe selbst seit mehreren Jahren intensiv über „Macrofinance“ und halte mich auch bewusst mit Bewertungen zurück, aber ich halte es für wichtig, dass jenseits der Universitäten im deutschen Sprachraum über diese Arbeiten berichtet wird. Interessant ist, dass Ökonomen, die auf diesem Gebiet aktiv forschen, häufig selbst sagen, dass der Wissensstand über die Zusammenhänge zwischen Gesamtwirtschaft, Finanzmärkten und Geldpolitik noch unvollständig ist. So sind im Augenblick ziemlich aufregende Arbeiten in der Entstehung, die sich kritisch mit der Frage befassen, wie Ökonomen seit Jahrzehnten über die Zusammenhänge von Leistungsbilanz und Kapitalbilanz denken – aber diese Autoren behaupten nicht, sie hätten alleine alles verstanden. (Wenn ich Zeit habe, werde ich darüber schreiben.) Jene Ökonomen, die von sich behaupten, sie hätten alles schon immer verstanden, sind üblicherweise Leute, die auf diesen Gebieten nicht wirklich arbeiten, sondern Weltanschauungen verbreiten. Das hilft uns bei der Gewinnung von Erkenntnissen aber ebenso wenig wie das Gejammer der Untergangspropheten.

    • 2) Interessanterweise sind es in den vergangenen Jahrzehnten gerade überzeugte marktwirtschaftliche Ökonomen aus den Vereinigten Staaten gewesen, die mit ihren Modellen den „Elephant“ wieder aus dem Raum geworfen haben. In Barros Aquivalenztheorie verliert die Staatsverschuldung ihren Schrecken. Wallace zeigt in seiner Irrelevanzthese, dass an vollkommenen Märkten Staatsanleihekäufe der Zentralbank völlig wirkungslos sind und kompromisslose Anhänger der Theorie realer Konjunkturzyklen vertreten die These, dass Geld- und Finanzpolitik ohne jede Wirkung sind. Der Nobelpreisträger Prescott hat erst vor wenigen Monaten gesagt, dass die Geldpolitik in den vergangenen Jahren wirkungslos war. Die gerade in Deutschland verbreiteten Klagen, dass die Geldpolitik so schrecklich sei, weil sie Preise verzerre, würden diese Leute vermutlich einfach lächerlich finden.

      Aber gerade in modernen Modellen wird der „Elephant“ doch behandelt. Da gibt es zB Analysen, in denen die Geldpolitik Risiko- und Laufzeitprämien am Anleihemarkt beeinflusst oder in denen Staatsanleihekäufe von Zentralbanken Wirkung besitzen, weil große Kapitalanleger durch Regulierungen in ihrer Handlungsfreiheit eingeengt sind. Die Liste ließe sich sehr lange fortsetzen.

  4. „Wo blieb eigentlich die Deflation?“
    Die ist vom disinflationären Norden in die Südperipherie gezogen und ist Bestandteil des einseitigen schmerzhaften Anpassungsprozesses: http://data.worldbank.org/indicator/FP.CPI.TOTL.ZG/countries/GR-PT-ES-IT-FR-DE-NO?display=graph

    „Die Geldpolitik spielt in diesem Prozess überhaupt keine bedeutende Rolle. Vielmehr bedarf es nachhaltig gesunder Geschäftsbanken, die auch Rezessionen aushalten können, ohne sich über ihre Existenz Gedanken machen zu müssen.“

    So ist es! Die Geldpolitik muss ‚lediglich‘ einheitliche Bonitätsstandards durchsetzen; bei Überhitzung auch mittels eines antizyklischen Kapitalpuffers. Dafür würden wir aber ein hierarchisches dreistufiges Geldsystem benötigen: https://soffisticated.wordpress.com/123-stufige-geldsysteme/. Dies ist der entscheidende Konstruktionsfehler des Eurosystems.

    LG Michael Stöcker

  5. Komische Erklärung
    Herr Mähler hat und Herr Caspari haben das Wesentliche ja bereits gesagt. Man kann eben Inflation nicht ohne Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit analysieren. Und es ist auch schwer noch von „Inflation/Deflation“ im Allgemeinen zu sprechen, wenn es dafür so viele Massgrössen gibt. Dort wo die extrem ausgeweitete Geldmenge angekommen ist, hat es wohl Lehrbuchmässige Inflation gegeben, so im Immobilienmarkt und an der Börse. Im Konsumsektor, wo die Nachfrage fehlt, hat es sowohl deflationäre als auch inflationäre Tendenzen gegeben. Wie wäre es damit, dass in oligopolistischen und monopolistischen Marktsegmenten, die Preise immer steigen, während sie in polipolistschen eher sinken. Beide Raten sind zu saldieren. Dass Unternehmen (ohne Zugang zum Kapitalmarkt) unter mangelnder Nachfrage ihre Preise erhöht haben, kann nur in ersteren so geschehen.

  6. Diskussion in Jackson Hole
    Als Ergänzung sei hier ein Link zu den Unterlagen des Korreferenten Pete Klenow (Stanford) gesetzt:

    https://www.kansascityfed.org/~/media/files/publicat/sympos/2015/econsymposium-klenow-handout.pdf?la=en

  7. Komisch, komisch!!!
    Wie gelingt es den Unternehmen mit keinen finanziellen Reserven ihre Preise zu erhöhen??? Man würde doch erwarten, dass sie in die Insolvenz gehen und so eine „Reinigung“ des Marktes stattfindet. Stattdessen bleiben diese intramarginal inferioren Unternehmen im Markt, weil sie Preiserhöhungen durchsetzen können. Hat das etwas mit monopolistischen Spielräumen zu tun, die vorher nicht ausgereizt wurden? Oder sind es Akte der Verzweifelung, die überraschend Erfolg hatten? Sind die Nachfrager „unaufmerksam“ oder macht es ihnen nichts aus? Für mich mehr Fragen als Antworten.

    • Lieber Herr Caspari, wenn ich das Paper richtig verstanden habe, geht es um die Nutzung von Preiserhöhungsspielräumen. Der zunächst niedrige Preis wird als eine Art Investition in künftige Marktanteilsgewinne verstanden. Das Kalkül bricht aber zusammen, sobald für diese Strategie notwendige externe Finanzierungsquellen versiegen. Hier ist eine Passage aus dem Paper:

      „The theory of customer markets, combined with financial market frictions, provides a natural way
      to understand these empirical findings. In a customer-markets framework (see Phelps and Winter
      ,1970;Bils,1989), firms seek to charge a low price today in order to increase their future market
      share. In such an environment, setting a low price today is a form of investment, as firms forgo
      current profits with the expectation of greater demand and hence greater profits in the future. For
      firms in weak financial position, however, such an investment activity can be risky: A firm with
      low operating profits and very little financial capacity may not be able to meet current expenses
      due to fixed operating costs or satisfy its current debt obligations. Our empirical evidence implies
      that liquidity constrained firms actively seek to avoid such risks by maintaining higher prices than
      their financially sound competitors. In the presence of financial market distortions, changes in
      macroeconomic conditions that weaken a firm’s financial position will lead to an attenuation of
      downward inflationary pressures, compared with an environment in which firms face no frictions in accessing external finance.“

      Gruß
      gb

    • DANKE!
      Lieber Herr Braunberger,
      vielen Dank für den Einblick. Das klingt für mich recht bekannt. Sagt Ihnen Alfred S. Eichner etwas? A.S. Eichner, The Megacorp & Oligopoly, CUP, 1976. Darüber und über die Makro-Konsequenzen des full-cost pricing habe ich meine Diplomarbeit geschrieben. Also vor 29 Jahren.

    • Lieber Herr Caspari,
      Eichner habe ich nie gelesen, wohl aber John Kenneth Galbraith :-) Ich kann mich nach all den Jahren allerdings nicht daran erinnern, ob Galbraith den Zusammenhang mit den „financial frictions“ hatte.
      Mit freundlichen Grüßen
      gb

  8. Pingback: Artikel über Wirtschaft und Devisen 30. August | Pipsologie

  9. Dieser Erklärung liegt aber schon eine gewisse Einfältigkeit zugrunde
    Tatsächlich war die vorgegebene „Deflationsgefahr“ nur von den Zentralbanken und hier besonders der EZB ins Spiel gebracht worden, um einerseits die Zinsen niedrig halten zu können, damit die zur Konjunkturankurbelung gedachte Staatsverschuldung halbwegs bezahlbar bleiben konnte. Des weiteren hat natürlich die Geldpolitik damit, dass man die Notenpresse in unverantwortlicher Weise laufen ließ und damit ebenfalls versucht wurde Konjunkturpolitik zu betreiben, dazu geführt, dass selbst in der Rezession die Preise weiter gestiegen sind. Das wurde dann über manipulierte Inflationsstatistiken so dargestellt als gäbe es faktisch keine Inflation sondern nur eine wie auch immer geartete Deflationsgefahr. Die Wahrheit ist und war eben tatsächlich, dass die viel zu große Geldmenge auch bei geringem Warenangebot zu höheren Preisen geführt hatte, weil beide Größenordnungen von den Märkten richtig eingeordnet werden egal was sich so manche „Wissenschaftler“ ausdenken um falsche Politik zu rechtfertigen. Übrigens lief die Gelddruckmaschine sowohl im Euroraum als auch in den USA und Japan aus den gleichen Gründen auf Hochtouren. Um Warenangebote und Geldmengen wieder in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen, müssten die zu großen Geldmengen wieder aus den Märkten genommen werden, was aber kaum geschehen wird. Und wie uns die Geschichte lehren sollte können die Konsequenzen mit großen Gefahren verbunden sein.

Kommentare sind deaktiviert.