Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Raus aus der Komfort-Zone

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Boxkämpfe zwischen Vertretern des ökonomischen Mainstreams und der Heterodoxie bringen nichts. Es bedarf kontroverser und konstruktiver Debatten – und einer gemeinsamen Jahrestagung.  Ein Gastbeitrag von Lisa Großmann, Tom Berthold und Frederick Heussner

 

Manche Debatten lassen sich mit einem einstudierten Boxkampf vergleichen. Die Fronten sind klar, die Schläge einstudiert und der Rahmen des Kampfes mit Seilen abgesteckt. Schauplatz diesmal: die Podiumsdiskussion zur Frage, wie plural die Jahrestagung des Verein für Sozialpolitik (VfS), die größte deutschsprachige Ökonomietagung, sein sollte. Es stehen sich Vertreter des ‘Mainstreams’ und des ‘Pluralismus’ gegenüber. Ein Schlagabtausch nach eingespielten Mustern, aber keine gänzlich neuen und unerwarteten Argumente.

Die Verteidiger des ‘Mainstreams’ fühlen sich zu Unrecht kritisiert. Man habe sich weiterentwickelt, Mikroökonomik sei viel empirischer geworden, die Verhaltensökonomik habe den Homo Oeconomicus hinter sich gelassen und die Makroökonomik integriere zunehmend finanzielle Faktoren. Fiskalpolitik und soziale Ungleichheit würden inzwischen in Betracht gezogen.

Die Kritiker erkennen diese Veränderungen an, bewerten diese jedoch anders. Aus pluraler Sicht sind diese Neuerungen lediglich Nachbesserungen in Reaktion auf eklatantes Scheitern. Fortschritt zwar, aber noch lange kein Pluralismus. Die Veränderungen halten nach wie vor an bestimmten Glaubenssätzen fest, etwa dass im Grunde Individuen das Marktgeschehen bestimmen, dass nur quantitative Ökonomik gute Ökonomik ist und dass eine objektive Wissenschaft nach Vorbild der Naturwissenschaften möglich oder wünschenswert ist.

In der gegenwärtigen Situation sind die Argumente somit bekannt, aber die Diskussion führt nicht zu einer Verständigung. Stattdessen wird dem jeweiligen Gegenüber Ignoranz oder Unwissenheit vorgeworfen. Die Debatte steckt in einer Sackgasse. Verlassen wir also einmal den abgesteckten Rahmen, um zu klären, woran das liegt.

 

Es gibt kein gemeinsames Problembewusstsein

Zunächst fehlt ein gemeinsames Problembewusstsein. Für den ‘Mainstream’ heißt gute Wissenschaft, dass ein bestehender Kern von Annahmen und Methoden im Angesicht von Ungereimtheiten stetig weiterentwickelt wird. Kritik, die nicht an diesen Kanon anschließt, wirkt dann ignorant. Für die plurale Seite ist eine gute Wissenschaft jedoch eine, die sich am Gegenstand definiert und versucht, diesen – wie in Sozialwissenschaften üblich – aus einer Vielzahl von Perspektiven zu erschließen. Wenn also – wie im Rahmen der VfS-Tagung – nur ein Ansatz zur Erfassung der Wirtschaft zugelassen wird, fehlt die Akzeptanz eines anderen Wissenschaftsverständnisses, ohne das die Kommunikation zur Einbahnstraße wird und so zum Scheitern verurteilt ist.

 

Die Macht in der Debatte wird ausgeblendet

Darüber hinaus kratzt die Forderung nach pluraler Ökonomik an der Macht des ‘Mainstreams’, zu bestimmen, was Ökonomik eigentlich ist. ‘Mainstream’-Ökonom_Innen geben zu, dass man zwar alternative (z.B. ökologische, feministische oder marxistische) Analysen der Ökonomie machen könne, das aber dann heute eben nicht mehr als Ökonomik anerkannt werde. Wenn Forscher_Innen als ‘Nicht-Ökonom_Innen’ gelten, weil sie andere Grundannahmen oder Methoden verwenden, dürfen sie zwar sprechen, aber das Gesprochene gilt für die ‘Mainstream’-Ökonomik als irrelevant. Das klingt wie Haarspalterei, ist aber für den Wissenschaftsbetrieb äußerst bedeutsam. An diese Unterscheidung schließen sich Inhalte von Lehrveranstaltungen, Lehrstuhlbesetzungen und die Vergabe von Forschungsgeldern an, aber auch, in welchen Journals publiziert werden kann.

 

Die Wirkmächtigkeit von Theorie wird ignoriert

Die Unterscheidung ist auch politisch relevant. Denn daran, ob jemand als Ökonom_In gesehen wird, schließt sich die Möglichkeit an, ökonomische Probleme überhaupt zu definieren und Lösungsvorschläge zu entwickeln. Wenn der ‘Mainstream’ zur Erklärung vor allem auf individuelles Handeln zurückgreift, hat das gewichtige Konsequenzen. Wird die Finanzkrise durch individuelle Faktoren erklärt – Irrationalität oder Fehlanreize etwa – werden auch nur solche Probleme angepackt. Wachsende soziale Ungleichheit oder die Krisenanfälligkeit des Finanzmarktkapitalismus, die in anderen Denkschulen als Probleme identifiziert werden, werden in der Folge kaum thematisiert oder nur soweit, wie sie in die Methodik des ‘Mainstreams’ passen. Hätten wir eine plurale Ökonomik, würden völlig andere Blickwinkel auf wirtschaftliche Probleme, andere Analysen und andere Lösungsstrategien entstehen.

 

Gemeinsame Tagung statt Boxkampf

Kehren wir wieder in den Boxring zurück. Wir befinden uns bei der Jahrestagung des VfS zum Thema Entwicklungspolitik. Für den ‘Mainstream’ geht es hauptsächlich darum, im globalen Süden die Wirtschaft dem theoretischen Ideal entsprechend – also orientiert an Eigenverantwortung, Privateigentum, Markt und Wachstum – zu schaffen. Dass der Markt dabei nicht alles regelt wird anerkannt. Die Forschung zielt in der Tat oft darauf, Marktversagen zu identifizieren und mit gezielten Interventionen zu verhindern. Vom Grundmodell abweichen tut das aber nicht.

Würde der ‘Mainstream’ zulassen, dass Fragen aus pluraler Perspektive behandelt werden, wäre die Forschungslandschaft eine andere: Welt-systemtheoretische Ansätze würden beispielsweise deutlich machen, dass der Wohlstand des globalen Nordens (auch) auf Machtunterschieden basiert, die dafür sorgen, dass Arbeit, Kapital und Ressourcen vom Süden in den Norden fließen. Ökonom_innen, die sich in der post-kolonialen Theorie verorten, würden kritisieren, dass Entwicklungspolitik weltweit einseitig an westlichen Idealen wie Modernisierung und Wirtschaftswachstum ausgerichtet ist und damit koloniale Machtstrukturen reproduziert. Und Vertreter_innen der ökologischen Ökonomik könnten darlegen, dass Wirtschaftswachstum nur in ökologischen Grenzen nachhaltig ist.

Solche fundamental abweichenden Positionen finden sich im ‘Mainstream’, trotz aller Nachbesserungen, nicht. Um diese anderen Theorieansätze einzubinden, müsste der ‘Mainstream’ die Komfort-Zone des etablierten ökonomischen Denkens verlassen und in Frage stellen, was man lange als selbstverständlich hinnahm. Erst damit würde die Ökonomik wieder zu einer vollwertigen Sozialwissenschaft, die sich nicht nur auf einige wenige Erkenntnispfade beschränkt, sondern über ihren Gegenstand – und vor allem auch über sich selbst – so vielfältig und kritisch wie möglich nachdenkt.

Die Schwierigkeiten in der Diskussion über Pluralismus sind selbst Symptom eines fehlenden Pluralismus. Es bedarf kontroverser, aber konstruktiver Debatten am Gegenstand – statt Boxkampf und Schauspiel. Ein guter erster Schritt dahin ist eine gemeinsame Jahres-Tagung aller deutschsprachigen Ökonom_Innen.

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Die Autor_innen sind Mitglieder im Netzwerk Plurale Ökonomik.

 

 


25 Lesermeinungen

  1. Pingback: Wie wissenschaftlich ist die Neoklassik? – openlab.digital

  2. Kritik an der Neoklassik
    Fabian Lindner hat im „Herdentrieb“ einen längeren Beitrag verfasst, der sich kritisch mit der Neoklassik auseinander setzt:

    http://blog.zeit.de/herdentrieb/2015/11/10/wie-wissenschaftlich-ist-die-neoklassik_9033#more-9033

  3. Pingback: Wie wissenschaftlich ist die Neoklassik? - Herdentrieb

  4. Pingback: Wir im Interview: | Plurale Ökonomik Hannover

  5. Wert pluraler Ökonomik
    Ich frage mich, was diese Dauerdebatte eigentlich so elend langweilig und stellenweise bleiern macht – ein Grund ist vermutlich die abstossende Radikalität mancher „Forderungen“ der sogenannten Pluralen: Den methodologischen Individualismus abschaffen? Ich kann sehr gut verstehen, warum das den allermeisten Ökonomen zu weit geht. Die olle Regulationstheorie… dazu hat Herr Braunberger das Notwendige gesagt.
    Warum aber verzetteln sich die „Pluralen“ eigentlich in derlei Maximalforderungen? Es gibt doch einen Bereich, in dem eine gründliche Kritik neoklassischer Arbeiten ganz offenkundig dringend notwendig ist: In der Wirtschaftsethik sprechen wir von „Ideologiekritik“. Herr Thieme erwähnt z.B. den teilweise hochproblematischen Jahresbericht der „Wirtschaftsweisen“ von 2010. Man kann das locker verallgemeinern: Immer dann, wenn Ökonomen sich anschicken, „Politikimplikationen“ zu entwickeln, ist Misstrauen angezeigt. Hier die Sensibilität der Studierenden zu schärfen scheint mir ein sinnvolles Anliegen der „Pluralen“ zu sein. Aber auch hier gilt (Achtung: Das tut jetzt weh): Auf internationaler Ebene gibt es eine lebhafte und vielschichtige Diskussion zu diesem Problem, die praktisch ohne deutsche Beteiligung abläuft. Die Plurale Ökonomik hierzulande sollte die Sammelband-fixierte Provinzialität, die sie in weiten Teilen leider auszeichnet, überwinden. Das wäre ein erster wichtiger Schritt, um in der Profession anerkannt zu werden. Und bitte lasst den methodologischen Individualismus in Ruhe…

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