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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

So viel bringt die Netzneutralität gar nicht

Internet-Provider dürfen keinen Dienst bevorzugen: Das ist das Prinzip der Netzneutralität. Aber ist das überhaupt gut? Ökonomen erarbeiten erste Grundsätze. Die sind differenzierter als gedacht.

Nein, der leuchtende Stecker hat nicht Priorität.© dpaNein, der leuchtende Stecker hat nicht Priorität.


Die Netzneutralität löst immer wieder heiße Debatten aus. Sollen Internet-Provider die Filme von Youtube, Netflix oder Amazon schneller durch die Leitung schicken dürfen? Wenn die gar nichts bezahlen? In Deutschland entzündete sich Protest daran, dass die Telekom Nutzern den Datenverkehr für den Musikdienst Spotify kostenlos zur Verfügung stellen wollte – aber nicht für dessen Konkurrenten. Die Angst der Netzaktivisten: Da werden kleine, innovative Startups benachteiligt, die sich so eine Behandlung nicht erkaufen können. In Amerika stellte sich die Regulierungsbehörde gegen solche Priorisierungen, in Europa sind sie nur noch in Ausnahmefällen erlaubt.

Doch der Streit geht weiter. Zuletzt in Indien: Dort wollte Facebook einige Internetdienste ganz kostenlos anbieten – aber eben nur einige. So laut wurden die Proteste, dass die indische Regierung Facebook dieses Angebot komplett verbot.

In Europa und Amerika ist die Debatte in den Hintergrund gerückt – aber mit den nächsten relevanten Entwicklungen wird sie wieder auftauchen.

Ist Netzneutralität tatsächlich so wichtig? Oder kann es sogar hilfreich sein, wenn Internet-Anbieter unterschiedliche Dienste unterschiedlich behandeln dürfen? Ökonomen kommen in ihren Untersuchungen allmählich zu ersten Ergebnissen. In FAZIT haben wir zum Beispiel schon einen großen Überblick vorgestellt, der zeigt, dass die Antwort differenzierter ist, als das vielen lieb ist.

Vier Lehren über Netzneutralität

Jetzt kommen zwei neue spannende Arbeiten: Ein Überblick über die wichtigsten Argumente von drei Ökonomen aus Amerika, Großbritannien und Deutschland, die teils für die Regierungen an deren Politik mitgearbeitet haben: Shane Greenstein, Martin Peitz und Tommaso Valletti. Gleichzeitig kümmern sich die Mikroökonomen Joshua Gans und Michael Katz um den Sonderfall, der vor allem in den Vereinigten Staaten gilt: wenn ein Internetanbieter ein Monopol hat.

Aus diesen beiden Arbeiten lohnen sich folgende Punkte besonders zu merken:

Auch angesichts von Netzneutralitäts-Regeln haben die großen Amazon, Youtube und Co. Vorteile.

Kleine Startups habe nur wenige Computer, von denen aus sie ihre Dienste anbieten können. Große Firmen wie Amazon oder Youtube stellen dagegen ihre Computer rund um die Welt auf. So sind die Wege für die Daten kürzer – und die Videos sind schneller beim Nutzer. Zum Teil beauftragen die Unternehmen spezielle Dienstleister. Oder sie stellen gleich eigene Computer in die Rechenzentren der Internet-Provider. All das gibt ihnen einen Vorteil – wenn Startups für einen anderen Vorteil bezahlen könnten, hätten sie es vielleicht sogar leichter.

Oft ändert Netzneutralität gar nicht viel.

Wenn ein Internet-Provider das Monopol hat, gilt das, was in Monopolen häufig gilt – vor allem in zweiseitigen Monopolen, bei denen ein Unternehmen zwei unterschiedliche Arten von Kunden hat. Oft läuft es darauf hinaus, dass der Monopolist seine Kunden sowieso ausnimmt. Verbietet man ihm den einen Weg, nutzt er einen anderen. Und der andere Weg ist meistens schlechter. Für alle Beteiligten.

Die wahren Opfer sieht man nicht.

Könnten sich noch viel mehr Deutsche Breitband-Internet leisten, wenn Google und Co. an die Internet-Provider zahlen würden? Würden dann die Preise für den Internetzugang günstiger? Gut möglich. Möglich aber auch, dass noch mehr Videodienste entstünden, wenn es nicht so kompliziert wäre, eine gute Datenanbindung an die Rechenzentren zu bekommen.
Greenstein, Peitz und Valletti kommen zu dem Schluss: Je unterschiedlicher die Inhalte-Anbieter sind, desto besser ist es, wenn nur die Kunden zahlen (sonst verlangen die Provider von den Inhalte-Anbietern vielleicht so hohe Gebühren, dass einige sich das nicht mehr leisten können – das Horrorszenario der Netzaktivisten). Je unterschiedlicher aber die Kunden sind, desto eher sollten die Google und Co. für die Leitungen mit bezahlen (sonst verlangen die Provider von den Nutzern zu hohe Gebühren). Beide Welten sind möglich – in welcher wir sind, ist nicht direkt sichtbar. Man hört nur den, der am lautesten schreit. Dabei merken die eigentlichen Verlierer vielleicht gar nicht, was sie zu gewinnen hätten.

Konkurrenz hilft.

Wie so oft gilt: Konkurrenz verbessert die Lage schon mal nennenswert. Wenn es mehrere Internet-Provider gibt, dann lösen sich viele Fragen rund um Netzneutralität von selbst, weil sowohl die Inhalte-Lieferanten als auch die Nutzer die Wahl haben. Allerdings: Inhalte-Anbieter werden oft mehrere Provider bezahlen, Verbraucher häufig nur einen. Insofern sind die Verbraucher die wählerischeren Kunden – und als solche haben sie einen Vorteil. Die Provider entlasten sich auf der anderen Seite: Bei den Inhalte-Anbietern. Deshalb bringt Konkurrenz der Provider häufig richtig Druck auch auf die anderen Internet-Unternehmen. Im Extrem so viel, dass es auf der anderen Seite ungesund wird.

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