Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Milton Friedmans verstörte Kinder

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Nicht wenige liberale deutsche Ökonomen waren einst große Anhänger Milton Friedmans, als dieser gegen zu großen Staatseinfluss und für eine stabilitätsorientierte Geldpolitik stritt. Heute demonstrieren dieselben liberalen Ökonomen völliges Unverständnis gegenüber Ideen Friedmans. Konzepte wie Grundeinkommen, Helikoptergeld oder Anleihenkaufprogramme durch Notenbanken sind keineswegs Erfindungen unserer – wie suggeriert werden soll: scheinbar aus den Fugen geratenen – Zeit.

Wir werfen einen Blick auf fünf Betrachtungen Milton Friedmans (1912 bis 2006):

  • Bedingungsloses Grundeinkommen

Das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens ist nicht neu. Eine sehr ähnliche Idee kursiert seit Jahrzehnten als „negative Einkommensteuer“ in der ökonomischen Literatur, und einer ihrer Befürworter war Milton Friedman. Wir lesen in der deutschen Ausgabe seines von Liberalen gewöhnlich gefeierten Buches Kapitalismus und Freiheit: „Zwei Dinge sind offensichtlich. Erstens: Wenn das Ziel der Abbau der Armut ist, benötigen wir ein Programm mit dem Zweck, die Armen zu unterstützen… Das Programm sollte dazu eingerichtet sein, Menschen als Menschen zu helfen, und nicht als Mitglieder bestimmter Berufsgruppen oder Altersgruppen oder Einkommensgruppen oder Gewerkschaften oder Industriezweige… Zweitens sollte das Programm zwar auf dem Markte funktionieren, dabei jedoch so weit wie möglich den Markt nicht stören und seine Funktionsweise nicht beeinträchtigen… Die Maßnahme, die sich aus rein technischen Gründen anbietet, ist eine negative Einkommensteuer…Auf diese Weise könnte eine Grundlage geschaffen werden, die im Einkommen des einzelnen niemals unterschritten werden könnte…Die genaue Höhe des Grundeinkommens hinge davon ab, was die öffentliche Hand aufbringen könnte.“ In der deutschen Übersetzung aus dem Jahre 1971 (das amerikanische Original erschien 1962) findet sich bereits das Wort „Grundeinkommen“ – also lange vor den Debatten unserer Zeit. Friedman war sich der Gefahr des politischen Missbrauchs der negativen Einkommensteuer durchaus bewusst, aber eine bessere Alternative existierte nach seiner Meinung nicht.

  • Helikoptergeld

Einer der berühmtesten Aufsätze Milton Friedmans lautet in der deutschen Übersetzung Die optimale Geldmenge. (Er wurde im Jahre 1969 im amerikanischen Original veröffentlicht.) Dort lesen wir: „Wir wollen nunmehr annehmen, dass eines Tages ein Hubschrauber über dieses Land fliegt und 1000 Dollar in Banknoten abwirft, die natürlich von allen Leuten hastig eingesammelt werden… Wenn sich jedes Wirtschaftssubjekt einfach dazu entschließen würde, diesen Betrag zusätzlich zu halten, so würde nichts weiter geschehen… Aber dieses ist nicht das zu erwartende Verhalten der Wirtschaftssubjekte… Wir wissen nur, dass jeder einzelne seine Kassenhaltung in einem gewissen Ausmaß zu reduzieren sucht, und zwar dadurch, dass er danach trachtet, mehr auszugeben, als er einnimmt. Kurz, ohne eine im Vergleich zu unseren Ausführungen weitaus ausführlichere Spezifizierung der Reaktionsverläufe können wir nur wenig über den Anpassungsprozess vorhersagen.“ Friedman analysiert bewusst einen einmaligen Abwurf von Geld, denn: „Anderenfalls könnte das Erscheinen des Hubschraubers die von den Wirtschaftssubjekten empfundene Unsicherheit vergrößern, wodurch sich wiederum die reale Nachfrage nach realer Kassenhaltung verändern könnte.“ Was selten erwähnt wird: Friedman analysierte auch den Fall einer Verringerung der Geldmenge, indem er in seinem Bild den Helikopter durch einen Hochofen ersetzte. Friedman befürwortete nicht den geldpolitischen Einsatz von Helikoptergeld, aber er hielt es für eine analysewürdige Vorstellung. Heute scheinen manche Ökonomen alleine schon Diskussionen über Helikoptergeld als skandalös zu empfinden.

  • Ankäufe von Staatsanleihen

Ende der neunziger Jahre befand sich Japan schon einige Jahre in der Krise. Und während deutsche liberale Ökonomen meinten und meinen, die japanische Krise sei das Ergebnis einer zu lockeren Geldpolitik, war Milton Friedman in einem Beitrag aus dem Jahre 1998 der Ansicht, die japanische Geldpolitik wäre nicht expansiv genug: “The surest road to a healthy economic recovery is to increase the rate of monetary growth, to shift from tight money to easier money, to a rate of monetary growth closer to that which prevailed in the golden 1980s but without again overdoing it. That would make much-needed financial and economic reforms far easier to achieve. Defenders of the Bank of Japan will say, ‚How? The bank has already cut its discount rate to 0.5 percent. What more can it do to increase the quantity of money?‘ The answer is straightforward: The Bank of Japan can buy government bonds on the open market, paying for them with either currency or deposits at the Bank of Japan, what economists call high-powered money…  There is no limit to the extent to which the Bank of Japan can increase the money supply if it wishes to do so.” Hier steht ausdrücklich nichts von einer Obergrenze für die Bilanzausdehnung der Notenbank – das heißt, die Käufe müssen nicht mit Staatsanleihen enden. Geldpolitik durch Steuerung der Geldbasis wird heute als „unkonventionell“ bezeichnet, galt aber vor ein paar Jahrzehnten als allein seligmachende Form der Geldpolitik. Interessant ist auch, dass nach Ansicht Friedmans eine Lockerung der Geldpolitik wirtschaftliche Reformen erleichtern würde. Heute wird der EZB und auch der Bank von Japan von Ökonomen vorgeworfen, ihre zu lockere Geldpolitik erschwere wirtschaftliche Reformen.

  • Ein niedriger Leitzins zeigt Wirtschaftsschwäche an

Häufig wird in Deutschland die Ansicht vertreten, alleine das historisch betrachtet sehr niedrige Niveau der Leitzinsen mit Null- oder sogar Negativzinsen sei Ausdruck einer „ultralockeren“ Geldpolitik. Hier ist dagegen Milton Friedman, der eine derartige Sicht als „interest-rate-fallacy“ bezeichnete: „Low interest rates are generally a sign that money has been tight, as in Japan; high interest rates, that money has been easy.“ Sehr niedrige Leitzinsen sind nach Friedman ein Zeichen für eine Schwäche der Wirtschaft als Folge einer vorher zu straffen Geldpolitik, während einige Ökonomen den aktuell niedrigen Leitzins als Zeichen einer kompletten Verirrung nach einer Periode bereits  viel zu niedriger Zinsen in der Vergangenheit ansehen. Wohlgemerkt: Auch aus Friedmans Sicht konnte ein niedriger Leitzins Ausdruck einer lockeren Geldpolitik sein – aber nur im Vergleich zu einem realen natürlichen Gleichgewichtszins, der sich aber nicht direkt beobachten lässt und über dessen vermutliche Höhe unter Ökonomen seit Jahren Debatten laufen.1) Friedman schrieb einmal: „Unfortunately, we have as yet devised no method to estimate accurately and readily the natural rate of either interest or unemployment. And the ‘natural’ rate itself will change from time to time.” Locker wäre die Geldpolitik dann, wenn der Leitzins unter dem realen Gleichgewichtszins liegt.

  • Der optimale Zins ist Null

Kritiker betrachten einen Nullzins als viel zu niedrig. Diese Auffassung steht im Widerspruch zu einem seit Jahrzehnten als „Friedman-Regel“ bekannten Konzept, nach dem der optimale Zins Null ist. Wir lesen wiederum in dem Aufsatz Die optimale Geldmenge: „Unsere endgültige Regel für die optimale Geldmenge besagt, dass sie durch eine Preissenkungsrate realisiert wird, die den nominellen Zinssatz dem Werte Null zuführt.“Die Begründung stammt aus der mikroökonomischen Theorie: Da die Grenzkosten der Geldproduktion praktisch Null sind, ist der Optimalzustand erreicht, wenn die Grenzerträge der Geldhaltung ebenfalls Null sind: „Folglich wird sich jedes Individuum und jedes Unternehmen dazu veranlasst sehen, gerade jene Kasse zu halten, bei der die marginalen Erträge – als Nutzen für das Individuum und als produktive Dienste für die Unternehmung – gleich Null sind. Da die Erhöhung der realen Kassenhaltung insgesamt keine physischen Ressourcen kostet, gleichen die Gesamterträge aller die Kosten gerade aus.“ Übrigens kann es in der Welt eines Nominalzinses von Null natürlich einen positiven Realzins geben – in Gestalt eines leicht sinkenden Preisniveaus.

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Anmerkung: Der Verfasser teilt nicht alle Ansichten Milton Friedmans. Und ob ein ökonomisches Konzept alt oder neu ist, sagt alleine nichts über seine Qualität aus. Aber aus dem Unwillen/Unvermögen mancher Ökonomen, unsere Welt zu verstehen, folgt keineswegs der Schluss, die Welt sei aus den Fugen geraten.

  1. Mit diesem Thema haben wir uns in FAZIT häufiger befasst, zum Beispiel hier und hier und hier.
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26 Lesermeinungen

  1. Pingback: Blogoscope Mai 2016 « LGT Finanzblog

  2. Alternative zum Anleihekaufprogramm
    Ich habe zwar leider kein VWL studiert, verfolge aber Ihre Diskussionen mit Interesse, kann rechnen und bin überzeugter langfristiger Investor. Ich sehe noch keinen Ausweg aus dem Anleihekaufprogramm der EZB; wenn die Luft aus der aufgeblähten Bilanz wieder entlassen werden soll, wird dies kaum ohne Verwerfungen am Markt funktionieren. Es sei, denn man erfindet neue Target-Konstrukte und verschleppt das Problem lange erfolgreich.

    Wurden schon Möglichkeiten und Auswirkungen diskutiert, statt Anleihen Aktien „aller“ europäischer Unternehmen zu kaufen und die Titel in Staatsfonds zu halten, mit denen die heute umlagefinanzierten Rentenkassen auf kapitalgedeckte Rentenfonds umgestellt werden?

    Die Vorteile sind vielfältig:
    – kein Verkaufsbedarf großer Mengen Anleihen in der Zukunft
    – europäische Firmen erhalten (legal) Staatsgeld
    – Rentensysteme werden robuster (Demographie, subventionsfrei)

    • Das Argument, die EZB komme aus dem Anleiheprogramm nicht mehr heraus, höre und lese ich gelegentlich. Verstanden habe ich es noch nie. Die EZB muss keine Anleihen verkaufen, um sie loszuwerden. Da Anleihen eine begrenzte Laufzeit haben, werden sie irgendwann fällig und verschwinden von selbst. Die EZB kann in diesem Falle überlegen, ob sie das Volumen ihrer Anleihen konstant halten will, dann würde sie für auslaufende Papiere neue nachkaufen (wie derzeit die Fed). Oder sie kann das Volumen langsam abschmelzen lassen. Dann würden die Anleihen im Laufe der Zeit aus der Bilanz verschwinden, ohne dass die EZB eine Anleihe verkauft hätte.

      Über ein Aktienkaufprogramm der EZB wurde bisher nicht gesprochen. Es gibt aber Zentralbanken wie die Schweizerische Nationalbank, die einen Teil ihrer Währungsreserven mittlerweile in Aktien halten. Das tun auch viele Staatsfonds, so hat der riesige norwegische Staatsfonds eine Aktienquote von 60 Prozent. Er ist der größte Aktionär der Welt und an 9000 Unternehmen beteiligt.
      Gruß
      gb

    • "heute umlagefinanzierten Rentenkassen auf kapitalgedeckte Rentenfonds umgestellt"
      Sie meinen, mit Zwangsabgaben für Rentenversicherung sollten Aktien gekauft werden?! Meinen Sie es ernst?! Wir leben tatsächlich in einer Zeit, in der der Staat unser Leben plant und es mit Zwangsabgaben finanziert (Zwangsabgabe für Krankenversicherung, Rundfunk, ÖPN, usw). Vielleicht käme ihr Vorschlag erst in Frage, wenn die Pflicht zur Sozialversicherung abgeschafft wird, aber dann wäre das Problem, dass es keine Sozialversicherung mehr gäbe. Was Sie vorschlagen ist Zweckentfremdung und ein Rückschritt im Sozialstaat. Es dauerte lange, bis erkannt wurde, dass die Sozialversicherung optimal mit diesem Umlagesystem finanziert werden kann (Theodor Bühler), und es war eine große Kriegsniederlage mit viel Zerstörung nötig, um diese Erkenntnisse endlich zu verwirklichen.

  3. Die Rolle von Nobelpreisträger Milton Friedman
    Milton Friedman war anscheinend ein sympathischer Mensch, er schrieb mehr oder weniger treffende wissenschaftliche Veröffentlichungen und behauptete manche Spinnereien wie viele anderen Ökonomen. Ich schaute gerade die Seite http://www.vollgeld.de und meinte, auch Prof. Dr. Joseph Huber könnte ein Nobelpreisträger wie Milton Friedman sein. Wenn Hubers Vollgeld die von der Finanzindustrie erwünschte geld- und finanzpolitische Praxis wäre, würde er wahrscheinlich nicht nur von der schwedischen Riksbank den Nobelpreis (in Vollgeld) bekommen, sondern wäre er ständig von Zeitungen als der größte Weise des Jahrhunderts zitiert. Joseph Huber ist außerdem wirklich ein Prophet, denn das Vollgeld wird der letzte Schritt in der Entartung des Geldsystems sein. Nur, er kam zu früh. Das System braucht Menschen, die mit ihren Theorien die bestehende Praxis rechtfertigen, nicht Menschen, die ihre Theorien zu Praxis machen wollen, auch wenn diese Praxis das Schicksal ist. Dem System soll man Ja sagen, nicht widersprechen. Grundeinkommen, Helikoptergeld oder Anleihenkaufprogramme sind hier Nebensache, Spinnereien. Hauptsache: er und seine Jünger rechtfertigten das System der geräuschlosen Staatsfinanzierung mit kontrollierter Inflation akademisch. Geld entsteht in diesem Modell, wenn Banken und Notenbank Staatsanleihen kaufen, der Wirtschaft gebührt dann das „Wachstum“ durch die Wirkung der einsetzenden, aber zu kontrollierenden Inflation, die zuerst auf den Effektenmärkten in Erscheinung kommt. Unter diesen Umständen sollte die Aussage des großen Architekten, dass man Blasen erst dann erkennt, wenn sie platzen, nicht wundern. Hier spielen Beobachtungen und Wünsche, die mehr als 100 Jahre alt sind, eine wesentliche Rolle, nicht Milton Friedman.

  4. Finnland mit Pilotversuch bei Grundeinkommen
    Vorbild ist nicht die negative Einkommensteuer (weil Daten fehlen), sondern es geht um Sozialtransfers:

    http://www.nzz.ch/wirtschaft/wirtschaftspolitik/bedingungsloses-grundeinkommen-finnland-startet-pilotversuch-ld.17575

    Gruß
    gb

  5. Pingback: Kleine Presseschau vom 3. Mai 2016 | Die Börsenblogger

  6. Vernebelung
    Meines Erachtens ist dies intellektuell unredlich und der Versuch einer Vernebelung.

    Ich halte es für das durch mich skizzierte heraussuchen von „Rosinen“. Es baut sich ein jeder ein eigenes Ökonomiegebäude auf in welches er nur das hinein nimmt was ihm gefällt. In etwa so wie Sie das mit Hayek schrieben das man nicht einem Meister hinterher laufen sollte.

    Das Problem dahinter sehe ich an 2 Stellen. Zum einen wird das i.d.R. eben nicht „gerechnet“ sondern selektiv abgefertigt. Zum anderen steckt dahinter eines der Urprobleme der Ökonomie – man kann auch aktuell teilweise nur abschätzen. Sonst wäre es so einfach wie Physik und objektiv nachprüfbar.

    Grüße

  7. Verstörung als Chance für eine Revision des monetären Paradigmas
    Das kommt davon, wenn man selektiv Informationen filtert, die ausschließlich zum eigenen (Zerr)Weltbild passen. Kommt es zu offensichtlichen Widersprüchen mit der beobachtbaren Realität, dann schlägt die kognitive Dissonanz erbarmungslos zu und hindert uns daran, zu besseren Erkenntnissen zu gelangen. Der Monetarismus in seiner naiven Form scheitert ja schon am Konstrukt des Geldschöpfungsmultiplikators, der auf der fehlerhaften Theorie der exogenen Geldschöpfung beruht. Die Bundesbank hatte sich spätestens 2008 von dieser Irrlehre verabschiedet. Ihr damaliger Kollege Benedikt Fehr (seit 2011 Leiter des Zentralbereichs Ökonomische Bildung bei der Bundesbank) hatte wohl seinen Anteil an diesem Paradigmenwechsel: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/finanzkrise-der-weg-in-das-milliarden-desaster-1745087.html

    Zur Kenntnis genommen und/oder verstanden haben es aber immer noch die wenigsten. Leider auch nicht Thomas Mayer: https://zinsfehler.wordpress.com/2015/12/21/aufgelesen-bei-thomas-mayer-wer-ist-wirklich-schuld-an-den-niedrigen-zinsen/. Aber immerhin haben Greenspan und King mittlerweile verstanden, dass ihre alten Annahmen über die monetäre Welt an der Wirklichkeit gescheitert sind: https://www.youtube.com/watch?v=HEBatQreSe8 und https://www.youtube.com/watch?v=cwMQvkE8D3o

    Da der Zins nach Schumpeter ein Gewinnbestandteil ist, Gewinne aber im Aggregat nur in einer wachsenden Wirtschaft möglich sind, müssen auch die Zinsen langfristig gegen Null laufen. Diese Entwicklung wurde durch allerlei Finanzalchemie sowie asymmetrische Aufschuldungsprozesse hinausgezögert, hat aber keinesfalls etwas mit der EZB zu tun. Das hat wohl mittlerweile auch Jens Weidmann verstanden: https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Reden/2016/2016_04_29_weidmann.html#doc368402bodyText4

    Tatsächlich gibt es auch nur einen scheinbaren Widerspruch zwischen Monetarismus und Keynesianismus. Schon von Hayek hatte erkannt, dass Friedman eigentlich ein Keynesianer ist: https://zinsfehler.wordpress.com/2015/03/23/die-citoyage-keynesianischer-monetarismus-als-ordnungspolitisches-korrektiv/

    LG Michael Stöcker

    • Lieber Herr Stöcker,

      die moderne Geldangebotstheorie stammt von den Monetaristen Brunner/Meltzer und sie beruht auf einem Zusammenwirken von Zentralbank, Geschäftsbanken und Finanzmärkten. Mit anderen Worten: In dieser Geldangebotstheorie ist exogenes ebenso wie endogenes Geld möglich. Die Theorie ist etwa 60 Jahre alt.

      Und jetzt verrate ich Ihnen dann doch einmal ein großes Geheimnis: Die endogene Geldentstehung durch Geschäftsbanken ist den Geldpolitikern natürlich seit vielen Jahrzehnten bekannt. Die haben ihr Wissen nämlich nicht aus einer für ein Laienpublikum geschriebenen alten Publikation der Bundesbank entnommen. Ich kenne viele Leute aus der Szene – Geldpolitiker wie Ökonomen -, die sich seit geraumer Zeit über Ihre Behauptung, sie würden diesen simplen Zusammenhang nicht kennen, amüsieren. Allerdings finden die diese Behauptung auch so irre, dass sich keiner die Mühe gemacht hat, Sie darauf hinzuweisen.

      Viele Grüße
      gb

    • Titel eingeben
      Lieber Herr Braunberger,

      danke für Ihre offenen Worte. Jetzt stellt sich allerdings die Frage, warum diese Fakten nicht offen diskutiert sondern immer und immer wieder solche Märchen kolportiert werden. Und dies eben nicht nur bis zum Jahre 2008 in einem Heft für das Laienpublikum, sondern in der übergroßen Anzahl der Lehrbücher der VWL. Und ich bezweifle keinesfalls, dass die Mehrheit der verantwortlichen Geldpolitiker diese Zusammenhänge nicht kennt. Aber: Sie kommunizieren diese Zusammenhänge nicht klar und deutlich. Wie sonst kann es sein, dass auch im Jahre 2016 noch ein solcher Unsinn verbreitet wird: http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2016/04/mario-draghis-weltbild-vom-billiggeld/.

      Und dieser Unsinn bestimmt das öffentliche und auch das politische Klima und somit auch die politische Agenda.

      Und ganz so trivial war die Geschichte dann ja wohl doch nicht. Immerhin war dies ein Aspekt, auf den Lord Adair Turner explizit im Jahre 2014 hingewiesen hatte: https://www.youtube.com/watch?v=Fr_orxK5Zqo.

      Insofern kann ich Ihre Einschätzung zu den „verstörten Kindern“ durchaus auch auf unsere Geldpolitiker übertragen: „Meines Erachtens ist dies intellektuell unredlich und der Versuch einer Vernebelung.“

      Insofern spiele ich auch gerne weiterhin den Hofnarren.

      LG Michael Stöcker

    • Lieber Herr Stöcker,

      ich habe eine Sammlung geldtheoretischer und geldpolitischer Lehrbücher,und da werden im Kapitel Geldangebotstheorie die Zusammenhänge in der Regel richtig wiedergegeben, im allgemeinen angelehnt an Brunner/Meltzer. Ich habe es in meiner Banklehre und in meinem Studium vor vielen Jahren so gelernt und ich habe seit meinem Einstieg bei der F.A.Z. im Jahre 1988 eine große Zahl von Geldpolitikern kennengelernt: Die wussten es alle.

      Diese Fakten werden nicht diskutiert, weil sie aus Sicht von Ökonomen für viele Betrachtungen – zu Recht oder zu Unrecht – kaum relevant oder gar irrelevant sind. Ökonomen modellieren das, was sie zur Untersuchung einer bestimmten Fragestellung für notwendig halten und nicht mehr. Schauen wir uns das mal an.
      – Wenn man Theorien hat, in denen das Geld und der Finanzsektor zur Erklärung der wirtschaftlichen Entwicklung keine (bedeutende) Rolle spielen, müssen sie sich mit exogenem oder endogenem Geld gar nicht befassen. Es kommt im Modell nicht vor.
      – In der modernen Geldangebotstheorie kommen, wie gesagt exogenes ebenso wie endogenes Geld vor.
      – Ökonomen, die diese Dinge in Makromodellen ohne umfangreiche Geldangebotstheorie berücksichtigen, werden in ihrer großen Mehrzahl explizit oder implizit argumentieren wie James Tobin in seinem berühmten Aufsatz von 1963 („Commercial Banks as Creators of Money?“), also sinngemäß sagen: Banken sind durchaus spezielle Finanzintermediäre, aber ihre Eigenart ist im Rahmen makroökonomischer Modelle nicht so bedeutend, dass sie dem Geldschöpfungsprozess eine große Rolle einräumen müssen. Diese Einschätzung kann richtig oder falsch sein, aber auch diese Vertreter der Theorie der Finanzintermediation wissen natürlich um den Prozess der Geldschöpfung durch Kredit. Es gibt ein Papier von Kumhof und einem Coautor aus dem vergangenen Jahr, das diese Auffassung von Tobin in Frage stellt (es gibt auch Papiere von Richard Werner), aber bisher scheint die Theorie der Finanzintermediation aus der Sicht der meisten Spezialisten zu „halten“ – wie gesagt, als eine modellhafte Annäherung, mit der sich relevante ökonomische Prozesse analysieren lassen. Mag sein, dass wir in zehn Jahren ganz andere Modelle haben.
      – Jetzt gibt es Arbeiten von Schularick und anderen oder auch Adair Turner (auch in FAZIT vorgestellt), die auf die sehr langfristigen Folgen von Kredit hinweisen. Das ist sicherlich sehr wichtig, aber befindet sich jenseits des Zeithorizonts üblicher Makromodelle.
      – Sie haben in der Vergangenheit auch behauptet, Banker wüssten nicht um die Geldentstehung durch Kredit, weil sie von der Passivseite der Bank her argumentieren („wir können nur das ausleihen, was wir an Einlagen haben“). Das war, entschuldigen Sie meine Offenheit, besonders albern. Natürlich weiß der Banker um die Zusammenhänge von Geld und Kredit und sein Satz mag rein theoretisch nicht hundertprozentig korrekt sein. Aber der Banker denkt von der Passivseite der Bilanz her, weil dort sein potentieller kurzfristiger Engpassfaktor ist, wenn die Refinanzierung wegzubrechen droht. Nicht alle Banken stützen sich mehrheitlich auf Privatkundeneinlagen, die theoretisch kurzfristig und praktisch langfristig da sind. Wenn eine Bank kurzfristiges Geld von Großanlegern hat (sei es als Einlage oder als von der Bank begebenes kurzfristiges Wertpapier), Fristentransformation betreibt und der Großanleger seine Einlage nicht verlängert, hat der Banker unmittelbar ein existenzielles Problem. Deshalb denkt und redet er von der Passivseite her – aber er weiß natürlich, dass durch die Kreditvergabe eine Einlage, also Geschäftsbankengeld, entsteht. Und deswegen, um das zu ergänzen, argumentieren auch viele Ökonomen, die sich mit Fragen der Finanzstabilität befassen, von der Passivseite der Bankbilanz her – aber auch die kennen, wie gesagt den Prozess der Geldschöpfung durch Kredit.

      Gruß
      gb

    • Kredit/Ersparnisse
      @Hr Braunberger

      Wenn ich an Sparen/Kredite und Ökonomen denke, dann denke ich an diesen Teilsatz:
      „selbst Ersparnisse finanzieren stets die Nachfrage eines Kreditnehmers“

      Er steht im „Hamburger Appell“. Es gibt ähnliche Beispiele.

      Je nun.

    • Vielleicht bin ich verwöhnt durch den jahrelangen Umgang mit Ökonomen, die auf monetäre Fragen spezialisiert sind. Dass Geld und Finanzen nicht zur Stärke traditioneller deutscher Ökonomik gehören, stimmt wohl auch… Das war ein Grund, warum ich im sogenannten „Methodenstreit“ vor ein paar Jahren nicht die Partei der Traditionalisten ergriffen hatte – weil es den Traditionalisten unter anderem darum ging, die deutsche Lehrstuhlwelt gegen die internationale Makroökonomik abzuschotten. Deshalb auch schreibe ich in FAZIT seit Jahren über Macrofinance.

      Aber wahr bleibt: Die Geldpolitiker, denen ich begegnet bin, wussten Bescheid.

      Gruß
      gb

    • Verwöhnt
      @Hr Braunberger
      Sie Glücklicher.

      Hamburger Appell oder auch HWSinns irische Traktoren. Wie hat HWS in Spiegel geschrieben
      „Es ist dann die Aufgabe des politiknah arbeitenden Volkswirts, die Erkenntnisse dieser Modelle verbal-analytisch miteinander zu verbinden und für die Erklärung der Wirklichkeit einzusetzen.“

      Das Problem ist evtl. das sich die Schwächen der Zunft aufaddieren und nicht die Stärken. Ihre Gesprächspartner mögen das alles gut im Griff haben und wissen. Ob Sinn oder Straubhaar, andere unterzeichnende des „Hamburger Appell“ – das sind lehrende (noch aktive z.T.) und einflussreiche Ökonomen welche nicht das lehren was andere wissen mögen.

      Das geht ja weiter mit der FAZ hier. Wen ich lese was zur Rente geschrieben steht sind wir beim Thema „Verzinsung“. Da wird dann „Kapital auf den Finanzmärkten gemehrt“ und mit „historisch üblichen Renditen von 8%“ geworben. Im Artikel wg. Illner erhält man unumwunden erklärt das Riester-Renten eben auch solche Renditen hätten. Niemand wird erklären das wir 8% reales Wachstum haben, hatten oder haben werden – auch nicht annähernd.

      Nun. Woher komen also diese Renditen? Das sollte eigentlich klar sein, oder manchen eben nicht. Jedenfalls werden die Güter welche es später zu verteilen gibt nicht mehr. Deren Menge „steht fest“.

      Hier werden Rechnungen präsentiert. Ich glaube jedoch nicht das man sehr viele erwischt welche wissen wer da wem (und wann) die Rechnung präsentiert. Gleich ob Journalist oder Ökonom der OECD. Was da getrieben wird – über „Zinsen“ oder womöglich „Gewinnanteilsverschiebungen über asynchrone Inflation durch Zinsrechnung“ – ist übel. Aber „wer weiss“. Im wahrsten Sinne.

      Man kann noch nicht einmal übles Wollen unterstellen.

    • Nicht verwöhnt
      Lieber Herr Braunberger,

      ich bin hier leider nicht verwöhnt. Sie schreiben: „Natürlich weiß der Banker um die Zusammenhänge von Geld und Kredit und sein Satz mag rein theoretisch nicht hundertprozentig korrekt sein.“

      Im Jahre 2012 wusste zumindest Thomas Mayer noch nicht um diese elementaren Zusammenhänge: https://www.youtube.com/watch?v=5LTp_HqlqN0 ab Minute 1:48:50.

      Und auch andere prominente Ökonomen haben hier wohl ihre Probleme. Ich zitiere aus der Studie von S&P vom 13. August 2013:

      (2) Here is a sampling of comments from highly respected academics and journalists in that vein. Martin Feldstein: „The banks can use these excess reserves to create loans and deposits, which will increase the money supply and fuel inflation,“ „The Fed’s Dangerous Direction,“ Jan. 3, 2013, Wall Street Journal; Phil Gramm and John Taylor: „with banks holding excess reserves rather than lending them out–and with velocity (the rate at which money turns over generating national income) at a 50-year low and falling–the inflation rate has stayed close to the Fed’s 2% target.“ „The Hidden Costs of Monetary Easing,“ Wall Street Journal, Sept. 11, 2012; John Taylor: „When the economy begins to heat up, the Fed will have to sell the assets it has been purchasing to prevent inflation. If its asset sales are too slow, the bank reserves used to finance the original asset purchases pour out of the banks and into the economy,“ „Fed Policy Is a Drag on the Economy,“ Wall Street Journal, Jan. 28, 2013;… http://bsd.wpengine.com/wp-content/uploads/2013/08/SP-Banks-Cannot-And-Do-Not-Lend-Out-Reserves-aug-2013.pdf

      Hier hatte ich in einem Kommentar weitere Beispiele aufgeführt: http://blogs.faz.net/fazit/2015/09/02/illusionen-ueber-geldpolitik-6429/#comment-5041

      Es nutzt also wenig, wenn die Geldpolitiker Bescheid wussten, denen Sie begegnet sind, sondern dieses Wissen muss sich auf breiter Front durchsetzen, damit auch unsere Politiker die Chance erhalten, den Sprung aus dem monetären Mittelalter in die Neuzeit zu schaffen. Dann gäbe es auch nicht so viele unsinnige Beiträge, wie z. B. gestern wieder von Frank Schäffler: http://prometheusinstitut.de/henne-oder-ei-oder-doch-lieber-steak/

      Und das sind ja exakt die verstörten Kinder, die Sie mit Ihrem Beitrag zu recht kritisieren. Für die ist das Thema Hybridität und Hierarchie doch ein Buch mit sieben Siegeln: https://soffisticated.wordpress.com/2014/04/09/inside-und-outside-money-aus-zwei-mach-eins/

      LG Michael Stöcker

    • Lieber Herr Stöcker,

      Ihr Unsinn bleibt auch durch Wiederholung Unsinn.

      Natürlich kennt Thomas Mayer Geldschöpfung durch Kredit. Deswegen optiert er ja für eine Geldreform (meines Erachtens zu Unrecht), mit der dies abgeschafft wird. Und bei Schäffler ist es nicht anders. Schauen Sie sich doch mal die ganze Kritik von Anhängern der „Österreichischen Schule“ am „Fractional Reserve Banking“ an. Da geht es doch um nichts anderes, und Mayer und Schäffler sind Anhänger dieser Schule.

      Sie haben sich seit Jahren vollkommen verrannt und in den Augen von Profis lächerlich gemacht. Das ist nichts Neues – seitdem dem das Internet da ist, erlebt man gerade im deutschen Sprachraum Privatgelehrte, die meinen, sie besäßen in monetären Fragen ein Wissen, das den Profis aus irgendwelchen Gründen abgehe. Jahrelang wurde in Foren der Zinseszins durchgekaut (in der gegenwärtigen Zinslandschaft ist die Diskussion allerdings eingeschlafen), dann hat man sich jahrelang in Foren mühsam gegenseitig Stützels Saldenmechanik zu erklären versucht (und manche hatten irrtümlich gemeint, man besäße damit eine ökonomische Theorie) und in Ihrem Fall ist es etwas so Banales wie die Geldschöpfung durch Kredit.

      Es ist ja okay, dass dies alles geschrieben werden kann – aber niemand, der sich auskennt, nimmt diese Privatgelehrten ernst. Sorry…

      Viele Grüße
      gb.

    • "Deswegen optiert er ja für eine Geldreform (meines Erachtens zu Unrecht), ...
      … mit der dies [Geldschöpfung durch Banken] abgeschafft wird.“ — Ich meine auch, zu Unrecht, ich halte eine solche Reform für eine Katastrophe, sie würde die Geldschöpfung noch anpassungsunfähiger machen, die Zentralbank bis zur Unmöglichkeit überlasten und schreckliche Bürokratie bringen. Oder sie würde die Zentralbank zur einer Marionette der Banken machen, weil ihr vielleicht nichts übriges bleibt, als dem Rat der Banken zu folgen. Aber allein über sie reden zu müssen, zum Beispiel nach dem Referendum in der Schweiz, wird heutige Tabus brechen und endlich eine konstruktive geldpolitische Diskussion fördern. Wenn man bereit ist, solche unsinnige Reform mit all ihren Kosten zu bringen, wird man auch bereit sein, etwas sinnvolleres zu machen.

    • Der Unsinn der anderen
      Lieber Herr Braunberger,

      Sie rennen mit Ihrer Kritik an Mayer & Co. bei mir offene Türen ein. Seinen Vorschlag zum Aktivgeld hatte ich in einer Diskussion mit Norbert Häring zerpflückt: https://zinsfehler.wordpress.com/2015/01/20/qe-versus-ml/#comment-207. Aber nochmals meine Frage: Wieso wird solchen Leuten (Tichy ist ja glücklicherweise ausgetauscht worden) auch noch ein öffentliches Forum (Mayers Weltwirtschaft) für die Verbreitung solchen Unsinns geboten. Und das auch noch in einem Blatt, das für sich in Anspruch nimmt: „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“. Solche Kolumnen sollten – wenn denn überhaupt – unter der Rubrik >Gesellschaft >Unglücke platziert werden.

      LG Michael Stöcker

    • Ich bin kein Anhänger des Vollgeldes und ebenso wenig bin ich ein Anhänger der „Österreichischen Schule“. Desungeachtet ist Vollgeld ein – übrigens keineswegs monolithisches – Konzept, über das man sinnvoll diskutieren kann. Es gibt da ja auch unterschiedliche Vorstellungen, zum Beispiel neben einem staatlichen Geldmonopol, bei dem die Geschäftsbanken mehr oder weniger zu Abteilungen der Zentralbank mutieren, auch die Idee eines Wettbewerbs von Banken, die solches Geld privat emittieren.
      Übrigens müssten die Emittenten privaten Vollgeldes nicht mal Banken sein. Nehmen Sie die Bitcoins, die vielleicht einmal als Prototyp digitalen nicht-staatlichen Geldes gelten werden. Man kann sich eine Welt vorstellen, in der mehrere solcher digitaler Gelder kursieren und für Zahlungen genutzt werden.
      So ganz banal ist das Thema nicht.
      Gruß
      gb

    • Vollgeld
      @Hr Braunberger

      Zum Vollgeld gibt es ja aktuell (letzte Woche) etwas aus der Schweiz. Die ZB dort war es meine ich welche als Fazit zog Marke „überlegenswert aber nicht abschätzbar“.

      Anyway. Vollgeld hat das gleiche „Problem“ wie das derzeitige System auch – nur viel deutlicher. Es käme sehr (mit Ausrufezeichen) schnell der Punkt an welchem ein besseres funktionieren des fiskalischen notwendig wäre.

      Was ich moniere ist, das man unbesehen weiter macht wie bisher auch…. und zwar mit Volldampf! Sieht man u.a. an der Rentendiskussion. Und das ist für mich der primäre Anhaltspunkt dafür das das Wissen um die Problematik eben nicht vorhanden ist Herr Braunberger.

      Sie kennen die „lange Herleitung“ der Finanzkrise und der langen Hausse aus Beginn der 80er heraus über die Pensionsfonds der USA etc. nehme ich doch an. Dort begann(tm) das ganze Drama. Und wir erleben „die zweiten 80er“ aktuell in Deutschland mit Riester und Konsorten – sollen als weltweites Neu-Schwergewicht die nächste Hausse mit langem Atem anstossen. Mit Rückendeckung OECD und Medien.

      Das mag verstehen wer will. Wenn es die informierten Kreise gibt wie Sie das sagen, dann sollte diesen auch bewusst sein wohin ein „weiter so“ führt. Das Schäuble und andere Politiker ahnungslos sind, davon gehe ich aus. Die entscheiden aber lediglich nur. Das sind „Macher“ welche sich nicht für Probleme interessieren, sondern für Lösungen. So lange niemand etwas durchsetzbares und überlegenes vorlegt machen sie weiter.

      Wo sind „Ihre Leute“ (wenn ich das einmal so formulieren darf – ist nicht anklagend gemeint) Herr Braunberger?

    • Vollgeld, Bitcoin und anderer Unsinn
      Lieber Herr Braunberger,

      Sie schreiben: „Ihr Unsinn bleibt auch durch Wiederholung Unsinn.“ Ihre Einschätzung bleibt Ihnen unbenommen und ich selber bevorzuge klare Worte. Wer austeilt, der muss auch einstecken können.

      Wie Sie bin ich weder Anhänger des Vollgeldes und schon gar nicht der Österreichischen Schule zugeneigt. Aber: Auch mein Vorschlag zu einem zentralbankfinanzierten niedrigen Bürgergeld führt letztlich in der langen Transformationsfrist zu einer vollgeldähnlichen Situation, da sukzessive die Mindestreserve auf 100 % erhöht werden soll. Und da gibt es dann auch wieder eine Verbindung zu Mayer mit seinem Aktivgeld; denn nichts anderes ist Vollgeld. Allerdings lehne ich die Begründung der Vollgeldbewegung ab, da sie logisch inkonsistent ist. Warum, das hatte ich mal an anderer Stelle beschrieben: http://insideparadeplatz.ch/2015/10/28/9-von-10-franken-von-geschaeftsbanken/#comment-120443

      Übrigens: Privates Vollgeld – und dann auch noch in Konkurrenz – halte ich schlichtweg nicht für praktikabel. Die Vielzahl an Wechselkursen wäre ein Rückschritt ins Mittelalter. Zudem bin ich der festen Überzeugung, dass auch die staatliche Theorie des Geldes ihre Berechtigung hat. Eine Währung ist immer nur so stark wie die dahinter stehende staatliche Rechtsordnung. Geld ist ein soziales Konstrukt und somit eine Allmende. Vorstellen kann man sich in der Tat vieles, praktikabel und realistisch ist aber nur weniges. Bitcoin zählt keinesfalls dazu: https://soffisticated.wordpress.com/2013/04/18/pitticoin-die-lieben-und-platsch/

      Und in der Tat: „So ganz banal ist das Thema nicht.“ Perry Mehrling ist hier eine ausgezeichnete Adresse: http://www.perrymehrling.com/2016/01/great-and-mighty-things-which-thou-knowest-not/ sowie insbesondere: http://www.perrymehrling.com/2015/06/why-is-money-difficult/

      LG Michael Stöcker

  8. Da stellen sich Fragen
    @Hr Braunberger

    Wenn das Alter [und auch der Urheber Friedman] nichts über die Qualität aussagt bedeutet es, das Friedmans Ausführungen verkehrt sein können.
    Dann wäre es so als ob seine Ausführungen nicht existierten.

    Wie leiten Sie dann den Rest ab?

    Das unwillige [und nichtsdestotrotz arrogante] Ökonomen die Welt nicht mehr verstehen scheint ebenso offensichtlich wie folgenlos was die Ansichten der Ökonomen angeht. Nimmt man an das Friedman falsch lag [wovon ich ausgehe] helfen seine Thesen jedoch nicht.

    Es ist wie in der Politik. Jeder (hier: Ökonom) scheint sich aus der Menge an verfügbaren Aussagen etwas aus der Ecke herauszusuchen welche inhaltlich zu der eigenen Einstellung passt. Sprich: wenn diverse Aussagen Friedmans gefallen, dann sind diese richtig und bei denjenigen welche nicht gefallen lag er eben falsch.

    Ich denke nicht das dies jemals anders war oder sich irgendwann ändern wird.

    Eine nennbare Anzahl an Befürwortern einer negativen Einkommensteuer gab es zum Glück m.. bislang nicht. Wobei…. in den USA und Kanada werden Projekte diskutiert welche man aus meiner Sicht hoffentlich durchführt um endlich das Thema ad acta legen zu können. Jedoch scheinen ein paar „Friedman-Anhänger“ in diesem Sinne durchaus zu existieren… oder aus der Not geboren zu werden. Sozusagen Verzweiflungstaten mangels von Ökonomen präsentierten und auch akzeptierten Alternativen.

    Ein Trauerspiel. Der Haupt-Knackpunkt ist und bleibt die Abgabenerhebung und Verteilung. Das werden heutige Ökonomen im Sinne des sog. „Mainstreams“ niemals in den Fokus rücken…. aus o.g. Gründen.

    • Natürlich kann Friedman auch daneben gelegen haben. Mir geht es um etwas anderes: Es gab Ökonomen, für die Friedman jahrelang der große Held war. Heute tun diese Ökonomen angesichts von Ideen wie Grundeinkommen etc. so, als wären dies Auswüchse einer verrückten Zeit, gegen die sie mit Unverständnis und Beharren auf angeblich gesünderem alten ökonomischem Denken reagieren müssten. Dabei stammen diese Ideen, die sie als moderne Auswüchse des Wahnsinns darstellen wollen, aus ihrer „guten alten Zeit“ und von einem ihrer früheren Lieblingsökonomen. Meines Erachtens ist dies intellektuell unredlich und der Versuch einer Vernebelung. Darum geht es mir – ob diese Ideen richtig oder falsch sind, ist eine ganz andere Frage, die auch nicht in einem Blogbeitrag geklärt werden könnte.
      Gruß
      gb

  9. Schicksal großer Ökonomen
    Es ist wohl das Schicksal großer Ökonomen, von ihren Nachfolgern und Politikern „verdichtet“, sprich aufs Formelhafte versimpelt zu werden. Aus Keynes‘ Werk wurde in der neoklassischen Synthese ein Bastard-Keyensianismus und Adam Smith wurde auf „Laissez-faire“ reduziert – obwohl uns schon das Französische sagen sollte, dass das eher Quesnay entsprach. Schon die einfache Formel „Too much money chasing too few goods“ als Ursache der Inflation haben die meisten Anhänger nicht verstanden: Es braucht zu viel Geld u n d zu wenig Güter. Fast kommen sie mir vor wie im „Leben des Brian“, wo die Meute ohne Sinn und Verstand einem Guru hinterher läuft, der keiner sein will…

    • Ja, auch Friedrich von Hayek wäre ein Beispiel. Der hielt übrigens nicht viel von Schülern, weil er der Ansicht war, dass Ökonomen selbständig denken und nicht Meistern nachlaufen sollten. Mit Blick auf manche selbsternannte Hayekianer will man von Hayek auch nicht widersprechen…
      Gruß
      gb

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