Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Wahrheit wird überbewertet

| 38 Lesermeinungen

Wer Ökonom ist und etwas auf sich hält, war am vergangenen Wochenende in Chicago. Die ehrwürdige American Economic Association, kurz AEA, hielt dort ihr Jahrestreffen ab. In Dutzenden Veranstaltungen präsentierten Professoren ihre Arbeiten, für talentierte Nachwuchsforscher kann die Konferenz zur Eintrittskarte für die Karriere an einer Elite-Uni werden. Und der Veranstalter ließ wissen: „13000 der besten Köpfe der Zunft versammeln sich, um sich zu vernetzen und neue Erfolge der Wirtschaftsforschung zu feiern.“

Partylaune also, wären da nicht Spaßbremsen wie Dave Colander. Der Ökonom des Middlebury College in Vermont reiste nach Chicago, um der eigenen Disziplin den Spiegel vorzuhalten. Im Gepäck hatte er ein Paper, das mit der Zunft hart ins Gericht geht: 99 Prozent seiner Kollegen, behauptet Colander, gehen ihre Arbeit falsch an. Ihre Ergebnisse seien deshalb wenig brauchbar.

Ein scharfer Vorwurf, den der Forscher wie folgt begründet: Die allermeisten Ökonomen betrachteten sich als Wissenschaftler, deren Aufgabe darin bestehe, „die Wahrheit“ zu suchen und zu finden. Damit ihnen das gelingt, benutzen sie Modelle, also die Wirklichkeit vereinfachende Konstrukte, die ganz bestimmte Annahmen haben und zu präzisen Ergebnissen führen. Solche Modelle sind in der Ökonomie omnipräsent: Es gibt Modelle für vollkommene Märkte, für Arbeitslosigkeit, für Aktienkurse, für Liebe, einfach für alles.

Dave Colander findet diese Herangehensweise bedenklich: „Der Fetisch der Ökonomen für Modelle ist aus meiner Sicht ein Problem“, sagt er. Es sei blauäugig, die von den Modellen ausgespuckten Ergebnisse als „wissenschaftlich“ und „objektiv“ anzusehen. Die Forscher blendeten viel zu oft aus, dass die Modelle nur unter bestimmten Bedingungen Aussagekraft haben und bei konkreter Fragestellung auch Dinge eine Rolle spielen können, die mit den Formeln nicht erfasst werden können.

Zum echten Problem werde das, wenn Ökonomen aus ihren Ergebnissen eindeutige Empfehlungen an die Politik ableiteten – zum Beispiel beim Thema Freihandel. Viel zu lange hätten die Forscher in der Öffentlichkeit ein zu positives Bild gezeichnet und nicht klar genug darauf hingewiesen, dass der freie Warenverkehr neben vielen Gewinnern auch Verlierer produziert. In Amerika lässt sich besichtigen, wie wütend diese Verlierer sind – nicht zuletzt sie haben Donald Trump zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.

„Ich könnte zahlreiche andere Beispiele geben, bei denen Ökonomen vergessen oder zumindest deutlich heruntergespielt haben, welche Einschränkungen bedacht werden müssen, wenn Ergebnisse aus Modellen zu Politikempfehlungen gemacht werden“, schreibt Colander. In Deutschland würde ihm wohl zuallererst die Debatte um den Mindestlohn einfallen. Hunderttausende könnten ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn die Lohnuntergrenze von 8,50 Euro kommt: So warnten führende deutsche Ökonomen auf Grundlage ihrer Modellrechnungen. Zwei Jahre später arbeiten hierzulande so viele Menschen wie nie, Mindestlohn hin oder her.

Aber sind solche Fehler vermeidbar? Liegt es nicht in der Natur der Sache, dass jedes Modell unvollkommen ist und immer weiter verbessert werden muss – oder eben irgendwann durch ein besseres ersetzt wird? Colander will sich mit solchen wissenschaftstheoretischen Argumenten nicht abfinden: „Ich würde nicht über dieses Problem schreiben, wenn ich nicht eine Lösung hätte oder zumindest denken würde, ich hätte eine.“

Geht es nach dem selbstbewussten Kritiker, backen Forscher künftig kleinere Brötchen. Anstatt sich mit abstrakten Modellen auf Wahrheitssuche zu begeben, sollten sie sich als Ingenieure betrachten. „Ingenieurwesen ist keine Wissenschaft. Es ist die Suche nach Antworten auf Probleme.“ Ingenieure wüssten, was sie nicht wissen oder nicht wissen können. Darum konzentrierten sie sich in ihrer Arbeit stärker auf das, was sie in der realen Welt vorfinden und was sie für ihre konkrete Fragestellung gebrauchen können.

Ihr Handwerkszeug? Heuristiken, also Verfahren, die zwar verwandt sind mit Modellen, aber sehr viel offener und informeller sind. In Heuristiken könnten auch die Intuition, der gesunde Menschenverstand, historische Erfahrungen und vieles mehr einfließen, zählt Colander auf. Seine Hoffnung: Heuristiken sprengen die engen Grenzen formaler Modelle, fördern die Kreativität und ermöglichen passgenaue Antworten auf konkrete Fragestellungen. Ein solches Umdenken verlangt der Forscher zwar nicht von allen Ökonomen. Aber zumindest diejenigen, die nah an der Praxis arbeiten und Politikempfehlungen geben, müssten zu Ingenieuren werden.

Man muss dieser Fundamentalkritik nicht in allen Punkten zustimmen, um ihr etwas abgewinnen zu können. Denn trotz vieler Fehlleistungen in der Vergangenheit und unzähliger Debatten über die Zukunft der Disziplin hat sich in der Ökonomie auch knapp ein Jahrzehnt nach dem überraschenden Ausbruch der Finanzkrise nicht besonders viel getan.

Noch immer haben Forscher, die auf alternative Modelle und Methode setzen, kaum Chancen auf Veröffentlichungen in den renommierten Fachzeitschriften und damit auch nicht auf Hochschulkarrieren. Es stimmt zwar, dass sich solche alternativen Ansätze im Wettbewerb gegen die etablierten Modelle durchsetzen müssen – aber gibt es in den bestehenden Strukturen überhaupt einen fairen Wettbewerb? Erst jetzt hat in Deutschland die erste staatliche Hochschule, die Universität Siegen, unter dem Titel „Plurale Ökonomik“ einen Studiengang eingeführt, in dem unter anderem ordoliberale, Postwachstums- und wirtschaftshistorische Theorien vermittelt werden.

Aufhorchen lässt in diesem Zusammenhang ein Beitrag von Paul Romer. Der Chefökonom der Weltbank hat kürzlich einen „Ehrenkodex“ unter Wissenschaftlern angeprangert, der es verbiete, angesehene Forscherpersönlichkeiten anzugreifen. Ob Fakten und Prognosen falsch sind oder Modelle keinen Sinn machen, spiele keine Rolle. Die Wissenschaftler seien ihren Freunden stärker verpflichtet als den Fakten. So hatte das vor Romer noch kein Spitzenforscher formuliert. Sollte an den Vorwürfen etwas dran sein, wäre das eine ernsthafte Hürde für wissenschaftlichen Fortschritt – und ein Grund mehr, Dave Colander genau zuzuhören.

7

38 Lesermeinungen

  1. @ Sophia Orti
    Braucht der Ingenieur keine Wahrheit?

    Sie ist ihm solange egal, wie sein „Modell“ funktioniert. Ein ETechnik Kollege hat mir einmal den Unterschied zwischen ETechnik und Physik so erklärt:
    Bei mir geht’s Licht an, aber ich weiß nicht genau warum. Der Physiker weiß genau was Licht ist, aber es bleibt oft dunkel.

    Es klingt lustig, aber es zeigt den Schwerpunkt der Auffassungen.

    Gruß
    VC

    • Reflexion
      Der Ingenieur und der Physiker haben verschiedene Ziele. Der erste will „praktische“ Resultate in einem Rahmen, der zweite will eine „Erklärung“ in einem Rahmen. Wenn das Ziel nicht erreicht ist, weil man eines Widerspruchs bewusst wird, macht man etwas im gegebenen Rahmen, was das ursprüngliche und den Widerspruch negiert, konserviert und aufhebt (elevare). Was ist das Ziel des Ökonomen und in welchem Rahmen bewegt sich seine Tätigkeit?

  2. Im Rechnung stellen und bewerten:
    da muß ein jeder gestanden,die Kommentare oder etwas ähnliches lesende,ein perfekteren Titel“Wahrheit wird überbewertet “ hätte es nie geben können !
    Alle Achtung

    • τί ἐστιν ἀλήθεια; Quid est veritas?
      Relativierung der Wahrheit ist alt. Braucht der Ingenieur keine Wahrheit?

    • Wahrheit und Weisheit's Relativismus :
      ,warum Wissenschaft und Tatsachen sich nicht immer wahrheitsgemäß gut
      verstehen,lässt sich mit einer jiddischen Wiz am besten vor- und nachdenken:
      „Der beste Schuster zwischen die Schneider ist Jankl der Bäcker “
      Dreimal ein Handwerk,dreimal ein spezifisches Fachgebiet ,dreimal spezifische fachmännische Können .
      Wenn ein wirbelnde durcheinander von Weisheit und Wahrheit , fachmännische Bäckereien auf dem richtigen Weg bringt,dann ja sollte
      Meir Shalev’s „Esau“[ Bäckermeister Generationen] unbedingt ein wichtiges Textbook werden oder sein .

    • Der beste Ökonom unter den Mathematikern ist der Philologe
      Mit der Reichsbank habe ich mich eher als Philologe denn als Mathematiker beschäftigt. Wenn man aber etwas über die Methode von fleißig zitierenden Ökonomen sagen will, muss man Soziologe sein. Hängt Wahrheit aber vom Fach ab? Das Können und Kunst ja vom Fachmann.

  3. Hört Hört!
    Schön, dass auch hier die Standardökonomie kritisiert wird.
    Danke für den Hinweis auf Steve Keen.
    Erschreckend, dass Klassiker noch immer nicht auf dem Lehrplan an Universitäten stehen. Viele Ökonomen haben keinen blassen Schimmer über die Geschichte ihres eigenen Faches.

  4. Ökonomik ist eine Sozialwissenschaft (oder Sozialkunst)
    Die Methode dieser Wissenschaft besteht darin, viele andere Wissenschaftler ständig zu zitieren, um damit Anteil am Ruhm der Zitierten und einen Platz an der „scientific commuty“ zu haben. Als Beispiel kann man dieses Forum selbst nennen. Das Thema der Methode einer Wissenschaft, erkenntnistheoretische Fragen, sind sehr interessant. Und was wird hier gemacht? Fleißig andere Ökonomen zitieren. Und wenn es keine Wissenschaft, sondern eine Kunst (wie die eines Ingenieurs), ist, dann stellen sich auch ähnliche Fragen. Aber man zitiert und zitiert hier lieber.

  5. Der Ökonom als Klempner
    Hier ist die Richard-Ely-Lecture von Esther Duflo aus Chicago:

    https://www.aeaweb.org/webcasts/2017/ely.php

    Der Ökonom als Ingenieur (Colander). Der Ökonom als Klempner (Duflo). Der Ökonom als Zahnarzt (Keynes)… Was kommt als nächstes?

    Gruß
    gb

    • Als nächstes sei nur möglich ein Zitrus -Landwirt,oder Oliven....[Die Lehre der Alternativen],
      oder wie die phenomenale Levant – Wirtschaft im historischen Perspektive nicht nur idealtypisch sondern ganz konkret gedeiht …
      denn könnte die Franzosen sich wieder freuen ,das einst ein Physiocratische „Abteilung “ auf wirtschaftliches “ Menü“ vorhanden war,statt Michel Onfray’s “ Décadence „,oder Houellebecq’s Nihilismus,dass ja sei eine verheerende“ Futurologie“,kann man ja nicht brauchen im eine
      symmetrische Wirtschaft,Landwirtschaft…..aber Zitronen gehören dazu!
      Wie Julias Benda einst formulierte :“Je refuse une option tragique de la vie.“
      Tout à fait d’accord!?…

    • Was kommt als nächstes?
      Der Ökonom in seiner Community.

  6. @ Gerald Braunberger
    Lieber Herr Braunberger,
    ich denke, Herr Thieme meint einfach „Angestellter im öffentlichen Dienst ohne zeitliche Befristung“. So etwas gibt es im wissenschaftlichen Bereich z.Zt. nur, wenn mit der Stelle eine „Daueraufgabe“ verbunden ist, z.B. eine Gerätewartung und Betreuung (Physik), die Leitung des Praktikantenamts usw.
    Ich finanziere meine zusätzlichen Mitarbeiter aus Drittmittel und Überlastmittel, die natürlich begrenzt sind. Ohne diese zusätzlichen Mitarbeiter wäre die Lehrsituation in den Übungen nahezu unerträglich (Betreuungsrelation 1: 250)
    Ich kann aber immer nur für einen recht kurzen Zeithorizont (max. 2 Jahre) Verträge abschließen.
    Viele meiner Kollegen machen aus zwei Vollzeitstellen, vier halbe Stellen, alle begrenzt auf 5 Jahre.
    Ich selbst habe mich auch von Zeitvertrag zu Zeitvertrag gehangelt, war in den USA, mal für 5 Monate „arbeitslos gemeldet“ und wurde dann mit 42 Jahren erstmals unbefristet und dann gleich auch noch ins Beamtenverhältnis übernommen.
    Als Assistant Prof. in den USA hat man ebenfalls eine zeitliche Befristung; i.d.R. erst mit dem Aufstieg zum Assoc. Prof. gibt es tenure, d.h. die Uni kann nicht mehr kündigen. Da das US System aber neben Forschungsuniversitäten auch eine große Zahl von Colleges umfasst, die oft nur undergraduate studies anbieten, findet man in diesem System eher eine Anschlussbeschäftigung als in der BRD. Aber auch in den USA gibt es inzwischen prekäre Lehrkräfte: Adjunct Professor ist ein armseliges Dasein, bei uns vergleichbar mit einem Lehrauftrag, der einem ca. 2000 Euro pro Semester (!) Einnahmen einbringt.

    • Genau das meinte ich...
      Lieber Herr Caspari,

      vielen Dank für die Ergänzungen. Genau das meinte ich. Das ist auch das, was gemeinhin in der aktuellen Debatte unter „Mittelbau“ verstanden wird. Ein Thema, das wie ein Fass ohne Boden ist…

      LG
      ST

  7. Korrektur:
    Sorry, mir ist da im 2. Absatz ein kleiner Grammatikfehler – falsch gesetzter Genetiv – unterlaufen:
    „widerspricht dem ökonomischen Grundgedanken“, muss es heißen. Ist vielleicht vom Gesamttext her nicht so wichtig; aber wenn wir schon von Überbewertung der Wahrheit reden, sollten wir wenigstens die Grammatik schätzen, finde ich.

  8. Pingback: Die Suche nach der kapitalistischen Weltformel

Kommentare sind deaktiviert.