Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

„Flirt mit der Tragödie“

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Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos debattieren Experten über Ergebnisse, Potentiale und Grenzen der Geldpolitik. Sie stellen eine bange Frage: Was geschieht in der nächsten Krise? Und wieso ist Mario Draghi der moderne Sisyphus?

Auf dem Podium befanden sich Thomas Jordan (Präsident der Schweizerischen Nationalbank), Paul Tucker (ehemals Vizegouverneur der Bank of England und heute an der Harvard University) sowie der als „Dr. Doom“ bekannte Ökonom Nouriel Roubini. Wir ordnen ihre Aussagen nach Themen.

–          Ausblick auf die nahe Zukunft

Jordan sieht angesichts eines zunehmenden Wirtschaftswachstums einen sehr langsamen Weg zu einer Normalisierung der Geldpolitik. Notwendig sei eine Anerkenntnis, dass die langfristigen Wachstumsmöglichkeiten einer Wirtschaft nicht von der Geldpolitik bestimmt werden. Tucker ist der Ansicht, dass die Entwicklung der Produktivität in den Vereinigten Staaten die wichtigste Nachricht für die Weltwirtschaft sein wird, denn davon würden angesichts einer bereits sehr hohen Beschäftigung die weiteren Wachstumsaussichten Amerikas abhängen. Auch Roubini sieht die amerikanische Geldpolitik auf dem Wege der Normalisierung, aber er will ein Alternativszenario nicht ausschließen: Da Donald Trump Wachstum in der amerikanischen Industrie schaffen will, kann er kein Interesse an einem starken Dollar haben. Daher hält es Roubini auch für denkbar, dass Trump geldpolitische „Tauben“ auf die freien Plätze in der Führung der Fed entsenden wird, die mit einer lockeren Geldpolitik den Dollar am Devisenmarkt schwächen. Diese Spekulation kursiert schon seit Wochen an den internationalen Finanzmärkten.

–          Grenzen der Geldpolitik

Jordan bezeichnet die Geldpolitik in der Finanzkrise als erfolgreich, allerdings hätten danach andere Politikbereiche die Geldpolitik alleine gelassen. Tucker drückt dies weitaus drastischer aus: Die Menschen seien zu Recht wütend auf die politischen Eliten, weil gewählte Politiker ihrer Verantwortung in den vergangenen Jahren nicht nachgekommen wären und die gesamte Verantwortung der Geldpolitik, also nicht gewählten Bürokraten, überlassen hätten. Tucker spricht von einem „Flirt mit der Tragödie“ und fordert die Geldpolitik auf, sich auf ihr Mandat zur Stabilisierung des Preisniveaus zu konzentrieren. Die Bank von Japan befinde sich mit ihrer Geldpolitik „im Vorhof der monetären Staatsfinanzierung“. Auch die Sicherung der Finanzstabilität sei eine Aufgabe von Regulierung und Aufsicht und keine Aufgabe der Geldpolitik. Forderungen aus der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) nach einem zusätzlichen Mandat der Zentralbanken in der Finanzstabilität bezeichnet Tucker als „empörend“, da dies eine Aufgabe für gewählte Politiker sei und gegen das Mandat einer Zentralbank verstoße: „Wenn dagegen die Menschen auf die Straße gingen, ginge ich mit.“ Tucker ist auch wütend über die Passivität von Regierungen, weil diese zu einer neuen Krise beitragen könne: „Wenn sie auf diese Weise mit der Wohlfahrt der Menschen spielen, werden dies die Menschen der Elite nicht verzeihen.“ Mit Blick auf die Zusammenarbeit von Regierungen und Zentralbank in der Eurozone bemerkt Tucker: „Mario Draghi ist der moderne Sisyphus.“

–          Negativzins

Keine Zentralbank führe gerne Negativzinsen ein, sagt Jordan, der für die Schweizerische Nationalbank aber auch konstatiert: „Es war das beste zur Verfügung stehende Instrument. Es war und es ist notwendig und es funktioniert.“ In der Schweiz beträgt der Zins minus 0,75 Prozent. Jordan gibt zu bedenken, dass nur der negative Nominalzins neu ist, während es auch in der Vergangenheit schon häufiger negative Realzinsen gegeben habe. Unternehmen und private Haushalte hätten wie erwartet auf den Negativzins reagiert. Besonders, wenn man lange Zeit Negativzinsen habe, litten manche Gruppen darunter, konzedierte Jordan, der aber keine Alternative sieht: „Wenn wir auf den Negativzins verzichten und der Franken am Devisenmarkt stark aufwertet, leiden die heute vom Negativzins betroffenen Gruppen auch.“ Roubini bezeichnet den Negativzins als ein „notwendiges Übel“, das aber funktioniere, weil eine Deflation vermieden worden sei. Roubini gibt aber einen Punkt zu bedenken, den auch Tucker erwähnt: Negativzinsen heute sind ein Zeichen, dass die Geldpolitik im Falle einer neuerlichen Krise kaum noch Handlungsspielraum besitze. „Sie werden in einer Krise keinen Leitzins von minus 5 Prozent einführen können“, sagt Roubini an die Adresse Jordans – der nicht widerspricht.

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30 Lesermeinungen

  1. "Nettonationaleinkommen (Y) – privater Verbrauch (C) = Ersparnisse (S)"
    Sehr geehrter Herr Caspari, Ihre Formel kann ich nicht nachvollziehen, meiner Meinung nach ist sie sogar falsch. Ja, falsch, weil auch „investierten Kapital“ verbraucht wird, sogar privat. Was da brach liegen kann, ist nicht unbedingt mit ersparnissen gleichzusetzen. Im Zusammenhang mit der mir bekannten, heute als keynesianisch wahrgenommene Argumentation von der Zeit der Krise von 1931, kann ich mir vorstellen, was unter neutraler Zins verstanden wird. Es geht lediglich darum, das Güter nicht brach liegen. Meinen Sie wirklich, heute liegen Mittel brach in Deutschland, die sogar negative Zinsen rechtfertigen? Wirklich?! Lange Niedrigzinsphasen sind Kapitalvernichter.

    • Wenn ich kurz einhaken darf: Das ist keine Formel, sondern eine (Identitäts-)Gleichung aus dem ersten Semester VWL, also ökonomisches Grundlagenwissen.
      Gruß
      gb

    • @Sophia Orti: Die Gleichung Y - C = S
      Stellen Sie sich statt der gesamten Volkswirtschaft einfach einen Privathaushalt vor, z.B. Ihren eigenen. Dort gibt es Einkommen Y, z.B. aus Erwerbsarbeit. Einen Teil dieses Einkommens geben Sie für Konsum C aus: Nahrungsmittel, Kleidung, Körperpflege- und Reinigungsmittel, Elektrizität usw. Wenn Ihr Einkommen Y hoch genug ist und Sie eine gewisse Ausgabendisziplin an den Tag legen, bleibt nach Abzug dieser Konsumausgaben etwas von Ihrem Einkommen übrig. Das sind die Ersparnisse S. In gleicher Weise argumentiert man für die Volkswirtschaft als Ganzes und damit erscheint die Gleichung unmittelbar evident.

      Das bedeutet allerdings nicht, daß man diese Gleichung nicht sinnvoll kritisieren könnte. Zwar nicht als mathematische Identitätsgleichung (da hat Herr Braunberger schon ganz recht), aber doch, was die Interpretation der in ihr auftretenden Größen angeht. Denn man wird zugeben müssen (auch wenn das vielleicht nicht alle Ökonomen tun; das weiß ich aber nicht), daß diese Gleichung von anderer Art ist als etwa das zweite Newtonsche Gesetz F = m * a (Kraft ist gleich Masse mal Beschleunigung). Denn die physikalischen Größen lassen sich viel präziser definieren als die ökonomischen; speziell legt die Physik Meßverfahren fest. Es ist dieser Unterschied, den ich meine, wenn ich sage, daß ich mit abstrakten Gleichungen Schwierigkeiten habe (nicht in der Physik, aber in der Wirtschaftswissenschaft).

      Zum Beispiel scheint es mir nicht immer ganz leicht zu entscheiden, was eigentlich alles zum Konsum zählt und was zu den Ersparnissen. Bei einigen Dingen ist das zwar eindeutig: Wenn ich Brot, Milch, Äpfel kaufe und diese aufesse, dann ist das ganz eindeutig Konsum. Wenn ich Banknoten in einen Sparstrumpf stecke und diesen unter mein Kopfkissen lege, dann sind das ziemlich eindeutig Ersparnisse. Aber was ist, wenn ich mir z.B. ein Gemälde kaufe? Ist das Konsum, weil ich es gekauft habe, um mich daran zu erfreuen, es anzuschauen? Oder ist das Ersparnis, weil ich es in der Hoffnung auf eine Wertsteigerung gekauft habe und die Absicht hege, es in der Zukunft wieder zu veräußern? Es sind vor allem solche Unschärfen, die mir Schwierigkeiten bereiten.

    • @ borgelt

      „Es ist dieser Unterschied, den ich meine, wenn ich sage, daß ich mit abstrakten Gleichungen Schwierigkeiten habe (nicht in der Physik, aber in der Wirtschaftswissenschaft).“

      Aber die Alternative kann nicht in langatmigen Beiträgen voller Glaubensüberzeugungen bestehen…

      Sie haben in Ihrem ersten Beitrag hier als Leseempfehlung unter anderem „Preise und Produktion“ von Friedrich von Hayek genannt. Was enthält dieses Werk im Kern anderes als ein makroökonomisches Modell – mit der damals verbreiteten Spezialität, dass man nicht einen Unternehmenssektor hat, sondern zwei? Natürlich kann man dies in Gleichungen formulieren, im konkreten Fall wurde es halt verbal (das Werk beruht auf vier Vorlesungen) und Grafiken (den berühmten Hayek’schen Dreiecken) ausgedrückt. Aber es ist ein makroökonomisches Modell, auf das viele Probleme der Aggregation anwendbar sind.

      (Es hat noch ein paar spezielle Probleme, die dazu führten, dass Hayek die Konjunkturtheorie aufgegeben und sich nach der Weltwirtschaftskrise von den aus dem Modell folgenden politischen Schlussfolgerungen distanziert hatte – was sich aber nicht bei allen heutigen Austrians herumgesprochen zu haben scheint, die so tun, als stünde das Modell immer noch unangefochten da.)

      Als Ergänzung: Sie haben als modernen Austrian Roger Garrison angepriesen. Was anderes als ein formales makroökonomisches Modell liegt „Capital and Time“ zugrunde? Garrison arbeitet doch viel mit Grafiken, zum Beispiel diesen Darstellungen, wo er ein Hayek’sches Dreieck mit zwei Koordinatensystemen kombiniert. Dem liegt implizit ein Gleichungssystem zugrunde, das er halt nicht aufschreibt.

      Gruß
      gb

    • @Christian Borgelt
      Ihre Bemerkung hat sicher viel Wahres. Wenn diese Gleichung ein Wahrheitsgehalt haben soll, dann muss man die Größen richtig interpretieren. Mit dem Vergleich mit einem Haushalt bin ich nicht ganz einverstanden. Ich freue mich, dass Sie bereit zu diskutieren. Ich habe woanders Herrn Casparis Bemerkungen kommentiert. So lange sie nicht veröffentlicht werden, bin ich nicht in der Lage, in der Diskussion teilzunehmen.

    • @Gerald Braunberger
      Vielleicht kann ich mein Problem so klarer machen:

      Bei Graphiken (Skizzen als „visual clue“, nicht als Darstellung von mathematischen Funktionen — die Hayek-Dreiecke z.B. stellen ja keine mathematische Funktion dar) und bei Beschreibungen in Worten weiß jeder, daß es sich um qualitative und nicht um exakt quantitative Beschreibungen handelt (und, mit Verlaub, Glaubensüberzeugungen, im Sinne nicht beweisbarer Annahmen, gibt es in jeder Schule, nur meint natürlich jeder von den eigenen, daß es keine Glaubensüberzeugungen sondern objektive Wahrheiten seien). Die Beschreibung in Formeln vermittelt einen (meiner Meinung nach falschen) Eindruck von Exaktheit, den Eindruck, daß man Rechnen könnte. Aber dazu müßte man die Werte der eingehenden Größen und die Form der auftretenden Funktionen bestimmen, und vor allem müßte die Bedeutung der Größen eindeutig bestimmt sei.

      Mir ist schon bewußt, daß man hier Abschätzungen vornimmt. Aber Abschätzungen und Gleichungen mit Größen, bei denen nicht nur in Frage steht, wie man sie denn genau messen kann (statistisches Problem), sondern sogar, was sie denn genau bedeuten sollen (begriffliches/epistemologisches Problem)?

      Wie schon gesagt: Ich habe überhaupt kein Problem mit den Gleichungen der Physik. Die eingehenden Größen sind sehr klar definiert und können, wenn es sich um Observable handelt, mit bestimmten Verfahren gemessen werden. Gilt das für die Wirtschaftswissenschaft auch? Marktpreise, ja, die haben eine klare Bedeutung (sie sind Geldmengen) und direkt beobachtbar. Deswegen ist Wirtschaftsrechnung in Unternehmen möglich (wenn auch da schon die Abschreibung der Anschaffungskosten von z.B. Maschinen über die Zeit problematisch ist und mit Abschätzungen gearbeitet werden muß). Aber Größen wie „(Volks-)Einkommen“, „privater Konsum“ oder „Ersparnisse“? Auch da wird man sicher in Preisen/Geldmengen rechnen, aber, und das habe ich versucht deutlich zu machen, was geht wo ein? (mein Beispiel des Gemäldes) Oder: Sind die benutzten Größen objektivierbar? (mein Beispiel der Wertstabilität) Dies ist, meiner Meinung nach, weit weniger klar als in der Physik. Unter solchen Umständen Gleichungen aufzustellen, halte ich für verfehlt.

      Ein solches Vorgehen erscheint mir wie der Versuch, eine Art „gesellschaftliche Thermodynamik“ aufbauen zu wollen (was *nicht* grundsätzlich verfehlt wäre), mit den o.g. Größen als makroökonomische „Zustandsgrößen“. Aber während in der Thermodynamik die makroskopischen Zustandsgrößen durch recht einfache und eindeutige Aggregation aus den mikroskopischen abgeleitet werden können (z.B. ist die absolute Temperatur proportional zu der kinetischen Gesamtenergie der Teilchen), ist die Situation in der Wirtschaftswissenschaft ungleich komplizierter, einfach weil die „Teilchen“, nämlich die Menschen, so viel komplizierter sind und sich wesentlich weniger einheitlich verhalten. Ich glaube daher nicht, daß man mit ähnlich einfachen Aggregationen zum Ziel kommen kann, speziell mit solchen, die von den Absichten und subjektiven Wertschätzungen der Menschen, die nun einmal nicht direkt beobachtbar/meßbar sind, meist absehen. Mir gefällt an der österreichischen Schule, daß sie diese Situation explizit anerkennt und sich deshalb auf qualitative Beschreibungen beschränkt. (Woraus natürlich *nicht* folgt, daß sie deshalb immer recht hat.)

      Als Nebenbemerkung: Es gibt auch eine nur qualitative Physik. Beispiel: Es kann (z.B. auf Planeten) nicht beliebig hohe Berge geben, weil die Gravitationskraft Massenansammlungen bei wachsender Größe immer stärker in Richtung Kugel-/Ellipsoidform drängt. Man braucht keine Gleichungen aufzustellen, um zu dieser Einsicht zu gelangen.

  2. @ Christian Borgelt
    Suchen Sie weniger bei der österreichischen Schule nach der Funktionsweise von Geld und Zins, sondern vielmehr bei Steve Keen: https://www.youtube.com/watch?v=S5pPrHjzRFI&t=3126s.

    Gold ist ein beliebter Geldirrtum. Geld kommt von gelten (engl. guilt) und verweist somit auf ein Schuldverhältnis. Denn das, was gilt, das ist dasjenige, was schuldrechtlich vereinbart wurde (Kreditvertrag). Die BoE hat noch bis ins 19. Jahrhundert mit Kerbhölzern gearbeitet, um Schulden zu dokumentieren: https://en.wikipedia.org/wiki/Tally_stick#Split_tally_in_England. Heute sind diese Informationen in den Büchern der Geschäftsbanken dokumentiert oder aber auf der Banknote (Seriennummer). Im Falle der Banknote befindet sich das zweite/passende Informationskerbholz in der Datenbank der Zentralbank.

    Geld/Zentralbankgeld ist wiederum nichts anderes als umlauffähige Schulden. Mit Gold hat das nur ganz am Rande etwas zu tun. Und wer seine Schulden nicht mehr bedienen kann oder will, der hat dann so einiges auf dem Kerbholz. Bei diesem Punkt hat dann auch die Kritik der österreichischen Schule an exzessiver Kreditvergabe durchaus eine gewisse Berechtigung. Mehr dazu von mir mit zahlreichen weiteren Links finden Sie hier: https://zinsfehler.com/2016/11/27/debitismus-ad-infinitum/.

    LG Michael Stöcker

    • @Michael Stöcker: Debitismus
      Vielen Dank für den Hinweis auf den Debitismus. Das finde ich eine interessante Sicht. Erinnert mich irgendwie an Ludwig Wittgensteins „Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.“ mit der er, so scheint mir, eine analoge Verschiebung der Sichtweise angestoßen hat (auch wenn er sich davon selbst später wieder distanziert hat).

    • Weiterverleihen oder Gegenfinanzierung?
      Weil ich den Vorwurf, man verstehe unser Banken- und Kreditsystem nicht, bloß weil man davon spricht, eine Bank verleihe Kundeneinlagen weiter, für unangemessen halte, dazu einige Bemerkungen. Diese laufen am Ende darauf hinaus, daß ich nicht verstehe, warum man sich so dagegen sträubt, bestimmte Formen der Gegenfinanzierung eines Kredits als Weiterverleihen von Kundeneinlagen anzusprechen.

      Wenn eine Bank einen Kredit vergibt, ist das zunächst natürlich nur ein buchungstechnischer Vorgang: Die Passivseite erhöht sich um den Kreditbetrag (Zahlungsverpflichtung an den Kunden), die Aktivseite ebenfalls (Rückzahlungsforderung gegen den Kunden). Insofern ist (Kredit-/Fiat-)Geld „aus dem Nichts“ geschaffen worden und für diesen Vorgang allein bedurfte es natürlich keiner Einlagen von Kunden.

      Aber damit endet die Geschichte ja nicht. Weil der Kreditnehmer den Kredit nicht aufgenommen hat, um sich an der großen Zahl auf seinem Konto zu erfreuen, wird er die Zahlungsverpflichtung der Bank sofort in Anspruch nehmen. Nehmen wir an, er kauft sich ein Auto und überweist den Kreditbetrag an den Autoverkäufer.

      Wenn dieser Verkäufer sein Konto bei der gleichen Bank hat, entsteht dadurch noch kein Problem. Wieder wird, durch einen rein buchungstechnischen Vorgang, die Zahlungsverpflichtung auf den Autoverkäufer übertragen.

      Die Probleme fangen an, wenn der Autoverkäufer sein Konto bei einer anderen Bank hat. In diesem Fall muß die Bank den Kreditbetrag gegenfinanzieren, d.h., sie muß sich irgendwie Geld beschaffen, um die Zahlungsverpflichtung zu erfüllen. Das kann sie auf verschiedene Weise tun. Z.B. kann sie ihr Eigenkapital benutzen (effektiv hat sie dann ihr Eigenkapital verliehen). Oder sie kann nun ihrerseits die Bank, die das Konto des Autoverkäufers führt, um einen Kredit bitten (effektiv hat sie dann den selbst aufgenommenen Kredit weiterverliehen).

      Sie kann den Kreditbetrag auch gegenfinanzieren, indem sie Einlagen von Kunden einwirbt, d.h., sie kann „Kredite“ bei Privatpersonen aufnehmen. Wenn es sich hierbei z.B. um eine Festgeldanlage handelt, die die gleiche Höhe und Laufzeit hat wie der Kredit, entsteht auch noch kein Problem. Der Kreditbetrag ist zu 100% durch eine Einlage gegenfinanziert worden. Bis das Festgeld fällig ist, hat der Kreditnehmer (hoffentlich) seinen Kredit zurückgezahlt und mit diesem Geld kann die Bank den Einleger auszahlen. Wichtig ist hier, daß der Festgeldeinleger die Verfügungsgewalt über sein Geld bis zum Fälligkeitsdatum aufgegeben und damit die Bank dieses Geld effektiv weiterverliehen hat. (Die Zinsdifferenz ist der Bankgewinn.)

      Problematisch wird es nun, wenn die Bank den Kredit mit Sichteinlagen gegenfinanziert (Girokonto, Sparbuch), denn bei diesen hat der Einleger seine unmittelbare Verfügungsgewalt nicht aufgegeben. Es zeigt sich nun aber im Bankalltag, daß die Sichteinlagen durch Ein- und Auszahlungen verschiedener Kunden zwar schwanken, es aber eine Art „Sockelsaldo“ gibt, der so gut wie nie angegriffen wird. Dieser wird nun zur Gegenfinanzierung benutzt. Auch hier werden effektiv Kundeneinlagen „weiterverliehen“, nur daß die Einleger eben immer noch jederzeit an ihr Geld können. Dies führt dazu, daß die Bank effektiv insolvent ist, denn kämen alle Kunden, gegen die die Bank unmittelbare Zahlungsverpflichtungen eingegangen ist, gleichzeitig („bank run“), kann sie nicht allen Zahlungsverpflichtungen nachkommen. Sie kann in diesem Fall nur versuchen, sich an die Zentralbank als „lender of last resort“ zu wenden, um einen Kredit zu bekommen.

      Statistisch gesehen ist dieses Vorgehen der Bank die Anwendung des Gesetzes der großen Zahlen auf den Einlagensaldo. Die Bank versucht, die Wahrscheinlichkeit, daß sie durch außergewöhnliches Sinken des Einlagensaldos in Schwierigkeiten kommt, unter einen bestimmten Wert zu drücken, der durch ihre Risikobereitschaft bestimmt ist.

      Bankenregulierung (z.B. fractional reserve, Basel II / III) zielt darauf, Banken daran zu hindern, zu hohe Risiken einzugehen, indem ausgegebene Kredite mit Mindestmengen an Eigenkapital und Kundeneinlagen unterlegt werden müssen. Das vermindert das Risiko, daß die effektive Zahlungsunfähigkeit der Bank offenbar wird, eliminiert es aber nicht. Dieses Risiko kann nur durch eine 100% Gegenfinanzierung aller Zahlungsverpflichtungen zum Verschwinden gebracht werden.

      Dabei ist sehr wichtig, daß die Abschätzung der Wahrscheinlichkeit, mit der die effektive Insolvenz offenbar werden kann, von der (Kenntnis der) Wahrscheinlichkeitsverteilung über die Einlagensalden abhängt. Diese kann sich aber gerade in Krisenzeiten erheblich verändern und dadurch die Wahrscheinlichkeit des Offenbarwerdens der Insolvenz erheblich erhöhen.

  3. @Siegfried Faust: Erklärung der Krise
    Diese Krise hat die gleiche Ursache wie so ziemlich alle ähnlich gelagerten Krisen vorher. Diese Ursache wurde schon vor langer Zeit von der sogenannten Österreichischen Schule der Wirtschaftswissenschaften identifiziert; Stichwort: Zirkulationskredittheorie der Geschäftszyklen. Literatur dazu z.B. Ludwig von Mises: „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ (1912, erste Formulierung der Theorie), „Geldwertstabilisierung und Konjunkturpolitik“ (1928, knappe Darstellung im zweiten Teil), „Nationalökonomie“ (1940, ausführliche Darstellung der Theorie); Friedrich August von Hayek: „Prices and Production“ (1931/1935, genaueres Eingehen auf die Zeitstruktur der Produktion). Neuere Darstellungen z.B.: Roger W. Garrison: „Time and Money: The Macroeconomics of Capital Structure“ (2001), „Overconsumption and Forced Saving in the Mises-Hayek Theory of the Business Cycle“ (2005). Besonders der letzte Artikel, auch wenn er eher ideengeschichtlich und terminologisch motiviert ist, liefert eine vergleichsweise kurze und doch relativ detaillierte und verständliche Beschreibung der Vorgänge.

    In a nutshell (wie der Amerikaner sagt): Eine Geldpolitik des „billigen Geldes“ — d.h., der Geldzins wird künstlich unter den natürlichen Zinssatz (dieser Begriff wurde von Knut Wicksell eingeführt: „Geldzins und Güterpreise“, 1898) gedrückt — führt zu Fehlallokationen von Realkapital, speziell bzgl. der zeitlichen Struktur der Güterproduktion. Daß es sich um Fehlallokationen handelt, muß irgendwann offenbar werden; dann kommt es zur Krise, in der die Fehlallokationen liquidiert und korrigiert werden. Staatliche Eingriffe (speziell ein erneutes Drücken des Geldzinses unter den natürlichen Zinssatz oder schuldenfinanzierte staatliche „Konjunkturprogramme“) verzögern die notwendige Korrektur; Stagnation bzw. Dauerkrise sind die Folge.

    In „Geldwertstabilisierung und Konjunkturpolitik“ geht Ludwig von Mises auch darauf ein, warum in diesem Zusammenhang aus den Erfahrungen der Vergangenheit nicht gelernt wird. Interessant sind die folgenden Sätze (S.63): „Jedenfalls aber hat die Übung, zugunsten der durch die Krise notleidend gewordenen Banken und ihrer Kunden zu intervenieren, den Erfolg, daß sie die Kraft ausschaltet, die aus der Wirtschaft heraus gegen die Wiederkehr der Überspannung eines neuen Aufschwungs und der sie notwendig abschließenden Krise wirken kann. Wenn die Banken aus der Krise unversehrt oder nur wenig beschädigt hervorkommen, was soll sie dann abhalten, wieder den Versuch zu beginnen, den Zirkulationskredit zu erweitern und den Leitsatz künstlich zu drücken?“ Obwohl 1928 geschrieben, finde ich diese Aussagen erstaunlich aktuell.

    Natürlich ist jetzt die Frage, was man denn machen kann. Auch dazu hat Ludwig von Mises eine Antwort: „I would have done nothing a lot sooner.“ („Ich hätte schon viel früher nichts gemacht.“; ich konnte dieses Zitat allerdings bisher nicht verifizieren — es paßt aber sehr gut zu seiner Haltung). Gemeint ist damit: Der Staat (zu dem ja auch die Zentralbank gehört, auch wenn sie zumindest formell von allfälligen Regierungen unabhängig ist) sollte endlich aufhören, dauernd in die Wirtschaft einzugreifen. Der Staat richtet dabei nämlich wesentlich mehr Schaden an als er Nutzen stiftet (wenn überhaupt).

    Leider ist diese Lösung derzeit und auch wohl in absehbarer Zukunft politisch nicht durchsetzbar. Die gegenwärtige Stimmung in der Bevölkerung erwartet eher mehr als weniger Staatseingriffe. Schade eigentlich, aber solche (gesellschaftlichen) Lernprozesse dauern eben sehr lange.

    • Ihr Axiom ist, dass der Darlehnszins unter den natürlichen Zinssatz gedrückt wird.
      Zwei Anmerkungen:
      (1) Den grundlegenden Erkenntnissen der Kapitaltheorie aus den 1970er und 80er Jahre zufolge gibt es keinen „natürlichen“ Zinssatz. Der ist so imaginär wie die Zahnfee oder der Yeti.

      (2) Aber glauben wir mal an ihn, wie Summers oder von Weizsäcker, dann soll er gegenwärtig negativ sein, weil die Ersparnisse wesentlich größer als die Investitionen sind.

      (3) Daraus folgt: die Zinspolitik der Zentralbanken ist eine Reaktion auf den negativen „natürlichen“ Zins und nicht umgekehrt.

      Das heißt: Die Krise ist eine realökonomische Krise; d.h. sie ist eine Produktivitäts- und Wachstumskrise. Siehe die Dauerstagnation in Italien, Frankreich, Japan, Niederlande,… von Griechenland und Portugal ganz zu schweigen. Auch die USA hatte eine solche Krise. Siehe Robert Gordons jüngstes Buch „The Rise and Fall of American Growth“ (2017) bzw https://www.ted.com/talks/robert_gordon_the_death_of_innovation_the_end_of_growth?language=de.
      Inzwischen haben sich die USA, Deutschland und zuletzt GB aus der Stagnation befreit. In den USA beginnen die Zinsen langsam zu steigen, in GB wurden sie wegen des Brexit Votums wieder gesenkt.

    • "weil die Ersparnisse wesentlich größer als die Investitionen sind."
      Obigen Satz hätte ich gerne erklärt, einschließlich Definitionen von Ersparnis und Investition, am liebsten ohne Zitate. Nun, wie ich schon woanders sagte, ist alles eine Frage des zu Grunde liegenden Modells. Sind wir einverstanden, dass mit weniger Geldumlauf wir höhere Zinsen hätten? Wozu Geld in Umlauf setzen, dass man dann mit negativen Zinsen zerstören muss? Die nächste Frage: was bestimmt den Geldumlauf? Gibt es einen „natürlichen Geldumlauf“?

    • @Volker Caspari: natürlicher Kapitalzins
      Der „natürliche Kapitalzins“ ist natürlich ein Konstrukt, und man kann ihn natürlich nicht direkt beobachten. Wenn Sie das meinen, stimme ich Ihnen zu. Nach Knut Wicksell ist der natürliche Zinsatz derjenige, der sich einstellte, wenn das Realkapital (Maschinen, Rohstoffe, Arbeit etc.) direkt (also ohne Vermittlung von Geld bzw. Umlaufsmitteln) dargeliehen würde. Selbst bei einem solchen direkten Verleihen der Realkapitalien stellte sich natürlich nicht *ein* Zinssatz ein. Verschiedene Kreditlaufzeiten, verschiedene Risiken bei verschiedenen Projekten, verschiedene Inflationserwartungen der Gläubiger („Preisprämie“), ja sogar einfach verschiedene Realkapitalien usw. führten zu verschiedenen Zinssätzen. Das hätte auch Knut Wicksell nicht geleugnet.

      Trotzdem kann man sinnvoll darüber reden, ob der Diskontsatz der Zentralbanken unter diesem natürlichen Zinssatz (oder den verschiedenen natürlichen Zinssätzen, s.o.) liegt, einfach weil ja durch die Banken (speziell die Zentralbank) Umlaufsmittel (Geldsurrogate, Zirkulationskredit) aus dem Nichts geschaffen werden (genauer müßte man vielleicht sagen: indem zwei oder mehr Kunden das Recht eingeräumt wird, über dieselben Zahlungsmittel unmittelbar zu verfügen, was den gleichen Effekt hat), die u.U. zu geringeren Zinsen verliehen werden können, als Realkapitalbesitzer bereit wären, ihre Realkapitalien direkt zu verleihen.

      Nun ist es zwar theoretisch denkbar, daß der natürliche Zinssatz negativ wird, doch halte ich das derzeit für eine höchst merkwürdige Annahme. Das wäre nämlich nur dann der Fall, wenn die Besitzer des Realkapitals gar nicht wüßten, was damit anfangen (keiner will es haben, zumindest nicht zu einem kostendeckenden Preis), und da das meiste Realkapital (zumindest in der Form von Maschinen und Rohstoffen) veraltet bzw. Qualitätseinbußen erleidet und dadurch mit der Zeit an Wert verliert, könnten sie geneigt sein, auch einen negativen Zins zu akzeptieren, um ihre Verluste zu minimieren.

      Meinen Sie aber tatsächlich, daß wir derzeit eine solche Situation haben? Ist es das, was Sie mit „realökonomischer Krise“ meinen? Also daß es im Moment zu wenig Investitionsmöglichkeiten für das vorhandene Realkapital gibt? Selbst dann müßte man aber auch noch prüfen, ob dies vielleicht daran liegt, daß gewissermaßen in der Vergangenheit das „falsche“ Realkapital erzeugt wurde (also Realkapital wie Maschinen oder Rohstoffe, die sich nicht für durchaus vorhandene Investitionsprojekte eignen — Realkapital ist ja nicht wie Geld fungibel), was sich mit der Mises-Hayek-Theorie erklären ließe, und zwar sehr gut sogar.

      Es wäre vielleicht auch hilfreich, wenn Sie erläutern könnten, was Sie mit „Ersparnisse“ meinen. Wenn Sie damit Geld (bzw. Umlaufsmittel) meinen, das die Menschen derzeit nicht für ihren Konsum brauchen und möglichst profitabel „in die Zukunft bringen“ wollen: Wenn es so viele Ersparnisse gibt, die Anlagemöglichkeiten suchen, warum braucht man dann die Zentralbank, um zusätzliche Kredite zu einem geringen Zinssatz auszugeben (denn genau das tut sie, und tut es mit der Absicht, die Kreditvergabe anzukurbeln)? Denn dann müßte doch auf dem freien Markt bereits genug Geld/Umlaufsmittel für alle, die Kredite suchen, zur Verfügung stehen, und zwar auch zu geringen Zinsen (hohes Angebot an Geld für Kredite senkt deren Preis, und der Preis für Kredite ist der Zins). Die Zentralbank brauchte in diesem Fall doch überhaupt keinen Zinssatz festzulegen, da sie selbst gar keine Kredite vergeben müßte (denn alle Kreditwünsche könnten ohne ihre Hilfe auf dem freien Markt befriedigt werden). Insofern kann die Politik der Zentralbank eben gerade *keine* Reaktion auf den natürlichen Zinssatz sein (denn auf den müßte sie ja eben gerade nicht reagieren). Vielmehr muß man umgekehrt davon ausgehen, daß sie explizit die Absicht hat, den Diskontsatz *unter* dem natürlichen Zinssatz (meinetwegen auch verstanden als: der Zinssatz des freien Marktes) festzulegen, um mehr Kredite zu vergeben, als auf dem freien Markt vergeben würden.

      Genau darin besteht aber die Gefahr: Werden Kredite zu einem geringeren als dem natürlichen Zinssatz vergeben, so erscheinen Investitionsprojekte, die eigentlich gar nicht rentabel sind (weil man mit ihnen den natürlichen Zinssatz am Ende nicht zahlen könnte) doch rentabel (weil man den Kredit zu einem geringeren Zinssatz bekommt). Sie werden in Angriff genommen, können aber nicht zu Ende geführt werden (weil am Ende das notwendige Realkapital ausgeht — anders als Geld/Umlaufsmittel kann man das nämlich nicht aus dem Nichts erzeugen). Darin liegt genau die Fehlallokation von Realkapital, die irgendwann zu einer (neuen) Krise führen muß.

    • @Sophia Orti: natürlicher Geldumlauf
      Für mich ist ein Goldstandard die größte Annäherung an ein „natürliches Geldsystem“ und damit die Zahlung mit Gold die größte Annäherung an einen „natürlichen Geldumlauf“, die ich mir vorstellen kann (auch, weil er sich „natürlich“ in der Geschichte herausgebildet hatte). Es muß dabei nicht unbedingt Gold sein. Es gab auch Länder, z.B. Großbritannien, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Geschichte einen Silberstandard hatten, worauf die Währungsbezeichnung „pound sterling“, also ein Pfund Sterlingsilber, noch heute verweist. Ein Metall ist aber (wegen seiner physikalischen Eigenschaften) generell von Vorteil als Grundlage des Geldes.

      Einen Goldstandard gibt es aber spätestens seit dem Ende des Bretton-Woods-Systems im Jahre 1971, mit dem die letzten Reste einer Bindung des Geldes an Gold gekappt wurden, nicht mehr. Aber auch das Bretton-Woods-System war kein echter Goldstandard. (Es wurde als „gold exchange standard“ bezeichnet, war aber effektiv ein US-Dollarstandard.) Man wird wohl sagen müssen, daß ein Goldstandard im eigentlichen Sinne etwa mit dem Beginn des ersten Weltkriegs 1914 endete. Aber auch davor war die Sache durch die Möglichkeit der Banken, Umlaufsmittel (engl.: „fiduciary media“) auszugeben, die über ihre tatsächlichen (Gold-)Einlagen hinausgingen, nicht ganz einfach. Heute haben wir reines Fiatgeld (von lat. „fiat“: „es werde“, wie in „fiat lux“: „es werde Licht“), d.h., es gibt keine Bindung des Geldes an Gold, Silber oder irgendwelche anderen Waren mehr.

      Reines Fiatgeld macht die Sache höchst kompliziert, speziell, weil durch die Quasi-Monopolisierung des Fiatgeldes durch die Zentralbanken, alle Banken mehr oder weniger zu einer Art Geldkartell zusammengeschlossen werden. Erst diese Monopolisierung/Kartellbildung macht es möglich, daß die Banken quasi synchron und mit vergleichsweise geringem Risiko fast grenzenlos Umlaufsmittel erzeugen können („Geldschöpfung“). Im Krisenfall steht immer die Zentralbank als „lender of last resort“ bereit, um notleidende Banken mit Liquidität zu versorgen. Und da es sich um Fiatgeld handelt, braucht sie dafür nicht einmal mehr Goldreserven.

      Man gebe sich dabei keinen Illusionen hin: Dieses System ist politisch gewollt, auch die dadurch i.a. bewirkte Inflation. (Schauen Sie einmal auf den aktuellen US-Dollarpreis für Gold. Im Bretton-Woods-System war der Goldpreis auf $35 für eine Feinunze fixiert. Und damals war Gold noch Geld. Durch die Demonetarisierung hat es effektiv an Wert verloren. Das zeigt in etwa, wie gewaltig die durch Fiatgeld bewirkte Inflation war.)

      In einem System, das auf einem Goldstandard beruht, und in dem die Banken unabhängig sind, kann es sich dagegen keine Bank leisten, den Zirkulationskredit über Gebühr zu erhöhen, da dies schnell zu Defiziten gegenüber anderen Banken und damit zum Abfluß ihrer Goldeinlagen führen müßte (die Bank muß am Ende die Defizite an Umlaufsmitteln mit Gold begleichen). Die Bank ginge dann bankrott. Zwar könnte es durch Zufall dazu kommen, daß mehrere Banken den Zirkulationskredit parallel stark ausweiten, so daß sich die gegenseitigen Defizite etwa ausgleichen. Dann kommt es erst zu einem Aufschwung und nach einiger Zeit zu einer Krise (das ist eben die Mises-Hayek-Theorie). Aber das dürfte sich, jedenfalls dann, wenn die Banken in der Krise nicht von Regierungen/Staaten gerettet werden, nicht allzu oft wiederholen. Bankiers sind ja durchaus lernfähig. Durch die notwendig eintretende Krise verlieren die Banken nämlich mehr Geld als sie während des Aufschwungs verdient haben. Aber sie wollen ja langfristig Gewinn machen, also werden sie beim nächsten Mal vorsichtiger sein.

      Mir gefällt der Begriff des „natürlichen Zinssatzes“ von Knut Wicksell, weil mit ihm versucht wird, zumindest hypothetisch die komplizierenden Wirkungen der Tauschvermittlung durch Geld und Umlaufsmittel auszuschalten. (Denn das ist ja die eigentliche Funktion des Geldes: Tauschvermittlung.) Durch das Konstrukt des „natürlichen Zinssatzes“ erkennt man besser, was auf der Ebene der Güter und der Realkapitalien eigentlich vor sich geht (oder hypothetisch vorginge — tatsächlich läuft natürlich jede Kreditvergabe in Geld ab). Dadurch wird klarer, wie Inflation und zu geringe Zinssätze für Kredite zu Fehlentscheidungen der Unternehmer bei Investitionen führen und damit zu Fehlallokationen von Realkapital.

    • @Volker Caspari & Sophia Orti: "weil die Ersparnisse wesentlich größer als die Investitionen
      Nach diesem Satz glaube ich sicher annehmen zu dürfen, daß Sie, Herr Caspari, der Keynesschen Schule anhängen. (Wie Sie nach meinen Ausführungen sicher schon erraten haben, finde ich die österreichische Schule überzeugender; damit sind wir natürlich quasi zwangsläufig gegenteiliger Ansicht.)

      Denn das ist ja gerade das Keynessche Kernargument: Wegen „liquidity preference“ (ein ganz zentraler Begriff bei John Maynard Keynes, gemeint als die Präferenz von Liquidität/Barmitteln über investiertes Kapital) wird Geld zurückgehalten und nicht investiert. So meinen Sie das doch, oder? Viele Menschen sitzen auf Barmitteln (Bargeld, Geld auf Konto, Sparbuch etc.), die ihnen lieber sind als Investitionen, und darum lahmt die Kreditvergabe, ja? Deswegen muß die Zentralbank einspringen und Kredite vergeben, die die Menschen verweigern, die sie sonst gewähren könnten, weil ihnen die Barmittel lieber sind. Deswegen meinen Sie auch, die Zentralbank versuche höchstens (wie es z.B. Ben Bernanke irgendwann einmal explizit gesagt hat, wenn ich mich recht erinnere), den Zins nach dem „natürlichen Zinssatz“ (ja, ein Konstrukt, aber trotzdem hilfreich) zu bestimmen.

      Meiner Meinung nach liegt hier im Keynesschen Denken (wie auch in dem von Silvio Gsell, den Keynes ja in seiner „General Theory“ explizit erwähnt und der ähnliche Vorstellungen hat, wenn er sie auch anders umzusetzen bestrebt ist, nämlich auf eine Weise die Keynes ablehnt) eine grundsätzliche Fehleinschätzung der (Wichtigkeit der) Funktion des Geldes zugrunde. Geld dient nämlich lediglich der Vermittlung des Tausches. Was ein Unternehmer investiert, auch wenn er sich mit einem Kredit Geld leiht, ist nicht Geld. Denn er leiht sich das Geld ja nicht, um sich an der großen Zahl auf seinem Konto oder den vielen Geldscheinen zu erfreuen. Was ein Unternehmer am Ende investiert, ist Realkapital (Maschinen, Rohstoffe, Arbeit etc.), das er mit dem Geld des Kredites kauft (womit das Geld im übrigen sofort wieder „frei“ wird, um ggf. einen weiteren Tausch zu vermitteln). Es geht ihm also am Ende nicht in erster Linie darum, einen Geldkredit zu erhalten, sondern darum, das Realkapital zu bekommen, mit dem er sein Unternehmen aufbauen oder erweitern kann.

      Sollte er Schwierigkeiten haben, sich einen Kredit zu verschaffen, kann das natürlich verschiedene Gründe haben, z.B., daß sein Projekt von potentiellen Investoren zu dem Zinssatz, den der Unternehmer maximal zu zahlen bereit ist, als zu riskant angesehen wird (zu geringe Risikoprämie). Das ist in einer Krise natürlich oft der Fall: durch Kreditausfälle vorsichtig geworden, schränken die Banken die Vergabe speziell riskanter Kredite ein. Nur an einer Sache kann es auf keinen Fall liegen: daß im Finanzsystem zu „wenig Geld“ (im Sinne liquider Mittel) verfügbar ist.

      Selbst wenn überhaupt kein Geld zur Verfügung stünde, könnte der Unternehmer (immer vorausgesetzt, die Investition ist tatsächlich solide und wird auch von anderen so eingeschätzt) immer zu den Eigentümern der Realkapitalien gehen und von diesen direkt, z.B. gegen Wechsel/Schuldschein, die Realkapitalien selbst auf Kredit bekommen. Ein Wechsel ist ja auch nur eine Form von Kreditvertrag; er lautet zwar auf Geld, aber dieses Geld muß nicht unmittelbar vorliegen, sondern lediglich zum Zeitpunkt der Fälligkeit des Wechsels gezahlt werden. Der Wechsel kann dabei vom Realkapitalgeber fast wie Geld benutzt werden, d.h., er kann ihn im Prinzip weitergeben, wenn er etwas kaufen möchte.

      Bis zur Fälligkeit des Wechsels hat der Unternehmer (und müßte es auch bei einem Geldkredit) mit den in seinem Unternehmen produzierten Gütern durch deren Verkauf die notwendigen Geldmittel erlöst (und wenn er in Wechseln bezahlt wurde, was ja auch möglich ist, kann er diese an den ursprünglichen Realkapitalgeber weitergeben, ggf. gegen Abschlag, weil es eben Wechsel sind und kein „Geld“). Auf diese Weise lief im 19. Jahrhundert sogar ein recht großer Teil der Wirtschaftstransaktionen.

      Hier scheint mir ein entscheidender Unterschied zwischen der österreichischen und der Keynesschen Schule zu liegen: Die österreichische Schule legt den Fokus der Betrachtungen auf das Realkapital, speziell, weil die Menge an verfügbarem Realkapitel zu einem bestimmten Zeitpunkt fest ist (vielleicht mit Ausnahme der Arbeit) und nicht wie Geld oder Umlaufsmittel „aus dem Nichts“ erzeugt (oder meinetwegen auch: aus der Zukunft in die Gegenwart transferiert) werden kann. Sie betrachtet das Geld nur insofern, als sie zu ergründen sucht, wie eine bestimmte Geldpolitik sich auf die Allokation dieses Realkapitals zur Güterproduktion auswirkt. Die Keynessche Schule legt (meiner Meinung nach) zu viel Gewicht auf die Vermittlung des Tausches durch Geld und unterschätzt, daß es, wenn dies wirklich nötig sein sollte, auch andere Möglichkeiten der Tauschvermittlung gibt. Natürlich sind diese anderen Möglichkeiten unbequemer, aber nicht so unbequem, daß sie Kredite und Investitionen unmöglich machten. Silvio Gsell hatte diesen Aspekt immerhin erkannt (jedenfalls geht er explizit darauf ein), bei John Maynard Keynes bin ich mir da nicht so sicher (weil darüber in der „General Theory“, jedenfalls soweit ich mich erinnere, nichts steht).

    • Herr Borgelt, zu lang, und auch Sie zutieren zu viel!
      Aus Ihrem langen Text kann ich nicht erkennen, ob Sie wirklich den Goldstandard, wie es war, funktionierte, verstehen. Geld ist endgültig weder Gold noch Silber allein. Gold ging, die Geldpolitik wurde restriktiver, Papier- und Buchgeld schrumpfte. Gold kam, die Geldpolitik wurde lockerer, dazu vermehrte sich also die Menge Papier- und Buchgeld. Sie können es sich so vorstellen: im Kern Metall, um herum viel Papier und Buchgeld. Je größer der Kern, desto größer die Umhüllung. Das wesentliche ist aber nicht der Kern, den man spuckt. Naja, das wäre reine Goldwährung, es war aber komplizierter, die die Grundsätze der Banking Schule galten, so lange es möglich war. Gerade diese Widersprüche erzeugten viel Diskusion, aber irgendwan war es klar: Geldumlauf und Güterumlauf sollten in einer Korrelation stehen. Wie das genau sein soll, ist sicher kompliziert, da kann man viel diskutieren, aber nicht zu ignorieren. Wir warten jetzt auf Herrn Caspari.

    • Sehr geehrter Herr Borgelt
      ich halte mich an die Definitionen von Sparen und Investieren, wie sie in der herrschenden makroökonomischen Literatur und der OECD in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung definiert und statistisch abgegrenzt werden. Wenn das keynesianisch ist, dann ist alle herrschende Makroökonomik keynesianisch. An diese Definitionen halten sich – in der akademischen Ökonomik – die Vertreter aller Schulen.

      Nettonationaleinkommen (Y) – privater Verbrauch (C) = Ersparnisse (S)

      𝐼nvestionen (I) =𝐾abitalbestand in 𝑡+1 − 𝐾apitalbestand in 𝑡 + δ𝐾 (Abschreibung).

      Im makroökonomischen Gleichgewicht gilt (bei allen Schulen) I = S

      Alle Größen sind realwertorientiert deflationiert mit einem Paasche Preisindex. Wenn nun S und I jeweils als Funktionen des Zinssatzes r begriffen werden, dann ist der Zinssatz r* bei dem I(r*) = S(r*) gilt, der sogenannte „natürliche“ Zinssatz (NR) von Wicksell. Liegt der Darlehnszinssatz unter oder über diesem NR, folgen die von Wicksell sogenannten kumulativen Prozesse der Inflation bzw. Deflation. In der Treatise on Money vertrat Keynes die gleiche Theorie wie Wicksell.

      C.C. von Weizsäcker hat eine vereinfachte Abschätzung der Investitionsnachfrage und des Sparangbots für die BRD vorgenommen und kommt zu einem Sparüberhang, so dass der die obige Gleichung lösende Zinssatz r* negativ ist. Gründe hierfür sind: die Investitionsnachfrage in der BRD sind seit einem Jahrzehnt niedrig (I/Y = 17 -18 %); hinzu kommt, dass die Preise der Kapitalgüter überwiegend fallen, so dass die wertmäßigen Investitionen schon allein deshalb sinken.
      Die Ersparnisbildung nimmt zu, weil in einer alternden Bevölkerung tendenziell immer mehr gespart wird, als in einer jünger werdenen Bevölkerung. Die Exporterlöse der deutschen Wirtschaft liegen seit mehreren Jahren ebenfalls deutlich über dem langfristigen Mittel der 70 -90er Jahre. Die Nettoexportüberschüsse sind makroökonomisch ebenfalls Ersparnisse. Hieraus ergibt sich ein Ungleichgewicht zwischen Investieren und Sparen und als Folge einen möglicherweise negativen NR.

      Zu kapitaltheoretischen Problemen kann ich in einem Blog keinen weitern Kommentar machen, weil das viel Vorkenntnisse und Mathe benötigt, die man hier, schon aus schreibtechnischen Gründen, nicht liefern kann.
      Nur soviel: Es kann multiple Gleichgewichte zwischen I und S geben, so dass es mehrere natürliche Zinssätze geben kann und dann ist die Frage, welchen wählen wir denn dann aus. Außerdem können einzelne Gleichgewichte instabil, also nicht als Atraktor wirken.

      Letzter Punkt: Geld ist neben Tauschmittel auch immer ein Wertaufbewahrungsmittel. Wenn Obligationen eine negative Rendite haben, kann Geldhaltung mit weniger Verlust bzw. gar keinem Verlust verbunden sein, wenn keine Inflation herrscht. Geldhaltung setzt dann ein, wenn weder Realinvestitionen noch festverzinsliche Titel sich lohnen. Auf die Rendite der SAchinvestitionen hat die Zentralbank keinen Einfluß. Aber den Kurs festverzinslicher Titel kann sie durch Offen-Markt Politik beeinflussen. Das macht die EZB. Man nennt es jetzt halt QE. Ob es erfolgreich ist, d.h. neues Realkapital rentabler als altes zu machen, ist fragwürdig. Über die Nebenffekte schweige ich jetzt, weil sie sich in jedem EU Land anderes auswirken.

    • @Sophia Orti: Goldkernstandard
      Was Sie wahrscheinlich mit „Kern Metall, um herum viel Papier und Buchgeld“ meinen, ist, daß Banken in den Zeiten des Goldstandard sogenannte Umlaufsmittel (Geldsurrogate) ausgegeben haben, zu denen sowohl Banknoten als im Prinzip auch Kassenführungsguthaben (heute nennen wir das Girokonto) gehören. Die sind ja auch noch bequemer als z.B. Gold- oder Silbermünzen. Diese Umlaufsmittel konnten genau wie Goldmünzen benutzt werden, waren im Prinzip jederzeit(!) gegen Gold eintauschbar, und wurden deshalb wie Gold akzeptiert. Soweit ist das auch noch kein Problem. Die Umlaufsmittel sind dann nur Stellvertreter für das Gold, das in den Tresoren der Bank liegt.

      Problematisch wird es aber in dem Moment, in dem die von einer Bank ausgegebenen Umlaufsmittel die von der Bank gehaltenen Goldreserven übersteigen. Dann haben wir nur noch einen „Goldkernstandard“ (ist tatsächlich ein Begriff).

      Warum ist das ein Problem? Nehmen wir einmal an, alle Personen, die von der Bank ausgegebene Noten halten oder bei der Bank ein Girokonto haben, kommen in die Bank und wollen die Noten gegen Goldmünzen tauschen bzw. sich ihr Kontoguthaben in Goldmünzen auszahlen lassen (sogenannter „bank run“). Im Prinzip garantiert nämlich die Bank ihren Kunden in einem Goldstandard genau dies: daß sie jederzeit(!) das Recht auf Einlösung in Gold haben. Was nun? Die Bank steht ganz schön dumm da, weil sie nämlich nicht genug Gold hat, um allen Kunden Goldmünzen auszuzahlen (wie sie es müßte). Sie ist also bankrott (kann ihren eingegangenen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen).

      Eine wesentliche Einsicht ist nun, daß eine Bank in einem solchen Zustand (ausgegebene Umlaufsmittel übersteigen Goldreserven) zu jedem Zeitpunkt ihrer Existenz effektiv bankrott ist (sie kann eben ihren Zahlungsverpflichtungen in Gold nicht nachkommen), dies nur nicht auffällt, weil normalerweise nur ein kleiner Prozentsatz der Kunden tatsächlich Auszahlungen in Gold verlangt, und natürlich auch hin und wieder Einzahlungen kommen. Trotzdem ist sie effektiv bankrott, und damit fangen die ganzen Geldprobleme eigentlich an. Denn durch die Ausgabe der Umlaufsmittel, die die Goldreserven übersteigen, hat die Bank die Geldmenge erhöht („currency“ Schule statt „banking“ Schule), aber um den Preis, effektiv bankrott zu sein.

      Man kann das übrigens auch so sehen, daß dadurch, daß die ausgegebenen Umlaufsmittel die Goldreserven übersteigen, zwei oder mehr Kunden ein Anrecht auf das gleiche Gold/die gleichen Goldmünzen der Reserven der Bank gegeben wurde.

      Das Problem besteht dabei offenbar in dem Recht, sich *jederzeit* Gold auszahlen zu lassen. Bei einem Kredit oder einem Wechsel (aus Gläubigersicht) gäbe es dagegen eine Laufzeit, und erst zum Fälligkeitsdatum kann sich der Gläubiger den fälligen Betrag auszahlen lassen. Ein solches Vorgehen ist unproblematisch, da der Gläubiger weiß, daß er erst zum Fälligkeitsdatum an sein Geld kann, und nicht jederzeit.

      Anders ist das bei einem Bankkredit, wie er heute üblich ist: Der Kreditbetrag wird dem Kreditnehmer sofort gutgeschrieben, er kann unmittelbar(!) darüber verfügen. Als Reserve hat die Bank die Einlagen anderer Kunden z.B. auf Girokonten etc. Aber die können auch jederzeit(!) über dieses Geld verfügen (jedenfalls bei Girokonten, bei Sparbüchern bis zu einem bestimmten festen Betrag). Sie müssen nicht warten, bis der Kreditnehmer seinen Kredit zurückgezahlt hat. Es wurde folglich Geld „aus dem Nichts“ geschaffen bzw. das gleiche „Geld“ zwei oder mehr Personen zur jederzeitigen Benutzung zur Verfügung gestellt, was die gleiche Wirkung hat. Das entspricht weitgehend der Situation, in der eine Bank mehr Umlaufsmittel ausgegeben hat, als sie über Goldreserven verfügt. Wieder ist die Geldmenge erhöht worden und auch diese Bank ist effektiv bankrott. Auch das fällt meist nicht auf. Und im Krisenfall („bank run“) hilft die Zentralbank mit Banknoten aus.

    • @Volker Caspari: ja, sieht sehr Keynesianisch aus.
      Ist aber im Grunde egal, denn zu welcher Schule eine Sicht gehört, ist ja völlig zweitrangig. Wesentlich sind die Argumente.

      Deshalb hätte ich einige Fragen:

      – Wo geht der Sparüberhang hin, d.h., in welche Sparformen? Geld unterm Kopfkissen? Girokonto? Sparbuch? (aber das investieren doch die Banken, wenn sich auch fragt, in was; Parken die das alles bei der EZB? Zu negativem Zins?) Staatsanleihen? (Und was macht der Staat dann damit? Wenn er alte Schulden zurückzahlt, ist es schon wieder bei den denen, die sparen wollen, und wir sind wieder am Anfang.)

      – Soweit ich weiß, steigt das Gesamtkreditvolumen. Bedeutet die geringe Investitionsnachfrage, daß die Gesamtwirtschaft noch schneller wächst (zumindest nominal, glaube ich aber trotzdem nicht), oder geht das auf das Konto von Konsumkrediten (wobei ich eine Hypothek für ein selbstgenutztes Haus auch als Konsumkredit ansehen würde)? Oder sind das noch ganz andere Kredite?

      – Inwiefern sind Nettoexportüberschüsse Ersparnisse? Weil man dafür Devisen bekommt (wenn nicht in die EU exportiert wird, dann zeigt es sich wahrscheinlich in den Target2-Salden)? Für die man später ggf. Produkte aus den Ländern kaufen kann, in die man exportiert hat? Aber was passiert bis dahin mit diesen Devisen? Liegen die auf einer Art „Girokonto“? Werden die da einfach liegengelassen? Oder werden die investiert (ggf. in den Exportländern)? (Vielleicht ist da die Investitionsquote höher.)

      – Wie groß ist nach C.C. von Weizsäcker I/C? Müßte nach Ihrer Aussage kleiner als 1 sein, aber mich würde interessieren, um wie viel. Und vor allem natürlich, woraus die Differenz inhaltlich besteht (siehe oben). I/Y finde ich wenig aussagekräftig. Oder zumindest: Wie groß müßte denn I/Y sein, damit r* nach diesem Modell nicht negativ ist?

      Generell habe ich ein Problem mit Ihren abstrakten Gleichungen (nicht weil ich mit der Mathematik nicht umgehen könnte, sondern weil sie mir leer erscheinen, wenn sie nicht mit konkreten Vorgängen und Beispielen verknüpft werden).

    • @Volker Caspari: Korrektur
      Im vierten Block meinte ich natürlich I/S, das Verhältnis der Investitionen zu den Ersparnissen, nicht I/C (das wäre ja kaum sinnvoll).

    • Sehr geehrter Herr Borgelt, ...
      … obwohl ich ein Laie bin, wäre es Ihrerseits höflich, sich genauer und kürzer auszudrücken. Ihre langen, wenig sagenden Beiträge zu lesen tun weh. Erlauben Sie mir Ihnen, etwas zu sagen: Ihr Goldstandard ist Ihre eigene Vorstellung, die nie gab und nie geben kann, ohne dass es zu einer Wirtschaftskatastrophe kommt. Nicht die Golddeckung, sondern die Qualität des Kredits ist das wesentliche. Die Reichsbank gab zum Beispiel Noten aus, die nicht 100% in Gold gedeckt waren, sondern mit diskontierten Handelswechseln. Da die Wechsel in weniger als drei Monaten mit Noten eingelöst werden sollen, gibt es eine Nachfrage nach Noten: nicht alle Noten könnten in Gold eingelöst werden, weil sie nötig sind, um die Wechsel einzulösen.

    • Sehr geehrter Herr Borgelt
      ich kann aus reinen Zeitgründen die exakten statistischen Daten jetzt nicht zusammensuchen. Man findet sie z.T. auf der Homepage der ECB, bei Eurostat und auch bei der Bundesbank.

      Wo gehen die Ersparnisse hin?
      Ein großer Teil z.Zt. noch in die Barreserven, sowohl in der BRD als auch in den USA. Ich erinnere, dass Mitte 2016 die Barreserven von US Konzernen konsolidiert um 1.7 Billionen angewachsen sind.
      Die Haushalte in Deutschland bunkern auf Girokonten und Sparbüchern. Das mag sich langsam ändern.

      Banken versortgen sich „morgens“ mit Zentralbankgeld um es „abends“ zur Zentralbank zurückzubringen, weil sie sich untereinander selbst im overnight Handel nicht getraut haben. (Dieses „abendliche“ Zurückbringen des Geldes wird durch negative Einlagenfazilitäten „bestraft“)

      Ein anderer Teil der Ersparnisse wird durch Käufe von Immobilien gebunden, deren Preise als Folge gestiegen sind und so immer größere Summen absorbieren.

      Der größte Teil der Ersparnisse ging vor 2008 in die südeuropäischen Staaten – Kapitalexport!, der rein zahlungsbilanztechnisch den deutschen Exportüberschüssen entgegensteht.

      Diese Kapitalexporte waren entweder Kredite oder von deutschen gekaufte festverzinsliche Anleihen der jeweiligen Staaten oder Gesellschaften.

      Seit 2010 ist dieser Kanal aber klein geworden – wegen der offesichtlichen Risiken.

      Also geht z.Zt. noch einige Ersparnis in Aktienkäufe, d.h.ist Realkapital, weil man Anteile von real existierenden Unternehmen erwirbt.

      Aussenhandelsüberschuss:
      Es gilt in einer offenen Volkswirtschaft den folgenden Geld- und Güterkreislaufzusammenhang: I = S + Ex – Im. (das ist eine Grundlage wie Volt x Ampere = Watt)
      Der Aussenahndelsüberschuss ist gesamtwirtschaftlich eine positive Geldvermögensänderung und damit Teil der gesamtwirtschaftlichen Ersparniss.

      https://www.coll.mpg.de/download/Weizsaecker/Zins.pdf
      Unter diesem link finden Sie einen Vortrag mit Folien, den Herr von Weizsäcker an der Uni Leipzig gehalten hat. Er erklärt mit Hilfe der österreichischen (!!!!) Kapitaltheorie (Böhm-Bawerk) seine Abschätzungen.

      Was die Gleichungen betrifft: Ökonomik ist keine Poesie und keine Sprachwissenschaft. Ein solcher Blog kann das Studium dieses Fachs, vor allem seiner Grundlagen nicht ersetzen. Würden Sie mit einem Physiker über Stringtheorie streiten, mit einem Mathematiker über topologische Grundlagen diskutieren, mit Elektrotechniker über Strom ohne Volt, Ampere, Watt auseinander halten zu können?

      Vielleicht ein letztes Wort: (1) Die Ökonomik mag von aussen betrachtet in Schulen zerfallen. Von innen betrachtet sind sich die Schulen über 95% der Zusammenhänge einig, über 5% gibt es wissenschaftlichen Streit. Hier wird geforscht und nachgedacht.
      (2) In den konkreten wirtschaftspolitischen Empfehlungen differieren die Ökonomen genau wie die Mediziner. Selbst zwei Schulmediziner können trotz identischer Diagnose unterschiedlich therapieren – selbst bei den banalsten „Krankheiten“, wie z.B. ein eingewachsener Fußnagel. Einer sagt OP – der andere Seifenbäder und antibiotische Salbe.
      Auch zwei keynesianische Ökonomen können zu unterschiedlichen Empfehlungen kommen. Das gilt für alle „Schulen“.

    • @Volker Caspari: Geld als Wertaufbewahrungsmittel
      Ich sehe eigentlich nicht, daß man über die Funktion des Geldes als Tauschvermittler hinausgehen und ihm noch andere Funktionen zuschreiben müßte. Alles, was an solchen weiteren Funktionen sinnvoll ist, kann man, so scheint mir, auf die Funktion als Tauschvermittler zurückführen. So kann Geld etwa auch den Tausch eines gegenwärtigen gegen ein zukünftiges Gut vermitteln.

      Vereinfacht läuft die Tauschvermittlung durch Geld doch so: Ich besitze ein Gut A, das ich gegen ein Gut B tauschen möchte. Doch ich finde niemanden, der Gut B besitzt und bereit wäre, es direkt gegen mein Gut A zu tauschen. Aber ein indirekter Tausch, vermittelt durch Geld, ist möglich: Erst tausche ich mit einer Person X Gut A gegen Geld, dann mit einer Person Y Geld gegen Gut B. Zwischen den beiden Tauschakten — Gut A gegen Geld und Geld gegen Gut B — liegt zwangsläufig eine gewisse Zeitspanne. Diese Zeitspanne kann zwischen wenigen Sekunden und Minuten (bei automatischen Transaktionen in einem Computer auch nur Mikrosekunden) und mehreren Jahren oder gar Jahrzehnten liegen.

      Insofern mit der Funktion von Geld als „Wertaufbewahrungsmittel“ nur eine solche Tauschvermittlung eines gegenwärtigen gegen ein zukünftiges Gut gemeint ist, ggf. mit der Nebenbedingung, daß zwischen den beiden Tauschakten eine lange Zeitspanne liegt, ist dies unproblematisch, aber, so scheint mir, auch überflüssig, da reduzierbar. (Für mich ist es dabei kein Problem, daß „lange Zeitspanne“ vage ist und eine scharfe Grenze offenbar nicht sinnvoll gezogen werden kann; ein solcher Begriff ist auch mit einer Grauzone seiner Anwendbarkeit nicht nutzlos.)

      Problematisch an dem Begriff „Wertaufbewahrungsmittel“ finde ich allerdings, daß er die Vorstellung einer wie auch immer gearteten Stabilität des Geldwertes weckt (was möglicherweise sogar beabsichtigt ist). Der Begriff einer „Geldwertstabilität“ scheint sich mir aber einer sinnvollen Objektivierung zu widersetzen. Denn abhängig von Lebensumständen, zukünftigen Tauschabsichten und subjektiver Wertschätzung kann, auch bei sonst völlig gleichen Rahmenbedingungen, eine Person den Geldwert als über die Zeit fallend, eine zweite als steigend und eine dritte als etwa gleichbleibend beurteilen. (Ich nehme an, daß ich es mir sparen kann, hier konkrete Fallbeispiele anzuführen.)

      Wenn überhaupt, so wird man auf Indexzahlen zurückgreifen müssen (wie z.B. den von Ihnen angeführten Preisindex nach Paasche). Doch solche Indexzahlen gibt es viele, und Argumente können für und gegen jede von ihnen vorgebracht werden. Es gibt keinen „natürlichen“ oder irgendwie gearteten „besten“ Preisindex. Das liegt zu einem großen Teil daran, daß zwar die eingehenden Preismeßzahlen objektivierbar sind, aber das Rechenverfahren verschiedene willkürliche Elemente enthält, als da z.B. wären:
      – die Auswahl eines Punktes aus der beobachteten Preisspanne als Preismeßzahl,
      – die Auswahl der eingehenden Preismeßzahlen,
      – die Gewichte, mit denen die Preismeßzahlen gewichtet werden,
      – die Art der Mittelung/Aggregation (z.B. arithmetisch/harmonisch).

      Und auch diese Indexzahlen lösen nicht das Problem, daß die Beurteilung der Wertstabilität von persönlichen Umständen und subjektiven Wertschätzungen abhängt. Dies sieht man etwa in dem Kommentaren zu FAZ-Artikeln zur Inflationsrate, in denen immer wieder angemerkt wird, daß die berichtete Rate nicht zu der persönlichen Erfahrung paßt. Zwar kann man solche Aussagen dahingehend kritisieren, daß dies nur subjektive Eindrücke seien, daß die Kommentatoren, die solche Ansichten äußern, keinen Ahnung von Statistik hätten usw. Eine solche Kritik ist zwar zweifellos oft berechtigt, greift aber meines Erachtens doch zu kurz. Denn selbst bei korrekter statistischer Erhebung und Auswertung bleibt das subjektive Element der persönlichen Tauschabsichten und Wertschätzungen, daß sich nun einmal nicht bevölkerungsübergreifend objektivieren läßt.

      Man beachte, daß die einfache Auffassung, daß Geld eben auch den Tausch gegenwärtiger gegen zukünftige Güter vermitteln kann, von diesem Problem gänzlich frei ist, da diese Sichtweise keine Werterhaltungsannahme enthält.

    • "Ökonomik ist keine Poesie und keine Sprachwissenschaft"
      Vielleicht kann man folgendes sagen: Allles, was produziert wird, wird entweder umgewandelt in längerfristigen Kapitalgütern (Investition I = delta(K) + Abschreibung), verbraucht ohne Transformation (C), oder brach gelegt (sagen wir B). So könnte man wie Sie schreiben: Y= I + C + B. Oder: E = Y – C = I + B >= I, wobei E per Definitionem Y – C ist. Damit können Sie sagen, „Ersparnisse“ (mehr oder weniger nach Ihrer Definition) sei großer oder gleich als Investition , und mit dem „neutralen Zins“ könnte mal gleich sein. Nun, ich redete über Transformation in Kapitalgütern. Benzin in eine Maschine könnte zu Kapitalgütern werden, aber genau so Nahrungsmittel an einen Arbeiter. Diese Nahrungsmittel werden verbraucht, aber diese sind nicht Teil von C, oder? Im obigen Beitrag zählen Sie auf, was Deutsche mit Ihren Ersparnissen tun: was haben diese „finanzielen Ersparnissen“ mit Ihrer volkswirtschaftlichen Definition zu tun? Wenn volkswirtschaftlich über solche Größen geredet wird, spielt Eigentum keine Rolle, bei Finanen geht es genau darum: man leiht „sein“ Geld. Leider bin ich aber hier gehindert, zu argumentieren.

    • Sehr geehrter Herr Borgelt
      Ob Sie es wollen oder nicht, für Millionen von Menschen ist Geld neben einem Tauschmittel auch ein Wertaufbewahrungsmittel. Fisch nimmt keiner gern, weil er schnell stinkt – meistens vom Kopf her, wenn noch dran ist. Als Wissenschaftler bastele ich mir nicht mein privates Weltbild, sondern muß das, was in der realen Welt passiert in Begriffe fassen.

      Ihr Hinweis auf den subjektiven Charakter von Wertverlusten, also von Inflation, erinnert mich an die nahezu irrsinnigen Debatten über das Wetter.
      Wenn wir die Temperatur messen, z.B. mit der Celsius Skala, dann ist 0°C die Temp., bei der Wasser gefriert und 100°C, wenn Wasser kocht. Ist das subjektiv? Ob sie das eine kalt, das andere als warm empfinden, ist subjektiv, alles andere ist objektiv messbar.

    • @Volker Caspari: Geld als Wertaufbewahrungsmittel
      Wie ich versucht habe, deutlich zu machen, stecken in dem Begriff des Geldes als Wertaufbewahrungsmittels zwei Aspekte: Die Möglichkeit ein gegenwärtiges Gut gegen ein zukünftiges zu tauschen (diesen Aspekt habe ich voll und ganz anerkannt) und eine Vorstellung von Wertstabilität (diesen Aspekt finde ich problematisch).

      Ich sehe die Sache so: Wenn Menschen Geld auch die Funktion des Wertaufbewahrungsmittels zuschreiben (das stelle ich nicht in Abrede, sondern behaupte lediglich, daß diese Funktion reduzierbar ist), dann meinen sie damit zunächst die Vermittlung des Tausches eines gegenwärtigen gegen ein zukünftiges Gut. Geld hat zweifellos diese Funktion/Eigenschaft. Wertstabilität ist dagegen eine Hoffnung oder ein Wunsch, den Menschen an Geld herantragen: Das Geld möge auch in der Zukunft in den gleichen Tauschrelationen zu den Gütern (zumindest den für die jeweiligen Menschen wichtigen Gütern) stehen wie derzeit (deswegen zieht man, worauf sie ganz richtig verweisen, Geld Fischen vor — bei Fischen ist nämlich jedem klar, daß diese Hoffnung vergeblich ist). Diese Wertstabilität ist aber keine objektivierbare Eigenschaft des Geldes, sondern, wie gesagt, eine Hoffnung oder ein Wunsch, der außerdem noch subjektive Elemente enthält (Absichten und subjektive Wertschätzungen). Dessen sind sich die allermeisten Menschen auch bewußt. Schließlich hat doch jeder schon einmal die Erfahrung steigender Preise gemacht (letzte Woche hat das Brot doch noch 10 Cent weniger gekostet). Die Erfahrung, daß die Hoffnung bzw. der Wunsch enttäuscht werden kann, ist also allgegenwärtig.

      Es werden also in einem Begriff des Geldes als Wertaufbewahrungsmittel, der beide Aspekte enthält, Fakten und Normen vermischt. Das Geld kann einen Tausch eines gegenwärtigen gegen ein zukünftiges Gut vermitteln (dies ist ein Faktum). Das Geld soll wertstabil sein (dies ist eine Norm).

    • Noch einmal natürlicher Kapitalzins
      Wer die Beiträge von Herrn Caspari und mir gelesen hat, wird festgestellt haben, daß wir, obwohl wir beide einen Begriff „natürlicher Kapitalzins“ verwenden, über verschiedene Dinge reden. Dies sieht man schon allein daran, daß die von mir zitierte Definition des natürlichen Kapitalzinses gerade ein Dazwischentreten des Geldes beim Ausleihen der Realkapitalien ausblenden will, während Herr Caspari eine Definition über eine Gleichung benutzt, bei der auf beiden Seiten Geldbeträge stehen, bei der also explizit auf Geld abgestellt wird (und nicht auf das damit ggf. gekaufte Realkapital).

      Die Frage ist nun natürlich: Wie kommt es zu einem solchen Auseinanderfallen der Begriffsbestimmungen? Das ist recht leicht erklärt: Ich beziehe mich, wie ich schon in meinem ersten Kommentar angegeben habe, auf das Buch „Geldzins und Güterpreise“ (1898) von Knut Wicksell. In diesem findet sich die von mir in einem späteren Beitrag zitierte Definition des natürlichen Kapitalzinses bereits im Vorwort (Seite v). Sie wird dann in Kapitel 8 (ab Seite 93) detailliert betrachtet. Herr Caspari entnimmt seine Definition jedoch, wie er auch explizit angegeben hat, dem Buch „A Treatise on Money“ (1930) von John Maynard Keynes. Zwar bezieht sich Keynes hier auf Wicksell, gibt aber leider nicht die Wicksellsche Definition wieder, sondern stellt eine eigene Definition eines „natürlichen“ oder „neutralen“ Zinses auf, nämlich die, die Herr Caspari verwendet. Es wäre daher ggf. besser, für diesen „natürlichen“ oder „neutralen“ Zins den Ausdruck „Keynesscher natürlicher Zins“ zu verwenden, um ihn dem „Wicksellschen natürlichen Zins“ gegenüberzustellen, wodurch eine Begriffsverwirrung, wie wir sie hier vorliegen haben, vermieden würde.

      (Nebenbemerkung: Leider finden sich solche Verzerrungen oder Umdeutungen von Begriffen in den Schriften von John Maynard Keynes häufiger. So ist z.B. seine angebliche „Widerlegung“ des Sayschen Gesetzes in Kapitel 3 seines Buches „The General Theory of Employment, Interest and Money“ (1936) ein typisches sogenanntes „Strohmannargument“, in dem eine völlig verzerrte Version des Sayschen Gesetzes behandelt wird.)

      Weitere Informationen zu den Unterschieden der beiden Bestimmungen eines „natürlichen Zinses“ findet man z.B. in dem Artikel „The Fed and Bernanke Are Wrong About the Natural Interest Rate“ (2016) von Joseph T. Salerno, der auch etwas zu statistischen Abschätzungen dieses natürlichen Zinses sagt. Dabei sollte ich allerdings fairerweise darauf hinweisen, daß es sich bei diesem Artikel um eine Darstellung aus Sicht der österreichischen Schule handelt. Wer sich für die Gegenseite interessiert (die ich als (Post-/Neo-)Keynesianisch bezeichnen würde, Herr Caspari dagegen einfach nur „mainstream“ nennt), der ist bei dem von Herrn Caspari angegebenen Vortrag von C.C. von Weizsäcker sicherlich gut aufgehoben.

      Es dürfte klar sein, daß durch die obigen Erläuterungen die Gegensätze der Anschauungen nicht verschwinden, sondern vielmehr klarer hervortreten. Wer wissen will, wer am Ende recht hat, wird daher nicht darum herumkommen, sich selbst Gedanken zu machen.

  4. nächste-krise
    Vieles über die Untätigkeit der Politiker finde ich sehr sympatisch. Zutreffender ist jedoch das bis heute NIEMAND erklären kann worin die Ursachen der Krise(n) bestanden und weiterhin bestehen. Diese Frage wird ja einfach nicht (öffentlich)diskutiert. Was sollen also diese untätigen Politker richtig machen, wenn niemand weiß(wissen will) wo die Fehler liegen. Ich könnte helfen… Ich verstehe auch ganz und gar nicht wieso es überhaupt Krisen gibt. Schließlich regelt der unregulierte Markt alles zum Besten. Was ist nur los mit diesem weisen Markt?

  5. Erstaunlich
    In einem der Ökonomengehirne ist es angekommen, dass ein unbegrenztes Wachstum in einem geschlossen System Erde nicht möglich ist. Und das Geldpolitik dieses ‚Problem‘ nicht lösen kann. Dass ich diesen Satz noch lesen darf… toll.

    • Mich erstaunt überhaupt nicht mehr, dass man in post-faktischen Zeiten
      nahezu alles behaupten kann.

      Es ist eine Standarderkenntnis der Ökonomik seit Adam Smith, dass Wirtschaftswachstum begrenzt ist. Stichwort: steady state, auf Deutsch: stationäres Stadium.
      Das finden Sie bei David Ricardo und J.St. Mill, um nur die älteren Protagonisten zu nennen. Selbst Marx entwickelte die Theorie der fallenden Profitrate, hinter der sich eine fallende Wachstumsrate verbirgt.
      Im neoklassischen Wachstumsmodell von Solow und Swan konvergiert jede Ökonomie gegen einen (ihren) steady sate. Selbst die meisten endogenen Wachstumsmodelle haben einen steady state.

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