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Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Ein Schwede gegen die Baseler Turmherren

| 13 Lesermeinungen

Die verheerende Finanzkrise von 2008 wirkt bis heute nach. Ob Notenbanken mit präventiven Zinserhöhungen künftige Krisen verhindern sollen, ist umstritten. Nun ist mit der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ein wichtiger Debattenteilnehmer ins Zwielicht geraten.

 

Niemand will noch einmal Tage erleben wie nach dem Untergang von Lehman Brothers und der staatlichen Rettung der großen staatlichen Versicherung AIG im Herbst 2008, als selbst schlachtenerprobte Bankvorstände nicht wussten, ob das globale Finanzsystem einstürzen würde. Finanzkrisen, so zeigt die Erfahrung, sind überwiegend das Ergebnis durch niedriger Zinsen und lockerer Regulierungen befeuerter und durch großzügige Kreditvergabe getriebener Vermögenspreisblasen, nach deren Kollaps sinkende Vermögenspreise die Sicherheiten der Kredite verschwinden lassen und die faul werdenden Kredite die Stabilität des Finanzsystems bedrohen.

Wer künftige Krisen verhindern will, muss an den Ursachen ansetzen. Und da von vielen in Frage kommenden Ursachen zwei wohl dominieren, stehen sich in der Diskussion zwei Schulen gegenüber: Die eine Schule will die Geldpolitik einsetzen, um durch präventive Zinserhöhungen die Gefahr exzessiver Kreditvergabe zu bannen. Die andere Schule will durch eine stärkere Regulierung vor allem von Banken diese von einer exzessiven Kreditvergabe abhalten – man spricht hier von „makroprudentieller Politik“.

Die Debatte hat viele Facetten und, jedenfalls bis heute, keine eindeutigen Antworten. In den vergangenen Jahren hat vor allem eine Frage Streit erzeugt: Wie sind die Kosten und die Erträge präventiver Zinserhöhungen durch Notenbanken zu bewerten? Der Streit hat sich zu einem Duell zwischen dem schwedischen Ökonomen Lars Svensson und der in einem Büroturm in Basel heimischen Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), der Bank der Zentralbanken, entwickelt. Wir haben in FAZIT in den vergangenen Jahren viele Arbeiten der BIZ vorgestellt.

Der Grundkonflikt sieht so aus: Wenn es gelänge, durch rechtzeitige Zinserhöhungen eine eventuelle spätere Finanzkrise zu verhindern, hätte eine solche Strategie Vorteile. Allerdings sind Notenbanken in erster Linie ihrem Kernmandat, der Sicherung des Preisniveaus verpflichtet und damit gleichzeitig – ob offen wie im Falle der amerikanischen Fed oder indirekt wie im Falle vieler anderer Notenbanken unter Einschluss der EZB – auch der Beeinflussung der Konjunktur. Präventive Zinserhöhungen zum Zwecke der Vermeidung einer Finanzkrise können daher in Konflikt zum Kernmandat einer Notenbank stehen und im schlimmsten Falle dazu beitragen, dass eine Wirtschaft in eine Rezession stürzt. Dies wäre offensichtlich ein schwerer Nachteil einer solchen geldpolitischen Strategie. Die Frage ist – und darum geht der Streit zwischen Svensson und der BIZ -, ob die Vorteile oder die Nachteile größer sind. Die Auseinandersetzung wird mit theoretischen Modellen und Simulationsrechnungen geführt. Doch es geht nicht nur um die ökonomische Wahrheit, sondern auch um Macht und Einfluss. Svensson vertritt eine Sichtweise, die in britisch-amerikanisch geprägten Notenbanken verbreitet ist. Die Position der BIZ, die seit einigen Jahren harte Kritik an der von vielen Notenbanken betriebenen Geldpolitik äußert, findet vor allem in Deutschland und in einigen Schwellenländern Unterstützung.

Svensson lehnt die Sicherung der Finanzstabilität neben der Sicherung der Preisniveaustabilität als weitere Aufgabe für Notenbanken vehement ab; statt dessen will er die Finanzstabilität durch Regulierungspolitik sichern. Sein Argument lautet, dass die geldpolitischen Kosten präventiver Zinserhöhungen deutlich höher sind als die Erträge. In einer immer wieder überarbeiteten Studie hält er seinen Widersachern vor allem zwei Punkte entgegen: Erstens bedürfte es außergewöhnlich starker präventiver Zinserhöhungen, um die Gefahr einer Finanzkrise alleine mit diesem Instrument zu bannen. Daraus leitet er sein zweites Argument ab, nach dem sehr starke präventive Zinserhöhungen eine Wirtschaft über Gebühr schwächen und durch diese Schwächung erst recht anfällig für Krisen machen. Mit anderen Worten: Die vermeintliche Krisenprävention kann Krisen erzeugen, die es ohne Präventionsversuche gar nicht gäbe.

Die BIZ vertritt eine andere Sicht, nach der eine langfristig und konsequent auch an der Finanzstabilität ausgerichtete Geldpolitik auf Dauer vorteilhaft ist und die an der konkreten Krisenprävention ausgerichteten Berechnungen Svenssons keinen vollständigen Blick auf die langfristigen Erträge einer geldpolitischen Präventionspolitik gestatten. Es liegen Studien weiterer Ökonomen vor, von denen manche die Position Svenssons und andere die Position der BIZ (zum Beispiel hier, mit einer Replik von Svensson, und hier) unterstützen.

Nun hat die Debatte eine unerwartete Facette erhalten – mit der Evaluierung der Arbeit der BIZ-Ökonomen durch externe Gutachter 1), die grundsätzlich viel Lob 2) für die BIZ-Ökonomen finden, aber auch herbe Kritik vor allem an der Praxis äußern, in geldpolitischen Fragen Druck auf Ökonomen auszuüben, in ihrer Forschung zu Ergebnissen zu gelangen, die der Führung der BIZ genehm sind. Dies gilt nicht zuletzt für die Auseinandersetzung mit Svensson. Pikant an der Evaluierung ist auch, dass sie von der BIZ selbst in Auftrag gegeben worden ist  und dass die Auftraggeber von Vornherein gewusst haben dürften, welche Ergebnisse die Evaluierung bringen würde. Offensichtlich geht es ihnen darum, die rund 60 in der BIZ beschäftigten Ökonomen ein Stück weit aus der politischen Schusslinie zu nehmen und sie statt dessen für wissenschaftlich fundiertere Arbeiten einzusetzen. Das Vorbild dürfte die ökonomische Abteilung der Federal Reserve Bank of New York sein, die seit einer vergleichbaren Evaluierung vor rund 15 Jahren und einer anschließenden Neuausrichtung ihrer Arbeit viele interessante Untersuchungen erstellt hat.

Im Falle der BIZ bemängeln die Gutachter, dass es bisher kaum gelungen sei, in der Fachwelt für ihre Forderung nach präventiver Geldpolitik Unterstützung zu finden: „Das hängt zum Teil mit dem Fehlen überzeugender Nachweise zusammen, dass die erwarteten Erträge einer solchen Strategie die erwarteten Kosten übertreffen.“ 3) Die Gutachter verwundert, dass sich ein ganzes Forschungsprojekt mit der Frage befasst, wie man Svenssons Arbeiten widerlegen könne, ohne dass man bisher viel zustande gebracht hätte.4) Eher grundsätzlich fällt die Kritik an dem BIZ-Ansatz aus, die Welt – und hier besonders die Geldpolitik – möglichst schwarz zu malen: „Die meisten Forschungsarbeiten seit der Finanzkrise befassen sich mit der Frage, was alles schief gegangen ist. Aber die Finanzsysteme haben sich seitdem in den meisten Ländern als widerstandsfähig gezeigt. Vielleicht wäre es sehr instruktiv, sich in der Forschung auch mit der Frage zu befassen, was alles richtig gemacht wurde.“ Svensson dürfte sich bei der Lektüre der Evaluierung amüsiert haben. Die BIZ-Ökonomen dürften sich nach einer Neuaufstellung bemühen, verlorenen Boden gut zu machen. Die Verhinderung künftiger Finanzkrisen ist eine Aufgabe, die alle Anstrengungen wert ist.

 

  1. Die drei Gutachter haben intern und extern Stellungnahmen zur Arbeit der BIZ-Ökonomen eingeholt. Angemerkt sei, dass auch ich als ein regelmäßiger journalistischer „Konsument“ um eine Einschätzung gebeten worden bin. Ich habe mich daran nicht beteiligt, um nicht in den Ruf zu kommen, ich schriebe anschließend über ein Gutachten, an dessen Herstellung ich (wenn auch nur geringfügig) beteiligt war.
  2. Über der partiellen Kritik an der Arbeit der BIZ-Ökonomen sollte das generelle Lob der Gutachter nicht vergessen werden: „(T)he panel judge that BIS research is generally of a high professional standard. Moreover, for a relatively small organisation, it spans a broad range of topics: banking and finncial market structure; financial stability and financial crises; international finance; and macroeconomics and monetary policy. Some of this research has been genuinely path-breaking.“
  3. Ein altes Problem der BIZ ist, dass viele ihrer Arbeiten gerade in der akademischen Community nicht gelesen werden. Das Gutachten nennt mit dem Jahresbericht ein trauriges Beispiel. „The Report attracts attention in central banks and other official institutions. It sometimes also attracts the attention of the financial media and private-sector financial institutions, though rather less so than the IMF’s World Economic Outlook. It gets relatively little traction in academia. For comparison purposes, theAnnual Report gets about the same number of downloads from the web as the Bank of England’s Inflation Report. Since the BIS Annual Report should be of international interest, while the Bank of England’s Inflation Report is primarily just of interest to people in the United Kingdom, this seems rather disappointing.“
  4. Die von uns vorgestellte Arbeit von Filardo/Rungcharoenkitkul wurde im Dezember 2016 und damit nach Redaktionschluss des Gutachtens als Arbeitspapier veröffentlicht. In Fachkreisen war sie aber schon Monate vorher bekannt.

    Eine etwas kürzere Version dieses Beitrags ist am 25. Januar 2017 im Finanzteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

 

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13 Lesermeinungen

  1. Arbeitspapier
    Ergänzend zu meinem Text sei darauf verwiesen, dass sich BIZ-Ökonomen auch in dem nachfolgenden Arbeitspapier mit dem umstrittenen Thema befassen:

    http://www.bis.org/publ/work569.htm

    Gruß
    gb

  2. Ein anderer Blick
    Bei allem Interesse für wissenschaftliche Diskussion erlauben Sie einen Blick von der Seitenlinie.

    Es gibt ernstzunehmende Meinungen, dass Zentralbanken entbehrlich, ja sogar schädlich sind. (Paul Volcker z.B.). Ein Beispiel dass eine entwickelte Wirtschaft auch gut ohne funktioniert ist Hongkong.

    Die Gründe für die Einrichtung von ZB waren 1669 oder 1694 kaum andere als heute, meist mussten Kriegsfolgen und Schulden von Staaten/ Herrschern bewältigt werden. Zunehmend irritierend ist auch die stark zugenommene private Trägerschaft der ZBen, und diese vor allem von Financial Institutions.

    Die Verpflichtung auf Geldwert u.a. erscheint als ein Nebenschauplatz; wie wir gelernt haben, sind die ZBen vor allem als Geldversorgung für die Finanzwirtschaft und als Lender of last resort (wirklich) wichtig.

    Dass Svensson bestreitet, dass präventive Zinspolitik günstigere Kosten in Krisensitutationen bedeutet, ist bei seiner Verortung nicht überraschend. Schliesslich werden die Krisenkosten der Allgemeinheit aufgelastet und die Erträge der die Krisen (zumindest mit-)verursachenden Finanzwirtschaft sind zuvor bereits verteilt worden. Nach kurzer Phase steigen diese dann wieder zügig, hat man die Kosten doch externalisiert.

    2008 hat die FED binnen 140 Tagen rund 5 Billionen $ (deutsche Zählweise) in die Wallstreet und ein paar andere Adressen gepumpt. Abgesehen von vielleicht 200 Milliarden, die via SEC und DOJ eingesammelt wurden, ist nichts zurückgeflossen. Der Kongress in Washington wüsste darüber auch gern etwas mehr.

    Dass die Finanzsysteme heute wieder stabil sind, mag man behaupten (ich widerspreche) aber selbst wenn dem seinmsollte, um welchen Preis? Die schon 2007 exorbitante Verschuldung ist seither exponentiell weiter gestiegen.

    Die von Rogoff und Konsorten avisierte Einführung von Negativzinsen von um die 5% (bei der nächsten Krise) bedingt natürlich die Beseitigung bzw. massive Beschränkung von Bargeld etc..

    Der in all diesen wissenschaftlichen Diskussionen ausgeblendete „Elephant in the room“ nämlich die Geldschöpfung durch private Banken per Buchgeld und fractional reserve system ist der eigentliche Krisentreiber und ein Tabu.

    Wohl mindesten seit dem römischen Reich tobt der Kampf um das Monopol der Geldschöpfung und weit überwiegend hat die private Seite der Händler, Goldschmiede und ihrer Nachfolger, den Banken, die Oberhand behalten.

    Ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte: Zwischen ca. 1870 und 1910 lag das Monopol der Geldschöpfung beim amerikanischen Staat und das Land prosperierte ausserordentlich. Daneben gab es massive DEFLATION. Am Ende des Zeitraums war der Dollar des Bürgers rund 25 % mehr wert als zu Beginn.

    Als Wilson sich 1913 kaufen liess, dauerte es gerade 15 Jahre bis zur Megakrise des Black Friday et.al.. Er, Wilson, bedauerte seine Entscheidung später ausserordentlich.

    1.Anmerkung: Auf einem Tablet geschrieben, mühsam. Redaktionelles Optimieren daher unterblieben. Ich vertraue auf die Klugheit der Leser, den ein oder anderen vielleicht etwas verrutschten Zusammenhang richtig herzustellen.
    2. Anmerkung: Vielen Dank an Christian Borgel, für den Hinweis auf Dietrich Dörner. Das war mir komplett entfallen.

    Der Kampf

  3. Übereinstimmung der Disputanten
    Viel interessanter als die Differenzen zwischen der BIZ und Herrn Svensson finde ich ja die Übereinstimmungen. Offenbar sind beide Parteien (und wohl auch ein großer Teil anderer Ökonomen) der Ansicht, daß die Zentralbank die Inflationsrate sinnvoll(!) beeinflussen kann (*daß* ihre Maßnahmen einen Einfluß haben, ist wohl unbestritten, ob diese *zweckmäßig* sind, ist dagegen bei weitem nicht so klar) und sie es deshalb auch tun sollte.

    In seinem Buch „Die Logik des Mißlingens“ (Rowohlt 1994) beschreibt Dietrich Dörner ein Experiment, daß er 1988 zusammen mit Ute Reichert durchgeführt hat: Probanden sollen die Temperatur in einem Kühlhaus möglichst nahe an einen Zielwert bringen. Es gibt ein Thermometer und ein Stellrad, mit dem die Temperatur beeinflußt werden kann. Da die Kühlanlage jedoch defekt ist, entspricht die Beschriftung des Stellrades nicht genau den Temperaturen. Man weiß nur, daß hohe Einstellungen hohe Temperaturen und niedrige Einstellungen niedrige Temperaturen bedeuten. Außerdem reagiert, kaum überraschend, das Thermometer auf eine Einstellung des Stellrades mit einer zeitlichen Verzögerung.

    Die Zentralbank ist in einer analogen, aber ungleich komplizierteren Situation: Auch sie hat ein Stellrad, nämlich den Leitzins (ob die im Moment immer noch massiv durchgeführten Anleihenkäufe nicht schon den gesetzlichen Rahmen überschreiten, ist umstritten) und eine Regelgröße, nämlich eine bestimmte Konsumgüterpreisinflationsrate, die sie nahe an einen Zielwert bringen möchte (wobei man über die Wahl dieses Zielwertes ebenfalls trefflich streiten kann). Sie kann davon ausgehen, daß ein hoher Leitzins tendenziell zu einem Fallen, ein niedriger Leitzins tendenziell zu einem Steigen der Inflationsrate führt. Zwar kann sie auch viele andere Größen als die Regelgröße beobachten. Aber dafür ändert sich die Lage auch ständig. Anders als im Kühlhausexperiment gibt es keine feste Endeinstellung des Stellrades, sondern es muß laufend nachjustiert werden. Weiter ist die Abhängigkeit zwischen Stell- und Regelgröße sehr viel komplexer (insbesondere nicht linear) und ebenfalls laufenden zeitlichen Änderungen unterworfen, genauso die zeitliche Verzögerung zwischen Stellvorgang und beobachtbarer Wirkung. Schließlich wirkt der Leitzins auf verschiedenen Wegen und Umwegen. Daher ist sogar mit mehreren Zeitverzögerungen mit jeweils verschiedenen Abhängigkeiten zu rechnen.

    Wenn man sich anschaut, wie viele Personen in der vergleichsweise sehr einfachen Situation des Kühlhausexperimentes scheitern (z.T. wurden sogar Temperaturverläufe bewirkt, deren mittlere Abweichung von Zielwert größer war, als wenn man gar nichts getan hätte), muß man sich schon fragen, ob das Bestreben der Zentralbank überhaupt gelingen kann. Zwar verfügt sie zweifellos über viele wirtschaftswissenschaftlich hochgebildete Angestellte, was die Hoffnung nährt, daß schwere Fehlregelungen vermieden werden können. Aber dadurch kann das fundamentale Problem nicht aus der Welt geschafft werden: Die konkreten, quantitativen, zum aktuellen Zeitpunkt geltenden Abhängigkeiten und Zeitverzögerungen sind weitgehend unbekannt.

    Man beachte, daß historische Erfahrung in dieser Lage nur von begrenztem Nutzen ist, da historische Erfahrung immer nur komplexe Situationen zeigt, die sich von der aktuellen Situation in vielen Eigenschaften unterscheiden. Experimente wie in der Physik, in denen man einige Einflußgrößen gezielt konstant hält und andere variiert, um die relevanten Einflußgrößen und die funktionalen Abhängigkeiten zu identifizieren, sind in der Wirtschaftswissenschaft unmöglich. Man kann nicht einmal bestimmen, wie erfolgreich die historischen Handlungen der Zentralbank waren, da man keine Vergleichsdaten hat: Man weiß nicht, wie sich die Inflationsrate ohne die Eingriffe der Zentralbank entwickelt hätte.

    • Es ist sicherlich zutreffend, dass die allermeisten Ökonomen die Sicherung von Preisniveaustabilität als Kernaufgabe der Geldpolitik sehen. Viele Notenbanken haben dies als gesetzliche Vorgabe.

      Es gibt Debatten über die Frage der Definition von Preisniveaustabilität, es gibt Debatten über die Wirksamkeit und Wirkungswege von Geldpolitik und, damit verbunden, Debatten über den Instrumenteneinsatz. Seit ein paar Jahren gibt es auch Debatten darüber, ob Preisniveaustabilität, Stabilität des Finanzsystems und Nachhaltigkeit der Staatsverschuldung nicht so eng miteinander verbundene Konzepte sind, dass man sie nur gemeinsam analysieren sollte. Dazu ist im Laufe der Zeit einiges auch in FAZIT geschrieben worden, aber die Diskussionen sind weiterhin im Gange. Wir versuchen, diesen Debatten auf der Spur zu bleiben, aber es gibt notwendigerweise Grenzen.

      Als Ergänzung: Die EZB hat gerade mit Unterstützung ihrer nationalen Notenbanken eine sehr umfangreiche Analyse der Bestimmungsgründe der Euro-Inflationsrate in den vergangenen Jahren veröffentlicht. Sobald ich Zeit habe, schreibe ich etwas darüber.

      Gruß
      gb

  4. Anschein einer oberflächlichen Debatte
    Eine interessante Schulderung einer Auseinandersetzung, die wohl nur der Insider mitbekommt.
    Wenn man nicht in der Wirtschaftswissenschaft zu Hause ist, also als Laie, fragt man sich, ob die geschilderten Meinungsverschiedenheiten auch deshalb andauern, weil die Debatten auf allen Feldern etwas oberflächlich und rechthaberisch ohne Beweisantritt geführt werden.
    Warum sollen steigende Zinsen Krisen vermeiden ? Dann müssten Kreditnehmer, die – bei gleicher Nettorendite – ein höheres EBITDA versprechen, solider sein ? Oder ist nur ihr Kreditvolumen geringer, aber die Kreditnehmer vielleicht instabiler ?
    Dient es dem langfristigen Wohlstand, wenn in Zeiten von unzureichender Konsum- und Investitionsvolumina kreditfinanzierter Konsum und Assetblasen angetrieben werden und die Lasten von Strukturfehlern (Schuldenstaaten) vorübergehend gelindert werden ? Ist es mit langfristigen ökologischen Umbau vereinbar, über Kreditfinanzierung krampfhaft den Konsum hochzuhalten statt auf der Basis einer staatlichen GuV-Planung rentable und ökologische Staatsinvestitionen auszuweiten ? Fragen über Fragen, die die Verantwortlichen anscheinend nicht stellen, um lieber ihre an Partikularinteressen ausgerichteten Appelle unbewiesen (?) zu wiederholen ? Schon wieder postfaktisch ?

    • Es gibt sicherlich ökonomische Debatten, in denen Rechthaberei eine Rolle spielt. Die vorliegende Debatte gehört meines Erachtens dazu, aber das hat man gerade bei ökonomischen Debatten mit Politikbezug häufig. Der Vorwurf der Oberflächlichkeit ist problematischer: Svenssons Arbeit beispielsweise hat schon fast den Umfang eines kleinen Buches und er gräbt in seinem speziellen Thema sehr tief. Die Gefahr ist eher, dass man sich bei dem Thema zu sehr auf einen Aspekt fokussiert – dementsprechend lautet auch ein Vorschlag der Gutachter an die BIZ-Ökonomen, sich thematisch breiter aufzustellen. Ökonomen sagen gerne, alles hänge mit allem zusammen. Das wahre Können besteht darin, die wesentlichen Aspekte eines Themas von den weniger wesentlichen zu unterscheiden – und das ist häufig alles andere als leicht und offensichtlich.
      Gruß
      gb

    • Nie die Frage,die Menschen ändern sich......
      Letzt endlich,Laie oder Verantwortlichen,wie man sich am liebsten Bühnemäßig darstellt,das alltägliche Leben braucht eine ganze Reihe vorausgesetzte Grundannahmen,so etwas wie Basispostulaten,zum funktionieren.

      Möchte empfehlen Hans Jonas’s „Das Prinzip der Verantwortung „[Suhrkamp Taschenbuch 1085].

  5. John Law [1671-1729] ,Montesquieu//Worte einer Vergangenheit "ergründen "das Heutige
    oder „Real Analysis “ versus „Monetary Analysis “ einander abwechselnde
    analytische Methoden ,seit lange lange her.
    Bestimmte Fragen gehörten und gehören zur bestimmten historische Epochen,politisch sehr differenziert.Wie heutzutage,wenn sie wollen.
    Montesquieu in seiner Opus Magnum „De l’Esprit des Loix“ [1748],Livre
    XXII,beschreibt in nur einige Sätze ,oder besser gesagt ,erklärt logischerweise die conquistadora und das herabsinken der Zinsen.
    Er erinnert an John Law[ Monetary Analysis] John Law’s „Money and Trade
    considered with a Proposal for supplying the Nation with Money“[1705].
    Deswegen möchte damit erklärt sein ,wie bereichernd [Wirtschafts- ] Historische Erkenntnis ,ein Schweigen entreißt ,zur besseren Verständnis verwendet werden könnte oder sollte.
    John Law ,das lässt sich lesen wie ein politisches Programm oder die Berichterstattung der Finanzlage der Nation.
    Die Wahl der Nation[-en]..selbstverständlich…in alle demokratische Freiheit.

    • Titel eingeben
      Sie haben Recht:
      Wirtschaftshistorische Kenntnisse sind sehr bereichernd, aber sie werden heute an den Universitäten kaum noch gelehrt. John Law wird meistens negativ gesehen, aber es gibt zumindest eine Ausnahme: Joseph Schumpeter sah John Law nicht negativ.
      Viele Grüße
      gb

  6. Vielleicht sollte man einige der Erkenntnisse Herrn Draghi zur Kenntnis geben
    Es ist nämlich völlig egal, ob es sich bei den Schuldnern um Personen, Firmen oder auch Staaten handelt, eine Überschuldung bringt immer sowohl den Schuldner als auch den Kreditgeber in Schwierigkeiten. Nur bei Staaten kommt noch eine zusätzliche Schwierigkeit hinzu: Niemand kontrolliert die Verwendung des geliehenen Geldes. Das wofür es vorgeblich geliehen wurde wird niemals geleistet, weil es regelmäßig in Sozialhaushalten verschwindet. Auch die Schaffung von Arbeitsplätzen muss als Schutzbehauptung eingestuft werden, insbesondere wenn die jeweilige Administration sie „schafft“. Ein richtiges Investitionsklima führt immer automatisch auch zu Arbeitsplätzen und die sind dann auch noch nützlich, weil sie Grundlage für die Bedienung der Kredite sind.

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  8. Gerade platzt die Anleihenblase
    Wer trägt die Verluste der gerade platzenden Anleihenblase und was für Konsequenzen ergeben sich daraus? Zumal die internationalen Anleihenmärkte viel größer als die Aktienmärkte sind? Zinsanstiege von bisher 0,7 Prozentpunkten in 10jährigen deutschen Staatsanleihen bzw. 1,1 Prozentpunkten in 10jährigen amerikanischen Staatsanleihen während des letzten halben Jahres müssen zur Ermittlung des Kursverlustes einer Anleihe mit der Anzahl Jahre Restlaufzeit der Anleihe multipliziert werden. Je länger die Laufzeit, um so höher der Verlust. Zuletzt wurden teilweise 50- bis 100jährige Anleihen emittiert. Es werden quasi die Übergewinne im Anleihenmarkt des Jahres 2014 rückabgewickelt. Ein Teil des aktuellen Anstiegs der Aktienmärkte kommt wohl daher, daß durch den Verkauf von Anleihen freigewordene Mittel in den Aktienmarkt – die nächste Blase – umgeschichtet werden.

  9. es gibt zu viel Geld
    Es gibt einfach zu viel Geld, das um jeden Preis angelegt werden muss. Das treibt die Preise. Die Wertsteigerungen stehen ja nur auf dem Papier, es werden die immer gleichen Häuser zwischen Anlagefirmen weiterverkauft. Wenn man den Reichen aber das Geld wegnimmt, was sie zu viel haben und davon die ärmeren 95% /90 oder so der Bevölkerung das kaufen lässt, was sie noch nicht hat, steigen nicht die Immobilienpreise, sondern die Nachfrage nach realen Waren. Die Nicht-Reichen stecken das Geld nämlich in den Konsum. Selbst wenn sie davon „echte“ neue Häuser bauen.

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