Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die Geldpolitik hat kaum Einfluss auf die Zinsmarge der Banken

| 8 Lesermeinungen

Eine populäre These besagt: Wenn die Leitzinsen steigen, kommen Banken in Schwierigkeiten, weil sie die kurzfristigen Einlagen ihrer Kunden höher verzinsen müssen, während die oft für viele Jahre festgelegten Zinssätze für die vergebenen Kredite nicht schnell erhöht werden können. Eine Studie aus Amerika besagt: Die These ist unsinnig.

In den meisten Banken ist die durchschnittliche Laufzeit der Forderungen, das sind in erster Linie vergebene Kredite und Wertpapierbestände, größer als die durchschnittliche Laufzeit der Verbindlichkeiten, zu denen in erster Linie die Einlagen der Kunden zählen. Das ist von den Banken so gewollt, weil normalerweise die langfristigen Zinsen höher sind als die kurzfristigen Zinsen.

Die Differenz, die sogenannte Zinsmarge, ist eine entscheidende Bestimmungsgröße für die Gewinne der Banken aus dem Zinsgeschäft. Die unterschiedliche Fristigkeit von Forderungen und Verbindlichkeiten einer Bank wird in der Fachwelt als „Fristentransformation“ bezeichnet.1)

Wo ist das Problem? Nehmen wir einmal an, die Notenbanken erhöhten ihren kurzfristigen Leitzins. Das wäre, wie vor allem Finanzunternehmen und ein paar notorisch aufgeregte Ökonomen beklagen, eine Quelle großer Probleme für die Banken, weil sie dann die Zinsen für ihre kurzfristigen Kundeneinlagen erhöhen müssten, aber die oft auf Jahre festgelegten Kreditzinssätze erst nach Jahren heraufsetzen könnten. Das heißt, die Zinsmarge der Banken reduzierte sich und die Banken  würden leiden. Das führt manche Zeitgenossen in der deutschen Finanzbranche zu der düsteren Prognose, dass die Notenbanken in einer Fall säßen, weil alles zusammenbreche, wenn sie es wagen sollten, ihre kurzfristigen Leitzinsen zu erhöhen. Das ist die Fiktion.

Fakt ist: Die These ist zumindest für die Vereinigten Staaten unsinnig, wie eine bemerkenswerte Arbeit dreier Ökonomen der New York University belegt. Sie haben den Bankenmarkt der Vereinigten Staaten für den Zeitraum von 1955 bis 2013 untersucht. Die Fristentransformation war dort recht ausgeprägt, denn die durchschnittliche Zinsbindung der Verbindlichkeiten betrug 0,4 Jahre, jene der Forderungen der Banken aber 4,1 Jahre.

Die wichtigsten Ergebnisse der Analyse stehen im Gegensatz zu liebgewordenen Überzeugungen:

  • Es gibt keinen engen Zusammenhang zwischen der Zinsmarge der Banken und ihrer Gesamtkapitalrendite auf der einen Seite und der Zinspolitik der Notenbank. Obgleich der Leitzins der Fed sehr stark schwankte, bewegte sich die Zinsmarge in einem schmalen Korridor von 2,2 und 3,7 Prozent.
  • Der wesentliche Grund hierfür ist die Marktmacht der Banken, die es ihnen gerade bei steigenden Notenbankzinsen gestattet, starken Einfluss auf den Zins für ihre kurzfristigen Kundeneinlagen zu nehmen. 70 Prozent der Verbindlichkeiten der Banken bestehen aus solchen Kundeneinlagen.
  • Die Marktmacht lässt sich erkennen, indem man den Zinssatz für kurzfristige Kundeneinlagen mit einem Zins für kurzfristige Geldmarktpapiere vergleicht. Der Abstand zwischen diesen beiden Zinsen nimmt immer dann zu, wenn die Notenbank ihren Leitzins erhöht. Mit anderen Worten: Wenn die Fed ihren Leitzins erhöht, steigt, wie zu erwarten, der Zinssatz für kurzfristige Geldmarktpapiere schnell, während die Banken ihre Marktmacht nutzen, um den Einlagenzins nur mit Verzögerung zu erhöhen.

Die Autoren ziehen zwei Schlüsse, die fruchtbare Diskussionen anregen sollten:

  • Der erste Schluss ist, dass die Kundeneinlagen von Banken nicht alleine als Kostenblock, sondern auch als Instrument zur Gewinnerzielung gesehen werden.
  • Und zweitens erweist sich Fristentransformation in diesem Modell nicht als Quelle von Risiken, sondern als Instrument zur Reduzierung von Risiken – Forderungen mit langer Zinsbindung sind ein Bestandteil einer Bankpolitik, die auch bei großen Schwankungen des kurzfristigen Notenbankzinses eine weitgehende Stabilisierung der Zinsmarge gestattet.2)

 

Anmerkungen:


  1. Die Fristentransformation steht im Widerspruch zur ehrwürdigen „Goldenen Bankregel“, nach der Forderungen und Verbindlichkeiten identische Laufzeiten haben sollen, um Zinsänderungsrisiken zu begrenzen. Es gibt nicht nur Spezialfinanzierer, die sich an der „Goldenen Bankregel“ orientieren, sondern auch normale Banken, die durch Termingeschäfte mit Zinsprodukten („Zinsswaps“) aus der Fristentransformation entstehende Risiken reduzieren. Es ist kein Zufall, dass Zinsswaps die mit Abstand umsatzstärksten Finanz-Terminprodukte sind – die Bilanzsteuerung von Banken spielt hier eine wichtige Rolle.
  2. Nicht unser Thema heute ist die moderne, ziemlich komplex gewordene und überdies in Bewegung befindliche Theorie der Bank, zu der die Autoren einen Beitrag leisten wollen. Hier ein Zitat: „Our contribution is to offer an explanation for why banks engage simultaneously in maturity transformation and deposit taking. We argue that market power in deposit markets and the costs associated with maintaining it lower the interest rate sensitivity of banks’ expenditures so they resemble fixed-rate liabilities. Under these conditions, maturity mismatch actually reduces interest rate risk. Consistent with this view, we find that banks set their maturity mismatch so that they face minimal interest rate risk. This has allowed the banking sector to maintain near-constant profitability in the face of deep cycles and prolonged trends in interest rates over the past sixty years…  Instead of a risk-taking explanation, we provide a risk-management explanation for why banks engage in maturity transformation, one that does not require the presence of a term premium. While both risk-taking and risk-management are consistent with maturity transformation in general, the risk-management explanation makes the strong prediction that we should observe one-to-one matching between between banks’ interest income and interest expense.“

 

 

 

 

 

 

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8 Lesermeinungen

  1. Studie aus der NY Fed
    Hier ist eine interessante Analyse für die Entwicklung seit 2009:

    http://libertystreeteconomics.newyorkfed.org/2017/06/low-interest-rates-and-bank-profits.html

    Gruß
    gb

  2. Einige Bemerkungen zur "Pegelstände ":
    Einer fesselnder Fragestellung dieses FAZIT’S.
    Daher einige pauschale Gedankengängen.
    Monetäre Politik und Zinsen oder die „Pegelstände “ einer Wirtschaft verschiedener Ebene .
    A.“Pegel“ der monetäre Politik könnte betrachtet werden wie die Verwaltung der Wasserdruck und Wasserdrainage ,oder wie Krisenmanagement flexibele Ausleg-Kapazitätsgrenzen [Verhältnis Input-Output Bankiergeschäfte im Finanzielle-politische Rahmenbedingungen],
    kurz- und langfristig ,lokal differenziert.
    Dazu sei benötigt ein gewisse Quantität „Zisterne“ die systematisch Fluktuationen regulieren,wenn geeignete Prognosen periodisch vorhanden
    sein.
    B.“Pegel“ der Zinsen ,
    Betrachtet wie Messdaten die das Wirtschaftsleben enthalten und
    reflektieren[z.B. Agrarpolitik vis-a-vis Realität der Landwirtschaft ,Klein-
    und mittelgroße Unternehmungen,Privathaushälte….etc.].
    Zinsen der realökonomie oder formalisierte Nutzfunktionen ,oder lebensfreundliche Bedingungen [A],oder grosso modo bezeichnet wie “
    Sharing costs „- elastizität Koeffizienten der verschiedene politisch definierte Programme.[ Die immer problematische „Kluft“ seit je und eh ,
    und das analytische Egalitarismus …die sich nicht lösen lässt ohne Kompromisse].

    • "Luftmenschen" und die Börsenwoche oder die Faktor Arbeit ...
      „Luftmenschen“ ,Methapher für die Menschen die sich ohne feste Arbeit,meistens mittellose Menschen ,im Leben durchschlagen müssen [einen jiddischen Ausdruck],damals,heute und weltweit.[denken Sie wie die
      sogenannte amerikanische „sweatshops “ entstanden ],oder also die schöne Metapher : „Gastarbeiter „….. .
      Die Börsenkurse verdiskontierte dieser Arbeit selbstverständlich auf einer
      Ebene die die Arbeiter und Arbeiterwohlfahrt nicht immer mittelbar recht
      täte und tun,obwohl da sich vieles geändert hat im Wohlfahrtsstaats,das ja
      kann keiner leugnen wenn sie sich die Mühe geben einzelne Indikatoren
      anzusehen,einst periodisch zusammengefasst einer U.N. Institution [
      United Nations Research Institute for Social Development,Geneva],
      Kompilationen von 92 Indikatoren,wie skeptisch heutzutage Statistik auch entgegengetreten könnte ,nicht immer theoretisch belegt ,desto mehr eine
      Haltung darstellt,wie die verschiedene europäische Wahlgänge und Außer_
      Europäische Auskunft geben wie sich die heutige Gesellschaft verstehen oder erkennen lässt [und demagogische Rhetorik ].
      Deswegen und deshalb nicht nur interessant einige Indikatoren [UNRISD]
      wie Expectation of Life at Birth: France 70.50,Germany F Rep 69.30,Israel
      71.80 und Sweden 73.50[13/03/69 !],und Expenditure on Food as per cent
      of total private consumption expenditure:France 31.60,Germany F Rep 37,90,Israel 32.80 und Sweden 27.30.
      Zinsen und monetäre Politik sind mehr oder weniger einer Realität eigens die sich der reale Arbeit entkoppelt hat ten detrimente der klein Sparguthaben…das hat von tun mit soziale Gerechtigkeit und politische
      Stabilität.

  3. Gefunden...Wucher und auch Wucher des Ungleichgewicht, denn Gleichgewicht ist Naturbestreben.
    „So ist der Wucher hassenswert, weil er aus dem Geld selbst den Erwerb zieht und nicht aus dem, wofür das Geld da ist. Denn das Geld ist um des Tausches willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich dagegen durch sich selbst. […] Diese Art des Gelderwerbs ist also am meisten gegen die Natur.“

    Allerdings möchte ich alles „hassenswerte“ durch „bedenkenswert“=
    „findenswert“, „erkennenswert“, „refletionswert“…Gedankenwert(e)…
    auch bezogen auf Gesellschaftwert:=)

  4. Regulation Q?
    Welche spielt(e) Regulation Q Ihrer Meinung nach in dieser Hinsicht?

  5. Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn [ Robert Musil] : Theoretische Ambiguität //
    Das Paper „Banking and Deposits…“[03.2017] ,ein theoretische „pekuniäre“ Studie ,ein wissenschaftlicher Arbeit in Angriff nehmende Banken und Zinsen,insbesondere die wahrscheinliche Korrelation zwischen
    zwei sehr unterschiedliche Perzeptionen:“market power mechanism“ und
    „liquidity risk mechanism „.Dass lässt sich unterschiedlich interpretieren vis-a-vis „short term liquid assets“ Reserve.
    Die viele einzigartige Besonderheiten wirtschaftlich-politische Natur die sich aufweisen können ,oder vergleichenden Monetäre Studien,war ein
    breites Funfament gewesen.
    Dieser Studie ist rein monetär und lineär gedacht,wie die Auswahl der
    Worte,Zahlen,Sätze,Ideen und mathematische „Gedanken-Übersetzungen“
    klar macht.
    Denn ja stellt sich die Frage ,unwiderstehlich,wieviel Erkenntnisse oder
    bessere Verstehung oder Deutung im Vergleich der theoretischen Analysen
    einer Hicks [trade cycle] ,oder Hawtrey ,oder Pigou ;anders formuliert wieviel Mehrwert „produziert“,neben unterschiedliche politische Kontexte und Interessen[das Paper ist meines Erachtens durchaus Monetär-politisch Interessen geführt],die analytische Instrumenten des Papers .

    Oder ein Analyse à la Hicks[ monetär war Nebensache] : „monetary theory“
    und sein bevorzugte „real theory“.
    Ja ich muss gestehen die „multiplier“ und „accelerator“ Ideen und Analysen,und die ganze mathematische Darstellungen ,bewundernswert in ihrer Eleganz und Anschaulichkeit,“berauschen“ mich immer noch.
    Vielleicht ein Reminiszenz und mehr…frühere Lehrmeisters!?
    Ich vermisse ein allgemeinen Systematik der Leitzinsen und Monetäre Politik.[ autarke Interessen ?].

  6. Auf einer geistreichen Ebene triumphiert der Text über Ausgrenzung:FAZIT -ESSAY //
    Das sogenannte „unübertragbare “ hat jedoch immer sein unumgängliches
    Komplement im Wißbegier ,Wißbegier-Variationen ,die sich eintragen lassen wie ein Essay [essayer !],Proberäume einer Blog wie FAZIT.
    Ja jeder Hypothese oder intuitive Ansätz muß entrüsten.
    Entrüstung und Frage ,die sich nicht leicht fassen lassen ,benötigen ein passionierter Neugier
    der Wissenschaftler,i.c. Wirtschaftswissenschaftler.
    Geistreiche Einfälle ,dass ja alles verkörperen FAZIT-Essays/Essais ohnegleichen.
    Dergleichen Essais forschen und forschen die ,wenn sie wollen,die herausgebliebenen oder herausgeschnittenen „Hauptsachen „.
    Änder beispielsweise einige Worte:
    Statt Banken ,Globalisierung der Großunternehmung,
    statt Zins ,Aktienrendite,Wertpapieren,Dollaranleihen,Staatsanleihen ,Sparguthaben.
    Minimalen Verschiebungen,Perspektive- Verschiebungen,tun sofort und zur
    Gänze ein ganz andere Realität erscheinen.
    Unaufhaltsame Anstachelung der Neugier einer Wirtschaftswissenschaftler.
    Dass lässt sich ohne Bedenken ,ohne Vorurteile,ideal betrachtet,am besten
    essayistisch „übersetzen“.
    Und bitte Verzeihung die Neugier zwingst einer Fortsetzung der Lektüre und Erlernen dieses Blogs… .

  7. Auf Europa übertragbar?
    Mein Artikel hat heute morgen eine kleine Debatte auf Twitter ausgelöst, in der ein Chefökonom einer in Österreich angesiedelten Bank die Auffassung vertrat, die Studie wäre mit Blick auf die Lage in Europa wertlos.

    Die Studie befasst sich in der Tat nur mit den Vereinigten Staaten und trifft keine Aussage über Europa. Ohne eine seriöse Studie zu ersetzen, kann ein Blick in die Monatsberichte der Bundesbank mit Daten für Deutschland Stoff für etwas Nachdenken bieten:

    Die Zinsmarge in Deutschland betrug im Jahre 2001 nur 1,12 Prozent bei einem Leitzins von rund 4 Prozent. Im Jahre 2015 war die Zinsmarge mit 1,11 Prozent kaum verändert – aber der Leitzins war nahe null Prozent!

    Fraglos wäre es wichtig, aktuelle Studien für Europa zu haben. Ich habe in der F.A.Z. vor ein paar Wochen eine Arbeit aus Dänemark zitiert, die dort bisher keine dramatischen Effekte auf die Zinsmarge konstatiert, obgleich Dänemark seit fünf Jahren negative Leitzinsen hat. Hier ist eine Zusammenfassung der Studie: http://www.faz.net/aktuell/finanzen/anleihen-zinsen/folgen-der-negativzinsen-14951666.html

    Gruß
    gb

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