Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Was ist Geld und warum hat es einen Wert? (Teil 2)

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Das ist eine der Kernfragen der Wirtschaftstheorie. „Wir verstehen das Problem heute noch schlechter als früher“, klagt der renommierte Ökonom Martin Hellwig. Wir skizzieren in drei Teilen den Vortrag, den er auf der Tagung des Vereins für Socialpolitik in Wien gehalten hat. Im ersten Teil unserer kleinen Reihe hatten wir uns mit dem Wesen des Geldes befasst. Heute beschäftigen wir mit der Frage, ob Geld in die dominierende neoklassische Gleichgewichtstheorie passt.

In diesem Beitrag müssen wir etwas Theorie betreiben, aber wir versuchen, es möglichst einfach zu halten.

Der Wert des Geldes – ein kleiner Blick in die Theoriegeschichte

Ein altes Verfahren, aus dem sich ein Wert des Geldes bestimmen ließe, wäre die  Quantitätsgleichung: Geldmenge mal Umlaufsgeschwindigkeit ist gleich dem Preisniveau mal der realen Wirtschaftsleistung. Dem hielt John Hicks in einem in der monetären Ökonomik berühmten Aufsatz von 1935 die Frage entgegen: Warum wird der Wert des Geldes mechanisch abgeleitet, wenn der Wert von Gütern in der neoklassischen Theorie auf einem Optimierungskalkül beruht? Eine solche Vorgehensweise wäre auch für das Geld eine Voraussetzung, um Geld analytisch in die dominierende Gleichgewichtstheorie zu integrieren.

Einen systematischen Versuch unternahm wohl als erster Ökonom Donald Patinkin, aber schon kurze Zeit später konstatierte mit Frank Hahn ein führender Kenner der Gleichgewichtstheorie, dass sich das Geld so leicht nicht integrieren lässt. Denn – und das ist die wesentliche Frage: Woher soll Geld in einer friktionslosen Welt seinen Wert beziehen? Weder gibt es in der heutigen Welt ein Versprechen des Geldproduzenten (Zentralbank), das von ihm produzierte Geld auf Verlangen in ein werthaltiges Gut zu transferieren, noch wirft Bargeld eine pekuniäre Rendite ab.

 

Geld als Wertaufbewahrungsmittel

Eine Möglichkeit besteht darin, Geld als Wertaufbewahrungsmittel zu betrachten und so in die Gleichgewichtstheorie zu integrieren. Ein Gedanke (unter mehreren) ist, Geld in einem Modell zu untersuchen, in dem mehrere Generationen von Menschen vorkommen: Im einfachsten Fall (Samuelson 1958) gibt es eine jüngere arbeitende Bevölkerung und eine ältere Generation im Ruhestand. Die ältere bezieht Güter von der jüngeren, indem sie diese Güter mit Geld bezahlt. Aber warum gibt die jüngere Generation die Güter gegen das Geld her, anstatt die Güter selbst zu konsumieren? Nun, sie geht davon aus, dass sie, wenn sie selbst alt ist, dann auch mit Geld Güter von der nachfolgenden Generation kaufen kann.

Der Wert des Geldes beruht hier alleine auf der Annahme, dass Geld auch in Zukunft einen Wert als Tauschmittel besitzt, und diese Erwartungen werden im Modell nicht enttäuscht. Das Geld hat aber keinen intrinsischen Wert.  Der Nobelpreisträger Jean Tirole hat Geld in diesem Zusammenhang vor längerer Zeit als „Bubble“ bezeichnet; dieselbe Bezeichnung findet sich auch in der modernen „I-Theory“ von Brunnermeier/Sannikov.

Was taugt das Argument? Das Problem ist, dass Geld nur so lange als Wertaufbewahrungsmittel funktioniert, wie es kein verzinsliches Asset gibt, das ansonsten die Eigenschaften von Geld besitzt. In vielen ökonomischen Modellen wird dieses Thema ausgespart, weil in ihnen kein anderes finanzielles Asset als Geld vorkommt. Aber damit wird dem Thema ausgewichen. Hellwig schreibt: „Wenn es neben dem Papiergeld ein Consol gibt, einen Schuldtitel mit ewiger Laufzeit und konstantem Couponzins, und wenn Papiergeld und Consols in allen Transaktionen gleichermaßen verwandt werden können, so gibt es kein Gleichgewicht, in dem Papiergeld etwas wert ist.“1) Um mit dem Geld in der Gleichgewichtstheorie weiter zu kommen, muss man daher annehmen, dass sich Geld und ewiglaufende Staatsanleihen nicht nur in punkto Verzinsung unterscheiden. Worin könnte ein Unterschied bestehen? Das führt direkt zur Frage, ob man Geld wegen seiner Zahlungsmitteleigenschaft in die Gleichgewichtstheorie einbauen kann.

 

Geld als Zahlungsmittel

In vielen ökonomischen Modellen wird angenommen, dass Menschen Güter tauschen. Tatsächlich aber werden Güter üblicherweise gegen Geld getauscht. Wenn dieses „Zwischenschalten“ von Geld keine Folgen für das Wirtschaftsleben hätte, könnte man es in der Theorie unterschlagen (wie es auch häufig geschieht). Als einflussreich haben sich in der Theorie Arbeiten des amerikanischen Ökonomen Robert Clower aus den sechziger Jahren erwiesen. Er entwickelte aus einer bekannten Erkenntnis – „Money buys goods and goods buy money but in a monetary economy goods do not buy goods. Really, without money the world would not go around“ – Elemente einer keynesianisch geprägten Ungleichgewichtstheorie, die wir an dieser Stelle nicht vertiefen wollen.2)

Clowers Arbeiten gaben aber Anlass, analytisch dem Nutzen von Geld als Zahlungsmittel in modernen Modellen nachzuspüren. Das Ergebnis sind die sogenannten „Cash-in-Advance“-Modelle, die man in Lehrbüchern finden kann. Die Wirtschaftssubjekte müssen Geld halten, um Käufe vornehmen zu können – der Wert des Geldes besteht darin, dass es eine Zahlungsmittelfunktion ausübt, die zum Beispiel ein Consol nicht ausüben könnte.3) In diesen Modellen wird die Tatsache, dass Menschen Ressourcen für die Haltung von Geld mobilisieren müssen, als eine Einschränkung wirtschaftlichen Handelns verstanden: Wenn es nicht den Zwang zur Geldhaltung für Käufe gäbe, könnten alternativ zinstragende Anlagen erworben werden.

Hellwig sieht mit diesen Modellen Probleme: „Es ist widersinnig, dass die Verwendung von Geld als Restriktion erscheint und nicht als Erleichterung.“ Denn heißt es nicht gewöhnlich in der Geldtheorie, dass die Verwendung von Geld im Vergleich zur Güterwirtschaft das Tauschen erheblich erleichtert?4)

Der spätere Nobelpreisträger Robert Lucas hat in einem für die Cash-in-Advance-Literatur bahnbrechenden Aufsatz die Verwendung von Geld als vorteilhaft mit Bezug auf den Anfall von Informations- und Transportkosten sowie einer geringen Möglichkeit, beim Tausch betrogen zu werden, bezeichnet, aber Hellwig hat schon in seinem Aufsatz von 1993 die Frage aufgeworfen, ob solche Überlegungen im Rahmen der Gleichgewichtstheorie fehl am Platze sind. Vertreter des Ansatzes wie Clower und Lucas haben die Verwendung von Cash-in-Advance-Modellen mit einer Annäherung als die Realität begründet (in der Realität braucht man meistens erst einmal Geld, ehe man Güter kaufen kann), aber Hellwig überzeugt dies nicht, weil die Gleichgewichtstheorie nun einmal ihrem Wesen nach sehr abstrakt ist. Man könnte noch ergänzen, dass empirische Untersuchungen von Cash-in-Advance-Modellen bestenfalls durchwachsene Ergebnisse gebracht haben.

Bevor die Cash-in Advance-Modelle entwickelt wurden, gab es das in vielen Lehrbüchern erwähnte Modell von Allais/Baumol/Tobin zur Analyse des Geldes aus dem Transaktionsmotiv, wobei angenommen wird, dass den Haushalten als Alternative zur Geldhaltung ein verzinsliches Asset zur Verfügung steht.5) Die Frage, wie ein Haushalt sein Einkommen innerhalb einer Periode (zum Beispiel eines Monats) auf seine gewünschten Ausgaben aufteilt, ist dann auch von der Verzinsung des Assets (sowie den Gebühren für den Kauf und Verkauf des Assets) abhängig.

Haushalte treffen hier Portfolioentscheidungen und ein Punkt, auf den Hellwig in seiner Diskussion abstellt, lautet: Wer ist eigentlich die Gegenpartei, wenn die Tauschzeitpunkte von Geld in Assets und umgekehrt von Haushalten und Unternehmen nicht synchronisiert sind und der Markt für Geld nicht immer geräumt wird? Was dann? Wer sagt, dass ein Finanzintermediär wie eine Geschäftsbank für den Ausgleich sorgen könnte, müsste eine Antwort auf Hellwigs Frage haben: „Was ist in diesem Modell die Rolle von Intermediären, die sich darauf beschränken, ‚da‘ zu sein? Was ist deren Kalkül?“ Wer den Markt für Geld durch die Zentralbank räumen lassen will, müsste im Rahmen der Gleichgewichtstheorie eine Antwort auf Hellwigs Frage finden: „Funktioniert Laisser faire nicht in diesem Rahmen?“

 

Bestands- und Stromgrößen

Abschließend kommen wir noch einmal auf das Thema Bestands- und Stromgrößen zurück. „Portfolioanalyse, Kapitalmarkttheorie und Bankentheorie befassen sich mit Bestandsgrößen“, schreibt Hellwig. „Geld ist eine Bestandsgröße, aber eine, die beim einzelnen nicht konstant bleibt, sondern im Zahlungsprozess auf und ab geht.“ Nun aber gilt auch: „Der Zahlungsprozess ist eng verbunden mit Strömungsgrößen wie Konsum, Investitionen, Produktion und Einkommen.“

Hellwig fragt: „Wie modellieren wir die Dynamik von Bestands- und Strömungsgrößen so, dass die Sonderrolle von Geld berücksichtigt wird?“6)

Auf meine Frage, ob es eine moderne Arbeit gibt, die diesen Anspruch erfüllt, antwortete Hellwig kurz und bündig: „Nein.“

 

Im dritten und abschließenden Teil der Reihe befassen wir uns im übertragenen Sinne mit einer Geldtheorie ohne Geld.

 

 


  1. In einer Arbeit aus dem Jahre 1993, in der Hellwig den damaligen Stand der Geldtheorie zusammengefasst hatte, gelangte er nach diesem Befund zu dem Schluss: „This negative result unermines practically all our textbook models of closed-economy and open-economy macroeconomics.“
  2. Die Hochzeit dieser Schule waren die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Wer in seinem Bücherschrank das Makro-Lehrbuch von Felderer/Homburg besitzt, wird darin ein Kapitel finden. An der Uni hatten wir eine Monografie von Kurt Rothschild gelesen. In unseren Tagen hat Richard Werner versucht, auf der Basis dieser Ungleichgewichtstheorie zu argumentieren.
  3. Wir beschränken uns hier auf den einfachen Fall exogenen Geldes. Es gibt auch Modelle, in denen Kreditgeld verwendet wird.
  4. Um zur oben erwähnten neokeynesianischen Ungleichgewichtstheorie Clowers und seiner Mitstreiter zurückzukehren: Dort sorgt die Cash-in-advance-Einschränkung im Zusammenhang mit Friktionen in der Wirtschaft für die Möglichkeit einer Rezession. Hellwig schreibt kopfschüttelnd: „It is all the more paradoxical that the cash-in-advance constraint in our models make the use of money as a medium of exchange appear to be the source of an effective-demand problem.“
  5. In den Lehrbüchern wird das Modell meist anhand des Aufsatzes von James Tobin (1956) behandelt, aber die Priorität gehört Maurice Allais, dessen Arbeit in französischer Sprache erschienen und deshalb den amerikanischen Ökonomen unbekannt geblieben war.
  6. Ein Versuch einer solchen Modellierung findet sich in der Nobelpreis-Vorlesung Tobins (1981), der aber den heutigen Anforderungen an ökonomische Modellierung nicht mehr genügt.
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28 Lesermeinungen

  1. GE und Geld - Bachmann, Behrendt, Braunberger
    Vielen Dank für die Verbreitung meines Uralt-Papiers und meines Wiener Vortrags. Zur Diskussion hier einige Bemerkungen:
    1. Mit GE habe ich nicht Debreu gemeint, sondern intertemporale Modelle. Die von Herrn Braunberger zitierte allgemeine Formulierung des Existenzproblems ist völlig unabhängig davon, welches Modell man nimmt.
    2. In intertemporalen Modellen ist Geld immer auch ein Wertaufbewahrungsmittel. Allais/Baumol/Tobin ist ein Portfoliowahlmodell und ist insofern etwas ganz anderes als cash-in-advance.
    3. Dass es in der realen Welt Friktionen gibt und dass die Verwendung von Geld damit zu tun hat, ist trivial. Die Frage ist, was für Friktionen das sind und wie ganau sie das System beeinflussen. Zum Beispiel: Wenn Friktionen so wichtig sind, was ist der Geltungsanspruch der für eine friktionslose Welt formulierten Preistheorie, ob GE oder nicht.
    4. Für das Allais/Baumol/Tobin-Modell haben wir keine Gleichgewichtstheorie. Das liegt vordergründig an der Nicht-Konvexität der Technologie (fixe Abhebungskosten). Ein tieferer Grund liegt in der Endogeneität der Wahl der Transaktionszeitpunkte, wobei über die erforderliche Koordination verschiedener Partner nicht gesprochen wird.
    5. Das Cash-in-advance-Modell bildet nur triviale Fälle der Portfoliowahl ab, ist auch mit der Endogenität der Transaktionszeitpunkte nicht vereinbar. Es begründet den Realwert des Geldes mit dem Erfordernis, Geld für bestimmte Transaktionen für „eine Periode“ zu halten, ohne zu erklären, was „eine Periode“ eigentlich ist. Im Allais-Baumol-Tobin-Modell ist die Halteperiode beliebig kurz und die Geldhaltung beliebig klein, wenn Vermögen und Konsum sehr groß sind.
    6. Ich betrachte das Adjektiv „old-fashioned“ als Kompliment. Einen guter Teil der Entwicklung seit 1993 bezeichne ich als prokrustianische Amnäsie – Verdrängung von Dingen, die wir nicht modellieren können. Daraus bekommt man Journal-Publikationen und Zitationen, aber kein besseres Verständnis des Problems.
    7. Ich teile die hier geäußerte Skepsis an allgemeinen, umfassenden Modellen. In der Anwendung verlässt man sich immer auf ein Sammelsurium an Ideen und Modellen. Gleichwohl wäre es schön ein Modell zu haben, das die für ein Geldsystem wesentlichen Elemente enthält und zu wissen, ob die Bereitschaft der Teilnehmer, für an sich wertlose Papierzettel positive Leistungen zu erbringen, auf Erwartungen beruht, die sich – zumindest in einem stochastischen Sinn – hinterher erhärten lassen, oder ob die Erwartungen grundsätzlich in Teilen illusionär sein müssen.

    • "intertemporale Modelle"
      … welche antwort gibt es auf die frage, was die differenz zwischen der topologie (debreu, theory of value) und den „intertemporalen modellen“ ist?
      sind da nicht erlaueterungen von zins und geld erforderlich?
      guten gruss
      b. behrendt

    • Antwort an Bodo Behrendt
      Topologie liefert Hilfsmittel zur Spezifizierung mathematischer Strukturen, mit denen man bestimmte Aussagen präzisieren kann. Im Umgang mit nicht-linearen, interdependenten System kann das nützlich sein, in statischen Modellen ebenso wie in intertemporalen. Debreus Analyse ist rein statisch. Intertemporale Modelle haben Raum für Interaktionen (Tausch) an mehreren (vielen) Zeitpunkten, so dass es Bedarf für Mittel zur Aufbewahrung von Werten (Geld, Consols, Immobilien, Aktien…) von einem Zeitpunkt zum anderen gibt. Zinsen ergeben sich teils explizit aus den Verträgen, teils implizit aus den tatsächlichen Austauschverhältnissen.

    • Titel eingeben
      Sehr geehrter Herr Hellwig,

      die Frage, warum es Leute gibt, die an sich wertlose Papierzettel gegen positive Leistungen eintauschen, läßt sich relativ einfach damit begründen, daß diese die Zettelchen brauchen um ihre Verbindlichkeiten, die mit Zettelchen getilgt werden müssen, zu begleichen. Warum die überhaupt benötigt werden, läßt sich zwar nicht mit dem Tausch, aber mit der Arbeitsteilung begründen, weil man damit die Verteilung eines unsicheren Produktionsergebnisses hinbekommt. Den Geldgebrauch kann man also als eine Sozialtechnologie ansehen, die das Problem der Verteilung des Produktionsergebnisses in anonymen Gesellschaften ermöglicht – die Verteilung eines erlegten Mammut läßt sich auch ohne derartige abstrakte Institutionalisierung hinbekommen.

      Der Preis dafür ist, daß nicht mehr reale Leistungen der primäre Zweck von wirtschaften ist, sondern die Erzielung eines Vermögensüberschusses, der sich dann (hoffentlich) in einen Geldvermögensüberschuß transformiert. In einer Ökonomie, in der Geld hauptsächlich über Kredit entsteht, erhält man automatisch dann die Beziehungen, die durch die sog. ’stock-flow-consistent‘ Modelle abgebildet werden. Mit Hilfe von Simulationssoftware lassen sich diese als dynamische Modelle formulieren und analysieren.

      Da Sie es nicht erwähnten stellt sich mir die Frage, ob es Gründe dafür gibt, diese Modellklasse nicht in die Diskussion mit aufzunehmen – auch und gerade vor dem Hintergrund der „prokrustianische Amnäsie“ etwas ebenbürtiges gegenüberzustellen.

  2. Ergänzender Lektüre-Hinweis
    Zur Frage, was Geld ist, gibt es 2015 folgende Publikation (Dissertation) von Lars Bräutigam (2015): Geld, Macht und Herrschaft. Zur Kritik des Geldbegriffes und des inter­disziplinären Gelddiskurses. http://d-nb.info/1068550104 bzw. https://www.verlagdrkovac.de/978-3-8300-8301-6.htm .

    Dort wird ein Überblick zu Geldtheorien gegeben, kritisch auf die auch hier genannten (ökonomischen) Geldfunktionen eingegangen sowie die ökonomische Thematisierung von ‚Geld‘ auch im Kontext anderer Disziplinen kritisiert.

  3. wenn es kein Geld gäbe
    muesste/wuerde man es erfinden, oder? Also hat es eine Funktion/einen Wert für Tauschvorgänge jetzt und in der Zukunft. Dieses vielleicht sogar nur, weil Institutionen dieses doch garantieren? Vielleicht sind zur Erklärung von Krisen mit Geldimplikation Theorien nötig, die nicht die Neutralität des Geldes unterstellen bzw. die neoklassischen Gleichgewichtsmodelle hinter sich lassen? Ansätze hierzu in der österreichischen Schule, bei Keynes oder -für ganz mutige und unkonventionelle – sogar bei Marx bzw. der französischen Regulationsschule?

  4. Geld lässt sich nicht modellieren
    Die Ausführungen von Martin Hellwig lesen sich ja ganz interessant. Ein m. E. ganz wichtiger Punkt fehlt jedoch völlig.

    Geld ist, simpel gesagt, eine historisch gewachsene Praxis, die sich schlecht oder gar nicht in abstrakter Form modellieren lässt. Geld hat heute ganz andere Formen und Funktionalitäten als vor 100 oder 1000 Jahren. Eine Goldumlaufwährung, goldgedecktes Papiergeld und das heutige, völlig im luftleeren Raum schwebende „Fiat Money“ sind m. E. so unterschiedlich, dass sie sich nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen.

    So kann Warengeld, gleich ob eine Edelmetallwährung oder Zigarettengeld, spontan entstehen. Es müssen nur genügend Wirtschaftssubjekte bereit sein, diese Währung zu akzeptieren. Meines Wissens sind auf diese Weise, historisch gesehen, die meisten Formen von Warengeld entstanden.

    Im Gegensatz dazu kann Fiat Money, das ja keinen intrinsischen Wert hat, m. E. nur durch einen gesetzgeberischen Akt in die Welt gesetzt werden. Banken, Unternehmen oder Privatleute sind hierzu nicht in der Lage. Wer sollte ihnen wohl bunte Zettel abkaufen, die keinen Wert an sich haben und für die es auf Verlangen keinerlei werthaltige Assets gibt?

    Hingegen hat der Staat mächtige Hebel, um eine neue Fiat-Währung wie den Euro durchzusetzen: Zum einen kann er verlangen, dass Steuern und andere Abgaben in Zukunft nur noch in Euro gezahlt werden können. Zum anderen kann er einen allgemeinen Annahmezwang verhängen, der für alle Wirtschaftssubjekte gilt.

    Wie durchschlagend dies funktioniert, zeigt das Beispiel Montenegro. Wie vielleicht nicht allgemein ist, hat dieses Land unilateral den Euro als gesetzliche Währung eingeführt – OHNE jemals der Eurozone beigetreten zu sein. „Geld ist das, was gilt“, lautet ein altes Diktum. Und was gilt, bestimmt im Zweifel der Staat.

    Es ist jedoch ebenso richtig, dass auch eine Fiat-Währung sich spontan ausbreiten kann. So sind Dollar und Euro in vielen Ländern Osteuropas eine weithin akzeptierte Schwarzmarktwährung. Diese Rolle können sie jedoch nur spielen, weil Dollar und Euro in ihren Heimatregionen gesetzliches Zahlungsmittel sind.

    Geld, so wie wir es heute kennen und benutzen, ist im Kern ein rechtliches Konstrukt. Obendrein ändern sich die regulatorischen Vorschriften rund um Geld, Banken und Finanzsystem fortlaufend und in tiefgreifender Weise.

    Ich fürchte: Aus diesen Gründen lässt sich Geld nur schwer oder gar nicht in makroökonomische Gleichgewichtsmodelle einbauen.

  5. eine bitte ...
    … unter „schlagwoerter“ noch Gérard Debreu verzeichnen, war ja schueler von maurice allais.
    danke und gruss
    b.b.

  6. "Sonderrolle von Geld berücksichtigt wird?"
    … recht hat herr hellwig. s’gibt nix. unbescheidene vermutung: geld hat auch die WERTaufbewahrungsfunktion, aber wo kommt denn WERT in der GT vor?
    mit interesse
    b.b.

  7. "a very old fashioned definition of GE"
    … na ja. die GE ist von debreu (theory of value, 1959) mustergueltig formuliert. und jeder, der dies inhaliert hat, weiss, dass dort das geld nicht integriert ist – explizit. und jeder, der das buch von vorne bis hinten rezipiert hat, sollte das wissen – weshalb nicht.
    was gibt es denn, was ueber diese exakte formierung hinaus geht, which dedicated modern follower of economics bietet gehaltvoll neues? in zwei bis drei saetzen – und bitte ‚mal butter bei de fisch.
    wie immer interessiert.
    B.B.

    „Nice read, but I don’t get quite his problems. He has a very old fashioned definition of GE and then struggles.“

  8. Bachmann on Hellwig
    Auf Twitter hat sich Rüdiger Bachmann zu dem Beitrag wie folgt geäußert:
    „Nice read, but I don’t get quite his problems. He has a very old fashioned definition of GE and then struggles.“

    Wir haben uns kurz auf Twitter darüber ausgetauscht. Bachmanns Punkt ist, dass es in der realen Welt nun einmal Friktionen gibt und sich dann halt ein Zahlungsmittel durchsetzt – Geld, Zigaretten – und dies umso mehr, wenn es vom Staat akzeptiert wird.

    Gruß
    gb

    • Einige Notizen zum „Realen Welt“ und Max Webers
      singuläres im mitvollziehen,wie sich aus einer Fülle von Perceptionen Bilder
      des Verhaltens und Handelns zusammensetzt zur Deutung ,Verständnis und
      Erkenntnis.
      Erkenntnis der <> lässt entspringen ,unweigerlich begrenzt
      [nicht nur die Horizonterkennung], „ Landschaften „ ,theoretisch modelliert,doch ja einem undogmatischer Art und Weise,einer einmaligen schöpferische Leistung.
      Und dann denke ich an das herausragende facettenreiche Essay Max Webers: »
      Essai sur quelques catégories de la sociologie compréhensive « [essais sur
      la théorie de la science,recherches en sciences humaines 19,Librairie Plon,
      Paris /traduits de l’allemand par Julien Freund].

  9. Ein Wertewandel ...
    Anknüpfungspunkte F.A.Z. Artikel bereits erschienen.
    Wie sich etwas stabiles ,nicht » gleichgewichtig », hochgeschwindig ändern lässt:
    Fonds norvégien:plongée en poche profonde [Le Monde Économie,le 20
    septembre 2017].

  10. Göleichgewichtstheorie ist ein Modell
    Das eine reale Erscheinung wie Geld sich nicht ohne weiteres in die neoklassische Gleichgewichtstheorie integrieren lässt, überrascht nicht. Was überrascht, ist dass diese immer noch als Abbild der Realität missverstanden wird. Sie ist ein idealtypisches Modell, das dazu dient, einen Teil der der Realität unterliegenden Prozesse zu isolieren und sichtbar zu machen. M.E. ist Geld eine Recheneinheit, ein Anker, der es ermöglicht den Wert von Gütern einfacher in Beziehung zu setzen. Das bedeutet, dass sein Vorteil gerade in der Ertragslosigkeit liegt. Denn somit kann Geld keinen eigenen Preis haben. Hätte es diesen, so wäre es als Recheneinheit, als Anker ungeeignet. Es wäre in der Gleichung keine Konstante mehr, sondern eine Variable.

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