Fazit – das Wirtschaftsblog

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Ökonomen sprechen zu verschwommen

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Die Weltbank verändert ihre Sprache. In den Berichten steht nicht mehr, wer entscheidet. Was soll das?  Von Jürgen Kaube

    

Wie sprechen Ökonomen? Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten: Sie sprechen zumeist Englisch. Sie sprechen oft lieber in Zahlen und mittels der Formeln einer angewandten Mathematik als in Worten. Und sie sprechen gerne in Kausalbegriffen: X bewirkt Y, etwas Drittes würde etwas anderes bewirken.

    Der Literaturwissenschaftler Franco Moretti aus Stanford und der Wissenschaftshistoriker Dominique Pestre aus Paris haben jetzt untersucht, ob sich die Sprache der Ökonomen in den zurückliegenden Jahrzehnten verändert hat. Dazu haben sie die Jahresberichte der Weltbank einer wortstatistischen Analyse unterzogen. Die Weltbank ist Ende 1945 gegründet worden, ursprünglich um den Wiederaufbau von Staaten finanziell zu unterstützen, deren Wirtschaft durch den Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. In ihren Jahresberichten hält sie ihre kreditgebenden, subventionierenden und beratenden Aktivitäten fest, die sich seit geraumer Zeit vor allem auf Entwicklungsländer beziehen. Naturgemäß sind darum die häufigsten Worte, die in einem Weltbankbericht verwendet werden, seit je Vokabeln wie: ökonomisch, finanziell, landwirtschaftlich, Kredite, Entwicklung, Wachstum, Projekt. So weit, so trivial; daran hat sich im Verlauf der vergangenen siebzig Jahre nichts geändert.

    Was sich hingegen gewandelt hat, ist die Art, wie solche Worte eingesetzt werden. Die Sprachstatistik zeigt einen Übergang von Beschreibungen der materiellen Grundlagen einer Wirtschaft zu finanzwirtschaftlichem Vokabular und Begriffen aus der Welt des Managements. Bis etwa 1970 dominieren Darstellungen der realwirtschaftlichen Gegebenheiten. Womit wird gehandelt? Welche Verkehrswege gibt es, welche fehlen? Mit anderen Worten: Es wird beschrieben, in welche Projekte das Geld der Weltbank gesteckt wird oder werden müsste. Die Entwicklungsländer erscheinen als Aggregate von Investitionsobjekten (Staudämme, Brücken und so weiter). Man kann den Berichten entnehmen, ob es in ihnen Wälder, Flüsse, Häfen und Fabriken gibt.

    Zwanzig Jahre danach, in den neunziger Jahren, hat sich die Sprache komplett verwandelt. Zum einen gewinnt die Terminologie der Börse und des Finanzmanagements die Oberhand: Portfolio, Derivat, Zeitwert, Vermögen, Kreditausfall. Die materielle Lage und die Sachdimension von Entwicklungshilfe treten gegenüber ihren finanziellen Aspekten zurück. Entwicklungsländer und Projekte erscheinen als Anlageobjekte.

    Zum anderen verändern sich die Beschreibungen, was in den Ländern getan wird. Wo zuvor Probleme analysiert und Programme vorgeschlagen wurden, wird nun geprüft (audit), mittels Indikatoren evaluiert und Effizienz gesteigert. Kurz gesagt: das Vokabular von Ingenieuren, Volkswirten, Geographen ist durch das Vokabular von Unternehmensberatern überholt worden. Es geht um „Ansätze“, Ziele, Prioritäten, Prinzipien, Reformen und um, ein Zauberwort, „governance“. Governance ist ein etwas schickeres, weniger bürokratisch klingendes Wort für Verwaltung. Moretti und Pestre notieren lakonisch, „governance“ komme in den Weltbankberichten inzwischen so häufig vor wie „Nahrung“ und hundertmal häufiger als „Politik“.

    Dieser Übergang von konkreten Objektbeschreibungen zu einer Sprache aus dem Reformhaus der Weltberatung hat unter anderem zur Folge, dass die Probleme von Entwicklungsländern als überall dieselben erscheinen. Es geht immer mehr „global“ zu, überall werden „stakeholder“ identifiziert, Dialog gefordert, Zivilgesellschaft angesprochen. Die Länder selbst werden als Kunden der Weltbank bezeichnet. Zugleich stellen die Autoren fest, dass sich in den Weltbankberichten eine ethische Redeweise etabliert hat. Die Nüchternheit einer Welt, in der es um Energieversorgung, Krankenhäuser und Saatgut gehe, sei ersetzt worden durch Anteilnahme: „In ihrer andauernden Hingabe an die Überwindung der Armut und die Schaffung neuer Möglichkeiten für die Menschen in Entwicklungsländern macht die Weltbank Fortschritte“, heißt es beispielsweise 2012. Hingabe (dedication) an den Kunden – die geschäftlichen Beziehungen sollen moralische sein. Es nehme die Menge der „selbstbeglückwünschenden Wörter“ in den Berichten zu.

    Die Gründe für diesen Wandel erkennen die Autoren in einer veränderten weltwirtschaftlichen Lage. Der Optimismus, mittels sinnvoller Investitionen stabiles Wachstum zu erzeugen, nimmt Ende der siebziger Jahre ab. Die Schwankungen der Rohstoffpreise und der Wechselkurse, die Überschuldung der Dritten Welt machen aus der Weltbank tatsächlich eine Bank. Und zwar eine Bank, die sich zunehmend unübersichtlichen Wechselwirkungen zwischen ökonomischen Faktoren gegenübersieht. „Die Weltbank macht sich Sorgen um ihr Geld“ und stellt Entwicklung hinter das Ziel der Rückzahlungsfähigkeit zurück, genauer: Sie setzt Kreditwürdigkeit mit Entwicklung gleich und also Entwicklung mit der Herstellung marktwirtschaftlicher Rahmenbedingungen.

    Interessanterweise geht aber der Glaube an „neoliberale“ Dogmen mit einer Bürokratisierung der Sprache einher. Sie ist voller -ierungen, -ionen, -ungen, -heiten- und -keiten. Handlungen werden durch die Verwandlung von Verben in Substantive zu abstrakten Objekten: Implementation, Wettbewerbsstraffung, Armutsreduzierung. In den Weltbankberichten ist die Häufigkeit von solchen Substantiv-Verdichtungen noch höher als in akademischen Publikationen.

    Die Frage, wer was wann wo konkret tut, verschwindet dabei aus dem Blick. Statt „Hunger“ heißt es nun „Nahrungsmittelunsicherheit“. Und „wenn eine Schuldenkrise droht, hält „Priorisierung“ Einzug – aber wer festlegt, welche Gläubiger zuerst bedient werden müssen, taucht in den Berichten nicht mehr auf. „Warum X und nicht Y? Wegen der Priorisierung.“ Die Protagonisten der „governance“, so Moretti und Pestre, sind inzwischen keine Akteure mehr, sondern unwiderstehliche Prinzipien. Mit anderen Worten: Es wird gesprochen, als gebe es keine Entscheider, keine Verantwortung. Es werden Bemühungen beschleunigt, Kunden beim Verbessern ihrer Bemühungen zu helfen. „Alles extrem erhebend“, schließen die Sprachanalytiker, „alles extrem verschwommen“, viele Aussichten, wenig Fakten, „alles wird verändert, nichts wird vollbracht“. Und das soll ökonomisch sein?

Literatur:

Franco Moretti, Dominique Pestre: „Banksprech. Die Sprache der Weltbank-Jahresberichte, 1946-2012“, in: Franco Moretti u.a.: Literatur im Labor, Konstanz University Press 2017

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4 Lesermeinungen

  1. Verschwommenheit und Valorisation
    verschwimmen ,verschwommen….wie auch immer ein „ zurück zu den Sachen selbst“ [Husserl] oder das « parole parlante « [Merleau-Ponty]
    gibt es ja tagtäglich:Die Berichterstattung der F.A.Z. – insbesondere Wirtschaft und Finanzen– schwimmt nie fort vor das Dasein was sich gibt und wie es sich gibt.
    Alle Achtung !

  2. Interessant, aber...
    bisweilen entsteht der Eindruck, als ob es sich beim Management bzw. der ‚Unternehmensberatung‘ um etwas ‚von außen‘ handelt, das auf einmal über die VWL gekommen wäre. Verhält es sich aber nicht so, dass viele Konzepte im Management und der Unternehmensberatung auf VWL-Ansätze zurückgehen? In meinen Augen sind z.B. Prüfung (audit), Evaluation und Indikatoren deutlich vom Geist der Prinzipal-Agenten-Theorie berührt (prüfen, Benchmarks usw.).

    Etwas mehr Präzision hätte ich mir bzgl. der Kritik gewünscht, dass in der „Weltberatung“ der „Dialog gefordert, Zivilgesellschaft angesprochen“ werden soll. Kritikwürdig wäre doch nicht die Aufforderung zum Dialog, sondern das Nicht-Benennen der konkreten (auch zivilgesellschaftlichen) Akteure in diesem Dialog.

    Interessant finde ich die Feststellung, dass „sich in den Weltbankberichten eine ethische Redeweise etabliert hat“. Denn offenbar, so ließe sich dieser Gedanke fortführen, bleibt diese ohne normative Substanz, wenn hier am Ende festgestellt wird, dass es keine Verantwortung mehr gebe oder auch nicht festgelegt würde, „welche Gläubiger zuerst bedient werden müssen“. Mag hier also nur der Anschein ‚ethischer‘ Rücksichtnahme erweckt werden?

  3. Ökonomen sprechen verschwommen...
    „schreiben verschwommen“ ist wohl gemeint. Es handelt sich allerdings wohl nur um „die Ökonomen der Weltbank“ und nicht um alle Ökonomen.

    Die merkwürdige Begriffsbildung hat m.E. sehr viel mehr mit dem Druck der „political correctness“ als mit Neoliberalismus zu tun. Krampfhafte Versachlichung bis hin zur absurden Schönfärberei findet sich doch inzwischen überall. Leider ließ die Gegenbewegung nicht lange auf sich warten: Maßlose sprachliche Übertreibungen bis hin zu anonymen Hasstiraden.

  4. Der Consulting-Jargon durchdringt mittlerweile...
    …auch die Verlautbarungen von Regierung und Parteien. Mit dem gleichen Ergebnis: unverbindliche Pseudo-Kommunikation. Frau Merkel kann das besonders gut!

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