Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Die Suche nach Trotteln

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Manche Menschen nutzen die Schwächen anderer gezielt aus. Das gehört zur Marktwirtschaft dazu. Von Jürgen Kaube

Die ökonomische Theorie stellt sich die wirtschaftlich handelnde Person als eine vor, die weiß, was sie will, und die sich informiert hat, bevor sie entscheidet. Mitunter werden ihr sogar ganz außerordentliche Leistungen zugetraut: vernünftige Konsumpläne, vollständige Lernbereitschaft, Willensstärke. Natürlich fügen Ökonomen oft hinzu, sie konstruierten ihre Modelle nur so, „als ob“ die Leute rational und vorausschauend seien. Aber die wirtschaftspolitischen Empfehlungen, die aus diesen Modellen abgeleitet werden, sind dann doch Empfehlungen für die tatsächliche Welt, die nicht von „Als-obs“, sondern von uns Mängelwesen bewohnt wird.

    Die Mängel dieser Wesen sind zahlreich und vielfältig. Die Nobelpreisträger George Akerlof und Robert Shiller haben ihnen ein Buch gewidmet. Ihre These ist, dass es auch für das Ausnutzen unserer Schwächen Märkte gibt, oder anders formuliert: Nicht nur, was wir gerne hätten, wird auf Märkten angeboten, sondern auch, was unsere Irrtümer ausnutzt. Nehmen wir beispielsweise den Gebrauchtwagenhändler, der auf die Idee kam, Termine mit seinen Kunden nicht nacheinander zu machen, sondern die Treffen einander überlappen zu lassen. Unabhängig von den Qualitäten des Wagens entstand so beim Kunden das Gefühl, „seinen“ Pkw an jemand anderen verlieren zu können. Das ist zwar Quatsch, führt aber messbar zu höherer Zahlungsbereitschaft.

    Oder nehmen wir die Studie, die schon vor gut einem Jahrzehnt gezeigt hat, dass die meisten Nutzer von Fitness-Studios dafür bezahlen, nicht dorthin zu gehen. Vor die Wahl gestellt, pro Besuch zu zahlen, pro Monat oder pro Jahr, zeigten die untersuchten Konsumenten nämlich ein merkwürdiges Verhalten. Sie zogen die monatlichen Verträge vor, gaben dadurch mehr als 600 Dollar jährlich mehr aus, als bei Einzelzahlung angefallen wäre, und blieben sogar länger als die Jahresabonnenten, obwohl sie für die Option, früher zu kündigen, einen Aufschlag bezahlt hatten. Die Erklärung der Ökonomen: Die Leute haben zu großes Vertrauen in ihre Fähigkeit zur Selbstkontrolle, also in ihr zukünftiges Verhalten.

    Solange es solche Selbsttäuschungen gibt, so lange wird es jemanden geben, der sie bewirtschaftet. Die Autoren nennen das „phishing“, also das Auslegen von Ködern, um „fools“, treuherzige Opfer, zu angeln. Immobilien, Aktien, Kosmetika, Autos und Handtaschen werden nicht von rationalen Akteuren erworben, sondern von phantasieanfälligen. Also werden sie auch nicht von Kostenrechnern, sondern von Erzählern verkauft oder sagen wir besser: von kostenrechnenden Erzählern. Die Käufer sind nicht ehrlich sich selbst und ihrem Budget gegenüber. Die Verkäufer sehen keinen Grund, ihnen dabei nicht entgegenzukommen.

    Unter den zahllosen Beispielen, die Akerlof und Shiller geben, findet sich auch eines, das die Theorie des technischen Fortschritts betrifft. Ende der fünfziger Jahre hatte der amerikanische Ökonom Robert Solow ausgerechnet, dass nur etwa ein Achtel des Anstiegs der Produktion pro Arbeitsstunde auf zunehmenden Kapitaleinsatz – mehr Maschinen, größere Fabriken – zurückgeht. Sieben Achtel des Wachstums seien ein Effekt neuer Ideen. Solow stellte sich darunter technologische Innovationen vor.

    Bei allem Respekt für seine ebenfalls mit einem Nobelpreis honorierten Studien sind sie für die Autoren doch ein Fall von „Hallelujah-Ökonomik“. Denn neue Ideen führten nicht immer zu wirtschaftlichem Fortschritt. Genauso groß wie der technische Wandel seien womöglich unsere Erkenntnisfortschritte dabei, andere über den Tisch zu ziehen. Fortschritte bei den Spielautomaten, die einen Teil ihrer Kundschaft süchtig machen, Fortschritte bei den Modellen von Rating-Agenturen, die faule Kredite als erstklassig bewerten, Fortschritte in der Werbeindustrie, Fortschritte im Lobbyismus.

    Oder nehmen wir Fortschritte in der Finanzindustrie. 1969 stieß der Student Michael Milken in der Bibliothek seiner kalifornischen Universität auf W. Braddock Hickmans „Corporate Bond Quality and Investor Experience“. Darin fand er eine Tabelle, die zeigte, dass besonders niedrig bewertete Schuldverschreibungen von Firmen zwischen 1900 und 1943 eine höhere Verzinsung erzielten als höher bewertete. Wenige Jahre später hatte Milken erfunden, was andere „junk bonds“ nannten, hochverzinsliche Wertpapiere mit hohem Ausfallrisiko. Zu seinen Treffen mit Investoren brachte er regelmäßig Hickmans Buch mit. Und eine Geschichte: Wenn man mittels solcher „Schrottanleihen“ Firmen kaufe, die von inkompetenten Managern geführt würden, rechtfertigten die Effizienzgewinne des neuen Managements die hohen Zinsen auf die „junk bonds“. Es bedurfte also vor allem vieler Erzählungen über unterbewertete, weil schlecht geführte Firmen. Auf dem Höhepunkt seiner Aktivitäten gelang es Milken 1985 einmal, in nur 48 Stunden 1,5 Milliarden Dollar für eine plötzliche Firmenübernahme aufzubringen.

    Die Schuldverschreibungen in den Tabellen bei Hickman waren solche von Firmen gewesen, die einst groß waren, aber dann in eine Krise gerieten. Die „junk bonds“ von Milken hingegen waren von Anfang an Schrottpapiere. Sein Gewinnversprechen beruhte auf statistischer Schönfärberei und falschen Analogien. Am Ende war Drexel, Burnham, Lambert, die Firma, in der Milken arbeitete, bankrott, und er fuhr wegen illegaler Operationen ins Gefängnis ein.

    Akerlof und Shiller analysieren Schritt für Schritt, wie hier die Hindernisse, um andere Leute auszunehmen, mittels kreativer Buchführung, angeblicher Expertise und Netzwerkbildung aus dem Weg geräumt wurden. Nicht, um sich über Milken – oder Spielautomatenhersteller, Werbeagenturen, Wahlkampfstrategen – zu empören, sondern um zu zeigen, dass solche Aktivitäten Bestandteil der Marktwirtschaft sind. Ihre Forderung ist, die regulatorischen Fähigkeiten des Staates zu stärken, die dem „phishing for fools“ entgegentreten. Die berühmte Wendung, der Staat sei – „in der gegenwärtigen Krise“, wie Ronald Reagan 1981 immerhin einschränkte – nicht die Lösung, sondern das Problem, sei selbst ein Fischen nach Narren gewesen. Ob es um die Wahlkampffinanzierung gehe oder um die Regulierung der Kapitalmärkte, stets erlaubten Märkte den Leuten nicht nur freie Wahl, sondern auch die Freiheit zu „phischen“ und „gephischt“ zu werden. Und je größer die Verflechtung alles wirtschaftlichen Handelns sei, desto mehr werde die Leugnung dieses Umstandes ein Rezept für gesellschaftliche Desaster.

 


 

    George A. Akerlof und Robert J. Shiller: Phishing for Fools. Manipulation und Täuschung in der freien Marktwirtschaft, Düsseldorf 2016; Stefano Della Vigna und Ulrike Malmendier: „Paying Not to Go to the Gym“, American Economic Review Vol. 96 (2006).


11 Lesermeinungen

  1. Tatbestände und Tatorten nicht immer klar//Eigennutz und Ausnutzen//Ratlosigkeit
    Moralphilosophen//
    Alles in allem alltägliche Trivialität,die den Leser erröten machen.

    Eigennutz und Ausnutzung sind Qualitäten,die sich auszahlen lassen.

    Ein jeder Gesellschaftsbiographie ,gemessen an der Wirtschaftsleistung :
    überbordende Bildungsstoff.

  2. Verhalten- „Paragenese“: Nutzen-Kosten-Analyse im rechtsstaatlichen Räume ,
    die sich „Trottel“ leisten können,dürfen oder sollen- konjunkturpolitische periodische Systemen eigens- Neuerscheinungen zeigenden;dennoch einer
    Konstante lässt sich nie räumen,Widerwillens und Danke untergeordnet,aber immer wieder blicken ,beobachten,staunen und ohne Mühe gelehrt [„doctement“] darstellen ,nach Belieben wie das unvermeidliche und logisch verständliche , jeder politisch -gesellschaftlichen Bühne ,jeder Couleur eigens:nämlich die erlösende „freie“ Marktwirtschaft.
    Immer wieder ja notorisch dargestellt mit scheinbar unendliche Encores

    Aber was ist wenn so etwas wie die tägliche Nahrung sich nicht einfach durchschauen lässt ,wenn ja Transparenz ein gehobenes Merkmal ist einer
    Marktwirtschaft mit ehrlicher Wettbewerb,ja denn könnte „Le Dico de Malbouffe »[Les Dossiers du Canard Enchainé,Avril 2018] hilfreich sein,
    oder…

  3. Ausnutzen von Irrtümern - in der Privatwirtschaft und beim Staat ein Problem
    Das beschriebene Ausnutzen von Irrtümern ist sicher sowohl in der Privatwirtschaft als auch in der Politik ein unschöner Nebeneffekt der Meinungs- und Informationsfreiheit. Schön deutlich wurde es mir bei einem Werkstattgespräch, wo der Verkäufer nicht log „Hier ist es billiger als bei Mercedes“, sondern nur scheinheilig fragte: „Was glauben Sie, was Sie bei Mercedes zahlen würden ?“ In der Politik ist das Ausnutzen von Irrtümern z.B. bekannt von den jahrzehntelang angekündigten Wohltaten (schnelles Internet, verteidigungsfähige Bundeswehr) oder vom Schimpfen gut bezahlter Politiker über die Brüsseler Normierungswut: Wer da Ärger z.B. über EU-Bananenvorschriften schürt, setzt darauf, dass die Adressaten nicht wissen, dass Wirtschaft ohne Normierung in die Steinzeit zurückfallen, weil einen Handel praktisch ausschliessen, würde.
    Da angesichts des allgemeinen Moralverfalls vermutlich die Bereitschaft zur Täuschung und Ausnutzung der Täuschung zunimmt, stellt sich rechtspolitisch die Frage, ob über die Betrugsstrafbarkeit hinaus nicht Täuschung und Ausnutzung der Täuschung vorsichtig sanktioniert werden könnten, um intelligente Entscheidungen auf der Basis der Faktenkenntnis zu fördern. Aber Regulierung nutzt regelmäßig ebenfalls den Irrtum aus, die Behörde kenne die Wahrheit besser und entscheide besser. Insoweit besteht die Gefahr, dass der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben würde. Vielleicht müssen die Möglichkeiten des § 119 BGB, Willenserklärungen wegen Irrtums anzufechten, in allen gesellschaftlichen Bereichen erleichtert werden.

  4. Der Ruf nach dem starken Staat?
    Da gab es diese Beobachtung bei Putzerfischen, die von einem Synergieeffekt leben: Die Parasiten, die sie von der Haut größerer Tiere entfernen, sind ihre Nahrungsquelle. Da sie sich an festen Orten aufhalten, werden sie dort von großen Fischen besucht, die sich von Ungeziefer befreien lassen. Im Zuge einer umfangreichen Beobachtung fiel auf, dass sie unbekannte „Kunden“-Fische denjenigen vorzogen, die sie schon kannten. Sie behandeln Neukunden besser als Stammkunden. Die Stammkunden sind die Gekniffenen, sie müssen länger auf die Reinigung warten.

    Wem fallen dabei nicht sofort divere Wechselprämien ein, z.B. aus dem Publikums-Banksektor? Bei dieser Form „unfairer Behandlung“ handelt es sich offenbar fast um ein Naturgesetz, genauer: Um evolutionär optimiertes Verhalten. Daher kann man weiter schließen: Gäbe es etwas schlauere künstliche Intelligenzen als die heutigen, die das Attribut noch nicht werdienen, würde man beobachten, wie sie miteinander in Wettbewerb treten und sich gegenseitig austricksen.

    Genauso ist der Staat kein Allheilmittel, sondern zwangsläufig mit seinen anmaßenden Fehlregulierungen beständiger Erzeuger von Problemen. Reagan hatte vollkommen recht – und hat dann wie verrückt den Staatshaushalt in Schieflage gebracht, um zu zeigen, dass ihn sein eigenes Gerede nur bedingt interessiert.

    Ca. 230 Staatsbankrotte seit 1800 haben aber immerhin demonstriert, welch hohes Maß an krimineller Energie Staaten als Schuldner dabei aufbringen, Gläubiger zu betrügen. Trotzdem hält man den Staat weithin für den Tugendbold, der die Welt verbessern wird, wenn er nur genügend Aktivität zeigt. Ergebnis: Sobald die nächste Rezession kommt, wird sich Italien seiner Schulden entledigen und das war’s dann dank Rettungspolitik und eurozonaler Abhängigkeiten. Aus für die Sparer, in deren Haut man dann nicht stecken möchte. Selbst wenn es nicht soweit kommt: Tänze auf dem Vulkan sind unnötig, aber sicherlich Ausweis ökonomischer Ignoranz. Durchgesetzt von europäischen Politaktivisten und ihren Staaten.

  5. Wer sind nur all die Dummen?
    Ich schätze mal, die meisten Leute halten sich für ziemlich schlau. Wie kann es sein, dass sich all diese klugen, erfolgreichen Menschen so leicht von windigen Verkäufern auf’s Kreuz lassen? Verkäufer, die oft den Eindruck erwecken, sie seien selber viel unbedarfter als ihre gebildete Kundschaft. Aber vielleicht ist genau das der Trick dabei?

  6. Der Sumpf und die Frösche
    Da auch die Politiker großenteils von der Suche nach Trotteln und ihrer Nasführung leben, ist staatlicherseits (durch wirksame Regulation) keine ernstgemeinte Abhilfe zu erhoffen.

  7. Ich würde nicht von Selbsttäuschung schreiben, sondern von Selbstbetrug, ...
    … denn bei einer Täuschung hat man immer noch die Wahl, es nicht über sich ergehen zu lassen. Bei Betrug hingegen ist die Machenschaft abgeschlossen. Man hat sich selbst wissentlich oder durch Gleichgültigkeit betrogen. Der Delinquent ist der Täter, bestimmt nicht das Opfer.

  8. Tell me sweet little lies
    Warum nicht, wenn es im gesetzlichen Rahmen geschieht, so die landläufige Auffassung. Das Problem ist doch eher, dass „der Staat“ oft genug aus Wahltaktik oder lobbygetrieben auf der Trickserseite steht. Andernfalls gäbe es bessere Schulen, und Ökonomie als Pflichtfach. Ein besseres Mittel gegen die allfällige Vernebelung existiert nicht. Und schließlich lässt sich jeder mal wider besseres Wissen gerne was Hübsches vorflunkern, siehe oben.

  9. Titel eingeben
    Danke für das Aufmerksammachen.

  10. Mein Opa pflegte zu sagen...
    Jeden Morgen stehen x Dumme auf, du mußt sie nur finden…

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