Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Niedrigzinsen müssen kein Todesurteil sein

| 2 Lesermeinungen

Banken können besser mit ihnen umgehen als Versicherer, aber auf lange Sicht sind Niedrigzinsen auch nicht risikolos.

Banken und andere Finanzunternehmen klagen seit langem über sehr niedrige Zinsen und Anleiherenditen. Aber stellen niedrige Zinsen wirklich eine Existenzgefährdung für Finanzhäuser dar? Eine bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) angesiedelte Arbeitsgruppe hat sich dieses Themas angenommen. Ihre Schlussfolgerung lautet: Dramatisierungen sind unangebracht, weil Finanzunternehmen die Fähigkeit besitzen, sich an ein Umfeld anzupassen. Aber je länger die Zinsen sehr niedrig bleiben, umso größer werden die Risiken für die Finanzstabilität.

Ein interessanter Befund der BIZ lautet: Banken können mit niedrigen Zinsen besser umgehen als Versicherer und Pensionskassen, auch wenn das niedrige Zinsniveau die für viele Banken wichtige Zinsmarge (das ist die Differenz zwischen Kreditzinsen und Einlagenzinsen) drückt. Dies gilt vor allem, wenn die Kreditzinsen fallen, die Zinsen für Kundeneinlagen aber nicht mehr gesenkt werden können, weil sie bereits auf null gefallen sind und Negativzinsen für Einlagen von Privatkunden keine Option sind. Dennoch heißt es in der Untersuchung: „Die Banken sollten eher in der Lage sein, mit Risiken für ihre Gesundheit in einem Szenario umzugehen, in dem die Zinsen für lange Zeit sehr niedrig bleiben.“ Als Gründe nennt die Untersuchung unter anderem die Möglichkeit von Kostensenkungen, der Steigerung der Gebühreneinnahmen oder der Laufzeitverlängerung von Anlagen. Ein mehrjähriges Anschauungsbeispiel bieten die Banken in Dänemark, wo die Nationalbank schon im Jahre 2012 einen negativen Leitzins einführte.

Andere Finanzhäuser stehen vor größeren Herausforderungen. „Versicherungen und Pensionsfonds wären in einem Szenario, in dem die Zinsen lange Zeit niedrig bleiben, verletzlicher“, stellen die Autoren fest. Der Grund liegt in der häufig geringeren Laufzeit der Kapitalanlagen dieser Häuser im Vergleich zur Laufzeit der Verbindlichkeiten. Ein Beispiel: Pensionskassen haben heute schon Verträge abgeschlossen, die sie, die durchschnittliche Lebenserwartung angenommen, noch in 50 Jahren dazu verpflichten werden, Zahlungen an Kunden vorzunehmen. Diese Pensionskassen werden aber in den wenigsten Fällen viele Kapitalanlagen mit einer Laufzeit von 50 Jahren besitzen. Solche Diskrepanzen belasten die Bilanzen von Lebensversicherern und Pensionskassen in Zeiten niedriger Zinsen stärker als bei höheren Zinsen. Das ist ein Grund, warum eine zweistellige Zahl deutscher Lebensversicherungen derzeit von der Aufsicht sorgfältig auf die Tragfähigkeit ihrer Geschäftsmodelle überprüft wird.

Diese Belastungen aus den niedrigen Zinsen erstrecken sich allerdings über einen langen Zeitraum und haben viele Häuser veranlasst, unter anderem durch den Erwerb sehr lange laufender Anleihen die durchschnittliche Laufzeit ihrer Kapitalanlagen zu erhöhen. So ist dieser Durchschnittswert in den Niederlanden, wo Pensionskassen eine wichtige Rolle in der Altersvorsorge spielen, zwischen 2007 und 2016 von siebeneinhalb auf zwölf Jahre gestiegen. Zahlreiche Häuser haben die garantierten Mindestrenditen gesenkt, um mit dem schwierigen Umfeld umgehen zu können.
Eine verbreitete Sorge lautet, dass Banken und andere Finanzhäuser in Zeiten niedriger Zinsen für sichere Anlagen versucht sein könnten, sehr viele riskante Kapitalanlagen zu erwerben. Die BIZ sieht aber bisher keine Exzesse: „Die Banken haben mehr Immobilienkredite vergeben, aber es gibt wenige Hinweise auf eine übertriebene Risikofreude.“

Nichtsdestoweniger bleiben Risiken. Auch wenn die Banken generell mit niedrigen Zinsen umzugehen verstehen, könnten manche Banken in Schwierigkeiten geraten. Einigen Versicherern und Pensionskassen könnte es schwerfallen, ihr Geschäftsmodell in einer langen Niedrigzinsphase wetterfest zu machen. Und schließlich könnte ein Übergang zu steigenden Zinsen manche Häuser vor große Herausforderungen stellen.
————————————
Dieser Beitrag ist am 6. Juli 2018 im Finanzteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

 


2 Lesermeinungen

  1. Liquiditätsfalle voraus
    „Die Ursache für das Sinken des Zinsfußes wird vorzüglich darin gefunden, dass die besonders rentablen Kapitalanlagen großen Maßstabes heute erschöpft sind und nur Unternehmungen von geringer Ergiebigkeit übrig bleiben. …Nur ein allgemeiner europäischer Krieg könnte dieser Entwicklung Halt gebieten durch die ungeheure Kapitalzerstörung, welche er bedeutet.“

    (Aus der Zeitschrift des Sparkassenverbandes, 1891)

    Bis zur Katastrophe vom 26. Dezember 2004, die etwa 230.000 Todesopfer forderte und über 1,7 Millionen Menschen obdachlos machte, wusste kaum jemand, was ein Tsunami ist. Obwohl sie relativ häufig vorkommen (2011 zerstörte ein weiterer Tsunami das Kernkraftwerk Fukushima), werden solche Naturkatastrophen immer wieder vergessen. Denn man kann ohnehin (fast) nichts dagegen unternehmen, und danach geht das Leben weiter.

    Anders verhält es sich bei der unmittelbar bevorstehenden, größten anzunehmenden Katastrophe der Weltkulturgeschichte, die nicht natürlichen Ursprungs ist und die nicht nur einzelne Länder, sondern die ganze Menschheit bedroht. Die „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ (John Maynard Keynes, 1936) bezeichnet das Phänomen, das den Krieg unvermeidlich macht, als Liquiditätsfalle, und schon solange der Mensch Geld benutzt, sind alle Hochkulturen und Weltreiche an der systemischen Ungerechtigkeit der Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz zugrunde gegangen (siehe: „System der politischen Ökonomie“ von Prof. Dr. Gustav Ruhland). Vermehren sich die Sachkapitalien (Häuser, Fabriken, Schiffe, etc.) und sinkt dadurch der Kapitalmarktzins unter die Liquiditätspräferenzgrenze von 2 bis 3 Prozent, werden Geldersparnisse nicht mehr investiert, sondern zu Spekulationszwecken liquide gehalten. Die einzige Möglichkeit für die Dummen, aus der Liquiditätsfalle herauszukommen, ist ein Krieg, der eine umfassende Sachkapitalzerstörung und somit eine Anhebung des Zinsfußes bewirkt, damit nach dem Krieg wieder neues Zinsgeld in neue Sachkapitalien investiert werden kann.

    Einerseits kann heute die globale Liquiditätsfalle ohne besondere Anstrengung durch einfache Gesetzesänderung abgewendet werden; geschieht dies jedoch nicht, müssen anderenfalls über 90 Prozent der Weltbevölkerung innerhalb kurzer Zeit verhungern und der überlebende Rest darf die letzten 10.000 Jahre Kulturentwicklung noch einmal durchlaufen!

    • Wie sähe das Gesetz denn aus ?
      Bis zum letzten Absatz bin ich voll bei Ihnen. Fällt der Marktzins unter ein bestimmtes Niveau wird die Spekulation in Finanzanlagen befeuert ( aber das Geld nicht umgeleitet, selbst haussierende Aktien „absorbieren“ keine Ersparnis ).
      Der Marktzins hat aber auch einen Einfluss auf die Realwirtschaft ( und hier ist ja Keynes auch nicht jemand, der diesen Einfluss leugnet, eher im Gegenteil ). Und was nützt es, die Finanzspekulation mittels „Mindestzins“ im Zaum zu halten, wenn dadurch die Realwirtschaft in die Grütze geht ?

      Man müsste also an der Wurzel ansetzen, und die „Gesetzesänderung“ müsste in einem „Sparverbot“ bestehen, also Gewinnverbot für Unternehmen, drakonische Vermögenssteuern und Spitzensteuersätze nahe 100 % für die Top-Einkommen. Hierfür kann ich mir beim besten Willen keine Mehrheit vorstellen. Da nehmen die Menschen dann doch lieber den Krieg.

Hinterlasse eine Lesermeinung