Fazit – das Wirtschaftsblog

Fazit - das Wirtschaftsblog

Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Den Armen geht es besser als gedacht

| 1 Lesermeinung

Alle kennen die Sätze, die suggerieren, dass das Wirtschaftswachstum nicht bei den Armen ankommt: Die ärmsten 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland hätten im Jahr 2015 real weniger verdient als im Jahr 1995, heißt es im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.

Für Amerika gibt es ähnliche Statistiken: Dort hätten sogar die ärmsten 50 Prozent praktisch nichts gewonnen, und zwar in der Zeit zwischen 1980 und 2014, schreibt das Trio der Verteilungsautoren Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman.

Diese Zahlen sind nicht ganz falsch, aber die Diskussion zeigt: Ganz richtig sind sie auch nicht. Die Zahlen stammen nämlich meistens aus einem simplen Vergleich zweier Lohnstatistiken. Das spart viel Arbeit, doch dabei wird übersehen, dass es sich 20 Jahre später nicht um die gleichen Leute handelt.

Am unteren Ende der Einkommensskala sind beispielsweise Einwanderer dazugekommen, für die schon Deutschlands und Amerikas Niedriglöhne ein Gewinn sind. Oder Leute waren früher arbeitslos, haben wieder eine Stelle gefunden – es geht ihnen besser als zuvor, und doch klingen die markigen Zitate vom Anfang, als habe es keinen sozialen Fortschritt gegeben.

Einkommensentwicklung richtig berechnet

Wie sich die Einkommen der Einzelnen tatsächlich entwickelt haben, das ist deutlich schwieriger nachzurechnen. Für Deutschland gibt es Anhaltspunkte schon seit einem Jahr. Damals zeigte Judith Niehues am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, dass aus gedachten Einkommensverlusten tatsächlich sehr schnell Einkommensgewinne werden.

Für die Vereinigten Staaten hat Russ Roberts gerade zusammengetragen, dass es den Einkommensschwachen dort sehr viel besser ergangen ist. Sein Fazit: Wenn man verfolgt, wie es den einzelnen Amerikanern über die Zeit ergeht – dann gehen die größten Einkommenssteigerungen an die ärmsten Amerikaner. Und: Im ärmsten Fünftel der Bevölkerung konnten 93 Prozent der Kinder das Einkommen ihrer Eltern übertreffen. Im reichsten Fünftel gelang das nur 70 Prozent. Der Beitrag lohnt sich für alle, die die Einkommensentwicklung wirklich verstehen wollen.

Das Blog:


Der Autor:

Patrick Bernau


1 Lesermeinung

  1. Die eigentliche Frage ist doch diese:
    „Nun muß einmal ganz kalt und klar gesagt werden, daß der Sinn des Menschenlebens eigentlich in ganz anderen Entscheidungen beruht als in der, von welcher Konsumgenossenschaft man sein Futter zugewiesen bekommt, welche Schließgesellschaft für die Sicherheit und welches Unternehmen für die Reinhaltung der Straßen zu sorgen hat.“
    Karl Kraus: Vor der Walpurgisnacht – Aufsätze 1925-1936 – Kapitel 13

    Wer traut sich in den Ring?

Hinterlasse eine Lesermeinung