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Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Das große Klauen (1): Pro Sieben und die Restauranttester

| 24 Lesermeinungen

Im Pro-Sieben-Magazin "SAM" besuchen erfahrene Köche Restaurants, in denen es nicht mehr so gut läuft, um sie wieder auf Vordermann zu bringen. Das sieht nicht nur aus wie "Rach, der Restauranttester" bei RTL, sondern kopiert auch dessen Aufbau und Erzählstruktur. Start der kleinen Serie zum Formatklau im deutschen Fernsehen.

Wenn den Redakteuren vom Pro-Sieben-Mittagsmagazin „SAM“ mal wieder die Dokusoaps ausgehen, die sie wiederholen können, bis im Gegenprogramm endlich „Punkt 12″ vorbei ist, passiert Außergewöhnliches: Es wird neues Material gedreht! Mit Leuten wie Frank Rosin und Matthias Stieger.

Rosin und Stieger sind „Spitzenköche“ und besuchen für „SAM“ Restaurants, in denen es nicht mehr so gut läuft, um das zu ändern. Dafür bleiben ihnen nur wenige Tage Zeit.

Am Montag war Stieger im „Tannenhäuschen“. Er hat die Karte rauf und runter bestellt und gesagt: „Es riecht’n bisschen komisch.“ In der Küche hat er die unzureichende Hygiene bemängelt und eklige Sachen aus der Kühltruhe gefischt. Dann hat er Einnahmen und Ausgaben des „Tannenhäuschen“ gegengerechnet. Und dem Besitzer geholfen, auf dem Markt Werbung für seinen Laden zu machen. Dem Küchenpersonal hat er ein paar neue Handgriffe beigebracht. Am großen Tag der Neueröffnung sind dann ganz viele Gäste gekommen und zum Schluss waren alle sehr zufrieden.

Bild zu: Das große Klauen (1): Pro Sieben und die Restauranttester
Screenshots: Pro Sieben

Das kommt Ihnen bekannt vor? Vielleicht deshalb, weil dieselbe Sendung auch bei RTL läuft, nur mit Sternekoch Christian Rach (Folgen bei RTL Now). Die erste Folge wurde im September 2005 ausgestrahlt. Inzwischen holt Rach montagabends für RTL regelmäßig 5 Millionen Zuschauer.

Bei Pro Sieben heißt die Reihe „Hilfe vom Profi“ (und im Wechsel mit den Restaurants werden darin auch Unternehmen beraten und Friseursalons aufgemotzt). Die Idee für diese Reihe stamme aus der „SAM“-Redaktion, heißt es bei Pro Sieben. Produziert werden die Filme von der Firma south & browse, heißt es beim Sender. (Obwohl online die Firma Good Times als Ansprechpartner angegeben ist.) Und die scheint sich jetzt großzügig bei Aufbau und Erzählstruktur des Vorbilds zu bedienen. Besonders schön war das Anfang März zu sehen, als Sternekoch Rosin in einer Gaststätte in Berlin-Wedding unterwegs war: Auf das Kurzporträt der gestressten Chefin und des überforderten Küchenpersonals folgte der Inkognito-Besuch des Helfers und dann ein Einspielfilm zur Vorstellung des Sternekochs in seinem eigenen Restaurant – alles wie bei „Rach, der Restauranttester“.

Dort heißt es in dem in jeder Folge wiederkehrenden Einspielfilm:

„Der Sternekoch Christian Rach kommt aus Hamburg. Bereits 1991 bekam er den beliebten Michelin-Stern – und hat ihn bis heute behalten. Derzeit führt er drei erfolgreiche Restaurants. Sein Flaggschiff ist das Tafelhaus an der Elbe.“

Bei „SAM“ geht das so:

„Matthias Stieger, 28 – Spitzenkoch aus Willich. Sein Landgut Ramshof ist täglich ausgebucht. Mit kulinarischer Leidenschaft verleiht er exzellentem Essen die typische Stieger-Note.“

„Frank Rosin – Sternekoch und Vollprofi. Sein Restaurant in Dorsten ist ständig ausgebucht. Denn der Spitzenkoch ist auch ein perfekte Geschäftsmann. Chaos in der Küche – im Restaurant des 42-Jährigen undenkbar. Hier hat jeder seine Aufgabe und alles seinen Platz.“

Dazu werden Bilder des (jeweiligen) Sternekochs in der eigenen Küche gezeigt, in der er gerade eine Bestellung ans Personal weitergibt:

„Bitte vier Leber und einmal Fisch.“ (Rach)
„Dreimal Jakobsmuscheln, eine Entenstopfleber.“ (Stieger)
„Ferkel, aber klein. Dann Amuse Gueule und Ente.“ (Rosin)

Die Restauranttests auf Pro Sieben dauern genauso lange wie die bei RTL (ohne Werbun ca. eine Dreiviertelstunde), nur dass sie quasi als Sendung in der Sendung versteckt sind. Selbst kleinste Elemente aus „Rach, der Restauranttester“ sind bei „SAM“ wiederzuerkennen: Alle Restauranttester sprechen ihre Bewertung des Testessens unmittelbar in die Kamera, als würden Sie direkt mit dem Zuschauer reden. Und wie Rach geht auch Rosin nach den ersten Eindrücken aus dem Restaurant auf die Straße und erzählt, was das jetzt für anstrengende Tage werden, weil es soviel zu tun gibt.

Bild zu: Das große Klauen (1): Pro Sieben und die Restauranttester
Screenshots: RTL / Pro Sieben

Dabei hat auch „Rach, der Restauranttester“ ein Vorbild: die englische Sendung „Ramsay’s Kitchen Nightmares“. Die Rach-Produktionsfirma Eyeworks hat für die deutsche Umsetzung allerdings eine Lizenz erworben und zahlt dem Erfinder der Sendung Geld. Eigentlich ist das nämlich Voraussetzung, wenn man nicht nur die Grundidee einer Sendung übernimmt, sondern auch deren Machart und wesentliche Grundelemente.

Ob Pro Sieben für „Hilfe vom Profi“ ebenfalls eine Lizenz erworben hat, wollte der Sender auf Nachfrage lieber nicht sagen.

Mehr über den Formatklau im deutschen Fernsehen lesen Sie in den nächsten Tagen – natürlich im Fernsehblog.

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24 Lesermeinungen

  1. Hmn, laut meinem...
    Hmn, laut meinem Medienrechtsdozenten gibt es in Deutschland keinen Formatschutz, weil die bloße Idee kein „Werk“ darstellt. Der Rechteerwerb finde nur statt, um unangenehmen Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen.
    Bezugnehmend war er dabei auf die „Sendeformat“-Entscheidung des BGH (Urteil v. 26.6.2003, Az. I ZR 176/01, Urteils- und Literaturauswertung 9/2003).
    Er ist seineszeichens Jurist bei einem großen deutschen Fernsehsender, also hoffe ich mal nicht, dass er da so falsch liegt. 😉
    Gruß,
    der netscripter

  2. @netscripter: Wie gesagt: Mehr...
    @netscripter: Wie gesagt: Mehr dazu in den nächsten Tagen.

  3. @Peer

    Naja, ich dachte mehr...
    @Peer
    Naja, ich dachte mehr solche Fälle in den nächsten Tagen? Dass dieses Vorgehen nicht all zu selten ist, ist mir auch klar, und bis zu besagter Vorlesung war ich fest der Meinung, dass das doch mehr Konsequenzen haben müsste.
    Mittlerweile sage ich mir halt auch: Ach, schonwieder „geklaut“ (auch bei den ÖR). Machen könnte man doch nur was, wenn Logo, Kulisse, Namen und ähnliche wirklich schützenswerte Elemente (im Urheberrecht Werke) übernommen werden.
    Inwiefern nun der pure „Formatklau“ verwerflich ist, kommt m.E. immer auf die Umsetzung drauf an und welche Zielgruppe angesprochen werden soll … die Form wie z.B. der WDR SingingBee (kurz nach Ende der Ausstrahlung bei ProSieben) kopiert hatte, fand ich auf der einen Seite schon Dreist, auf der anderen hatte es halt (auf Grund der Musikauswahl) seinen ganz eigenen Charme und hat somit die ältere Zielgruppe sicher besser bedient. 😉

  4. @netscripter: Ich freu mich,...
    @netscripter: Ich freu mich, wenn wir hier so gut informierte Leser haben – aber dann wird das eben eine kleine Reihe für Leute, die noch nicht soviel zum Thema wissen. Auch mit mehr Beispielen. Weil ich das immer wieder beeindruckend finde, wie wenig Mühe sich manche beim Kopieren machen.

  5. @Peer
    Bitte nicht falsch...

    @Peer
    Bitte nicht falsch verstehen, bin ja auch daran interessiert neue solcher „Fälle“ kennenzulernen, hatte mich eigentlich nur an dem Satz mit dem Lizenzerwerb etwas gestört. 😉

  6. Wer guckt denn schon Pro7?
    So...

    Wer guckt denn schon Pro7?
    So ganz allgemein: manchmal ist die Fälschung besser als das Original.

  7. Die wichtigste Aussage ist,...
    Die wichtigste Aussage ist, dass die ProSieben-Kopie als lose Reihe in einer übergeordneten Sendung. Ich fürchte, allein durch diesen Unterschied dürfte ein Formatklau kaum noch juristische Konsequenzen haben.
    Ansonsten geht es mir bei dem Thema wie netscripter: Ein kurzer Kommentar („Das kenn ich doch…“) und mit weiteren Gedanken oder Aktionen würdige ich sowas überhaupt nicht.
    Ich hätte da übrigens noch ein paar Vorschläge:
    – „Wipe Out“ (Pro7) ist eine mehr als schlechte Kopie von „Takeshi’s Castle“ (DSF & RTL2)
    – „Hagen hilft“ (Kabel 1) ist ein leicht abgewandeltes „Raus aus den Schulden“ (RTL)
    – Nach dem Erfolg der Auswandererfamilie Reimann (als lose Sendereihe in „Extra“ (RTL)) schossen die Auswanderer-Dokusoaps wie Unkraut aus dem Boden („Goodbye Deutschland“ (VOX), „Mein neues Leben“ und die Recycling-Reihe „Abenteuer Alltag – wir wandern aus“ (beides Kabel 1) etc. pp.)
    – die Improvisationsshow „Frei Schnauze“ (RTL) startete, nachdem Cordula Stratmann mit der Vorlage „Schillerstraße“ (Sat.1) sehr gute Quoten geholt hatte
    – ob zuerst „Die Hitgiganten“ (Sat.1) oder „Die ultimative Chartshow“ (RTL) da war, ist mir persönlich egal; beides ist schlimm
    – allerdings nicht so schlimm wie die ‚Dokusoap‘-Resterampen von Pro7 („U20″, „Deine Chance“), RTL („Mitten im Leben“) und Kabel 1 („Abenteuer mirdochegal“)
    – nur noch übertroffen von den diversen ‚Gerichts‘-Shows
    – Ich weiß es leider nicht mehr genau, aber eine der beiden Eislaufshows auf Sat.1 bzw. RTL wurde sogar kurzerhand einige Zeit vorverlegt, um sich als „Original“ einzuprägen.
    – „Wetten, dass…?“ (ZDF) kopiert offenbar seit Neuestem Elemente aus „Ich bin ein Star! Holt mich hier raus!“ (RTL)
    Zu den wenigen Sendekonzepten, die bis jetzt noch nicht kopiert wurden, gehören z.B. „Switch“ bzw. „Switch Reloaded“ (beide Pro7) und „Genial daneben“ (Sat.1). Und natürlich sämtliche „Events“ von und mit Stefan Raab (ohne Raab funktionierten die Konzepte nicht) oder die Shows mit Uri „Magneto“ Geller (wer will den Mist schon kopieren?).

  8. Hmm, da fiele mir noch ein...
    Hmm, da fiele mir noch ein „Format“ ein, bei dem aber praktisch alle Privatsender geklaut haben: „Die-Hilfe-ich-bin-hab-zwei-linke-Hände-bitte-renoviert-doch-meine-Wohnung/mein-Haus-Sendungen“. Alles hatte glaube ich mit der Sendung „Tapetenwechsel“ auf dem Bayrischen Rundfunk angefangen, die auf der BBC Sendung „Changing Rooms“ basierte. Na wer erinnert sich noch an den „Bastl-Wastl“ ? Bis 2005 gab es Sonntags „Ricks Wohnwelten“ (mit Rick Mulligan, dem man noch ziemlich gut heraushören konnte, dass er Amerikaner ist). Pro7 kam mit „Do-it-yourself S.O.S“ und VOX mit „Wohnen nach Wunsch“. Wobei es auch noch „Ein Duo für vier Wände“ bei VOX gab, dass aber 2007 schon wieder eingestellt wurde. Ich bin mir auch nicht mehr sicher, ob Pro7 oder VOX da schneller war mit seiner Version des Formats. Wobei ich glaube, dass sogar RTL mit „Einsatz in vier Wänden“ noch vor Pro7 und VOX auf die Idee kam solch ein Format zu machen.
    Und dass es das ZDF war, dass Gerichtssendungen mit der Sendung „Streit um drei“ ins deutsche Fernsehen brachte, sollte man auch nicht vergessen. Erst danach kamen doch Salesch & Co. bei den Privaten hinzu.

  9. Die Meinung von Eyeworks wäre...
    Die Meinung von Eyeworks wäre sicher auch interessant.

  10. Kann man eine Grundidee...
    Kann man eine Grundidee klauen? Was ist mit Talkshows? Derer gibt es unendlich viele (zählt man mal die öffentlich-rechtlichen mit) – wer hat da nun vom wem die Idee geklaut, sich mit mehr oder minder Prominenten oder dem normalen Volk vor eine Kamera zu setzen und zu diskutieren? Das deutsche Fernsehen war doch schon immer gut darin, sich gut laufender Formate als Vorlage zu nehmen anstatt das Risiko einzugehen was eigenes zu entwickeln…

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