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Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Finale bei "Germany’s Next Topmodel": Mehr erfolgreich als wie die anderen

| 61 Lesermeinungen

Wenn Forscher in der Zukunft die Entwicklung der deutschen Sprache ergründen wollen, werden sie sich unweigerlich mit "Germany's Next Topmodel" beschäftigen müssen – einer Sendung, die über Wochen mit nur wenigen Satzvariationen auskommt. Den Rest erledigt Sprachbotschafterin Heidi Klum.

Wenn Forscher in der Zukunft die Entwicklung der deutschen Sprache ergründen wollen, werden sie sich unweigerlich mit dem Fernsehen der Nuller Jahre beschäftigen müssen. Und mit seiner Sprachbotschafterin Heidi Klum. Der Frau, die in “Germany’s Next Topmodel” einer ganzen Generation vorlebte, was nötig ist, um Erfolg zu haben: ein eiserner Wille, eine schier unerschöpfliche Ausdauer, sich selbst zu vermarkten – und möglichst geringe Grammatikkenntnisse.

Keine Ahnung wie Ihnen das geht, wenn Sie aus Versehen mal bei “Germany’s Next Topmodel” reinschalten, und Frau Klum reden hören. Mir läuft’s immer eiskalt den Rücken runter. Vor allem bei ihren gefürchteten “als wie”-Sätzen. (In der Folge vom Donnerstag lobte sie Kandidatinnen, die bei einer Aufgabe “mehr kreativ als wie die anderen” waren.)

Wo ist eigentlich Wolf Schneider wenn man ihn mal braucht?

So sehr sich viele der Zuschauerinnen auch wünschen, selbst Karriere als Model zu machen: Donnerstags liefert Pro Sieben ihnen gerade Woche für Woche die besten Argumente, warum es sich doch lohnen könnte, erstmal die Schule fertig zu machen. Und wer sich mal die Mühe macht, sich mit dem Lästern zurückzuhalten und stattdessen genau hinzuhören, was inder Sendung alles geredet wird, merkt schnell, dass unfassbar oft immer die selben Standardsätze fallen und wie sehr die Kandidatinnen dieses von der Jury erlernte Neusprech für sich adaptiert haben (ohne zu merken, wie hohl das manchmal klingt).

Bild zu: Finale bei "Germany's Next Topmodel": Mehr erfolgreich als wie die anderen

Zugegeben: Die sprachliche Redundanz passt gut zur Sendung, mit der die Produktionsfirma Tresor TV eine Erfolgsformel für massenattraktives Privatfernsehen gefunden zu haben scheint. Sie lautet: Je langweiliger der Inhalt desto erfolgreicher die Show. Anders lässt sich das nicht erklären, dass Pro Sieben vor dem Finale am kommenden Donnerstag einen Quotenrekord nach dem nächsten meldet. Und das obwohl die Castingshow in der vierten Staffel ungefähr noch so abwechslungsreich ist wie die Ziehung der Lottozahlen.

Kann sein, dass Bruce fehlt.
Kann sein, dass man als Redakteur abstumpft, wenn man im vierten Jahr nacheinander eine Castingshow wuppen muss, bei der die Werbekunden genauso viel mitzureden haben wie der Sender.
Kann auch sein, dass es Tresor TV inzwischen einfach egal ist, was in der Sendung passiert. Die Leute gucken ja eh zu.

Bild zu: Finale bei "Germany's Next Topmodel": Mehr erfolgreich als wie die anderenFür das Publikum scheint es jedenfalls kein besonders großes Problem zu sein, dass “Germany’s Next Topmodel” inzwischen komplett standardisiert ist. Während in den ersten Staffeln zumindest noch so getan wurde, als würde sich die Jury darum bemühen, den “Mädels” was beizubringen, konzentriert sich der Sender nun voll und ganz darauf, seine Werbepartner zufrieden zu stellen. Folge für Folge dürfen die sich eine der Kandidatinnen herauspicken, um mit ihr für eines ihrer Produkte zu werben und sich als Lizenznehmer “Offizieller Partner von ‘Germany’s Next Topmodel'” zu nennen (egal ob es sich dabei um Autos, Wasser. Mobiltelefone, Brillen, Taschen, Haartrockner oder Kosmetika handelt.) Die Heidi-Klum-Show ist für das Fernsehen ein schöner Test, wieviel Werbung sich das Publikum zumuten lässt, wenn es rundherum eine halbwegs nachvollziehbare Rahmenhandlung gestrickt bekommt – zum Beispiel ein paar Mädchen, die sich einen vermeintlichen Traum verwirklichen und dafür auch noch beim Heimtelefonat mit ihrem Freund oder der Familie belauschen lassen.

Vielleicht ist es weltfremd, das doof zu finden.

Wöchentlich über 4 Millionen Menschen für das Making-of eines Werbeblocks zu begeistern, das von Werbung unterbrochen wird, muss Pro Sieben aber ja auch erst mal einer nachmachen.

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61 Lesermeinungen

  1. Da ich in diesen Tagen viel zu...
    Da ich in diesen Tagen viel zu Hause war konnte ich ein wenig mehr fernsehen. Die Standardisierung von Sendungen scheint aber ein üblicher Standard zu sein. Inklusive der Floskeln. So lieben es die Autoren von Lebe deine Chance scheinbar ihren Protagonisten die Redewendung “Ein absolutes No-Go…” in den Mund zu legen. Und in “Abenteuer Alltag” dieser merkwürdigen Restaurant-Sendung kommt es meist auch immer zu der Situation, das irgend eine Festivität vorbereitet wird, erst alles ganz super klappt und auch geschildert wird aber spätestens wenn der Sprecher sagt “Sie ahnen noch nicht, welche Probleme sie damit haben werden” gibt es dann den Umschwung nach dem Werbeblock. Meistens fehlt irgendwas oder es geht etwas kaputt, woraufhin dann irgendjemand noch einmal in letzter Minute zum Lieferanten fahren muss. – Ganz wichtig: Lieferschein kontrollieren!
    Und ist eigentlich schon jemanden aufgefallen, wie oft es in diesen Familienbloßstellungsformaten zu folgender Situation kommt: Ein Familienmitglied sitzt am Computer und ruft ins Nebenzimmer “Schaatz, komma, ich hab da was in Internet!” Und die angesprochene Personen scheint auch in den seltensten Fällen nicht weiter als einen halben Meter von der Türzarge des angrenzenden Raums entfernt zu stehen – gerade einmal so aus dem Bild. – Ich glaube, das ist Realismus pur aber irgendwie bin ich dann doch froh, demnächst wieder nicht mehr tagsüber fernsehen zu können.

  2. Ist dieses "mehr toller als...
    Ist dieses “mehr toller als wie die anderen” eigentlich ein Anglizismus (den man bei Frau Klum ja nachvollziehen könnte) oder ist das so als wie man bei Klums zu hause in Bergisch Gladbach eben reden tut? 😉

  3. Man kann über den Sinn dieser...
    Man kann über den Sinn dieser Sendung sicherlich trefflich streiten. Aber die Tritte unter die Gürtellinie des Kommentators gehen mir eher mehr auf den Geist. Ich habe irgendwie ein Problem damit, dass solche Hasstiraden über eine sprachliche Ausdrucksweise ausgeschüttet werden. Denn trotz dieses vermeintlichen Makels verdient Heidi Klum in einem Monat wohl immer noch mehr in einer Woche als der Kommentator in einem ganzen Jahr. Trotz ihrer Satzbildung und Wortwahl…
    Und das zeugt meiner Meinung nach auch ein wenig von vorhandener Intelligenz, nicht nur die grammatikalisch richtige Ausdrucksweise, und den Erfolg von Heidi Klum hat sie sicherlich nicht nur Ihrer Schönheit zu verdanken.
    Ich bin und bleibe ein Fan von Heidi Klum (und Dieter Bohlen!!!) obschon bereits über 50 Jahre alt und mit sicherlich auch dem einen oder anderen Grammatikproblem…

  4. Genau, man muss erst mal so...
    Genau, man muss erst mal so viel verdienen wie die Klum, bevor man sie kritisiren, … krietisieren, … schlechtreden darf ! Das Geld ist nämlich zuvorderst und allemal der wichtigste und einzig wertvolle anwendbare Maßstab in dieser unseren hochkapitalistischen Gesellschaft.

  5. Ich liebe diese Sendung -...
    Ich liebe diese Sendung – obwohl ich Geisteswissenschaft studiert habe und als Germanistin auch gut Deutsch kann. Ich kann es nicht erklären; über das Mögen läßt sich eben nicht diskutieren. Ich mag Heidi und die “Mädels”. Es gibt Schlimmeres im Leben. Früher waren es die Kapitalisten, die herhalten mußten und die das Böse verkörperten. Während meines Studiums war es “verboten” ein Deo zu benutzen, weil es unecht war und zun Konsumterror gehörte. Heute ist etwas anderes schlimm. Zum Beispiel Haare an den Beinen – und eben Heidi …

  6. "(...)aber selbst diese...
    “(…)aber selbst diese widersinnige Vergleichung hat in der Widersinnigkeit der heutigen Verhältnisse eine Realität. Das Geld ist der gemeinsame Maßstab aller, auch der heterogensten Dinge.“ (MEW, III, 426) Um das Original zu zitieren.
    Und die Frage von onlime:
    Das ist kein Anglizismus. She was better than you. Sie war toller/besser als du. Natürlich gibt es im Englischen zwei Komparativformen. Die andere wäre: She was more groovy than you. (Adjektiv nach leo-Suche “toll” willkürlich ausgewählt) Hierdurch würde sich vielleicht das “mehr” in Klums Satz erklären, aber nicht, warum sie dann das toll auch noch steigert. Ein Anglizismus wäre zum Beispiel mehr toll als du. (Denn im Englischen ist than = als und auch nur ein Wort, also ist auch “als wie” kein Anglizismus). Wobei auch mehr toll kein wirklicher Anglizismus wäre, da bei einsilbigen Adjektiven der Komparativ dem Deutschen gleicht: hard, harder, nice, nicer usf. Lediglich bei einigen zweisilbigen und allen mehr als zweisilbigen Adjektiven wird mit “more” gesteigert. She’s more intelligent than you are. Sie ist mehr intelligent als du wäre also ein Anglizismus.
    Lange Rede, kurzer Sinn: Klum kann kein Deutsch und die Anglizismus-Ausrede verpufft wirkungslos.

  7. Und ihr Deutsch, liebe Frau...
    Und ihr Deutsch, liebe Frau Nagel, ist mit Sicherheit alles andere als “gut”. Mögen sie Germanistin sein oder eben Nagel.

  8. Man kann gerne viel meckern,...
    Man kann gerne viel meckern, aber über H.Klum ist zu sagen, dass sie Power hat, hübsch ist, Erfolg hat etc.
    Zum Glück muss man sich die Sendung nicht anschauen, aber wer es will hat das Glück, dass es sie gibt.
    Ich finde Satzinhalte von Personen , die sich intelligent über H.Klum unterhalten möchten wie : “meist immer ” mindestens so schlimm wie Heidis charmantes : ” als wie “

  9. "... sprachliche Redundanz"...
    “… sprachliche Redundanz” ?
    Manchmal trifft’s einen selbst! 😉

  10. Wenn grammatikalische...
    Wenn grammatikalische “Besonderheiten” die einzigen Probleme der aktuellen TV-Landschaft wären, könnte man ja ‘mal wieder einschalten…

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