Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Fernsehen vor Gericht: Wie "Boston Legal" sich gegen die eigene Absetzung wehrte

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Nach der fünften Staffel war Schluss: Im Dezember 2008 lief in den USA die letzte Folge der Anwaltsserie "Boston Legal". Autor David Kelley hätte gerne weiter gemacht, der Sender war trotz ordentlicher Quoten dagegen. Also haben sich die Macher gerächt – und ihre Protagonisten zum Abschluss permanent über den eigenen Auftraggeber lästern lassen. [Spoiler]

Das glauben einem die Leute ja immer nicht: Dass es zwischen dem ganzen Unsinn, über den wir uns täglich im Fernsehen ärgern, auch noch sehr, sehr gutes Programm gibt. Zum Beispiel Serien. Dass die mehrheitlich aus den USA kommen, ist ja wusrcht. Wenn sie einem bloß das Gefühl geben, nicht bloß gedreht worden zu sein, weil beim Sender noch eine Programmlücke zu stopfen war. Manche schaffen es sogar, dass man sich gebührend von ihnen verabschieden will, wenn die letzte Folge gelaufen ist – weil man sich so sehr daran gewöhnt hat.

„Six Feet Under“ war so ein Fall für mich, und bei „Boston Legal“ ist es ähnlich. Allein schon, weil dort vieles möglich war, was im Mainstream-Fernsehen sonst rigoros verboten ist. Ausgerechnet in einer Serie über Anwälte! Aber das war ein großer Vorteil: dass sich „Boston Legal“ im Gerichtssal stets an den ganz großen amerikanischen Themen abarbeiten konnte. Waffenrecht, Todesstrafe, der Einfluss großer Industrien auf Politik und Gesellschaft: wenn man als Autor damit zu einem Sender käme und vorschlagen würde, eine unterhaltende Serie mit diesen Themen zu machen, würde man überall hochkant rausgeworfen.Für „Boston Legal“ scheint es eine Ausnahmeregel gegeben zu haben.

Dass sich die Serie so sehr vom Unterhaltungseinerlei abgehoben hat, das sonst durchs Programm geschleust wird, lag natürlich auch an der Überzeugung, sich Folge für Folge auf dem schmalen Grat zwischen Ernst und Wahnsinn zu bewegen.

Nirgendwo sonst im Fernsehen war so viel Platz für unperfekte Helden und ihre Macken, allen voran das geniale Duo Alan Shore (gespielt von James Spader) und Denny Crane (William Shatner in der Rolle seines Lebens, „Star Trek“ hin oder her), die beide auf ihre Art ganz große Nervensägen waren. Und doch unfassbar sympathisch.

Bild zu: Fernsehen vor Gericht: Wie "Boston Legal" sich gegen die eigene Absetzung wehrte
James Spader als Alan Shore (links), William Shatner als Denny Crane / Foto: 20th Century Fox Home Ent.

Und wenn sich das jetzt wie ein Nachruf liest, liegt das daran, dass der amerikanische Sender ABC vor einem Jahr ankündigte, die fünfte Staffel von „Boston Legal“ würde die letzte werden. Autor David Kelley, der „Boston Legal“ (und davor u.a. „Ally McBeal“ und „Picket Fences“) erfunden hat, war damit offensichtlich nicht so ganz einverstanden. Eigentlich hätte nach der vierten Staffel schon Schluss sein sollen, erzählte er Journalisten im vergangenen Jahr. Das Team habe aber darum gekämpft, noch 13 Folgen machen zu dürfen, um der Serie einen würdigen Abschluss zu geben. [Kleine Spoilerwarnung für Weiterleser.]

Diese Gelegenheit hat Kelley nicht nur genutzt, um kurz vor Schluss noch flott der Tabak- und der Pharmaindustrie eins reinzuwürgen und seine Charaktere wochenaktuell die Wahlen in den USA kommentieren zu lassen. Sondern auch, um die Selbstreferentialität der Serie auf die Spitze zu treiben. Von Anfang an erlaubten sich die Protagonisten in „Boston Legal“ immer wieder Anspielungen darauf, Teil einer Fernsehserie zu sein. In Staffel 5 lässt Kelley das in eine Rebellion gegen den eigenen Sender münden.

Als Carl Sack in Episode 9 („Kill, Baby, Kill“) von einer Kollegin aus einem anderen Bundesstaat gebeten wird, dort einen kniffeligen Fall vor Gericht zu vertreten, will Denny Crane mitkommen und rät Sack, unbedingt anzunehmen – immerhin dürfe man sich so einen Ausflug in der letzten Staffel nicht entgehen lassen: „Hell, man, this is our last season. If there’s one thing I’ve learned in life, it’s never ever say no to a road trip.“ Eine Episode davor („Roe“) wird Alan Shore von einem 15-jährigen Mädchen gebeten, vor Gericht für sie zu erstreiten, dass sie ihr Kind abtreiben darf, obwohl die Mutter dagegen ist. Denny Crane ist entsetzt: Abtreibung? Sowas wolle doch im Fernsehen keiner sehen!

Denny Crane: „I like to pretend that everything I say is on television for the whole world to see. That’s just a little game I play with myself.“
Alan Shore: „And…?“
Denny Crane: „And who’s gonna watch a show about abortion? Not fun.“
Alan Shore: „Well, Denny, you and I could make it fun.“

Als Shore den Fall dennoch annimmt, stöhnt Crane, er könne die Leute förmlich umschalten hören: „I can hear them changing the channel.“ Aber das ist nur das Warm-Up.

Bild zu: Fernsehen vor Gericht: Wie "Boston Legal" sich gegen die eigene Absetzung wehrteGleich in mehreren Folgen beschwert sich Kelley durch seine Charaktere, dass ABC „Boston Legal“ nicht mehr gewollt habe. Als Anwalt Jerry Espensen von den Chefs der Kanzlei Crane, Polle & Schmidt einbestellt wird, um darzulegen, warum sie ihn zum Partner machen sollen, kommt die Diskussion bald darauf, dass man am liebsten erst den skandalträchtigen Denny Crane loswerden würde (Episode 7, „Mad Cows“). Espensen setzt sich für ihn ein: Wenn Denny gehen müsse, gehe er mit, sagt er und droht: „Alan Shore might too, maybe even Carl [Sack]. We could do a spinoff. Don’t think we haven’t been approached. Hell, it’s not that you want us anyway. The network sure doesn’t.“

In Episode 11 („Juiced“) sitzen Alan Shore und Denny Crane wie jedes Mal zum Schluss auf dem Balkon und rauchen ihre Zigarren, während das Gespräch auf die bevorstehenden Ereignisse (im Serienfinale) kommt:

Denny Crane: „Now there’s a finale.“
Alan Shore: „They should put it on TV.“
Denny Crane: „It’d get ratings.“
Alan Shore: „If they promoted us. But I think there’s a law against promoting us.“

Im Finale schließlich, als feststeht, dass Denny und Alan heiraten wollen (des Geldes wegen, natürlich), schwärmt Denny Crane von den Möglichkeiten:

Denny Crane: „This could be a new television series.“
Alan Shore: „On a new network.“
Denny Crane: „One that cares.“

Kann sein, dass sich das ein bisschen beleidigt anhört. Aber wenn die Protagonisten einer Serie, die man fünf Jahre mit großem Vergnügen verfolgt hat, plötzlich über den eigenen Sender zu lästern beginnen, hat das eben einen gewissen Unterhaltungswert.

    „Give us something to watch, damn it.“

Die schönste Spitze hat Kelley aber in Episode 11 eingebaut, als Anwalt Carl Sack mit der ehemaligen Kanzleimitarbeiterin Catherine Piper, einer älteren Dame mit Hang zur Selbstjustiz, Klage gegen die amerikanischen Fernsehsender einreichen will, weil die mit ihren Programmen das Publikum über 50 Jahre vernachlässigten. Überall gebe es bloß dumme Reality- und Gameshows zu sehen, beschwert sich Sack. Das einzige Programm, das sich überhaupt noch traue, Stars über 50 auftreten zu lassen, sei ja „Bo…“ – und da stoppt Darsteller John Larroquette (61), schaut kurz in die Kamera und erklärt, das nicht aussprechen zu können, weil er sonst „the wall“ einreiße. Gemeint ist „the fourth wall“, die im Englischen die Grenze zwischen dem Publikum und der Fiktion, die es sich ansieht, beschreibt. Und die „eingerissen“ wird, wenn sich ein Protagonist über seine eigene Fiktionalität äußert und direkt an die Zuschauer wendet – also das, was „Boston Legal“ in Staffel 5 bis zum Exzess treibt.

„The only show to have ist stars over 50s is ‚Bo…‘. Gee, I can’t say it. It would break the wall.“

Sacks Plädoyer für ein anständiges Fernsehen, das mehr Anspruch braucht, wirkt fast erzieherisch. Und gilt natürlich nicht nur für ältere Leute und nicht nur für die USA. Es ist eine Aufforderung an die Chefs der Sender, sich besseres Fernsehen zu trauen, nicht immer dieselben öden Shows, mit denen sich das schnelle Geld verdienen lässt. Es endet mit der Forderung: „Give us something to watch, damn it.“

Die letzte „Boston Legal“-Folge ist in den USA im Dezember 2008 gelaufen. In Deutschland sind die ersten drei Staffeln von Vox gezeigt worden und auf DVD erhältlich. Vox versichert, auch die übrigen Folgen zeigen zu wollen. Einen Sendetermin gibt es aber (seit anderthalb Jahren) nicht. Die fünfte und letzte Staffel ist seit kurzem beim Onlinehändler Ihres Vertrauens als DVD-Import aus Großbritannien zu beziehen (ohne deutsche Tonspur und Untertitel). Eine deutsche Veröffentlichung ist vorgesehen, aber ebenfalls noch ohne Termin.

Alle Fotos: 20th Century Fox Home Entertainment


19 Lesermeinungen

  1. Oha, da darf man ja gespannt...
    Oha, da darf man ja gespannt sein, wieviel davon in der deutschen Synchro noch übrig bleibt…

  2. @onlime solche serien guckt...
    @onlime solche serien guckt man auch nur in der OV. alles andere wäre doch nur blasphemie 😉

  3. Denny Crane!

    (Danke für den...
    Denny Crane!
    (Danke für den Text. Ich stimme komplett zu.)

  4. Na ja, immer dieses...
    Na ja, immer dieses intellektuelle`name dropping´à la „Also die deutsche Synchronisation…“ Man kann ja die DVD-Ausgaben erwerben (zumindest drei Staffeln sind mittlerweile in D. erschienen). Ob dann allerdings die eigenen Englisch-Kenntnisse ausreichen, um den Dialogen erschöpfend zu folgen oder gar wirklich alle Tiefen auszuloten … 🙂
    Die von bei US-TV-Preisverleihungen hoch nominierten Spader und Shatner dargestellten Hauptfiguren leben selbstverständlich von der damals aktuellen polit. Situation in den USA. „Der amoralische gute Demokrat“ und der „sympathische reaktionäre Republikaner, der ein bißchen neben der Spur läuft“ funktionieren nicht mehr so gut unter einem Obama – da reicht dann auch nicht die gute alte Tante Tabakindustrie.
    … insofern wäre ein Ende nach der 4. Staffel sinnvoll gewesen.
    Einen habe ich aber auch: Als am Ende der 3. Staffel Crane sagt, ein african-american Anwalt höre sich nicht „schwarz“ an, wird er von Schmidt verbessert, man sage jetzt „urban“ … das ist schon mehr Kritik von „white flight“ als in in einem Jahr in der FAZ zu finden ist. 😉

  5. Liebe Kollegen,
    SEHR...

    Liebe Kollegen,
    SEHR verdienstvoll!

  6. Das Einreissen der 4th Wall...
    Das Einreissen der 4th Wall gab es aber auch schon in früheren Episoden, wenn zB Alan sagt ‚Jetzt würde im Fernsehen dramatische Musik einsetzen‘, genau dies geschieht und alle Beteiligten schauen sich erstaunt um.
    Und Shatners Vergangenheit holt ihn zB ein, wenn er sein neues Handy wie einen ST Communicator aufklappt, incl. Originalgeräusch.
    Boston Legal war eine der besten, unterhaltendsten (Wort?) und intelligentes Serien seit Langem.

  7. Ich weiß nicht, ob das hier...
    Ich weiß nicht, ob das hier jemand hören (oder lesen) will, aber mein Geschmack sind solche Anspielungen nicht unbedingt. Und die hier zitierten klingen teilweise auch noch ziemlich beleidigt und unfröhlich. Aber Boston Legal und Six Feet Under waren eh nie so mein Fall…
    Was den Schlusssatz angeht, bin ich aber wieder dabei. Warum zum Beispiel wurde Firefly nach einer Staffel abgesetz, während… Ach, was soll’s. Damn it.

  8. So neu sind solche Frotzeleien...
    So neu sind solche Frotzeleien nicht.
    Die Simpsons machen doch seit Anbeginn Witze über FOX, kapern sogar die Super Bowl Box von Rupert Murdoch.
    Auch bei Love and Marriage sind solche Anspielungen immer drin gewesen – leider werden die in der deutschen Fassung immer nur mit eintönigem Lästern gegen die Öffentlich-Rechtlichen übersetzt worden. So wie jeder US-Schauspieler, der nicht zu sehen war, in der Synchronisation dann plötzlich Klaus-Jürgen-Wussow hieß. RTL hatte in den 80ern eine schwere Zeit 🙂

  9. Die bisherigen Staffeln waren...
    Die bisherigen Staffeln waren auch nicht schlecht synchronisiert. Die Übersetzungen amerikanischer TV-Serien nerven jedenfalls im Durchschnitt weniger als das reflexhafte Gemecker über Synchronfassungen.

  10. Ich habe mit riesigem...
    Ich habe mit riesigem Vergnuegen alles von Crane, Poole und Schmidt gesehen, und fand nicht nur Spader und Shatner grossartig, sondern auch Candice Bergen.
    Danke fuer diesen Bericht, sehr nett.

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