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Abgewatscht! Wie der SWR Politiker zu Schießbudenfiguren macht

23.08.2009, 15:54 Uhr  ·  In der ARD-Reihe "Abgeordnet!" müssen gestandene Politiker für einen Tag im echten Leben mit anpacken: Renate Künast auf dem Bauernhof, Karl Lauterbach im Krankenhaus, Gregor Gysi auf dem Bau. Das hört sich nach einer schönen Idee an, entpuppt sich aus Sicht der Politik allerdings als eine einzige Image-Katastrophe.

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Die Älteren werden sich erinnern: Früher waren Politiker Respektpersonen. Leute, die die Geschicke eines ganzen Landes zu verantworten hatten, für Wohlstand und Gerechtigkeit sorgen sollten und denen man schon deshalb mit einer gewissen Achtung begegnet ist. Heute sind Politiker Leute, über die man sich lustig macht, dass sie vor der Wahl Sachen versprechen, die sie danach sowieso nicht einhalten werden, was aber allgemein bekannt ist, weshalb sich auch keiner mehr bemüht, diese Leute ernst zu nehmen.

Bild zu: Abgewatscht! Wie der SWR Politiker zu Schießbudenfiguren machtInnerhalb weniger Dekaden hat sich das Bild vom Beruf des Politikers grundlegend gewandelt: Wer früher Autoritätsperson war, ist heute ein Scherz. Und das Fernsehen kann daran nicht ganz unschuldig sein.

Vielleicht würde es sich lohnen, die Autoren der neuen ARD-Reihe “Abgeordnet – Der Politiker-Praxistest” dazu zu befragen. In der werden gestandene Persönlichkeiten aus der Bundespolitik für einen Tag mit dem echten Leben konfrontiert, indem sie kräftig mit anpacken müssen: Renate Künast auf dem Bauernhof, Karl Lauterbach im Krankenhaus, Gregor Gysi auf dem Bau. Das hört sich nach einer schönen Idee an (und lief ja neulich so ähnlich schon im ZDF), entpuppt sich aus Sicht der Politik allerdings als eine einzige Image-Katastrophe. Denn die SWR-Autoren haben aus “Abgeordnet” eine Witzparade gemacht, in der Politiker zur allgemeinen Erheiterung als Schießbudenfiguren vorgeführt werden – und das nicht nur im Vorspann, für den die Köpfe der Teilnehmer auf Comicfiguren montiert wurden.

Als die Grünen-Politikerin Künast auf einen Bauernhof im tiefsten Bayern Kühe melken muss und nicht gleich Erfolg hat, meckert die Sprecherin aus dem Off: “So richtig flutschen will es noch nicht!” In einer Bielefelder Klinik soll SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach derweil helfen, einen Patienten umzubetten – “aber anpacken ist nicht so sein Ding”, heißt es dazu spöttisch.

Es mag ja sein, dass beide sich etwas ungeschickt anstellen. Aber so ist das nunmal mit Berufen, die man nicht erlernt hat, oder schon lange nicht mehr praktiziert, und plötzlich voll funktionieren soll. Das kann nicht gutgehen.

Bild zu: Abgewatscht! Wie der SWR Politiker zu Schießbudenfiguren machtEigentlich müsste es das ja auch gar nicht, hat ein Oberarzt begriffen, für den es schon selbstverständlich ist, dass das Geld, das ins Gesundheitssystem gesteckt wird, oft nicht in den Krankenhäusern ankommt. “Wenn er raus geht und das verstanden hätte, wäre das ein kleiner Erfolg”, sagt er über Lauterbach. Und fügt hinzu: “Aber letztlich glaube ich, dass sich so ein Profipolitiker in seinen Vorstellungen wenig verändert.” Das hat er immerhin mit den Leuten vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen gemeinsam, die am liebsten die ganze Zeit zeigen würden, wie Künast sich von einem wilden Kalb über den Hof zerren lässt, haha, das hat sie jetzt davon, dass sie Politikerin geworden ist, hört man die Redakteure lachen.

“Abgeordnet – Politiker im Praxistest” ist nicht nur handwerklich eine Katastrophe, mit üblen Schnitten und einem unnötig giftigen Kommentar, der vermutlich ironisch gemeint sein soll. Die Sendung zeigt auch schön, wie wenig das Fernsehen manchmal Ahnung von der eigenen Praxis hat, wenn es daran scheitert, kritischen Journalismus zu simulieren.

Bild zu: Abgewatscht! Wie der SWR Politiker zu Schießbudenfiguren machtSonst stünde zwischendurch nicht immer urplötzlich Moderatorin Birgitta Weber im signalroten Jäckchen im Bild, aus dem Nichts erscheinend wie die Grinsekatze in “Alice im Wunderland”, um vor dem Krankenbett oder am Futtertrog “Anne Will” zu spielen und noch ein paar gaaanz kritische Fragen zu stellen, mit denen sie Künast im Arbeitsanzug und Lauterbach im Pflegerkittel nerven kann. (Vielleicht kennen Sie Weber noch aus diesem Fernsehblog-Eintrag.) Einmal will sie von dem SPD-Mann, der sich zuvor tatsächlich “überrascht” zeigte, wie schlecht die Ausstattung der Klinik ist, wissen:

“Herr Lauterbach, angenommen, Sie hätten einen schweren Herzinfarkt. Wäre es Ihnen denn wichtig, schnell ein Bett auf der Intensivstation zu bekommen?”

Äh? Sicher. Aber nur wenn der SWR für diesen Bereich Drehverbot bekommt.

“Traktor statt Staatskasse, Nachttopf statt Verordnungen, Schicksale statt Aktenberge” – so erklärt Weber zu Beginn das Konzept der Sendung (hier im “Highlights”-Video), und genau so sieht “Abgeordnet” auch aus: Wie ein Stück Fernsehen, das sich um Differenziertheit einen feuchten Dreck schert und dem es reicht, sich über Politiker lustig zu machen, anstatt sie mit denen, die sie wählen sollen, tatsächlich ins Gespräch zu bringen.

“Abgeordnet – Der Politiker-Praxistest” läuft bis zur Wal am späten Sonntagabend im Ersten, Folge 1 heute um 23.30 Uhr.

Fotos: SWR

 
 
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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.