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Martin Hoffmann über den Kostendruck im TV: "Die Grenze ist erreicht"

08.10.2009, 15:14 Uhr  ·  Unser Fernsehen verändert sich. Weil die Werbeeinnahmen in der Krise zurückgehen, Investoren höhere Margen durchsetzen wollen und junge Zuschauer sich lieber im Netz unterhalten lassen. Das Fernsehblog fragt in loser Reihenfolge nach: Was bedeutet das für die Zuschauer? Und die Macher? Diesmal bei Martin Hoffmann, Geschäftsführer der Produktionsfirma MME Moviement.

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Unser Fernsehen verändert sich. Weil die Werbeeinnahmen in der Krise zurückgehen, Investoren höhere Margen durchsetzen wollen, aber auch, weil sich vor allem junge Zuschauer lieber im Netz unterhalten lassen (wenn auch oft mit Inhalten, die zuvor fürs Fernsehen produziert wurden). Das Fernsehblog fragt in loser Reihenfolge nach: Was bedeutet das für die Zuschauer? Und die Macher? Diesmal bei Martin Hoffmann, Geschäftsführer der Produktionsfirma MME Moviement, die mit ihren Produktionstöchtern für fast alle TV-Veranstalter in Deutschland Programme herstellt (“Bauer sucht Frau”, “Richterin Barbara Salesch”, “Das Quiz mit Jörg Pilawa”, den Münster-”Tatort”) und seit zwei Jahren zur britischen Gruppe All3Media gehört.

Vor seiner Zeit bei MME war Hoffmann von 2000 bis 2003 Geschäftsführer bei Sat.1. Im Herbst 2010 zieht er sich aus dem TV-Geschäft zurück und wird Intendant der Berliner Philharmoniker.

Bild zu: Martin Hoffmann über den Kostendruck im TV: "Die Grenze ist erreicht"
Alles MME-Programme: “Das Quiz mit Jörg Pilawa”, “Bauer sucht Frau”, der “Tatort” aus Münster, “Richterin Barbara Salesch” / Fotos: ARD, Sat.1, RTL

Das Fernsehblog: Herr Hoffmann, die Sender haben ihre Budgets für Auftragsproduktionen reduziert, der Kostendruck wächst. Wie macht sich das bei MME Moviement im Tagesgeschäft bemerkbar?

Martin Hoffmann: Der Kostendruck, den wir jetzt haben, betrifft alle Genres und alle Zeitschienen. Wenn neue Programmideen vorgestellt werden, gibt es die klare Vorgabe des Senders: Auf jedem Timeslot steht nur ein bestimmtes Budget zur Verfügung. Bei einigen Privatsendern ist das Bedingung, bei den öffentlich-rechtlichen Sendern wird es sensibler gehandhabt.

Und wie ist das mit laufenden Produktionen? Kommen die Sender zu Ihnen und sagen: Wir hätten gerne dasselbe Programm wie bisher, nur günstiger?

Für unseren Nachmittag bei Sat.1 mit den Filmpool-Produktionen “Richterin Barbara Salesch”, “Zwei bei Kallwass” und “Niedrig & Kuhnt” haben wir gerade die Verhandlungen abgeschlossen. Mit gebetsmühlenhafter Ausdauer hat der Sender vorgeschlagen, das Gesamtbudget zu reduzieren – bei Sendungen, die mit ihren Marktanteilen alle über dem Senderschnitt liegen. Und zwar sowohl über den Folgenpreis als auch die Anzahl. Wir sind uns schließlich einig geworden. Die argumentative Monotonie des Senders in diesen Verhandlungen war für mich allerdings neu. Und warum man Formate nicht stärkt, die mit ihren Erstausstrahlungen und zahlreichen Wiederholungen immer ihre treuen Stammzuschauer finden, das weiß ich nicht.

Bild zu: Martin Hoffmann über den Kostendruck im TV: "Die Grenze ist erreicht"Aber es ist doch ein Traum für jeden Produzenten, solche langlaufenden Formate sicher zu haben. “Richterin Barbara Salesch” wird seit zehn Jahren produziert.

Sicher, aber es ist auch so, dass wir früher mal 190 Folgen im Jahr realisiert haben, jetzt sollen es um die 110 werden. Damit wird eine verlässliche Orientierung des Zuschauers mit Erstausstrahlungen und damit letztlich auch seine Bindung an das Programm schwierig werden.

Und sparen geht nicht?

Zunächst einmal sind die Budgets im gesamten Produktionszeitraum dieser Programme nie erhöht worden, noch nicht einmal einen Inflationsausgleich hat der Sender vorgenommen. Das bedeutet doch, dass wir kontinuierlich real Einsparungen vorgenommen haben. Aber die Grenze ist erreicht. Auch bei Studioproduktionen haben Sie Fixkosten, bei denen die Spirale abwärts nicht mehr gedreht werden kann. Sie können natürlich sagen: Ich mach das mit zwei Kameras weniger. Aber dann sieht die Sendung anders aus. Ich meine, wir müssen den Sendern mit mehr Selbstbewusstsein begegnen. Unsere neuen geskripteten Dokusoaps “Verdachtsfälle” und “Familien im Brennpunkt” reüssieren am Nachmittag bei RTL ausgezeichnet. Daran auch materiell zu partizipieren, das ist das Ziel.

Ist der Druck bei fiktionalen Programmen und Shows genauso hoch?

    “Die Sender werden die heutigen Standards nicht für weniger Geld bekommen.”

Serielle fiktionale Produktionen sind für den Produzenten verlässlich und ertragskräftig, jedenfalls ab einer zweiten Staffel. Dieses Genre finden Sie inzwischen aber fast ausschließlich bei ARD und ZDF. Dort drängen nun alle Fiction-Produzenten hin. Es gibt dort aber nicht automatisch mehr Programmfläche. Und die Sender können die Preise fast diktieren, weil so viele Wettbewerber im Markt sind. Was den Fernsehfilm angeht, hat sich die Branche in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, mit einem Budget von durchschnittlich 1,35 Millionen Euro auszukommen. Wenn der Sender das bezahlt, weiß er in der Regel sehr genau, wie das Ergebnis aussehen wird. Das ist auf beiden Seiten akzeptiert. Sollte künftig nur noch eine Million bezahlt werden, dann wird die Besetzung, die gesamte visuelle Anmutung anders sein. Die Sender müssen akzeptieren, dass sie die heutigen Standards nicht für weniger Geld bekommen. Wir leisten nicht die Quadratur des Kreises.

Kriegt denn automatisch der Produzent, der’s am billigsten anbietet, den Zuschlag? Oder gibt es bei den Sendern schon noch Leute, die Qualität wollen, selbst wenn das mehr kostet?

Bei bestimmten Genres hat man diesen Eindruck. Aber ich will das nicht pauschalisieren. Natürlich gibt es bei allen Sendern in jedem System noch begeisterungswillige und begeisterungsfähige Programmmacher.

Sie waren doch Geschäftsführer bei Sat.1 – wie war das denn damals?

Das kann man nicht mehr vergleichen. Das ist aus der aktuellen Perspektive Fernsehsteinzeit. Zu jeder Zeit waren Kosten- und Rentabilitätsargumente entscheidungsprägend. Aber eben auch, welche Programme das Senderprofil so stärken, dass sie – sagen wir – ein Muss waren. Die prägen die Gesamtakzeptanz des Senders und erhöhen spürbar und nachhaltig die Vermarktungschanchen. Mit einem Wort: die Einnahmeseite. Kein schlechter Weg.

Bei der Medienwoche in Berlin haben Sie kürzlich gesagt, das Fernsehen sei in den vergangenen Jahren nicht gerade besser geworden.

Find ich auch nicht.

    “Die intellektuelle Herausforderung des Zuschauers wird sicher nicht permanent auf die Spitze getrieben.”

Und die Produzenten haben damit gar nichts zu tun, stellen sich hin und sagen bloß: Gebt uns mehr Geld, wir könnten es ja besser?

Wir tun in erster Linie das, was unsere Auftraggeber, also die Sender, von uns haben wollen. Ein Qualitätsurteil soll und kann kein Pauschalurteil sein. Aber im Ernst: Bei allen Sendern und nicht nur auf 3sat, Arte und Phoenix gibt es herausragendes Fernsehen. Ich meine aber: Immer seltener.

Warum ist populäres Fernsehen so selten herausragend?

Ist es schon auch: Die Machart, die visuelle Sprache, die Dramaturgie, das alles hat sich weiterentwickelt, ist im besten Sinne modern und auch international sehr respektabel. Schauen Sie sich “Schlag den Raab” von Brainpool an oder unsere Shows mit Jörg Pilawa. Das ist toll gemachtes Unterhaltungsfernsehen.

Würden Sie sagen, die Verflachung, von der immer alle reden, gibt es gar nicht?

Es gibt sicher bestimmte Programmflächen, bei denen die intellektuelle Herausforderung des Zuschauers nicht permanent auf die Spitze getrieben wird. Bis 20 Uhr ist das Fernsehen auch ein Stück Nebenbeimedium, das die Menschen in ihren Alltag integrieren und das deshalb sehr verlässlich sein muss. Ab 20.15 Uhr wird dann neu entschieden – und der Zuschauer findet das, was er sehen will, sehr oft ganz eigenständig und unabhängig vom vorher inszenierten Presse- oder Marketinghype. So hat Sat.1 in den vergangenen Wochen mit “Barfuß bis zum Hals” und “Böseckendorf” tolles Fernsehen gemacht und einen fulminanten Zuschauerzuspruch erfahren. Es gibt gerade im Fiktionalen große Qualitäten. Das gilt genauso für die Mittwochsfilme in der ARD und die lang laufenden Reihen im ZDF am Samstag sowie die Fernsehfilme am Montag.

Vor zwei Jahren ist All3Media aus Großbritannien bei der MME eingestiegen. Waren die Kollegen sehr geschockt, als sie gesehen haben, wie sehr sich die beiden Märkte unterscheiden?

    “Fernsehen ist immer noch am wirksamsten, wenn es Interessen bündelt.”

Sagen wir es: erstaunt. Ich habe mit Steve Morrison, CEO von All3Media , eine Sendertour gemacht, und er war sehr beeindruckt von der Professionalität, Kompetenz und Leidenschaft der Macher. Der Mut zu Neuem, sagen die Engländer, ist in ihrem Land allerdings stärker ausgeprägt. Sätze wie ‘Unser Zuschauer mag das nicht, unser Zuschauer versteht das nicht, unser Zuschauer kennt das nicht’ gehören dort weniger zum Standard-Argumentationsportfolio.

Haben wir nicht vor fünf Jahren eine ganz ähnliche Diskussion geführt – über mehr Qualität, mehr Mut? Vielleicht verändert sich das Fernsehen gar nicht so sehr.

Ich glaube zumindest nicht, dass das Fernsehen durch das Internet substituiert wird, die Parallelnutzung wird noch erheblich zunehmen. Die Mediennutzung wird zukünftig von technischen Innovationen geprägt werden. Wenn Sie die Entwicklung des Iphone von Apple auf die TV-Hardware übertragen, wenn also die Handhabung kinderleicht wird, dann machte es keinen Unterschied mehr, welches Medium Sie konsumieren. Das bedeutet für die Inhalte eine weitergehende Diversifizierung zu Special-Interest-Programmen. Fernsehen wird seine Relevanz erhalten, vor allem für fiktionale Produktionen. Die “große Unterhaltung” wird sich auf einige wenige Sendungen konzentrieren.

Und was bedeutet das für die Programmmacher?

Fernsehen muss Ereignisse bieten und schaffen – Gottschalk, Raab, Fußball, Formel 1, die großen Events. Weil Fernsehen immer noch am wirksamsten ist, wenn es Interessen bündelt. Und der Zuschauer will live beim Einmaligen dabei sein und mitfiebern.

Foto oben: MME Moviement

 

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.