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15 Jahre "Extra": "Sind Sie interessiert an brisanten Themen?"

19.10.2009, 14:31 Uhr  ·  Verbraucherthemen, ein bisschen Gesellschaft und nachher Erotik – so funktioniert "Extra" bei RTL. Das war nicht immer so. Seit der ersten Sendung im Jahr 1994 haben sich zwar die Themen verändert, nicht aber der Ton, in dem berichtet wird: Wer für "Extra" mit der Kamera rausgeht, kommt immer mit einer Sensation zurück.

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“Guten Abend, liebe Zuschauer. Sind Sie neugierig und interessiert an brisanten Themen und haben Sie Lust, hin und wieder zu schmunzeln? Dann ist dies genau das richtige Magazin für Sie. Willkommen bei ‘Extra’, Ihrem neuen RTL-Magazin. Heute mit einer Extra-Ausgabe. Und dann werde ich Sie, wenn Sie wollen, jeden Montagabend um 22.15 Uhr begrüßen.”

So moderierte Birgit Schrowange am 13. Oktober 1994 die erste Ausgabe von “Extra” an, und was danach folgte, ist aus heutiger Sicht unvorstellbar: eine 50-minütige Sendung mit gesellschaftskritischen Beiträgen, etwas steif zwar und schon damals in dem künstlich-aufgeregten Tonfall, der sich bis heute gehalten hat, aber doch journalistisch bemüht.

Bild zu: 15 Jahre "Extra": "Sind Sie interessiert an brisanten Themen?"
Screenshot: RTL

Zum Start begleitete “Extra” italienische Umweltschützer am Gardasee, die illegale Vogelfallen einsammelten, was den ortsansässigen Vogeljägern so sehr missfiel, dass nachher, als das Kamerateam zu seinem Wagen zurückkehrte, die Fenster eingeschossen und die Reifen zerstochen waren. “Extra” besuchte einen deutschen Todeskandidaten, der in Singapur wegen Drogenschmuggels im Gefängnis saß, obwohl er beteuerte, ohne sein Wissen als Kurier benutzt worden zu sein. Es folgten Beiträge darüber, wie russische Frauen nach Deutschland verkauft werden, wie sich ein Vierjähriger mit schweren Verbrennungen nach einer Hauttransplantation wieder in den Alltag integriert und wie Männer in Kursen lernen können, ihre Männlichkeit gegenüber emanzipierten Frauen zu behaupten.

Auch den “Extra”-Test gab es schon – mit dem Thema: Wie schnell bringen Gynäkologen ihre Patientinnen unters Messer?

Jaja, Sie haben das schon richtig verstanden: bei RTL.

    Heute geht’s nicht mehr um Tierversuche, sondern um Tapas aus der Tiefkühltruhe

Heute Abend um 22.15 Uhr feiert “Extra” seinen 15. Geburtstag nach, mit einem Rückblick auf die schönsten Tests der vergangenen Jahre, und mit Birgit Schrowange, die natürlich nicht mehr so angespannt redet wie damals, als sie vom ZDF zu RTL kam, aber immer noch denselben Autor für Ihre Anmoderationen zu haben scheint. “Wir machen einen kleinen Umtrunk, da wird nicht groß gefeiert”, sagt Schrowange über das Jubiläum. Und dass es sonst keine große Rückschau geben wird, leuchtet einem sofort ein, wenn man die ersten “Extra”-Ausgaben heute nochmal anschaut.

Bild zu: 15 Jahre "Extra": "Sind Sie interessiert an brisanten Themen?"Damals, 1994, sind die Reporter in Ausland gereist, haben mit Augenzeugen gesprochen, kritisch nachgefragt. Nachgefragt wird zwar immer noch, nur die Anlässe sind andere. Es geht nicht mehr um Tierversuche, die brutale Beschneidung afrikanischer Mädchen und den Tod eines jungen Deutschen, der von der tschechischen Polizisten bei einer Führerscheinkontrolle erschossen wurde (alles Themen der zweiten “Extra”-Ausgabe!) – sondern darum, dass die Tapas in vielen Restaurants aus der Tiefkühltruhe kommen, Gästetoiletten nicht richtig geputzt werden oder die Sorgen und Nöte deutscher Bordellbetreiber.

“‘Extra’ bewegt was, ich hab da nach wie vor großen Spaß daran. Die Sendung spiegelt einfach das Leben wieder. Da kann jeder was für sich herausziehen”, sagt Schrowange, die kein Problem damit hat, zuzugeben, dass sie halt Moderatorin der Sendung ist, und nicht etwa die erste Journalistin in der Redaktion. Obwohl: “Ich bring auch meine Themen unter, das ist kein Problem. Mir liegt es am Herzen, etwas für Kinder bewegen zu können, wenn wir zum Beispiel Missstände in Waisenhäusern aufdecken können.”

Aber manchmal hat man das Gefühl, dass sie merkwürdig wenig zu tun hat mit dem Magazin, dem sie jetzt schon so lange ihr Gesicht leiht. Wenn man danach fragt, dass die Redaktion ja neulich Ärger hatte, weil sie gerichtlich verboten bekam, Aufnahmen mit der versteckten Kamera aus einer Arztpraxis zu zeigen, klingt Schrowange erstaunt: Da gab’s Ärger?

Bild zu: 15 Jahre "Extra": "Sind Sie interessiert an brisanten Themen?"
Screenshot: RTL

Verbraucherthemen, ein bisschen Gesellschaft und nachher Erotik, das ist die Mischung, mit der “Extra” überlebt hat. Seit 1994 haben sich zwar die Themen verändert, nicht aber deren Ziel: Wer für “Extra” mit der Kamera rausgeht, kommt immer mit einer Sensation zurück. (Und falls nicht, wird nachher im Schneideraum eine draus gemacht.) Nur hat die Redaktion im Laufe der Jahre gemerkt, dass man dafür nicht bis auf die Philippinen reisen muss, sondern einfach mit der versteckten Kamera in die nächste Wirtsstube gehen kann.

    “Extra” hat verstanden, was das Publikum sehen will. Eigentlich ist das ein Hammer

Und wer gesehen hat, wie “Extra”-Reporter Burkhard Kress aufdeckte, dass das Toilettengeld in deutschen Einkaufszentren von den Betreibern eingesackt wird und nicht etwa von den nach Stunden bezahlten Reinigungskräften, die mit ihren Tellern nur dasitzen, damit die Kunden was geben, fragt sich beim nächsten Besuch einer öffentlichen Toilette garantiert: Hauen die mich hier womöglich auch übers Ohr? Wahrscheinlich ist das die Erklärung dafür, dass es die Sendung noch immer gibt: Die Redaktion hat sich – früher als andere im deutschen Fernsehen – auf Themen konzentriert, von denen die Zuschauer das Gefühl haben, dass sie sie selbst betreffen, seien sie auch noch so banal. Ist das schlimm? Nein, schlimm wird es nur, wenn “Extra” doch einmal über ein gesellschaftlich brisantes Thema stolpert, bei dem es nicht nur einen simulierten Journalismus bräuchte, sondern einen echten.

“Wir machen da weiter, wo die anderen aufhören und erfinden die Sendung immer wieder neu!”, sagt Redaktionsleiter Jan Rasmus über “Extra”, obwohl eigentlich das Gegenteil der Fall ist. Aber bei 1,71 Millionen jungen Zuschauern, die von Januar bis August 2009 im Schnitt zugesehen haben (19,7 Prozent Marktanteil), erübrigt sich zumindest seitens RTL die Nachfrage.

“Extra” hat verstanden, was das Publikum sehen will. Eigentlich ist das ein ganz schöner Hammer.

 

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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.