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Christoph Maria Herbst ist wieder "Stromberg": "Da bleibt mir die Spucke weg!"

02.11.2009, 08:23 Uhr  ·  Zwölf neue "Stromberg"-Folgen zeigt Pro Sieben in den kommenden Wochen, und schon die ersten beiden gehen ganz schön an die Schmerzgrenze. Ein Gespräch mit Christoph Maria Herbst über tragische Figuren, den deutschen Büroalltag und – Lachsbrötchen.

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Zwölf neue Folgen der Bürosatire “Stromberg” zeigt Pro Sieben in den kommenden Wochen am späten Dienstagabend. Und hat es damit ziemlich eilig: Zum ersten Mal laufen die Episoden im Doppelpack, was bestimmt nicht daran liegt, dass Pro Sieben die Fans glücklich machen will. “Stromberg” mag beliebt sein, vielfach ausgezeichnet und ein Imagegewinn für den Sender – aber dass die Quoten diesmal durch die Decke gehen, scheint man nicht mal mehr in Unterföhring zu erwarten. Deshalb erscheint die DVD-Box mit allen neuen Folgen bereits an diesem Freitag. Und vielleicht ist das auch der Grund, dass “Stromberg”-Autor Ralf Husmann diesmal noch mal etwas böser sein durfte als bisher.

Das Fernsehblog hat sich mit “Stromberg”-Darsteller Christoph Maria Herbst darüber unterhalten, wie sehr die Serie diesmal an die Schmerzgrenze geht, wie sich komische Figuren zu tragischen entwickeln und wie nah “Stromberg” an der Realität dran ist.

Bild zu: Christoph Maria Herbst ist wieder "Stromberg": "Da bleibt mir die Spucke weg!"
Strafversetzung aufs Land: Stromberg arbeitet künftig im piefigen Finsdorf / Foto: Pro Sieben

 

Das Fernsehblog: Herr Herbst, am Dienstag startet die vierte “Stromberg”-Staffel bei Pro Sieben. Comedypreis gewinnen Sie damit aber keinen mehr.

Christoph Maria Herbst: Die Dreharbeiten liegen ja eine Weile zurück, ich hab mir die fertigen Folgen auch erst vor kurzem angesehen …Vielleicht kriegen wir ja einen Tragedypreis.

Nach den ersten beiden Folgen denkt man jedenfalls: So schlimm war es noch nie. Um schwierige Themen hat sich die Serie ja noch nie gedrückt, aber diesmal geht es um Depression, schwerstes Mobbing, die schlimmstmögliche Bloßstellung vor Kollegen, um Selbstmord sogar. Das ist ja nicht auszuhalten.

“Stromberg” hebt sich mit diesen Themen wohltuend von anderen Programmen ab, und die Autoren – allen voran Ralf Husmann – schaffen es nach wie vor, den Kreis da zu quadratieren.

Bild zu: Christoph Maria Herbst ist wieder "Stromberg": "Da bleibt mir die Spucke weg!"Man könnte genauso sagen: Über solche ernsten Themen darf man keine Späße machen.

Das ist die große Frage, die Tucholsky schon gestellt hat: Was darf Satire? Letztlich ist “Stromberg” ja eine satirische Serie. Wir haben da im Gegensatz zur reinen Comedy durchaus einen gesellschaftspolitischeren Anspruch, die Autoren wagen sich deshalb auch an Tabuthemen heran. “Stromberg” war für mich aber schon immer eine tragikomische Angelegenheit, in den ersten beiden Folgen der neuen Staffel liegt der Hauptakzent nun klar auf der Tragik. Ich kann Ihnen aber versichern, dass in den acht Folgen danach auch andere Facetten zu sehen sein werden. Die Charaktere werden da nicht wie die Fliegen sterben.

Und, um kurz auf Stromberg selbst zu kommen: Auch was mit ihm passiert, ist ja hochtragisch. Er wähnt sich ja schon als neuer Gesamtleiter und tappt dann ins brutalstmögliche Fettnäpfchen, was dazu führt, dass er in den gefühlten Osten, nach Finsdorf, versetzt wird. Da schlägt die Sinuskurve in extremen Amplituden nach oben und unten aus.

    “Selbst wenn es Stromberg schlecht geht, gibt er dem Publikum noch den Gottschalk”

Dabei ist Stromberg eigentlich doch gut dran – der merkt gar nicht, was um ihn herum los ist, was er alles falsch macht, wie er andere mit reinreißt. Klarer Fall von gestörter Wahrnehmung.

Ich wünsch mir ja manchmal für mein persönliches Leben auch, ein bisschen tumber zu sein, ein bisschen abgestumpfter – aber das geht nicht. Der liebe Gott hat einem nun mal die Sensibilität und die Intelligenz mitgegeben, von der er glaubte, dass es die richtige Dosis ist. Man darf aber nicht vergessen: Stromberg ist auch ‘The Great Pretender’ – einer, der sich die Dinge schönredet. In den Szenen, in denen er sich unbeobachtet wähnt, kriegt man dann schon mit, wie unglaublich er darunter leidet, in diesen Gulag versetzt worden zu sein. Eigentlich geht’s ja in der ganzen Staffel nur darum, dass der Käfer, der auf den Rücken gefallen ist, wieder auf die Beine kommt.

Richtig weiterentwickelt hat sich die Figur Stromberg in den vergangenen Staffeln nicht, oder?

Tja, wie will man eine so tragische Anlage noch weitertreiben?

Bild zu: Christoph Maria Herbst ist wieder "Stromberg": "Da bleibt mir die Spucke weg!"So wie bei Ernie, um den es diesmal besonders schlimm steht. Der Mann sieht verwahrlost aus, er redet wirr, man hat das Gefühl: Der ist am Ende.

Ernie ist in der vierten Staffel sicher die Figur, die die stärkste Entwicklung durchmacht. Dass wir da an den Stromberg nicht zu sehr rangehen, hat natürlich auch dramaturgische Gründe, er ist ja nicht nur Namensgeber der Sendung, sondern auch so etwas wie der Moderator des Ganzen – und selbst wenn es ihm noch so schlecht ginge, würde er noch versuchen, dem Publikum den Thomas Gottschalk zu geben. Nur dass er eben nicht das Vergnügen hat, eine Michelle Hunziker an seiner Seite zu haben.

Zumindest ist Stromberg aber so aggressiv wie nie zuvor. Als er von der Versetzung erfährt, demoliert er mit dem Golfschläger sein Büro.

Ja! Das hab ich so wahnsinnig gerne gespielt! Leider durften wir nur dreimal wiederholen, weil die Ausstattung gesagt hat: Christoph, achte bitte auf die Lampe, die da steht, die haben wir nur dreimal da. Sowas muss man dann eben gut proben. Ich find das toll, dass man die Figur noch einmal in ein solches Extrem hineintreibt. Die Rosamunde-Pilcher-Momente wird’s aber genauso geben – wenn Stromberg aus der Liebe zu seiner Arbeitskollegin Jennifer keinen Hehl mehr macht und alle Klischees bedient, die er im Fernsehen mal gesehen hat. Diese Ambivalenz ist ja auch das Tolle an der Figur: Man will Stromberg einerseits kräftig in den Hintern treten, andererseits aber gleich danach in den Arm nehmen, weil man ihm nicht böse sein kann. Die Frage ist: Woran liegt das? Weil wir alle was von ihm in uns haben? Das hab ich für mich noch nicht beantworten können. Aber das macht “Stromberg” zu einer zutiefst menschlichen Angelegenheit.

Sie haben angedeutet, dass Sie die Schwere, die jetzt in der vierten Staffel steckt, beim Dreh gar nicht so bewusst wahrgenommen haben.

Ich geh schon mit offenen Augen und klarem Verstand in die Dreharbeiten. Und beim Lesen der Bücher merkt man ja, was da drinsteckt. Trotzdem fokussieren die Bilder, wenn man sie nachher sieht, das natürlich noch mal viel stärker, wenn man zum Beispiel sieht wie Stromberg und Ernie nach dessen Suizidversuch am Auto lehnen, es hat geregnet, alles sieht so heruntergekommen aus…

…der “Kameramann” des vermeintlichen Reporterteams legt sogar die Kamera hin, als Stromberg Ernie im Wagen entdeckt…

…ja, und man hört zum ersten Mal einen vom Team etwas sagen: “Hol mal einer ‘nen Arzt!” So weit kann man mit so einem Format gehen. Das ist sensationell von Bjarne Mädel gespielt.

Bild zu: Christoph Maria Herbst ist wieder "Stromberg": "Da bleibt mir die Spucke weg!"

“Stromberg” ist eher nix für Leute, die mit ihrem Büro-Job unzufrieden sind, oder?

Ich denke immer, dass die Quote nicht so enorm hoch ist, weil viele Leute sich tatsächlich zu sehr gespiegelt sehen. Es gibt welche, die schreiben: ‘Ich mag Sie als Schauspieler, aber ‘Stromberg’ kann ich mir nicht antun, weil ich am nächsten Tag wieder genau in ein solches Büro gehen muss.’ Inzwischen hat sich zumindest herumgesprochen, dass “Stromberg” eine fiktionale Serie ist – anfangs dachten viele, das sei eine ganz reale Doku über eine existierende Versicherung. Das hab ich immer als großes Kompliment für uns verstanden. Genau das treibt aber den eingefleischten Fans die Tränen in die Augen: dass es eben so echt aussieht.

Natürlich arbeiten wir auch mit den Mitteln der Überhöhung, es soll ja am Ende doch vor allem lustig sein, aber sich das real vorzustellen – da bleibt mir auch die Spucke weg. Ähnlich hab ich’s aber ja erlebt in meiner Banklehre. Das war nicht ganz so schlimm. Der ein oder andere Kollege aus meiner damaligen Zeit bei einer großen deutschen Bank dürfte sich im Stromberg aber – nicht nur äußerlich – wiedererkennen.

    “Für ‘Stromberg – Der Film’ müsste ich glaube ich nicht geködert werden”

Bei France Telecom haben sich reihenweise Leute umgebracht, weil sie das Gefühl hatten, ihrem Job nicht mehr gewachsen zu sein. Das was da bei “Stromberg” passiert, ist womöglich gar nicht so sehr überhöht.

Ich bin fest davon überzeugt, dass es das auch in Deutschland gibt, diese Überforderung und die scheinbare Ausweglosigkeit. Wir bekommen nur nicht soviel davon mit. Aber man muss sich ja nur mal “Monitor” oder “Report” ansehen, wenn über Mobbing berichtet wird – da werden Menschen wirklich seelisch zerstört. Natürlich lässt sich sagen: Darüber kann man keine Witze machen. Kann man aber doch. Ich glaube auch, dass “Stromberg” da durchaus auch eine Ventilfunktion hat, dass da etwas Kathartisches entsteht.

Kennen Sie eigentlich noch Leute mit “normalen” Jobs?

Auf jeden Fall. Natürlich hab ich am ehesten mit Schauspielkollegen und Regisseuren zu tun, aber ich hab mir schon viele Freunde von früher bewahrt, und die versuche ich zu pflegen, alleine schon, weil sie ein wunderbares Korrektiv sind. Ich brauch meinen Beruf nicht als Hebel für die Wirklichkeit, ich krieg die Wirklichkeit durchaus mit.

Bild zu: Christoph Maria Herbst ist wieder "Stromberg": "Da bleibt mir die Spucke weg!"Es ist schon soviel spekuliert worden: Ist die vierte “Stromberg”-Staffel jetzt die letzte?

Die Staffel endet auf eine Weise, bei der man sich eigentlich sicher sein kann, dass der Alptraum noch in eine weitere Runde gehen könnte. Nichtsdestotrotz könnte man aus diesem Semikolon aber auch einen Punkt machen. Ich kann da aber nicht in den Kaffeesatz gucken, das hängt ja von so vielen Komponenten ab. Mein Gefühl sagt mir allerdings, dass es im nächsten Jahr erst einmal eine Tendenz zu einem Kinofilm geben wird.

Wenn Sie den Stromberg dann überhaupt noch spielen wollen.

Für “Stromberg – Der Film” müsste ich glaube ich nicht geködert werden. Ich möchte Sie herzlich einladen, mir diesen narzisstischen Anteil zu gönnen: den eigenen Namen auf der großen Leinwand zu sehen. Das wäre glaub ich auch für die anderen Kollegen – wie soll ich sagen? – ein inneres Lachsbrötchen.

“Stromberg”, dienstags ab 22.15 Uhr bei Pro Sieben. Der Start der ersten Folge ist auf myspass.de zu sehen. Ältere Folgen gibt’s dort auch.

Alle Fotos: Pro Sieben

 
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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.