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Warum der Erfolg von RTL dem deutschen Fernsehen schadet

02.12.2009, 16:33 Uhr  ·  Mit einem Monatsmarktanteil von 18,7 Prozent bei den jungen Zuschauern war RTL im November so erfolgreich wie seit Jahren nicht mehr. Das ist ein fatales Signal an die Konkurrenz. Weil dieser Erfolg im Wesentlichen auf Sendungen beruht, die Kandidaten für Freakshows zu benutzen, über die sich das Publikum amüsieren kann.

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Man muss Anke Schäferkordt natürlich gratulieren. Als sie 2005 die Geschäftsführung von RTL übernahm und erklärte, ihr Ziel sei es, den Sender zurück auf “die alte Flughöhe von 17 Prozent” zu holen, wurde sie belächelt. Unmöglich schien das den meisten in einer sich immer weiter diversifizierenden Senderlandschaft. Vier Jahre sind seitdem vergangen. Und RTL verzeichnet gerade zum zweiten Mal in Folge den besten Monatsmarktanteil seit 2004, liegt mit 18,7 Prozent bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern weit vor der Konkurrenz.

Bild zu: Warum der Erfolg von RTL dem deutschen Fernsehen schadetSchäferkordt ist es gelungen, mit einer stringenten Programmplanung und konsequenter Risikominimierung ihre eigene Zielvorgabe zu übertreffen. RTL hat einfach vieles richtig gemacht: Auf dem 19.05-Uhr-Sendeplatz am Sonntag hat Schäferkordt “Bauer sucht Frau” und “Rach der Restauranttester” entwickeln lassen, um die beiden Dokusoaps am Montag in der Primetime zu Superhits zu machen. Sie hat das Potenzial von “Das Supertalent” erkannt, das in der ersten Staffel gerade mal mit drei Shows im Programm war, aber die Zuschauer ganz offensichtlich interessierte und mit der Ausdehnung auf mehrere Wochen nun zu den größten Erfolgen seit Jahren gehört. Am Nachmittag hat sich RTL erst die Alltags-Dokus von Pro Sieben abgeschaut und sie dann zu geskripteten Versionen, die noch schärfer als die Originale sind, umgebaut.

Für die Geschäftsführung mag das ein Grund zur Freude sein. Für das deutsche Fernsehen allerdings ist der derzeitige Erfolg von RTL gefährlich, weil das Signal, das von ihm ausgeht, fatal ist.

Nicht nur, weil sich der Erfolg ausgerechnet in einer Zeit einstellt, in der RTL wegen rückläufiger Werbeeinnahmen sichtbar am Programm spart und, anstatt sich Neues zu trauen, fast ausschließlich auf etablierte Sendungen und Formate setzt. Sondern auch, weil dieser Erfolg, wenn man ihn inhaltlich betrachtet, im Wesentlichen auf Sendungen beruht, die Kandidaten dazu benutzen, Freakshows zu inszenieren, damit das Publikum sich über sie lustig machen kann. Wie im Mittelalter.

Bild zu: Warum der Erfolg von RTL dem deutschen Fernsehen schadetBeim “Supertalent” tritt ein Mann auf, der so schlecht singt, dass ihn das Publikum auslacht, ausbuht, und ihn mit eindeutigen Gesten von der Bühne weist, aber nicht, bevor Dieter Bohlen ihm den finalen Schlag versetzt hat. In “Schwiegertochter gesucht” lässt RTL Menschen auftreten, von denen nicht ganz klar ist, ob sie überhaupt wissen, dass sie im Fernsehen als Witzfiguren herhalten müssen und nicht etwa an einer seriösen Partnervermittlung teilnehmen. Durchgesetzt hat dieses Prinzip höchst erfolgreich “Bauer sucht Frau”, das sich gerade Woche für Woche 8 Millionen Menschen ansehen, und das vorgibt, ernsthaft mit seinen Protagonisten umzugehen, aber schon durch Kameraeinstellungen und Schnitte verrät, worum es wirklich geht: Um das Ausstellen von Seltsamkeit, Spießertum, von Andersartigkeit, von allem, das nicht der vermeintlichen Norm entspricht.

Das ist hochprofessionell gemacht (so dummdreiste Texte wie in “Bauer sucht Frau” muss man als Autor erst mal schreiben können!) und funktioniert hervorragend, weil es tatsächlich unterhält. Jedenfalls so lange, bis man sich vor dem Fernseher dafür schämt, gerade gelacht zu haben.

Dass RTL damit so viel Erfolg hat, ist geradezu eine Aufforderung an die Konkurrenten, es dem Marktführer gleich zu tun: Wer Quote machen will, sucht sich am besten ein paar Dumme, die nicht peilen, dass sie benutzt werden.

Das ging neulich selbst Stefan Raab zu weit, der in “TV total” sonst auch nicht gerade zimperlich ist und sich mit großem Genuss über die RTL-Protagonisten lustig macht, aber seinen Augen nicht trauen wollte, als er vor zwei Wochen in “Bauer sucht Frau” sah, wie die Redaktion die Thailänderin Narumol untertitelt hatte. Die wollte eigentlich bloß zum Ausdruck bringen, dass sie wegen ihrer Höhenangst von der Seilbahnfahrt, zu der Bauer Josef sie eingeladen hatte, “fix und fertig” zurückkam, sprach das allerdings nicht korrekt aus, was RTL so lustig fand, um es 1:1 in den Untertitel zu schreiben:

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Screenshot: Pro Sieben

Natürlich fand auch Raab das amüsant, aber als sein Publikum ausgelacht hatte, ging er schnurstracks auf die Kamera zu und sagte (im Video auf tvtotal.de ab 6’35):

“In der ganzen Sendung werden sprachliche Fehler in den Untertiteln korrigiert, damit man’s auch verstehen kann. Und hier, wenn sie mal ‘fick’ sagt, schreiben die Schweine von RTL das einfach aus. Wer immer bei RTL mit seinen kleinen schmierigen Redakteurshänden hier ‘fick’ hingeschrieben hat: Du kommst in die Hölle!”

Bild zu: Warum der Erfolg von RTL dem deutschen Fernsehen schadet
Screenshot: Pro Sieben

Naja gut, die Hölle. Aber was macht man nicht alles für 18,7 Prozent?

Bild oben [M]: RTL

 
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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.