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Einmal Fernsehhölle und zurück: Lenas langer Weg nach Oslo

05.05.2010, 10:36 Uhr  ·  Zwei Monate ist es her, dass Lena Meyer-Landrut das Finale von "Unser Star für Oslo" gewann. Vor ihrem Auftritt beim Eurovision Song Contest Ende Mai muss sie aber erst noch das halbe deutsche Fernsehen bereisen – und macht dabei nicht immer einen besonders glücklichen Eindruck.

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Zwei Monate ist es her, dass die junge Frau mit der Vorliebe für Mezzomix-Lippenstift das Finale von “Unser Star für Oslo” gewann, und mal abgesehen davon, dass das ein großer Erfolg war, ist nicht mehr so ganz sicher, ob man Lena Meyer-Landrut darum beneiden soll. Denn so sehr Stefan Raabs Castingshow auch eine Ausnahme im deutschen Fernsehen gewesen sein mag – die Umstände, unter denen die Siegerin nun von einem Auftritt zum nächsten geschickt wird, sind es nicht. Die 18-Jährige war im ARD-”Morgenmagazin” zu Gast, bei MTV und Viva, sie hat unzählige Radiointerviews gegeben, bei der “Wok-WM” und der “SKL Show” gesungen und natürlich bei “TV total” über ihren Sieg geplaudert. ARD und Pro Sieben wollen ihr bis zum großen Auftritt beim Eurovision Song Contest Ende Mai möglichst viele Gelegenheiten geben, im Gespräch zu bleiben.

Das ist konsequent. Nur hat die Lena, die gerade ständig im Fernsehen ist, nicht mehr viel mit der Lena von vor acht Wochen zu tun. Und sie kann nicht mal was dafür.

Bild zu: Einmal Fernsehhölle und zurück: Lenas langer Weg nach OsloAls sie kurz nach dem Finale auf der Couch bei “Wetten dass..?” saß, machte sie schon den Eindruck, sich dort nicht sonderlich wohl zu fühlen zwischen all den Promis, die sich – Bussi hier und Bussi da – gegenseitig bescheinigten, wie toll sie sich finden. Aber das wird auch die Aufregung gewesen sein. Zwei Wochen später bei “Verstehen Sie Spaß?” war es eher die Langeweile.

Gefühlte zwölf Stunden musste sie, nachdem sie ihren Siegertitel “Satellite” gesungen hatte, auf dem Sofa neben Moderator Guido Cantz, Comedian Michael Mittermeier und Kabarettistin Monika Gruber ausharren und wusste nicht so recht, wie sie sich in der kargen Samstagabendshowumgebung mit den grenzwertig-albernen Einspielfilmen verhalten sollte. Ein kleines dickes Mädchen hatte ihr zuvor eine Schachtel Pralinen überreicht, dessen Inhalt sie prompt mit den anderen Gästen verzehrte, aber angeekelt das Gesicht verzog: “Ich hab Marzipan erwischt!” Bei den Spendern, “Stefanie und Familie”, kam das während eines Schwenks ins Publikum nicht so gut an. Die Promis auf dem Sofa gaben ihr noch Tipps, wie sie das Abi schafft (“Mut zur Lücke!”), später musste sie einem Zauberkünstler assistieren – und sah sehr erleichtert aus als sie wieder gehen durfte.

Diese Woche haben die Boulevardmedien endlich einen Lästeranlass entdeckt. “Unser Star für Oslo – nackt. Lena Meyer-Landrut bei heißen Poolspielchen” kündigte RTL am Montag einen Beitrag im Klatschmagazin “Exclusiv” an. “Heute tauchten Bilder auf, die die 18-Jährige fast komplett nackt zeigen!” Auftauchen bedeutet in diesem Fall: bei RTL aus dem Archiv geholt, weil Lena im vergangenen Jahr für eine Minirolle in einer Dokusoap unbekleidet in ein Schwimmbecken gesprungen war. “Bisher wusste die Öffentlichkeit nichts von Lenas freizügiger Komparsenrolle”, hieß es im Beitrag. Und eigentlich hätte es auch gut dabei bleiben können. Aber so funktionieren die Medien nunmal nicht. Vor allem nicht, wenn es um eine junge Frau geht, die ausnahmslos über ihr Privatleben schweigt. Das provoziert. Im Netz ist die Szene von zahlreichen Online-Magazinen bereits in Bildergalerien aufbereitet worden.

Und eigentlich würde man Lena bloß wünschen, dass sich der Rummel um ihre Person baldmöglichst wieder legt, weil es mit solchen Begleiterscheinungen sonst sehr, sehr schwer sein wird, so locker und entspannt zu bleiben wie bei “Unser Star für Oslo”.

Aber das dauert noch: Am Freitag ist sie in der “NDR Talkshow” zu Gast (angekündigt als “unangepasste Überfliegerin mit Kultstatus”), am Samstagabend rät sie bei “Frag doch mal die Maus” mit und tritt bei “Schlag den Raab” auf. Und wahrscheinlich kann sie von Glück reden, dass die ARD bis zum Song Contest in drei Wochen kein “Fest der Volksmusik” mehr veranstaltet. Nächste Woche ist sie vier Tage nacheinander bei “TV total” eingeladen, um ihr erstes Album “My Cassette Player” vorzustellen, das Ende der Woche erscheint und fast genauso schnell produziert wurde wie bei den Gewinnern von “Deutschland sucht den Superstar”, der Sendung, von der sich “Unser Star für Oslo” möglichst weit abgrenzen wollte.

In der Show mag das funktioniert haben. Aber gleich nach dem Finale scheint das leider irgendwie in Vergessenheit geraten zu sein.

Foto: ARD

 
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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.