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Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Einmal Fernsehhölle und zurück: Lenas langer Weg nach Oslo

| 33 Lesermeinungen

Zwei Monate ist es her, dass Lena Meyer-Landrut das Finale von "Unser Star für Oslo" gewann. Vor ihrem Auftritt beim Eurovision Song Contest Ende Mai muss sie aber erst noch das halbe deutsche Fernsehen bereisen – und macht dabei nicht immer einen besonders glücklichen Eindruck.

Zwei Monate ist es her, dass die junge Frau mit der Vorliebe für Mezzomix-Lippenstift das Finale von “Unser Star für Oslo” gewann, und mal abgesehen davon, dass das ein großer Erfolg war, ist nicht mehr so ganz sicher, ob man Lena Meyer-Landrut darum beneiden soll. Denn so sehr Stefan Raabs Castingshow auch eine Ausnahme im deutschen Fernsehen gewesen sein mag – die Umstände, unter denen die Siegerin nun von einem Auftritt zum nächsten geschickt wird, sind es nicht. Die 18-Jährige war im ARD-“Morgenmagazin” zu Gast, bei MTV und Viva, sie hat unzählige Radiointerviews gegeben, bei der “Wok-WM” und der “SKL Show” gesungen und natürlich bei “TV total” über ihren Sieg geplaudert. ARD und Pro Sieben wollen ihr bis zum großen Auftritt beim Eurovision Song Contest Ende Mai möglichst viele Gelegenheiten geben, im Gespräch zu bleiben.

Das ist konsequent. Nur hat die Lena, die gerade ständig im Fernsehen ist, nicht mehr viel mit der Lena von vor acht Wochen zu tun. Und sie kann nicht mal was dafür.

Bild zu: Einmal Fernsehhölle und zurück: Lenas langer Weg nach OsloAls sie kurz nach dem Finale auf der Couch bei “Wetten dass..?” saß, machte sie schon den Eindruck, sich dort nicht sonderlich wohl zu fühlen zwischen all den Promis, die sich – Bussi hier und Bussi da – gegenseitig bescheinigten, wie toll sie sich finden. Aber das wird auch die Aufregung gewesen sein. Zwei Wochen später bei “Verstehen Sie Spaß?” war es eher die Langeweile.

Gefühlte zwölf Stunden musste sie, nachdem sie ihren Siegertitel “Satellite” gesungen hatte, auf dem Sofa neben Moderator Guido Cantz, Comedian Michael Mittermeier und Kabarettistin Monika Gruber ausharren und wusste nicht so recht, wie sie sich in der kargen Samstagabendshowumgebung mit den grenzwertig-albernen Einspielfilmen verhalten sollte. Ein kleines dickes Mädchen hatte ihr zuvor eine Schachtel Pralinen überreicht, dessen Inhalt sie prompt mit den anderen Gästen verzehrte, aber angeekelt das Gesicht verzog: “Ich hab Marzipan erwischt!” Bei den Spendern, “Stefanie und Familie”, kam das während eines Schwenks ins Publikum nicht so gut an. Die Promis auf dem Sofa gaben ihr noch Tipps, wie sie das Abi schafft (“Mut zur Lücke!”), später musste sie einem Zauberkünstler assistieren – und sah sehr erleichtert aus als sie wieder gehen durfte.

Diese Woche haben die Boulevardmedien endlich einen Lästeranlass entdeckt. “Unser Star für Oslo – nackt. Lena Meyer-Landrut bei heißen Poolspielchen” kündigte RTL am Montag einen Beitrag im Klatschmagazin “Exclusiv” an. “Heute tauchten Bilder auf, die die 18-Jährige fast komplett nackt zeigen!” Auftauchen bedeutet in diesem Fall: bei RTL aus dem Archiv geholt, weil Lena im vergangenen Jahr für eine Minirolle in einer Dokusoap unbekleidet in ein Schwimmbecken gesprungen war. “Bisher wusste die Öffentlichkeit nichts von Lenas freizügiger Komparsenrolle”, hieß es im Beitrag. Und eigentlich hätte es auch gut dabei bleiben können. Aber so funktionieren die Medien nunmal nicht. Vor allem nicht, wenn es um eine junge Frau geht, die ausnahmslos über ihr Privatleben schweigt. Das provoziert. Im Netz ist die Szene von zahlreichen Online-Magazinen bereits in Bildergalerien aufbereitet worden.

Und eigentlich würde man Lena bloß wünschen, dass sich der Rummel um ihre Person baldmöglichst wieder legt, weil es mit solchen Begleiterscheinungen sonst sehr, sehr schwer sein wird, so locker und entspannt zu bleiben wie bei “Unser Star für Oslo”.

Aber das dauert noch: Am Freitag ist sie in der “NDR Talkshow” zu Gast (angekündigt als “unangepasste Überfliegerin mit Kultstatus”), am Samstagabend rät sie bei “Frag doch mal die Maus” mit und tritt bei “Schlag den Raab” auf. Und wahrscheinlich kann sie von Glück reden, dass die ARD bis zum Song Contest in drei Wochen kein “Fest der Volksmusik” mehr veranstaltet. Nächste Woche ist sie vier Tage nacheinander bei “TV total” eingeladen, um ihr erstes Album “My Cassette Player” vorzustellen, das Ende der Woche erscheint und fast genauso schnell produziert wurde wie bei den Gewinnern von “Deutschland sucht den Superstar”, der Sendung, von der sich “Unser Star für Oslo” möglichst weit abgrenzen wollte.

In der Show mag das funktioniert haben. Aber gleich nach dem Finale scheint das leider irgendwie in Vergessenheit geraten zu sein.

Foto: ARD

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33 Lesermeinungen

  1. <p>ja, wirklich sehr sehr...
    ja, wirklich sehr sehr schade, dass sie von ihren beratern so einen höllen-ritt quer durch (fast) alle sendungen “verschrieben bekommt. aber das ist immer noch besser als das scheinheilige und unfaire verhalten von B**D….
    aber was soll man von solchen leuten, die ihre “recherche” (wirklich eine meisterleistung (IRONIE!)) auch noch als aufklärerischen journalismus verstehen und sich wahrscheinlich damit als ahnen von augstein verstehen…

  2. Die Nummer mit der...
    Die Nummer mit der TV-Komparsin Lena enthüllte weniger die junge Dame selbst als mehr die unkritische Unsinns-Nachbeterei diverser Medien – mindestens eine 10 auf der nach oben offenen Heuchel-Skala – siehe auch hier:
    http://fastvoice.net/2010/05/04/alter-hut-statt-enthullung/

  3. Warum genau ist Lena...
    Warum genau ist Lena Meyer-Landrut “unschuldig”? Sie hat, schon damals volljährig, an einer TV-Produktion mitgewirkt. Sie hat sich danach bei einer Castingshow im TV beworben und diese gewonnen. Der dort vergebene Titel hieß, so abstrus es auch klingen mag: “Star”.
    Und jetzt wird das Eisen Lena geschmiedet, solange es noch heiß ist – ein Teil des Weges, den sie bewusst eingeschlagen hat. Andere Menschen in diesem Alter haben verantwortungsvolle Jobs, müssen wichtige Entscheidungen für das weitere Leben treffen. Frau Meyer-Landrut “muss” in Fernsehsendungen auftreten, nachdem sie sich um eine Fernsehkarriere bemüht hat.
    Kein Mitleid, noch nicht einmal ein kleines bisschen Sympathie. Die Frau ist Darstellerin durch und durch, in letzter Zeit eben in der Rolle “unschuldige singende Abiturientin”.

  4. mitleid bekommt man geschenkt....
    mitleid bekommt man geschenkt. neid muss man sich verdienen.
    das motiv vieler “enthüller” ist – neben der tatsache, dass man mit lml aktuell quote machen kann – schlicht neid. dabei ist da gar nichts. sie hat von anfang an erzählt, dass sie schon einige kleinere tv-rollen hatte und es ihr traum ist irgendwann schauspielerin zu werden. und da nimmt man halt mit was sich ergibt und an “rollen” im trash-tv für den nachmittag auf rtl oder sat.1 kommt man halt einfach. und paar hundert euro gibt es für eine “sprechrolle” gibt es auch. auch ein motiv für eine achtzehnjährige. nichts was man ihr vorwerfen kann oder sollte.

  5. "Unschuldige singende...
    “Unschuldige singende Abiturientin”, ja, diese Rollenbeschreibung passt. Weniger passt die Analyse von Peer Schader: Sorry, aber wer sich ohne Not (und offenbar mit einem gerüttelt Maß an Medienkompetenz) in eine Komparsendatei für Doku-Soaps im Privatfernsehen begibt und im Anschluss daran noch sein Glück bei einer Castingshow probiert, hat optimal und haargenau all diese Dinge im Visier, von denen Sie meinen, dass diese Frau Meyer-Landrut als “Fernseh-Verbrechen” angetan werden. Höhö, möchte man da machen und amüsiert konstatieren, dass dieses Oslo-Ding offenbar ein irgendwie wertiges Standing hat als der ganze andere, als “prollig” angesehene Casting-Rest. Auch wenn es natürlich hier wie da in allererster Linie um Show, Entertainment, Ruhm, Ehre, Einschaltquoten usw. usf. geht und die Musik mit knapper Not als notwendiges Übel zum Zweck herhalten muss (oder warum hört man sonst so wenig darüber, wie frech dieser ganze Kate Nash-Lily Allen-Rip Off eigentlich ist). Naja, die einzig wirklich spannende Frage an der Sache ist für mich ja eher, ob mit der Rolle “unschuldig singende Abiturientin” jetzt nur die Zielgruppe oder gar das gesamte Produzententeam verschaukelt wurde.

  6. Ähm ja. Das sind ihre 15...
    Ähm ja. Das sind ihre 15 Minuten in den nächsten drei Wochen und dann ist’s vorbei mit der Karriere.
    Das jetzt als “Overkill” zu bezeichnen… also ich weiß ja nicht.

  7. Peer, wer sich freiwillig in...
    Peer, wer sich freiwillig in die Komparsen-Kartei von Constantin-Entertainment (K11, Frauentausch etc.) setzen lässt – so wie Lena es getan hat – der begibt sich ganz wissentlich in die Fernsehölle. Sie hat offensichtlich ganz zielstrebig den Weg in die Medien gesucht, auch über Trash-Produktionen. Ihre fröhliche, gutbürgerliche Ausstrahlung vermittelt jetzt einfach einen anderen Eindruck. Dieser Ausstrahlung sind Sie leider auch erlegen…

  8. Was mich belustigt: Da...
    Was mich belustigt: Da inszeniert ein Privatsender eine Casting-Show einen Ticken weniger prollig als das Referenzformat, und schon ist die Siegerin Liebling all derer, die die Vorliebe für das etwas niveauvollere “USFO” als soziales Distinktionsmerkmal nutzen.
    Wie fühlt es sich danach wohl an, wenn die jochgejubelte, “herzerfrischende”, “andersartige”, “freche” Lena Dingens am Ende dann doch nur ein ganz normaler Möchtegernstar mit inschlägigem Werdegang ist?
    Schuld: Diejenigen, die das Nackidei-Filmchen ausgegraben haben. Wobei: Es skandalisiert doch gar niemand, nicht einmal die BILD. Die zeigt einfach nur Titten und die Leser freuen sich. Skandalisieren tun das wiederum diejenigen, die sich im Kopf die eigene Lena zusammengebastelt haben und die jetzt entttäuscht sind.

  9. <p>volle zustimmung zum beiden...
    volle zustimmung zum beiden kommentaren von jordgubbsglass.
    es hat ja leider gottes nicht die gewonnen, die tatsächlich singen kann,
    sondern die, die unbedingt und auf teufel-komm-raus ins fernsehen wollte.

  10. Wunderbare Kommentare....
    Wunderbare Kommentare.
    Endlich wird hier mal gekonnt einem Image widersprochen, auf den offenbar auch Schader (& Niggemeier) reingefallen sind.
    Beide haben leider ein Faible für Veranstaltungen & deren Vertreter, die ich nicht teile: deutsche Schlagermusik, junge Sängerinnen und Schauspielerinnen die “unschuldig” tun, doofe Fernsehserien…
    Ist das nun Camp oder doch nur Camping?

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