Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (17)
 

Saufen im Auftrag der ARD? Schöne Sendung, bitte fortsetzen!

18.05.2010, 12:12 Uhr  ·  Noch 'ne Wissenssendung? Ach was! In "Es geht um mein Leben" erklärt Pierre M. Krause zwar Alltagsphänomene, aber mit einer großen Leidenschaft für den Flachwitz. Das ist so gelungen, dass die ARD die Sendung im Spartsendender Einsplus verstecken muss, um anderswo nicht ihr Stammpublikum zu irritieren.

Von

Die ARD ist ein verdammt großer Laden. Das hat viele Nachteile, weil es häufig Monate dauert, bis wichtige Entscheidungen getroffen werden und dafür ewig dauernde Sitzungen notwendig sind, in denen der Weltvorrat an Kaffeehausgebäck vernichtet wird. Ein bisher unterschätzter Vorteil ist allerdings, dass bei so vielen Leuten die einen manchmal gar nicht so genau wissen, was die anderen gerade machen. Für Pierre M. Krause war das insofern ein Vorteil als dass kein ARD-Verantwortlicher auch nur ahnen kann, dass es die Sendung, für die er kürzlich vor der Kamera stand, überhaupt gibt. Sonst wäre sie ja verhindert worden. Eine Sendung, in der mit Alkohol experimentiert wird! Witze über die Kirche gemacht werden! Und über Jean Pütz!

Dabei hat das schon seine Richtigkeit. Schließlich geht es um Alltagsphänomene, die mit liebevoll inszenierten Filmchen und Selbstexperimenten erklärt werden. Die Sendung heißt “Es geht um mein Leben”, ist in den vergangenen Wochen erfolgreich beim digitalen Spartensender Einsplus* versteckt worden (dienstags um 21.45 Uhr), und falls Sie sich jetzt schon drauf freuen, muss ich Ihnen leider mitteilen: heute läuft die letzte Folge.

(Lesen Sie trotzdem weiter, die ARD hat die Staffel freundlicherweise in ihre Mediathek eingestellt.)

Bild zu: Saufen im Auftrag der ARD? Schöne Sendung, bitte fortsetzen!
Foto: Einsplus

“Es geht um mein Leben” ist ein prima Beispiel dafür, dass Fernsehen auch dann Spaß machen kann, wenn eigentlich überhaupt kein Geld dafür da ist – so lange das Geld mit einem Haufen guter Ideen ersetzt wird. Die Themen sind simpel: Es geht um Haustiere, ums Sterben, um Sex, um Religion und heute Abend um das Thema Werbung.

Dafür hat sich Krause nicht nur Besuch von der Landesmedienanstalt eingeladen, der immer dann Alarm schlagen soll, wenn er seine Lieblingscola zu auffällig in die Kamera dreht, sondern ist auch nach Haßloch in der Pfalz gefahren, das mit seinen Einwohnern ein perfektes Abbild Deutschlands ist und deshalb die ideale Testumgebung für Unternehmen, um neue Produkte zu testen. Dabei hat Krause noch sein eigenes Deo erfunden (“Ein bisschen Glamour unter die Achseln – riechen Sie wie ein TV-Moderator!”) und echte Journalisten zu sich gelockt, damit sie nach der Pressekonferenz mit angeschlossenem Buffet freundlich über die Sendung schreiben. (Soviel lässt sich jetzt schon sagen: Das hat nur so mittelmäßig funktioniert). Der Kollege Hans Hoff von der “SZ” wird mit den Worten begrüßt: “Sie sind Hans Hoff? Sie verreißen doch 90 Prozent von dem, was Sie sehen!”

Es  gibt bei “Es geht um mein Leben” kein Studio, nur eine Wohnung in Köln, in der Krause mit seiner WG lebt, was aber auch wieder nur so ein fieser Fernsehtrick ist, wie er exklusiv im Fernsehblog gesteht:

“Wir haben eine Wohnung in Köln angemietet, Möbel reingestellt und dann dort acht Tage am Stück gedreht. Das hat sich nachher tatsächlich ein bisschen so angefühlt wie dort zu wohnen.”

Wenn Krause einen Experten braucht, ruft er ihn per Skype an oder macht das Fenster auf und brüllt raus. Irgendwer hat dann immer Zeit, um mal kurz hochzukommen und sein Fachwissen mit der WG zu teilen. Im Notfall gibt’s ja auch noch den “Nachbarn” Jean Pütz, der gute Ratschläge parat hat. Dass das nie in diesen schlimmen Sendung-mit-der-Maus-Ton umkippt, der sich bei Wissenssendungen für Erwachsene gerne mal einschmuggelt, liegt daran, dass das Team auch den gepflegten Flachwitz  zu schätzen weiß. Und dass es gar nicht immer unbedingt ums Dazulernen geht, sagt Krause:

“Ich seh das so wie im Studium: Wenn du in einer furztrockenen Vorlesung sitzt, pennst du irgendwann weg und vergisst viel mehr als wenn die Vorlesung lustig ist, aber nicht ganz so viele Informationen transportiert. Die Chance, dass davon was hängen bleibt, ist trotzdem sehr viel größer. Ich würde sowieso nie von mir behaupten, ich sei so ein Sendung-mit-der-Maus-Typ. Oder ein Wissenschaftler gar! Ich kann nur die Dinge mit der menschlichen Eigenschaft der Neugier hinterfragen.”

Meine Lieblingsfolge ist “Alkohol” – nicht nur, weil Pütz darin mit den Worten anmoderiert wird: “Du hast ja lange beim Öffentlich-Rechtlichen gearbeitet, du kennst dich mit Alkohol aus” – sondern auch, weil sich Krause im Auftrag des öffentlich-rechtlichen Erkenntnisgewinns vor der Kamera betrinkt, um nachher (in Begleitung) auf dem Verkehrsübungsplatz zu testen, wie schwierig es ist, mit ein paar Schnäpsen im Blut Auto zu fahren. Aus dieser Folge stammt der fantastische Dialog mit dem Fahrleher:

Krause: “Warum bremse ich?”
Fahrlehrer: “ICH bremse!”

Pierre M. Krause, soviel kann man vielleicht noch mal dazu sagen, moderiert sonst im SWR Fernsehen die “SWR 3 latenight” (samstags um 0 Uhr – nein, das ist kein Tippfehler) und wurde einem größeren Publikum durch die Absetzung der RTL-Comedy “TV-Helden” bekannt, die danach mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet (und wie “Es geht um mein Leben” von Friedrich Küppersbuschs Firma probono produziert) wurde. Krause erklärt:

“Den Fernsehpreis kriegt man immer erst, wenn man schon abgesetzt ist.”

Ob es eine zweite Staffel von “Es geht um mein Leben” gibt, ist noch nicht entschieden. Eine Übernahme in eines der dritten Programme, wo “Es geht um mein Leben” vielleicht ein paar Fans hinzugewinnen könnte, steht derzeit nicht zur Diskussion, wie der SWR auf Nachfrage erklärt. Es gibt einfach keinen Platz – wo sollten sonst die ganzen Telenovela- und Zoodokusoaps-Wiederholungen laufen? (Und ins Erste kann man so eine Sendung nicht einfach rüberziehen, weil dann die vielen 79-Jährigen erschrecken würden.) Krause hat dafür natürlich Verständnis:

“Ich mag die Sendung sehr und würde mich freuen, wenn die Aussicht bestünde, dass eines der Dritten Programme sie übernimmt. Aber ich mit meinem schlichten Gemüt bin einfach nicht in der Lage, die programmplanerischen Entscheidungen dieser wichtigen Leute nachzuvollziehen. Deshalb halte ich mich zurück und sage: Ihr wisst schon, was ihr da tut.”

Falls die SWR-Programmplaner aber nur eine kleine Entscheidungshilfe benötigen, fasse ich den Inhalt dieses Texts gerne noch mal in Empfehlungsform zusammen: Schöne Sendung. Bitte Fortsetzen!

*Einsplus, nur falls es Sie interessiert, ist einer von drei digitalen Spartensendern der ARD, bei dem vor allem Wissens- und Service-Magazine laufen, nicht zu verwechseln mit Einsfestival, wo vor allem Serienwiederholungen und Comedy laufen.

 
  Weitersagen Kommentieren Empfehlen Drucken
 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.