Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (17)
 

"Wer sich Mühe gibt, hat gewonnen": Vox-Urlaubsrächer Mikka Bender über Ferien-TV

27.06.2010, 06:58 Uhr  ·  Seit kurzem ist Ex-"Wolkenlos"-Redaktionsleiter Mikka Bender für Vox als Urlaubsprofi unterwegs, um in "Hilfe, mein Urlaub geht baden!" zu dokumentieren, wie Touristen bei Pauschalreisen abgeneppt werden. Ein Gespräch über kalkulierte Ferienflops, die vom Sender gewünschte Konzentration auf Negativbeispiele und das aussterbende Reisefernsehen.

Von

Seit kurzem ist Ex-”Wolkenlos”-Redaktionsleiter Mikka Bender für Vox als Urlaubsprofi unterwegs, um in “Hilfe, mein Urlaub geht baden!” zu dokumentieren, wie Touristen bei Pauschalreisen abgeneppt werden. Das Prinzip ist zwar nichts neu im deutschen Fernsehen. Benders Enthusiasmus hingegen ist es schon. Ein Gespräch über kalkulierte Ferienflops, die von Vox gewünschte Konzentration auf Negativbeispiele und die aussterbende Gattung Reisefernsehen.

Bild zu: "Wer sich Mühe gibt, hat gewonnen": Vox-Urlaubsrächer Mikka Bender über Ferien-TV
“Mein Name ist Mikka Bender und ich bin heute für Sie in Ägypten unterwegs.” / Screenshot: Vox

Das Fernsehblog: Unhygienische Zimmer, verfaultes Buffet-Essen und gefährliche Baustellen – das ist ja fast kriminell, was Sie für “Hilfe! Mein Urlaub geht baden” gefilmt haben.

Mikka Bender: Ich persönlich empfinde das in der Tat so. Die Reiseveranstalter ziehen sich immer auf das Argument zurück, dass die Urlauber sich beschweren können. Ich bin aber der Meinung, wenn ich einen Staubsauger kaufe, muss der – auch wenn er vielleicht nur 29 Euro kostet – trotzdem Staub saugen können. Sonst darf ich’s nicht verkaufen. Genau das machen aber manche Veranstalter mit ihren “Reisen”. Durch den Konkurrenzdruck sinken die Preise und in die 249-Euro-Angebote wird dann – auf Deutsch gesagt – nur noch Müll reingepackt. Das ist, wie ich finde, kriminell, vor allem, weil man den Kunden im Regen stehen lässt. Der ist dann zum Beispiel in der Türkei angekommen, sieht die Katastrophe und kann wenig ausrichten.

Sind die Leute nicht selbst schuld, wenn sie für 300 Euro eine Woche Spitzenurlaub erwarten? Sie kriegen halt das, was sie bezahlt haben.

Die wenigsten erwarten ja Luxus. Aber warum soll ich im Hotel auf einem dreckigen Klo sitzen – bloß weil es dort billig ist? Auch für kleines Geld muss ich eine gewisse Grundhygiene erwarten können. Sonst darf so ein Produkt eben nicht angeboten werden. Bei den Veranstaltern heißt es, wenn es weniger Angebote zu Tiefstpreisen gibt, reisen auch weniger Leute, weil es sich weniger leisten können. Aber: gut, dann ist das halt so. Dann bleibt der Kunde eben in der Vor-Eifel. Da ist es auch schön wenn die Sonne scheint.

Bild zu: "Wer sich Mühe gibt, hat gewonnen": Vox-Urlaubsrächer Mikka Bender über Ferien-TVIst das Aufklärungsfernsehen, was Sie bei “Hilfe! Mein Urlaub geht baden” machen?

Man sollte es nicht so hoch hängen. Ich glaube, wer aufmerksam zusieht, bekommt zumindest ein Gefühl dafür, sich Reiseangebote genauer anzusehen. Nach meinen Erfahrungen in Ägypten muss man ganz klar sagen: Drei Sterne darf man dort einfach gar nicht erst buchen. Das ist per se ein Fehler. Manchmal hilft es, etwas mehr Geld zu investieren. Und man darf sich keinesfalls von blumigen Umschreibungen wie “landestypisch” täuschen lassen – dahinter verbirgt sich nur Mist.

Sie haben sich aber auch die allerschlimmsten Orte rausgesucht, damit es im Fernsehen einen Effekt hat.

Ich wollte massenattraktive Orte zeigen, die oft Ziel deutscher Pauschaltouristen sind. Wir waren bewusst nicht auf den Seychellen, das ist ein anderes Preisniveau. Für 2500 Euro kann sich kein durchschnittlicher Zuschauer so eine Reise leisten. Also haben wir im mittleren bis unteren Segment gebucht, weil mir schon klar war, dass die Touristen dort oft abgeneppt werden. Da kenne ich mich an vielen Orten einfach auch aus – und dann weiß man, wo die Pappenheimer sitzen.

Sie steigern sich in der Sendung manchmal richtig in ihren Ärger über die Zustände in den Hotels rein – wieso eigentlich? Es sind doch die Ferien der anderen Leute.

Ich bin selbst gar nicht der klassische Pauschaltourist, ärgere mich aber schwarz darüber, wenn ich verarscht werde. Ich kann mich schon in diese Situation reinversetzen. Man hat ja im Privatfernsehen manchmal auch eine Klientel, die es – ich sag’s mal drastisch – am Ende auch nicht besser verdient hat. Aber schauen Sie sich mal die Leute bei mir in der Sendung an: die haben vielleicht nicht so viel Geld, können aber bis drei zählen. Das sind Bürger wie ich auch einer bin.

Es gibt doch in jedem Hotel was zu meckern. Wen verschonen Sie denn?

Man kann auch mal ein abgeranztes Hotel haben – wenn wenigstens der Service freundlich ist und man das Gefühl hat, das Team gibt sich Mühe. Dann kann man immer noch sagen: Das ist abgewohnt und muss renoviert werden. Mit der Fernsehkamera würde ich da aber sofort wieder rausgehen. In Hurghada in Ägypten hab ich mir vorher um die 60 Hotels angesehen, vieles entsprach nicht den angebotenen 4 Sternen, aber man sah an Kleinigkeiten, dass versucht wird, den Standard zu halten. Damit ist die Sache für mich gegessen. Wer sich Mühe gibt, hat gewonnen.

Bild zu: "Wer sich Mühe gibt, hat gewonnen": Vox-Urlaubsrächer Mikka Bender über Ferien-TVWarum werden in der Sendung eigentlich die Hotelnamen gepixelt – wegen des rechtlichen Ärgers?

Am Ende ist es so, ja. Es geht darum, sich nicht einer Flut möglicher Klagen auszusetzen. Ich würde gerne auch mal die Namen mancher Veranstalter nennen – das ist nämlich der größte Ärger: dass die meistens ungeschoren davonkommen. Aber das ist für alle Sender juristisch schwierig.

Verändert sich denn überhaupt was, wenn Sie sich bei der Tourismusbehörde auf Gran Canaria über verbotene Touristen-Nepp-Fahrten beschweren? Am Ende sind Sie weg und alles bleibt beim Alten.

Ich habe schon die Erfahrung gemacht, dass zumindest die Veranstalter sensibler werden. Viele wollen sich den Ärger ersparen. Und wenn man sich manche Hotels nach einer gewissen Zeit anschaut, sieht man, dass die deutschen Anbieter da rausgehen – das gilt zum Beispiel für zwei Hotels, die wir in der Mallorca-Folge gezeigt haben. Der deutsche Kunde an sich ist sowieso kritischer. Den Engländern kann man noch mehr viel mehr Müll verkaufen. Was die verdeckten Verkaufsfahrten auf Gran Canaria angeht: Da ist es tatsächlich heikler, weil dahinter eine riesige Hotelkette steckt. Die machen das auch weiter. Aber wenn die Sendung fortgesetzt werden sollte, werd ich da nochmal aufschlagen. Da muss man hinterher sein.

Ist es nicht frustrierend, wenn es nach einer Beschwerde kein konkretes Ergebnis gibt?

Manchmal reicht es mir schon, vor Ort eine ordentliche Welle gemacht zu haben, die den Leuten unangenehm ist. Wer vor mir und der Kamera wegläuft, hat ja meistens auch einen Grund dafür.

Wie kam es denn dazu, dass Sie zum Urlaubsrächer wurden?

Naja, ich habe vorher 15 Jahre “Voxtours” und “Wolkenlos” gemacht, da war ich sozusagen immer auf der Sonnenseite, und hab mich bei meinen Reisen immer darüber geärgert, dass das, was im Katalog versprochen wird, sich vor Ort mehr oder weniger als Desaster herausstellt. Da lag es nahe, das auch mal zu zeigen.

“Voxtours” und “Wolkenlos” sind 2009 eingestellt worden. Seitdem ist das Reisefernsehen ausgestorben. Warum eigentlich?

“Wolkenlos” hat eine heile Welt mit schönen Bildern gezeigt. Heute kriegen die Zuschauer überall im Internet schöne Bilder von tollen Reisezielen, das war also kein Alleinstellungsmerkmal mehr für uns. Die Sendung lief zuletzt immer ein bisschen unter dem Schnitt, da hat Vox entschieden, dass sich das Prinzip überlebt hat. Es war natürlich ein schleichender Tod, die Sendung von 17 Uhr auf den Mittag zu verlegen. Aber letztlich konnte ich das auch ein bisschen verstehen. Noch dazu verschlingen Reisesendungen, wenn die Beiträge nicht gekauft sind, immer ein gewisses Budget. Man kann sich das auch komplett durchfinanzieren lassen – aber dann ist es halt gekauft. Und das wollten wir mit “Wolkenlos” nie. Inzwischen funktioniert die klassische Reisethematik bei keinem Sender mehr richtig, alles muss nach Dokusoap aussehen.

…und einen gewissen Negativdreh haben. Funktioniert das denn jetzt bei “Hilfe! Mein Urlaub geht baden”?

Ich hatte die Sendung eigentlich anders angelegt, der Pilot hatte erheblich mehr Serviceanteil. Wir haben Hotels miteinander verglichen – gute und schlechte. Beim Sender gab es aber die Vorstellung, das auf die Negativbeispiele zu konzentrieren. Und ich muss sagen: Die Quoten geben Vox am Ende recht. Mit der Ägyptensendung hatten wir 9,5 %, gegen Fußball ist es schwerer.

Gibt es Pläne für eine Fortsetzung?

Auf diesem Sendeplatz kann es nicht weitergehen, dafür ist das Format viel zu teuer. Ich reise mit einem Kollegen eine Woche vor Drehbeginn ans jeweilige Ziel, wo wir uns viele Hotels ansehen. Das will ich mir auch nicht nehmen lassen. Wenn irgendwer das für mich erledigen würde, passt es mir hinterher vielleicht nicht. Anschließend kommt das Team nach und wir haben noch einmal zehn Tage Zeit, um die Sendung zu produzieren. Nächste Woche gibt es einen Termin mit Vox – dann reden wir darüber, wie es weitergeht.

Und jetzt stehen Sie auf der schwarzen Liste sämtlicher deutscher Reiseveranstalter?

Ich glaube eher, die werden Vox für den Sendeplatz am Samstagmittag danken.

Die letzte Folge von “Hilfe, mein Urlaub geht baden!” zeigt Vox am Samstag um 12.55 Uhr. Ältere Folgen lassen sich im Internet bei voxnow.de ansehen.

Screenshots: Vox

 
  Weitersagen Kommentieren Empfehlen Drucken
 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.