Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (18)
 

Die Woche im Fernsehen Spezial: Ein schwerer Ausnahmefehler namens Pro Sieben

18.07.2010, 10:53 Uhr  ·  Prominente werden mit "I've been lookin for freedom" dauerbeschallt, Pro Sieben eröffnet seine eigene Prollzucht, lässt sich vom Privatradio inspirieren und wird zum Schluss vom "Switch Reloaded"-Team übers Ohr gehauen. Was diese Woche im Fernsehen los war – ausnahmsweise in einer Spezialversion.

Von
Die Sendungen
  • Solitary Pro Sieben
  • League of Balls Pro Sieben
  • Elton vs. Simon – Die Show Pro Sieben
  • Phreak Pro Sieben
  • Switsch Reloaded: Dschungel-Spezial Pro Sieben

Soeben erreicht uns eine Meldung aus Unterföhring. In der Medienallee soll eine Gruppe kinnbarttragender junger Männer mit tief hängenden Hosen und starker Neigung zur öffentlichen Selbstdarstellung den Fernsehsender Pro Sieben in seine Gewalt gebracht haben. Die Bande nennt sich “The Real Proffs” und hat die Zuständigen gezwungen, ausschließlich Programm zu zeigen, das ihr selbst gefällt. Die Eroberung erfolgte nach übereinstimmenden Quellen bereits Anfang der vergangenen Woche, als die jungen Männer ausnutzten, dass alle acht Mitarbeiter des Senders schon im Urlaub oder noch beim Mittagessen waren.

Die Situation hat aber auch was Gutes: Jetzt wissen wir immerhin, dass die letzten sieben Tage nicht auf dem Mist der Programmverantwortlichen gewachsen sind.

Wie bitte? Sind sie doch? Ay, caramba!

Bild zu: Die Woche im Fernsehen Spezial: Ein schwerer Ausnahmefehler namens Pro Sieben“Ich würde mir das hier niemals antun”, hat Sonya Kraus am Samstagabend gesagt – und Recht gehabt: Erstmal tut sie es ihren Zuschauern an. “Solitary” ist die neueste Pro-Sieben-Sommererrungenschaft, die sich zwar anhört wie ein Brettspiel für scheidungswillige Ehepartner, aber eine Reality-Show ist, bei der die Kandidaten zehn Tage in Isolationshaft sitzen und im “Kampf gegen sich selbst” mit dämlichen Spielchen gereizt werden bis sie nacheinander aufgeben. Die erste Herausforderung bestand darin, alle paar Minuten aus dem Schlaf gerissen zu werden, um sich einen ständig komplizierter werdenden Code zu merken, durch den die Dauerbeschallung mit David Hasselhoffs “I’ve been lookin for freedom” abzustellen war.

Natürlich sind die Leute, die da mitmachen, selbst schuld: “Promis – oder solche, die sich dafür halten”, sagte Kraus, die es wissen muss, wenn sie über ihre Artgenossen redet.

Aber es ist dann doch eher unter Tragikakspekten zu betrachten, wer da alles dabei ist: eine Sängerin, die es geschafft hat, sogar bei Viva rauszufliegen, ein Playmate, das sich darüber ärgert, immer bloß auf Äußerlichkeiten reduziert zu werden – und Martin Kesici, der vor hundert Jahren “Star Search” bei Sat.1 gewann, zuletzt ein mutiges Buch (mit albernem Titel) darüber schrieb, wie ätzend es ist, seitdem immerzu als “Castingshow-Gewinner” abgestempelt zu werden – und genau das jetzt noch mal von Pro Sieben mit sich machen lässt.

“Solitary” soll vermutlich provozieren, handwerklich gesehen ist die Sendung aber ein grauenhaft amerikanisiertes Schnipselgewitter mit ständigen Ereignisblitzen in die Zukunft sowie die schmerzverzerrten Gesichter der Kandidaten. Und wenn bei Pro Sieben wie am Samstag noch einmal jemand behauptet, das sei “Fußballersatz der Extraklasse”, dann hetzen wir denen die FIFA auf den Hals.

Wobei man dem Sender natürlich zugute halten muss: Er behandelt alle Menschen gleich. Niemand muss prominent sein, um sich bei Pro Sieben blamieren zu dürfen.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen Spezial: Ein schwerer Ausnahmefehler namens Pro SiebenEs reicht oft schon, ein aufgeblasenes Ego zu haben, das mal mit anderen Sich-zu-geil-für-diese-Welt-Findern um die Wette gockeln möchte. Dafür gibt es jetzt “League of Balls”, die Sendung, in der Charlotte Engelhardt junge Münchner in Mutproben reinquatscht, die jeder mit einem Funken Verstand oder einem Rest Selbstwertgefühl dankend ablehnen würde: fremde Frauen im Café streicheln; im Boratkostüm mit Cheerleadern durchs Einkaufzentrum tanzen; Unbekannten das Essen vom Teller klauen und wieder draufspucken. Vorher dürfen die Jungs dicke Sprüche machen: “Ich hab die Hose voll – aber nicht mit Angst, sondern Männlichkeit.” Vielleicht ist die Abschaffung der Wehrpflicht doch keine so gute Idee, Herr zu Guttenberg!

Und wozu das alles? Natürlich, um nachher “der Checker des Abends” zu werden und “mit den hottesten Babes zu tanzen”. Charlotte Engelhardt sollte aufpassen, wenn sie so redet, hinterher bleibt ein dauerhafter Schaden zurück.

Und Red Seven Entertainment, das für die Pro-Sieben-Prollzucht verantwortlich sind, verfolgt offensichtlich das Ziel, den Minutenpreis für Fernsehproduktionen unter den von Neun Live zu treiben. Glückwunsch, das ist mit “League of Balls” gelungen.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen Spezial: Ein schwerer Ausnahmefehler namens Pro SiebenAn Albernheit stehen die Mutproben der Herren Elton und Simon Gosejohann denen der Münchner Vorstadtprolls übrigens in nichts nach: Wenn sich die beiden gegenseitig Gummibänder ins Gesicht schnalzen lassen, Bodenbeläge leckend erschmecken müssen oder testen, wer länger an einem Hubschrauber hängen kann, ist das zumindest in ähnlichen Humorregionen zu verorten. Und trotzdem hat “Elton vs. Simon”, von dem seit Samstag neue Folgen laufen, eine gewisse Milde bei der Beurteilung verdient. Weil zwischendurch Spielideen dabei sind, die tatsächlich zünden.

Eine Aufgabe lautete diesmal: Bring in 60 Minuten so viele Omas wie möglich über einen Zebrastreifen. Das ist vergleichsweise unspektakulär – aber auch viel schwieriger als sich gegenseitig weh tun zu lassen, weil beide ihren ganzen Charme ausspielen mussten, um in der Fußgängerzone mehr Großmütter als der Gegner aufzutreiben. Vor allem weil manche Damen partout keine Lust hatten, die Straßenseite zu wechseln. Da könnte ja der vermummte Herr aus der neuen Dienstagsshow “Phreak” stehen, der Telefonschabernack mit ahnungslosen Ladenbesitzern treibt, die dabei mit versteckter Kamera gefilmt werden.

“Es wuppert! Aber nur im unteren Nanosegment!”, beschwert sich der vermeintliche Kunde eines Technikladens telefonisch. Er habe mit dem gekauften Produkt einen “Buffersize Overrun” provoziert, “das sieht aus wie ‘ne Schlönz auf Furz geroutet”, woraufhin sich der völlig überforderte Mitarbeiter ganz verzweifelt vorschlägt: “Wenn Sie mir sagen, dass Sie einen schweren Ausnahmefehler haben, dann können wir Ihnen helfen!”

Aber, erstens: Ist das nicht einfach “Comedystreet” mit Fernsprechreduktion? Und, falls nicht, zweitens: Ist Pro Sieben wirklich sicher, gut damit bedient zu sein, das deutsche Privatradio als Innovationsmotor für sich zu nutzen?

Bild zu: Die Woche im Fernsehen Spezial: Ein schwerer Ausnahmefehler namens Pro SiebenIn diesem Umfeld wirkt eine Satireshow übers Fernsehen freilich wie ein Fremdkörper, insbesondere, wenn sie bei einem Sender läuft, der selbst einen Haufen Unsinn im Programm hat, welcher sich aber nicht zu parodieren lohnt, weil das meiste eh bald wieder abgesetzt ist. Noch dazu hatte das Team des “Switch Reloaded: Dschungel-Spezial” kein Glück mit dem Ausstrahlungszeitpunkt: Ausgerechnet in der Woche, nachdem RTL eine neue Staffel “Ich bin ein Star! Holt mich hier raus” ankündigte, lief die Sonderausgabe, in der aufgeklärt werden sollte, warum RTL kein Dschungelcamp mehr zeigen will.

Allein schon die Perfektion, mit der das “Switch”-Team an seine Parodien herangeht, war aber das Einschalten wert – auch wenn ich seitdem von Bernhard Hoëckers Fat-Chin alpträume, das er in seiner Dirk-Bach-Rolle auftrug. (Ja, das auf dem Foto links ist nicht der echte Dirk Bach.)

Mit einem kleinen Trick haben es die Switcher sogar geschafft, einen Abspann in ihre Sendung zu schmuggeln, den Pro Sieben nicht einfach so wegschneiden konnte, weil sonst die schöne Lena-Parodie verloren gegangen wäre. Ein ABSPANN! Mit den Verantwortlichen für Kamera, Schnitt, Sounddesign, Regieassistenz! Und niemand im Sender hat den Audience-Flow-Panic-Button gedrückt. Da müssen wirklich alle schon im Urlaub sein.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: Pro Sieben

 
 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.