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ARD-Doku-Experiment: Der kondensierte Peer Steinbrück

04.08.2010, 05:11 Uhr  ·  Eine "Zwischenform aus Interview, Reportage und Dokumentation" wollte der Journalist Stephan Lamby machen, als er Peer Steinbrück für eine Bilanz seiner Zeit als Finanzminister anfragte. Herausgekommen ist ein fürs deutsche Fernsehen eher untypischer Film – nicht nur wegen der visuellen Machart. Sondern auch aufgrund der Offenheit seines Protagonisten.

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“Ich glaube, dass die Politik – und namentlich die Politiker – inzwischen bei weiten Teilen der Bevölkerung einen solchen Vertrauens- und Zutrauensverlust haben, dass dies zu einem erheblichen Problem werden könnte. Die Kommunikation, die personellen Auswahlmechanismen, die Veranstaltungsformen, die Art ihrer Auftritte wird sich fundamental ändern müssen, um dieses Zutrauen zurückzugewinnen.”

Sagt Peer Steinbrück, steht auf, läuft ein letztes Mal durch die Halle mit den Kameras und den Scheinwerfern, trinkt einen Schluck Wasser. Dann sind die 30 Minuten auch schon vorbei.

Bild zu: ARD-Doku-Experiment: Der kondensierte Peer Steinbrück

“Steinbrücks Blick in den Abgrund” heißt der Film, den der Journalist Stephan Lamby fürs Erste gemacht hat; einen Film mit “sehr subjektiven Eindrücken eines langjährigen Ministers”. Am Anfang heißt es aus dem Off: “Er war mittendrin im Zentrum der Macht. Und der Krise. Jetzt ist er draußen – und kann frei sprechen.”

Und vielleicht ist es die eigentliche Überraschung, dass Steinbrück diese Chance tatsächlich wahrnimmt. Nicht, um mit irgendwem abzurechnen. Sondern einfach, indem er ohne Ausweichversuche auf Lambys Fragen antwortet: Was das im Herbst 2008 für eine Situation war, als er mit Angela Merkel vor die Kameras trat, um den Deutschen zu versichern, dass ihre Ersparnisse in der Krise von der Bundesregierung abgesichert sind. Ob er Angst hatte. Und wie er nach dem Ende seiner Zeit als Finanzminister über die politische Klasse denkt.

Bild zu: ARD-Doku-Experiment: Der kondensierte Peer SteinbrückSteinbrück redet darüber, dass die Strategie nach dem Ausbruch der Wirtschaftskrise riskant war, “mehr als ich öffentlich bereit war zuzugeben”. Er redet über die Rentengarantie, die die Regierung 2009 beschloss: “Einer meiner schwersten Fehler. Ich hätte nicht mitmachen dürfen. Das war ein Tabubruch.” Und er redet über eine “strategische Fehleinschätzung der SPD”. Es sind Sätze, die man sonst nicht so häufig von Politikern zu hören bekommt, in einem Film, wie ihn deutsche Zuschauer sonst selten zu sehen kriegen. Stephan Lamby sagt:

“Die Idee war, eine Zwischenform aus Interview, Reportage und Dokumentation zu machen. Im deutschen Fernsehen sind die Genres alle exakt aufgeteilt. Ich glaube, dass es da eine gewisse Lücke gibt, eine andere Form der Politikvermittlung, wie ich sie mir öfter wünschen würde.”

Lamby hat Steinbrück nicht vor einen schwarzen Hintergrund gesetzt und 30 Minuten abgefragt. Er hat sich mit ihm unterhalten, unterbricht die Gesprächssituation in der Lagerhalle im Film aber immer wieder mit anderen Passagen: einem gemeinsamen Spaziergang durchs Berliner Regierungsviertel, einer Reise im Regionalexpress, einem Treffen im “Einstein” Unter den Linden, dem Besuch bei Helmut Schmidt in dessen Büro über den Dächern Hamburgs. Und mit Bildern, die an den Ausbruch der Krise erinnern und an ihre Folgen, die sich Steinbrück gemeinsam mit dem Interviewer am Laptop ansieht bevor sie darüber sprechen.

“Man muss dem Publikum auch visuell etwas bieten. Es muss eine inhaltliche Spannung geben, die eine formelle Entsprechung hat. Das war ja auch ein Stück weit experimentell: Ich wusste nicht, wie Steinbrück reagieren würde. Er hat aber gesagt: Sie sind der Regisseur, Sie machen das schon.”

Zwischendurch ist Steinbrück zu sehen, wie er mit dem Auto zum Interview gefahren wird, wie er sich hinter der Kamera vorbereitet, die Brille putzt – ein Blick hinter die eigenen Kulissen, die das Fernsehen sonst für seine Zuschauer aufbaut. Am Anfang und am Ende läuft im Hintergrund Richard Hawleys “There’s A Storm A Comin'”.

War Lamby nicht selbst überrascht, dass Steinbrück so offen geredet hat?

“Wir haben uns über viele Stunden unterhalten und auch an mehreren Tagen getroffen. Da hat man natürlich die Möglichkeit als Dokumentarist, das zu kondensieren. In einer Talkshow ist man auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, was in dieser Zeit passiert. Das ist der Vorteil der Doku: Da gibt es keinen Leerlauf. So kommen auch Sätze zustande, die man sonst vielleicht selten von Politikern hört.”

Und Filme, wie sie sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen ruhig öfter leisten sollte.

“Steinbrücks Blick in den Abgrund” läuft am Mittwochabend im Ersten, direkt nach den “Tagesthemen” um 22.45 Uhr.

Nachtrag, 5. August: Der Film steht jetzt in der ARD-Mediathek.

Screenshot/Foto: Das Erste/Ecomedia TV

 
 
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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.