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Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Multimediaprojekt "Alpha 0.7": Im Zukunftsirrgarten des SWR

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Was passiert eigentlich, wenn wir heute zu schlampig mit unseren Daten umgehen? Um das herauszufinden, hat sich der SWR ins Stuttgart des Jahres 2017 gebeamt, wo die flächendeckende Einführung so genannter Brainscanner bevorsteht. Klingt albern? Ist aber ganz spannend und in Fernsehen, Radio und Web geradezu vorbildlich miteinander verwoben.

Ist Ihnen  das auch schon mal aufgefallen? Die Zukunft ist nie kuschelig, gemütlich, in warme Farbtöne getaucht. Nichts hat sich zum Besseren gewandelt. Jedes weitere Jahr, das die Menschheit auf diesem Planeten verbringt, ist sie damit beschäftigt, sich selbst in Richtung Abgrund zu rücken.

Zumindest ist das in der Vorstellung von Fernsehredakteuren so.

Die enttäuschende Sat.1-Zukunftssimulation “Die Grenze” fiel in diesem Jahr vor allem dadurch auf, dass die Bösewichte zur Abwechslung mal weiß trugen und alle handelnden Charaktere sich permanent auf N24 informierten. (Dabei war die Grundidee eigentlich großartig.) Ein halbes Jahr später legt der SWR nun mit seiner Vision “Alpha 0.7 – Der Feind in dir” nach. Schon der Name ist so albern, dass man am liebsten gar nicht erst einschalten möchte. Ganz zu schweigen davon, dass sich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk die kommenden Jahre vor allem vollständig in grau angepinselt und mit metallenem Schimmer vorstellt.

Bild zu: Multimediaprojekt "Alpha 0.7": Im Zukunftsirrgarten des SWR
Na, was glauben Sie: Führen diese beiden Herren etwas Positives im Schilde? Hm? / Foto: SWR

Die Geschichte spielt im Stuttgart des Jahres 2017. Von einem neuen Bahnhof ist keine Rede mehr. Und die Menschen haben resigniert. Die vollständige Überwachung des Alltags ist zur Gewohnheit geworden: Am Flughafen stehen Nacktscanner, die Städte sind mit Überwachungskameras zugehängt, sogar in die Klamotten sind kleine Chips eingenäht, über die sich deren Käufer orten lassen. Im Notfall natürlich nur.

Bild zu: Multimediaprojekt "Alpha 0.7": Im Zukunftsirrgarten des SWRIn wenigen Tagen soll auf dem EU-Gipfel in Stuttgart entschieden werden, ob auch Brainscanner flächendeckend eingeführt werden. Mit der neu entwickelten Technik können “falsche Gedanken” im Hirn von Gewalttätern eliminiert werden, besser noch: potenzielle Gewalttäter werden mit einem Implantat daran gehindert, überhaupt straffällig zu werden.

Sodann treten auf:

eine Aktivistengruppe in TKKG-Zusammensetzung, die mit spektakulären Störaktionen vor der Technik zu warnen versucht;
ein eklig glattes Unternehmen namens Protecta, das unter dem Vorwand der Weltverbesserungen seine Unterwerfungstechnik auf den Markt zu bringen plant;
eine Familienmutter, die mit Freund und Tochter gerade von Berlin hergezogen ist und nicht ahnt, dass sie Teil eines geheimen Gedankenexperiments ist;
ein naiver, gut aussehender Programmierer, der in die Situation hineinstolpert und feststellen muss, dass auch er mit den Experimenten zu tun hat;
diverse aalglatte Profitmacher;
einige Sündenböcke;
Polizisten in Robocop-Uniform etc.

All das wirkt ein bisschen zu schablonenhaft, um wirklich überraschen zu können. Und trotzdem ist “Alpha 0.7″ ein Projekt, das sein Versprechen “Keine Serie. Ein Universum” hält. (Trailer in der SWR-Mediathek ansehen.)

Zum einen, weil die Macher mit dem Projekt eine Art Anreiz zur Bewusstwerdung liefern wollen: “Wir wollten einfach erzählen, was passieren könnte, wenn wir uns heute alles gefallen lassen”, sagt SWR-Redakteur Sebastian Hünerfeld. Datenspeicherung gehört schon jetzt zum Alltag. In “Alpha 0.7″ wird sozusagen der Worst Case gezeigt, was passieren könnte, wenn uns allen egal ist, wo wir unsere digitalen Fingerabdrücke hinterlassen. So weit von der Realität ist das Projekt gar nicht entfernt. Über den Entwicklungsprozess sagt Hünerfeld: “Die Wissenschaft war teilweise schon weiter als das, was sich unsere Autoren für die Serie ausgedacht haben.”

Bild zu: Multimediaprojekt "Alpha 0.7": Im Zukunftsirrgarten des SWR
Die Zukunft im Fernsehen ist grau (bis auf die Tapten) und Polizisten tragen Robocop-Uniformen / Foto: SWR

Der zweite Grund, sich auf “Alpha 0.7″ einzulassen, ist der Umfang: Der SWR hat von der Produktionsfirma Zeitensprung (ein Zufall, der Name) nicht nur eine sechsteilige Fernsehserie, sondern auch eine Hörspielreihe und diverse Websites produzieren lassen.

Entstanden ist ein beachtliches Hintergrundrauschen mit gegenseitigen Querverweisen, die sich erst erschließen, wenn man alles mal ausprobiert hat. Das ist lobenswert, weil öffentlich-rechtliche Programmmacher sonst selten durch ihr überkomplexes Denken auffallen (und das Projekt auch noch mit den finanziell eingeschränkten Mitteln des “Debüt im Dritten” auskommen musste).

Vor allem ist es aber eine Herausforderung für den Konsumenten.

Bild zu: Multimediaprojekt "Alpha 0.7": Im Zukunftsirrgarten des SWRIm Radio wird die Geschichte aus dem Fernsehen weitererzählt, allerdings mit anderem Schwerpunkt. Schon jetzt werden bei SWR 2 Podcasts der Widerstandgruppe Appolon gesendet. Im Internet lassen sich die Websites der Widerständler, der Brainscanner-Firma sowie Blogs und Videotagebücher der Protagonisten besuchen, die auch in die Vergangenheit zurückreichen und teilweise erklären, wie es zur Situation im Jahr 2017 kommen konnte. Sogar eine eigene Widerstandsband hat der SWR erfunden und fürs reale Leben zusammengestellt. Bei der Tochter der Hauptprotagonistin hängt ein animiertes Poster der Musiker überm Bett hängt, die Songs laufen in der Serie und für diesen Samstag ist ein (echtes) Konzert im Subway Club in Köln geplant.

Hünerfeld sagt: “Die Frage, die am Ende steht, ist: Wie frei ist unser Wille wirklich?”

Dass unser gebührenfinanziertes Rundfunksystem sich überhaupt mit solch weitreichenden Fragen beschäftigt und seinen Zuschauern und Zuhörern die Möglichkeit gibt, damit selbst zu experimentieren, ist selten und erlebenswert – trotz sehr konventioneller Erzählmethoden und Klischees, ohne die “Alpha 0.7″ leider nicht auszukommen scheint.

Und falls Sie jetzt genauso ratlos vorm Rechner sitzen wie ich neulich in der Pressekonferenz, ein Tipp, wo es sich mit der Entdeckung des “Universums” anzufangen lohnt: Heute, am Donnerstag, im Radio. Am Sonntag im Fernsehen. Und im Netz gleich hier.

Eine Übersicht aller “Alpha 0.7″-Termine steht auf alpha07.de.

Fotos: SWR

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21 Lesermeinungen

  1. Lustig, das die Herren in den...
    Lustig, das die Herren in den Medien immer noch davon ausgehen das Ende der Privatsphäre wird durch den Staat oder Unternehmen durch Scanner, Kameras oder RFID-Chips besiegelt, während es der Bürger/Konsument selber ist der freiwillig dafür sorgt. Payback, Facebook, Twitter, Foursquare, etc sind nur der Anfang.
    Aber jeder hat das Recht gewisse Rechte aufzugeben, also soll jeder selber entscheiden wie wichtig er den Datenschutz nimmt.
    Das Format an sich scheint ja ganz vielversprechend zu sein, aber diese Art von Dystopie hat man schon zigmal woanders gesehen und vermutlich besser.

  2. Zitat FAZ: "Die Geschichte...
    Zitat FAZ: “Die Geschichte spielt im Stuttgart des Jahres 2017. Von einem neuen Bahnhof ist keine Rede mehr.”
    Wer bei den 6 Folgen genau aufpasst, wird merken dass der “Kopfbahnhof” in Stuttgart 2017 noch existiert.
    Was soll/wird uns das sagen?
    Genau, der Durchgangsbahnhof wird 2017 nicht existieren! :-)
    Schön aufpassen! Ab Sonntag, 14.11.2010 im SWR Fernsehen Folge 1 um 22:40 Uhr

  3. ... ich war an einem Tag am...
    … ich war an einem Tag am Set dabei und habe bereits 3 Folgen sehen dürfen – ist echt super gemacht und mit tollen, hochkarätigen Schauspielern. Anschauen lohnt sich alle mal!

  4. In der SWR3 Morning Show...
    In der SWR3 Morning Show gibt’s auch ne (schwache) Parodie.

  5. Lustig !
    Der Schauspieler auf...

    Lustig !
    Der Schauspieler auf dem untersten Bild sieht fast so aus wie Aydo Abay, der ehemaliger Sänger der Indierockband “Blackmail”.
    Fast würde ich sagen, er ist es – als Schauspieler ist er jedoch bislang nicht in Erscheinung getreten …

  6. <p>@Der Spitzenspieler: <a...
    @Der Spitzenspieler: Er ist’s. Morgen soll die erste Single erscheinen.

  7. „Alpha 0.7 – Der Feind in...
    „Alpha 0.7 – Der Feind in dir“ – das klingt fast noch besser als „Plan 9 from Outer Space“.

  8. Die Zukunft ist nicht...
    Die Zukunft ist nicht kuschlig?
    Wohl noch nie die Star Trek-Folge mit den Tribbles gesehen.

  9. @BlueKO: Doch, ja! Mehr...
    @BlueKO: Doch, ja! Mehr Tribbles fürs deutsche Zukunftsfernsehen!

  10. Gutes Projekt. Viel...
    Gutes Projekt. Viel Erfolg.
    Aber wieso spielt die Band ein echtes Konzert in Köln. Werden in Stuttgart gerade alle Clubs gerade unter die Erde verlegt?

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