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Multimediaprojekt "Alpha 0.7": Im Zukunftsirrgarten des SWR

11.11.2010, 13:35 Uhr  ·  Was passiert eigentlich, wenn wir heute zu schlampig mit unseren Daten umgehen? Um das herauszufinden, hat sich der SWR ins Stuttgart des Jahres 2017 gebeamt, wo die flächendeckende Einführung so genannter Brainscanner bevorsteht. Klingt albern? Ist aber ganz spannend und in Fernsehen, Radio und Web geradezu vorbildlich miteinander verwoben.

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Ist Ihnen  das auch schon mal aufgefallen? Die Zukunft ist nie kuschelig, gemütlich, in warme Farbtöne getaucht. Nichts hat sich zum Besseren gewandelt. Jedes weitere Jahr, das die Menschheit auf diesem Planeten verbringt, ist sie damit beschäftigt, sich selbst in Richtung Abgrund zu rücken.

Zumindest ist das in der Vorstellung von Fernsehredakteuren so.

Die enttäuschende Sat.1-Zukunftssimulation “Die Grenze” fiel in diesem Jahr vor allem dadurch auf, dass die Bösewichte zur Abwechslung mal weiß trugen und alle handelnden Charaktere sich permanent auf N24 informierten. (Dabei war die Grundidee eigentlich großartig.) Ein halbes Jahr später legt der SWR nun mit seiner Vision “Alpha 0.7 – Der Feind in dir” nach. Schon der Name ist so albern, dass man am liebsten gar nicht erst einschalten möchte. Ganz zu schweigen davon, dass sich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk die kommenden Jahre vor allem vollständig in grau angepinselt und mit metallenem Schimmer vorstellt.

Bild zu: Multimediaprojekt "Alpha 0.7": Im Zukunftsirrgarten des SWR
Na, was glauben Sie: Führen diese beiden Herren etwas Positives im Schilde? Hm? / Foto: SWR

Die Geschichte spielt im Stuttgart des Jahres 2017. Von einem neuen Bahnhof ist keine Rede mehr. Und die Menschen haben resigniert. Die vollständige Überwachung des Alltags ist zur Gewohnheit geworden: Am Flughafen stehen Nacktscanner, die Städte sind mit Überwachungskameras zugehängt, sogar in die Klamotten sind kleine Chips eingenäht, über die sich deren Käufer orten lassen. Im Notfall natürlich nur.

Bild zu: Multimediaprojekt "Alpha 0.7": Im Zukunftsirrgarten des SWRIn wenigen Tagen soll auf dem EU-Gipfel in Stuttgart entschieden werden, ob auch Brainscanner flächendeckend eingeführt werden. Mit der neu entwickelten Technik können “falsche Gedanken” im Hirn von Gewalttätern eliminiert werden, besser noch: potenzielle Gewalttäter werden mit einem Implantat daran gehindert, überhaupt straffällig zu werden.

Sodann treten auf:

eine Aktivistengruppe in TKKG-Zusammensetzung, die mit spektakulären Störaktionen vor der Technik zu warnen versucht;
ein eklig glattes Unternehmen namens Protecta, das unter dem Vorwand der Weltverbesserungen seine Unterwerfungstechnik auf den Markt zu bringen plant;
eine Familienmutter, die mit Freund und Tochter gerade von Berlin hergezogen ist und nicht ahnt, dass sie Teil eines geheimen Gedankenexperiments ist;
ein naiver, gut aussehender Programmierer, der in die Situation hineinstolpert und feststellen muss, dass auch er mit den Experimenten zu tun hat;
diverse aalglatte Profitmacher;
einige Sündenböcke;
Polizisten in Robocop-Uniform etc.

All das wirkt ein bisschen zu schablonenhaft, um wirklich überraschen zu können. Und trotzdem ist “Alpha 0.7″ ein Projekt, das sein Versprechen “Keine Serie. Ein Universum” hält. (Trailer in der SWR-Mediathek ansehen.)

Zum einen, weil die Macher mit dem Projekt eine Art Anreiz zur Bewusstwerdung liefern wollen: “Wir wollten einfach erzählen, was passieren könnte, wenn wir uns heute alles gefallen lassen”, sagt SWR-Redakteur Sebastian Hünerfeld. Datenspeicherung gehört schon jetzt zum Alltag. In “Alpha 0.7″ wird sozusagen der Worst Case gezeigt, was passieren könnte, wenn uns allen egal ist, wo wir unsere digitalen Fingerabdrücke hinterlassen. So weit von der Realität ist das Projekt gar nicht entfernt. Über den Entwicklungsprozess sagt Hünerfeld: “Die Wissenschaft war teilweise schon weiter als das, was sich unsere Autoren für die Serie ausgedacht haben.”

Bild zu: Multimediaprojekt "Alpha 0.7": Im Zukunftsirrgarten des SWR
Die Zukunft im Fernsehen ist grau (bis auf die Tapten) und Polizisten tragen Robocop-Uniformen / Foto: SWR

Der zweite Grund, sich auf “Alpha 0.7″ einzulassen, ist der Umfang: Der SWR hat von der Produktionsfirma Zeitensprung (ein Zufall, der Name) nicht nur eine sechsteilige Fernsehserie, sondern auch eine Hörspielreihe und diverse Websites produzieren lassen.

Entstanden ist ein beachtliches Hintergrundrauschen mit gegenseitigen Querverweisen, die sich erst erschließen, wenn man alles mal ausprobiert hat. Das ist lobenswert, weil öffentlich-rechtliche Programmmacher sonst selten durch ihr überkomplexes Denken auffallen (und das Projekt auch noch mit den finanziell eingeschränkten Mitteln des “Debüt im Dritten” auskommen musste).

Vor allem ist es aber eine Herausforderung für den Konsumenten.

Bild zu: Multimediaprojekt "Alpha 0.7": Im Zukunftsirrgarten des SWRIm Radio wird die Geschichte aus dem Fernsehen weitererzählt, allerdings mit anderem Schwerpunkt. Schon jetzt werden bei SWR 2 Podcasts der Widerstandgruppe Appolon gesendet. Im Internet lassen sich die Websites der Widerständler, der Brainscanner-Firma sowie Blogs und Videotagebücher der Protagonisten besuchen, die auch in die Vergangenheit zurückreichen und teilweise erklären, wie es zur Situation im Jahr 2017 kommen konnte. Sogar eine eigene Widerstandsband hat der SWR erfunden und fürs reale Leben zusammengestellt. Bei der Tochter der Hauptprotagonistin hängt ein animiertes Poster der Musiker überm Bett hängt, die Songs laufen in der Serie und für diesen Samstag ist ein (echtes) Konzert im Subway Club in Köln geplant.

Hünerfeld sagt: “Die Frage, die am Ende steht, ist: Wie frei ist unser Wille wirklich?”

Dass unser gebührenfinanziertes Rundfunksystem sich überhaupt mit solch weitreichenden Fragen beschäftigt und seinen Zuschauern und Zuhörern die Möglichkeit gibt, damit selbst zu experimentieren, ist selten und erlebenswert – trotz sehr konventioneller Erzählmethoden und Klischees, ohne die “Alpha 0.7″ leider nicht auszukommen scheint.

Und falls Sie jetzt genauso ratlos vorm Rechner sitzen wie ich neulich in der Pressekonferenz, ein Tipp, wo es sich mit der Entdeckung des “Universums” anzufangen lohnt: Heute, am Donnerstag, im Radio. Am Sonntag im Fernsehen. Und im Netz gleich hier.

Eine Übersicht aller “Alpha 0.7″-Termine steht auf alpha07.de.

Fotos: SWR

 
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Peer Schader, 34, ist freier Medienjournalist, hat den Start von Kabelkanal und Vox live am Fernseher verfolgt, aber erst viel später gemerkt, dass sich mit solchen Erfahrungen in den meisten Berufen wenig anfangen lässt. Seit acht Jahren schreibt er übers Fernsehen und seit Dezember 2008 ins Fernsehblog bei FAZ.NET. Leserbeteiligung ist dringend erwünscht: Hinweise und Beschimpfungen bitte unter kontakt (at) dasfernsehblog (dot) de.